Autor Thema: Verwertbar aber nicht gesund  (Gelesen 2354 mal)

Troll

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Verwertbar aber nicht gesund
« am: 17:41:14 Mo. 14.Januar 2013 »
Zitat
Befriedungsverbrechen – Über die Psychologisierung und Medizinisierung sozialer Konflikte

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 13. Januar 2013 stieß ich auf einen Artikel, der unter der Überschrift „Der Notarzt“ von einem psychologischen Beratungsdienst für Unternehmen berichtet. Die Mitarbeiter der Firmen, die mit diesem Beratungsdienst namens „Insite Interventions“ zusammenarbeiten, können dort anrufen, wenn ihnen die Arbeit über den Kopf wächst, das Privatleben aus den Fugen gerät, sie sich elend fühlen – erschöpft, ausgebrannt, arbeitsmüde. Wenn jemand mitten in der Nacht anruft, „muss man sofort einen Hoffnungsschimmer wecken“, erklärt Hansjörg Becker, der als Psychiater Ende der 90er Jahre die Arbeitswelt als Marktlücke entdeckte. „Employee Assistance Programm“ heißt der Service, den Becker und seine Kollegen den Unternehmen anbieten. Von Götz Eisenberg

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Thema der Psychologie ist das drohende Scheitern des einzelnen und dessen mangelhafte „Resilienz“. Resilienz ist ein relativ neuer Begriff und meint – etwas salopp gesagt – die Fähigkeit eines Menschen, mit allen Widrigkeiten und Schlägen, die ihm das Leben zufügt, umgehen und alles aushalten zu können. Es ist ein Durchhalte-Begriff, der dem einzelnen als Versagen anrechnet, was doch einem kompakt falschen gesellschaftlichen Ganzen geschuldet ist. „Unsere moderne Leistungsgesellschaft“ ist nun einmal so, sagt Herr Becker und tut so, als sei sie das Resultat eines unabwendbaren Naturprozessen und nicht das Produkt zunehmender psychischen Ausbeutung. Eine Kette von Spezialisten umspannt die Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, Konflikten vorzubeugen, Unruhe abzuwenden, Dissens zu entschärfen und die an den Verhältnissen verzweifelnden Menschen ins System zurückzubetrügen.
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Quelle: NDS

So geht es mir mittlerweile mit dem verordneten Zwangsoptimismus, wer bis zum Hals im Dreck steckt soll unbedingt optimistisch bleiben, als ob einen Selbstbetrug am Schopf aus dem Dreck ziehen würde, einem "Miesepeter" wird nicht geholfen, der kann ja nur selbst Schuld sein. Optimismus ist bei mir offensichtlich anders, ich will mir nicht Scheisse als Gold verkaufen lassen.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
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Kuddel

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  • Fischkopp
Re:Verwertbar aber nicht gesund
« Antwort #1 am: 20:16:25 Mo. 14.Januar 2013 »
Zitat
Verwertbar aber nicht gesund
Astreiner Aufhänger für ein paar Gedanken.

In Kiel wurde der Drogenarzt Gorm Grimm ja berühmt.
Ein geldgeiles, zynisches Arschloch. Er war sich auch nicht zu schade Schneeballsystem-Geschäfte durchzuziehen. http://de.wikipedia.org/wiki/Schneeballsystem

Nachdem der Spiegel ihm einen vielseitigen Bericht gewidmet hat, wurde er zum Medienstar und von Talkshow zu Talkshow gereicht. Sein Rezept: Junkies kriegen statt Heroin das codeinhaltige Medikament Remedacen von ihm.

Warum dieser Dealer bei Medien und Öffentlichkeit so populär wurde?
  • Weil Remedacen (Remis) keinen "Kick" gibt, denn jeglicher Genuß ist böse, es sei denn, man gehört zur Oberschicht.
  • Weil man auf Remis einen bürgerlichen Tagesablauf mit fester Arbeit (!) bewerkstelligen kann.
(Tosender Applaus des Talkshowpublikums)

Scheißegal hingegen sind die Betroffenen und
  • daß der Entzug von Remis um ein vielfaches härter ist, als der von Heroin.
  • daß der Konsum von Remis blöd machen kann, und User X-Mal in die Wohnung zurückgehen, weil sie nicht sicher sind ob sie den Gasherd ausgeschaltet haben.

Doc Gorm Grimm, ein Dealer, wie jeder anderer. Einen Fortschritt hat der eitle Arzt doch durchgesetzt, Junkies konnten Drogen beziehen, ohne sich strafbar zu machen.



Ach ja,
Zitat
wer bis zum Hals im Dreck steckt soll unbedingt optimistisch bleiben
Es ist erstaunlich, daß in der menschlichen Natur doch ein paar Dinge angelegt sind, die sich von keiner Schulung und Propaganda auslöschen lassen: Es ist nachgewiesen, daß die erzwungene Freundlichkeit (beispielspielsweise von Stewardessen) krank macht.

Die "Krankheit" ist eher ein Korrektiv in kaputten Verhältnissen.

Troll

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Re:Verwertbar aber nicht gesund
« Antwort #2 am: 14:12:35 Do. 17.Januar 2013 »
Was wurde in den letzten Jahren nicht alles dazu berichtet und geschrieben, explodierende psychische Erkankungen, zunehmende körperliche Erschöpfung, alles bekannt.
Unser Präsi hat es so schön Systemkonform erkannt, wir sind "glückssüchtig", wir sind nur noch Weicheier welche vom Wohlstand verwöhnt wurden, die Arbeitgeber verorten die Zuhnahme psychischer Erkrankungen gleich im privaten, persönlichen Umfeld, also weiter so auf dem Weg in Mittelalterliche Verhältnisse. Klar, Leibeigentum und eine mächtige Kirche, da bekommen Arbeitgeber und Pfaffen feuchte Höschen.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
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Carpe Noctem

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Re:Verwertbar aber nicht gesund
« Antwort #3 am: 21:29:57 Do. 17.Januar 2013 »
die Arbeitgeber verorten die Zuhnahme psychischer Erkrankungen gleich im privaten, persönlichen Umfeld

Bei den französischen Suizidenten eines bestimmten Unternehmens und den chinesischen Arbeitern die sich kürzlich alle suizidiert haben, lässt sich nachweislich keine Psychopathologie im Privaten verorten ;)
Art. 1 GG: "Die Menschenwürde steht unter Finanzierungsvorbehalt"

Troll

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Re:Verwertbar aber nicht gesund
« Antwort #4 am: 09:50:48 Fr. 18.Januar 2013 »
..., lässt sich nachweislich keine Psychopathologie im Privaten verorten ;)

Das meinte ich, tatsachen werden selbst dann noch abgestritten oder umgedeutet wenn sie schwarz auf weiß vorliegen.
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Troll

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Re:Verwertbar aber nicht gesund
« Antwort #5 am: 17:05:38 Do. 28.November 2013 »
Zitat
„Getaktete“ Muße ist keine Muße

In Berlin findet seit dem 27. November die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie zum Thema Von der Therapie zur Prävention statt. Dr. Iris Hauth, die Präsidentin dieser Vereinigung, wurde am Mittwoch in Deutschlandradio-Kultur zum Thema der Tagung interviewt. Götz Eisenberg hat das Interview gehört und kommentiert eine der dort geäußerten Empfehlungen.
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... Was man denn gegen den zunehmenden Stress tun könne, wird Frau Dr. Hauth gefragt. Achtsamkeits- und Entspannungsübungen seien ein probates Mittel. Wenn allerdings gewisse Symptome über einen längeren Zeitraum aufträten, sei es ratsam, sich professionelle Hilfe zu holen und einen Arzt aufzusuchen. Das Wort Muße klinge für viele Menschen altbacken und manch einer wüsste sicher gar nicht mehr, was das sei. Es sei aber immens wichtig, „Zeiten der Muße in unseren Alltag einzutakten“.

Es fiel Frau Dr. Hauth gar nicht auf, dass das „Eintakten“ von Muße das genaue Gegenteil von Muße ist und sie im Keim bereits wieder zunichtemacht. Von Muße kann nur gesprochen werden, wenn die dafür zur Verfügung stehende Zeit unserer freien Gestaltung unterliegt und nicht fremdbestimmt ist. Muße stellt sich nur ein, wenn der Rhythmus von Produktion und Konsum außer Kraft gesetzt wird und wir in eine andere Zeitzone eindringen. Was wir heute unter Freizeit verstehen, ist die Ergänzung der Arbeit und in der Regel ebenso entfremdet wie diese.

Was Frau Dr. Hauth empfiehlt, sind psychische Fitness-Übungen, die der Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit unter gegebenen Bedingungen dienen. Mit Muße hat das etwa so viel zu tun, wie ein schneller Fick mit Liebe. ...
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Frau Dr. Hauth steht auf den Schultern des Psychiaters Emil Kraepelin, der in seiner 1896 erschienenen Schrift Zur Hygiene der Arbeit der sich gerade herausbildenden Arbeitsgesellschaft ins Stammbuch schrieb, Pausen und Unterbrechungen der Arbeit so zu dosieren, dass sie die mühsam erreichte Gewöhnung der Menschen an die „Mühen der Arbeit“ und ihren Rhythmus nicht gefährden. So ist es auch mit der in den Alltag eingetakteten Muße. Sie wird sie zu einem Stück Hygiene, die dazu dient, die Ausbeutbarkeit der Arbeitskraft aufrechtzuerhalten und die Menschen instand zu setzen, das eigentlich nicht Aushaltbare weiter auszuhalten.

Quelle und kompletter Artikel: NDS

Schöner Artikel, er zeigt gut daß das Übel welches uns knechtet nicht abgeschafft werden soll, wir sollen lernen damit zu Leben. Überbeanspruchung scheint zu einem unausweichlichen Naturgesetz erhoben, unausweichlich wie das sterben.
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antonov

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Re:Verwertbar aber nicht gesund
« Antwort #6 am: 18:35:32 Do. 28.November 2013 »