Autor Thema: Die Treuhand  (Gelesen 7070 mal)

dagobert

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Re:Die Treuhand
« Antwort #15 am: 22:18:58 Sa. 27.Oktober 2018 »
Im Prinzip ein lesenswerter Artikel, der allerdings unterschlägt, dass das nicht nur in Chemnitz so gelaufen ist. Und auch nicht nur in Sachsen.

counselor

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Re:Die Treuhand
« Antwort #16 am: 22:57:03 Sa. 27.Oktober 2018 »
In Cottbus lief es ähnlich.
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Kuddel

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Re:Die Treuhand
« Antwort #17 am: 09:34:21 So. 28.Oktober 2018 »
Im Prinzip ein lesenswerter Artikel, der allerdings unterschlägt, dass das nicht nur in Chemnitz so gelaufen ist. Und auch nicht nur in Sachsen.

Aber nicht unwichtig diesen Hintergrund einzubeziehen, wenn man sich Gedanken darüber macht, wie das heutige politische Klima in Chemnitz zu erklären ist.


Keine wissenschaftliche Anayse, sondern einfach der Leserbrief einer Betroffenen der Treuhand Politik:
Zitat
Lesermeinung
Absichtlich unfähige Leute eingesetzt?


Zur Treuhand-Anstalt Von Christa Lademann

Herr Hirche spricht von maroder Staatswirtschaft als Grund für den Zusammenbruch der Wirtschaft. Ja, es wurden viele Betriebe staatlich gestützt. Wir hatten ja auch keine Privat-, sondern eine Volkswirtschaft. Das heißt, die ganzen Betriebe gehörten dem Volk. Wo ist das Volksvermögen geblieben, das jedem einzelnen ehemaligen DDR-Bürger zugestanden hätte?

Die Modrow-Regierung beauftragte 1990 die Treuhandanstalt mit der Wahrung des Volkseigentums. Schon das Wort „Treuhand“ sagt – ich übergebe dir etwas zu treuen Händen. Das heißt: hüte es gut, vernichte es nicht. Wie ist man nun umgegangen mit unserem Volksvermögen? ( . . . )

 Ich möchte nur mal über die Abwicklung eines Betriebes berichten. In Strehla stellte ein kleiner Betrieb Keramikerzeugnisse her. In kleinen Brennöfen wurde die Tagesproduktion gebrannt. Ein Herr Dr. M. übernahm den Betrieb. Als erstes ließ er einen Brennofen für eine Million DM bauen, der nie benutzt wurde. Ware wurde unter Herstellungspreis verkauft. Er ließ Nachttöpfe mit dem Konterfei des Bayernkönigs herstellen – wie hirnrissig. Ein Hotel wurde ebenfalls auf dem Gelände gebaut. Das musste ja schieflaufen. Innerhalb kurzer Zeit hatte er einen gut gehenden Betrieb – die Ware ging zum größten Teil ins Ausland – runtergewirtschaftet.

Dann übernahm er in Weißwasser einen Glasbetrieb. Hier das gleiche. Man könnte meinen, die Treuhand hat absichtlich unfähige Leute eingesetzt. So wurde die DDR-Wirtschaft, die volkseigenen Betriebe, schnell abgewickelt. Man hat nicht an die Menschen gedacht, die sich diesen, ihren Betrieben zugehörig fühlten. Die nicht verstanden, wa­rum alles den Bach runter gehen musste. ( . . . )

Und nun kommt ein Herr Hirte, eingesetzt von der Regierung als Ostbeauftragter, und ist der Meinung, eine Wahrheitskommission müsse nicht sein. Am besten alles unter den Tisch kehren und Friede, Freude, Eierkuchen. Nein, Herr Hirte, so geht das nicht. Wir ehemaligen DDR-Bürger wollen rehabilitiert werden. So ein Kahlschlag hätte nicht sein dürfen. Dafür muss jemand verantwortlich sein. ( . . . )
https://www.lr-online.de/leser/briefe/lesermeinung-christa-lademann-zur-treuhand-anstalt_aid-33531057

Rudolf Rocker

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Re:Die Treuhand
« Antwort #18 am: 10:16:01 So. 28.Oktober 2018 »


Die Doku "Goldrausch Die Geschichte der Treuhand" ist in dem YT Beitrag, den ich oben verlinkt habe nicht mehr zu finden.
Hier ist ein neuer Link:


Kuddel

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Re:Die Treuhand
« Antwort #19 am: 11:08:15 So. 28.Oktober 2018 »
Die Politik der Treuhand ist wohl eines der größten Wirtschaftsverbrechen in der Geschichte der BRD.

Zitat
Alle zum Stichtag 1. Juli 1990 im Register der volkseigenen Wirtschaft (HRC) eingetragenen volkseigenen Betriebe und deren selbständigen Betriebsteile wurden zum Stichtag auf der Grundlage des Treuhandgesetzes in Kapitalsgesellschaften (AG oder GmbH i. A. – im Aufbau) der Treuhandanstalt umgewandelt und als solche im Handelsregister eingetragen – insgesamt 8500 Gesellschaften mit etwa vier Millionen Beschäftigten in rund 45.000 Betriebsstätten. Das Gesamtportfolio belief sich später auf 14.600 Gesellschaften. Deren Gesamtwert hatte Detlev Rohwedder in einem Gespräch mit der Wirtschaftsministerin der DDR Christa Luft im Februar 1990 auf etwa 600 Mrd. DM geschätzt.

Die Treuhandanstalt übernahm rund 2,4 Millionen Hektar land- und forstwirtschaftliche Flächen, das Vermögen des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit, wesentliche Teile der Liegenschaften der ehemaligen Nationalen Volksarmee, umfangreichen Wohnungsbesitz sowie das Vermögen der staatlichen Apotheken. Mit dem 3. Oktober 1990 ging weiterhin die treuhänderische Verwaltung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen auf die Treuhandanstalt über.
https://de.wikipedia.org/wiki/Treuhandanstalt

Ich meine damit nicht die nachgewiesenen Korruptions- und Betrugsfälle:
Zitat
Eine Gruppe von Männern, mehr oder weniger gut miteinander bekannt, hatte sich freigiebig bedient am Buffet mit den Filetstücken der Ost-Industrie. „Auf dem Parkplatz wurden Briefumschläge mit Millionen in den Sportwagen des Privatisierungsdirektors rübergereicht“, erinnert sich Günter Meißner, „dafür durfte Herr Greiner dann in 14 Tagen vier Firmen übernehmen.“
https://www.mz-web.de/mitteldeutschland/halle-treuhandskandal-wurde-vor-20-jahren-aufgedeckt-599608

Sie war Arbeitgeber von schätzungsweise vier Millionen Menschen – mehr als zwei Drittel aller Erwerbstätigen Ostdeutschlands. Weltweit gab es keine größere Industrieholding.

"Enteignung" und "Umverteilung" sind Teufelszeug, wenn die Bevölkerung an den Besitzverhältnissen rütteln will. Andersrum ist es jedoch kein Problem. Das Kapital hat hier mit aller Macht den gewaltigsten Beutezug der Geschichte durchgezogen. Das "Volkseigentum" Ostdeutschlands wurde von westdeutschen Spekulaten geplündert.

Auch wenn es öffentliche Kritik gab, wurde die Thematik nie mit dem Stellenwert diskutiert, der angemessen wäre.
Da es noch immer öffentlichen Druck gibt, hat der SPD-Ostbeauftragte Martin Dulig eine "Wahrheitskommission" gefordert. Ich erwarte ein Spektakel mit willfährigen Historikern und einem weichgespülten Ergebnis, daß das Thema für endgültig abgeschlossen erklären soll. Das Ost-SPD-Urgestein Richard Schröder sieht bereits in der Treuhand einen "Prügelknaben".

counselor

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Re:Die Treuhand
« Antwort #20 am: 12:31:39 So. 28.Oktober 2018 »
Der Treuhandanstalt wurden die Eigentumsrechte von ca 8000 staatlichen Betrieben mit zusammen 6 Mio Beschäftigten übertragen, und zwar die Unternehmen aus Industrie, dem Handel und Transportwesen. Ausgenommen waren die Reichsbahn, die Deutsche Post, die Verwaltung der Wasserstraßen, des Straßennetzes und öffentlicher Betriebe, zum Beispiel der Gemeinden.

Außerdem wurden der Treuhandanstalt militärisches Sondervermögen der Nationalen Volksarmee, Staatsgüter und -forsten übertragen, doch nicht die gesamte Landwirtschaft. Volkseigene Güter sollten in das Eigentum der Länder und Kommunen überführt werden.

Herr im Hause der Treuhand waren westdeutsche Spitzenmanager.

Es handelte sich letztlich um einen organisierten Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft im Rahmen der Annexion der DDR.

Die Treuhand hatte ihr Vorbild in der Haupttreuhandstelle Ost: https://de.wikipedia.org/wiki/Haupttreuhandstelle_Ost
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Kuddel

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Re:Die Treuhand
« Antwort #21 am: 13:48:54 So. 28.Oktober 2018 »
Herr im Hause der Treuhand waren westdeutsche Spitzenmanager.
Es handelte sich letztlich um einen organisierten Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft im Rahmen der Annexion der DDR.
Die Treuhand hatte ihr Vorbild in der Haupttreuhandstelle Ost: https://de.wikipedia.org/wiki/Haupttreuhandstelle_Ost

Eine gute Zusammenfassung.
Wobei mir der letzte Punkt nicht bekannt war.

Das bringt mich zu einem wichtigen Gedanken: Es ist das herrschende Kapital mit den bürgerlichen "Volksparteien", die die Politik des NS Regimes fortsetzen. Wir haben uns aber auf die AfD eingeschossen, die sich mit ihren Provokationen und viel Lärm in den Mittelpunkt stellt und die Regierung ihre menschenverachtende Politik ungestört fortsetzen kann.

Mich kotzt dieser bürgerliche Antifaschismus an, der zu einem Zusammenstehen der "Anständigen" in der gesellschaftlichen Mitte mit den widerlichen "Volksparteien" auffordert. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und jede Menge anderer hoher Politiker auf Demos gegen Rechts. Was für ein Witz!

counselor

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Re: Die Treuhand
« Antwort #22 am: 15:29:57 Sa. 04.Mai 2019 »
Zitat
Untersuchungsausschuss : Linke will Waigel, Köhler und Sarrazin über Treuhand befragen

Die Linke will das Treuhand-Trauma des Ostens aufarbeiten und per Untersuchungsausschuss herausfinden, warum konkurrenzfähige Betriebe schließen mussten. Außer der AfD würde bislang aber keine andere Partei mitziehen.

Quelle: https://www.faz.net/aktuell/untersuchungsausschuss-linke-will-treuhand-aufarbeiten-16170242.html
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ManOfConstantSorrow

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Re: Die Treuhand
« Antwort #23 am: 15:41:40 Sa. 04.Mai 2019 »
Ich glaube nicht, daß sonderlich viel über das größte Wirtschaftsverbrechen seit Gründung der Bundesrepublik ans Tageslicht kommt.
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Re: Die Treuhand
« Antwort #24 am: 19:48:04 Di. 21.Mai 2019 »
ich finde es jedenfalls sehr traurig, dass da soviel schief gegangen ist. Das war einfach anti-sozial, dass da so übel umgegangen wurde mit der Lebensleistung der Menschen in der ehem. DDR. Erst so nach und nach sprechen manche Parteien von Renten- und Lohnangleichungen u.ä.

Zitat
LAUSANNEDDR-Vermögen: Schweizer Gericht spricht Deutschland Geld zu
Im Sommer 1990 verschwanden Millionen Deutsche Mark, die aus den Waren- und Devisengeschäften der DDR stammten, auf eine Schweizer Bank. Nun urteilte das Schweizer Bundesgericht, dass der Betrag ersetzt werden muss.

Viele wissen auch nicht, dass es noch viele Produkte gibt, die ehem. DDR-Marken sind wie das Waschmittel Spee
Zitat
Spee ist seit der Deutschen Wiedervereinigung eine Marke für Waschmittel von Henkel.[1] Die Marke steht für Spezial-Entwicklung. Spee ist eine der wenigen ostdeutschen Marken, die sich nach der Wende in den westlichen Bundesländern durchsetzen konnten. Spee wird sowohl als Flüssig- als auch als Pulverwaschmittel in Düsseldorf hergestellt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Spee_(Waschmittel)

oder die Handcreme Florena https://de.wikipedia.org/wiki/Florena

Heute Abend kommt auf MDR eine Reportage der DDR-Firma "Omron" um 20.15 Uhr

dagobert

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Re: Die Treuhand
« Antwort #25 am: 22:58:28 Di. 21.Mai 2019 »
Viele wissen auch nicht, dass es noch viele Produkte gibt, die ehem. DDR-Marken sind wie das Waschmittel Spee
Zitat
Spee ist seit der Deutschen Wiedervereinigung eine Marke für Waschmittel von Henkel.[1] Die Marke steht für Spezial-Entwicklung. Spee ist eine der wenigen ostdeutschen Marken, die sich nach der Wende in den westlichen Bundesländern durchsetzen konnten. Spee wird sowohl als Flüssig- als auch als Pulverwaschmittel in Düsseldorf hergestellt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Spee_(Waschmittel)
Marken haben viele überlebt, die Firmen dahinter jedoch deutlich seltener.
Spee z.B. gehört seit vielen Jahren zum Henkel-Konzern und wird inzwischen ausschließlich im Westen produziert.
Aus dem Wiki-Artikel:
Zitat
Das Land Sachsen-Anhalt schloss mit dem Henkel-Konzern einen Vertrag über eine Förderung in zweistelliger Millionenhöhe und die Standortbindung für zehn Jahre ab. Kurz danach entstand eine neue Flüssigwaschmittel-Strecke vor Ort. Bevor die Frist ablief, baute Henkel die gesamte Anlage ab und verlagerte sie nach Düsseldorf. Schon 2007 war die Pulverproduktion nach Düsseldorf verbracht worden. Das Unternehmen Henkel zog sich ganz aus Genthin zurück, mit nach Düsseldorf genommen hat es alle Produktionsanlagen und die große ostdeutsche Traditionsmarke von Genthin, das „Spee“. Spee ist seitdem geografisch kein „Ostprodukt“ mehr.

counselor

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Re: Die Treuhand
« Antwort #26 am: 06:51:43 Mi. 22.Mai 2019 »
Ein typisches Ostprodukt ist "Nudossi"
https://de.wikipedia.org/wiki/Nudossi#Geschichte
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Re: Die Treuhand
« Antwort #27 am: 13:03:06 Mi. 22.Mai 2019 »
@ Dagobert: ja, das ist ja das, was schade ist. Dass die Firmen nicht überlebt haben. Bspw. habe ich mal eine Doku über die DDR-Airline gesehen. Das war scheinbar ein tolles Flugzeug mit toller, eingespielter Crew ... niemand wollte es beim Fall der Mauer kaufen oder gar das die Fluggesellschaft es weiter hätte betreiben können, dann wären die ganzen Crewmitglieder auch nicht erwerbslos geworden ..) und bloß deshalb wurde die Fluggesellschaft eingestellt - weil es niemand kaufen wollte.
also das müsste das Doku-Video sein, dass ich mal sah:
Zitat
Von Schönefeld in alle Welt - Zur Geschichte der Interflug

ich fand es sehr interessant und finde das sinnlose Ende der Interflug sehr schade.
@Counselor: danke für den Hinweis :)

gab 1991 wohl auch mal eine Kundgebung vor der Treuhand wegen der Art, wie die vorging:
https://www.neues-deutschland.de/artikel/300669.der-bplattmachel-nun-widerstand-angesagt.html
Zitat
Einige Zehntausend aus Berlin und Umgebung, aus neuen und alten Bundesländern sahen das anders. Sie meinten offenbar: Soziale Kahlschlag, Massenarbeitslosigkeit und Abwicklung, Steuerbetrug der Kohl & Co sind notwendige wie hinreichende Gründe, zur Protestkundgebung auf den Alex zu kommen. Obwohl oder gerade weil die PDS eingeladen hatte. Vor die Treuhand-Zentrale,

Protestiert wurde auch für den Erhalt der Interflug:
Zitat
Zitat
DDR mobil – Hoch hinaus mit Interflug



ManOfConstantSorrow

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Re: Die Treuhand
« Antwort #28 am: 18:18:18 Di. 17.März 2020 »
Zitat
Kein Stein blieb
Treuhand. Yana Milev sieht koloniale Gewalt bei der Abwicklung der DDR


Es gilt auch fürderhin, dass nicht nur wichtig ist, was gesagt wird, sondern auch, wer es sagt. Der Soziologin, Ethnografin und Kulturphilosophin Yana Milev, die 1964 in Leipzig geboren wurde und in der DDR aufwuchs, ließe sich – und das wird geschehen – unterstellen, dass sie als „Ostdeutsche“ gar nicht in der Lage sei, die Ursachen sozialer Verwerfungen im Osten Deutschlands, wie sie seit 1990 da sind und fortleben, zu untersuchen. Zu eng geführt der Blick, weil selbst ja irgendwie betroffen.

Und tatsächlich pflegt Milev auch in ihrem neuen Buch Das Treuhand-Trauma eine klare und nicht allzu sehr um Ausgleich bemühte Sprache. Sie ist ganz und gar nicht nett. Dies aber auf dem Boden fundierter Analyse. Ein gar nicht so einfacher Spagat, der an manchen Stellen aus dem Gleichgewicht zu geraten droht, wenn die Wahl der Worte den doch an sich schon beeindruckend grausigen Fakten noch eine zusätzliche Fallhöhe verleihen will und von „Landnahme“, „Kolonisierung“, „Unterwerfungsvertrag“, „Kulturkatastrophe“ die Rede ist. Der nun schon drei Dekaden währende Status in Ostdeutschland könne, schreibt die Autorin, wie eine kollektive Strafe des Westens an den Ostdeutschen aufgefasst werden. Stigma auf der einen, Hybris auf der anderen Seite, wobei das eine sozusagen die Nährlösung für das andere darstellt.

Yana Milev zeigt kein Verständnis. Weil sie versteht. Kein Paradox, denn sie unterlegt, was sie postuliert, dass der „Anschluss“ der DDR an die BRD alle Elemente einer neoliberalen Annexion aufweise. Milev baut dabei auf die gewonnenen Erkenntnisse aus ihrem mehrteiligen publizistischen Projekt zum Thema Entkoppelte Gesellschaft. Liberalisierung und Widerstand in Ostdeutschland seit 1989/90.

Einigungsvertrag und Treuhand sind die Zentren, um die das Buch für die Beweisaufnahme kreist. Der Vertrag, eine Glanzleistung der Bürokratie, die in der DDR keinen Stein auf dem anderen ließ, alles, bis auf Uhrzeit und Datum, veränderte und eine systematische Demütigung zum Maßstab des Zusammenschlusses machte.

Die Treuhand – für wenige Wochen während der Zeit des Runden Tisches und der Modrow-Regierung eine kühne, nicht umsetzbare Idee zur „Wahrung der Anteilsrechte der Bürger mit DDR-Staatsbürgerschaft am ‚Volkseigentum der DDR‘ “ – war am Ende eine klug ausgedachte Liquidationsmaschine zur ökonomischen Belebung der Wirtschaft in den alten Bundesländern und zur Umsetzung einer Schockstrategie, die schon häufig erfolgreich gewesen ist: „Es verschwanden – neben den 8.300 volkseigenen Betrieben und Kombinaten – 1.700 Zeitungen und Zeitschriften, 217 Theater, zehn Staatliche Puppentheater, 87 Orchester, 955 Museen, 190 Musikschulen, 16.900 Bibliotheken, 1.500 Kultur- und Clubhäuser, 805 Kinos, 450 Galerien, 1.500 Jugendklubs …“

Yana Milev plädiert dafür, die Deutungshoheit über DDR-Geschichte und Biografien den Eignern zurückzugeben. Bis es so weit ist, wird noch viel Zeit vergehen. Aber fein wäre es.

Das Buch besteht aus drei Teilen, von denen sich der erste dem Anschluss und der zweite dem Umbau widmet. Im dritten Teil, der die Überschrift „Exil“ trägt, geht es um die Folgen der zuvor beschriebenen vereinigungsbedingten Kulturkatastrophe. Yana Milev stellt darauf ab, dass die Thematisierung kolonialer Gewalt in Bezug auf die Abwicklung der DDR bis zum heutigen Tag nicht erwünscht sei. Stattdessen herrsche ein normativer Populismus. Wer dessen überdrüssig ist, könnte mit dem „Treuhandbuch“ der Autorin weiterkommen.
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kein-stein-blieb


"...Umsetzung einer Schockstrategie...: „Es verschwanden – neben den 8.300 volkseigenen Betrieben und Kombinaten – 1.700 Zeitungen und Zeitschriften, 217 Theater, zehn Staatliche Puppentheater, 87 Orchester, 955 Museen, 190 Musikschulen, 16.900 Bibliotheken, 1.500 Kultur- und Clubhäuser, 805 Kinos, 450 Galerien, 1.500 Jugendklubs …“


Die DDR wurde im  kolonialstil behandelt und abgewickelt. AfD und Pegida sind der unreflektierte Protest der Opfer gegen den Westen.
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ManOfConstantSorrow

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Re: Die Treuhand
« Antwort #29 am: 08:32:41 Do. 12.November 2020 »
Zitat
1990: Lidl belohnt sich
Zeitgeschichte: Die Treuhand bietet auf einen Schlag Tausende Betriebe der DDR-Handelsorganisation (HO) zum Verkauf an. Tatsächlich haben sich westdeutsche Konzerne längst bedient
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/1990-lidl-belohnt-sich
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