Autor Thema: Partizan Minsk  (Gelesen 626 mal)

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 16951
  • Fischkopp
Partizan Minsk
« am: 11:01:27 Di. 26.März 2013 »
Zitat
Die Fußball-Freiheitskämpfer aus Weißrussland

Weißrussland gilt als letzte Diktatur Europas. Ein linker, selbstverwalteter Fußballverein wehrt sich. Jetzt war Partizan Minsk auf Deutschlandtour.



Ein Gemeinschafts-Graffiti von Partizan-Minsk und Babelsberg-Fans am Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam

Es gibt ihn also, diesen "anderen" Fußball. Er sieht in etwa so aus wie hier, in Babelsberg, an einem eiskalten Freitagabend: The Clash dröhnt aus den Boxen, Fans verkaufen selbstproduzierte Shirts, ein Anhänger bietet aus seinem Bauchladen Schnaps und Süßigkeiten an. Ein Pyro-Feuerwerk wird abgebrannt, die zwei alternativen Fanszenen feiern gemeinsam, während auf dem Kunstrasenplatz des Karl-Liebknecht-Stadions der Drittligaklub Babelsberg 03 ein Freundschaftsspiel bestreitet.

Die Punks und Outlaws auf Seiten der Fans aus Babelsberg, dem "St. Pauli des Ostens", überraschen weniger. Auf Seiten des Gastes dafür umso mehr – denn Partizan Minsk ist ein Verein aus Weißrussland, einem Land, das man nicht gerade mit freiheitlichem Gedankengut verbindet.

Partizan Minsk wird seit 2012 von seinen Fans in Selbstverwaltung geführt und ist für eine offensiv antifaschistische Fanszene bekannt. "Another Football ist possible" ist das Klubmotto – im Logo zerschmettert ein Fußball ein Hakenkreuz...
http://www.zeit.de/sport/2013-03/partizan-minsk-fussball-weissrussland

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 16951
  • Fischkopp
Re: Partizan Minsk
« Antwort #1 am: 21:01:54 Do. 19.März 2020 »
Für subversiven, antifaschistischen und proletarischen Sport jenseits von Funktionären.

Der Spiegel glänzt eigentlich nicht durch Humor.
Diesen lustigen Bericht kann ich jedoch nur empfehlen!

Zitat
Alternativ-Fußballer
Die tun nix, die wollen nur bolzen

Überall im Land starteten langhaarige Linke um 1980 Bunte Ligen. Spaßkicker aus Kassel ärgerten lange die Fußballfunktionäre, indem sie als Dynamo Windrad antraten - was dem DFB viel zu sehr nach Ostblock klang.


Von Robert Otto-Moog

Gar sonderbare Gestalten waren das, die an einem Julinachmittag 1987 die Bundesrepublik Deutschland im Moskauer Lenin-Stadion repräsentierten: lange Haare, üppige Gesichtsbewaldung, leuchtend rosa Trikots. Vor dem Anpfiff schenkten sie den Sowjet-Profis von Schinnik Jaroslawl ein selbst gebasteltes Miniwindrad mit Sonnenkollektor. "Die haben nicht wirklich gewusst, was da auf sie zukommt. Die dachten, wir seien ernsthafte Fußballer", sagt Achim Frenz, 62, der mit auf dem Platz stand.


Mannschaftsbild mit Revolutionsführer: Im Moskauer Lenin-Stadion traf Dynamo Windrad 1989 auf den russischen Zweitligisten Schinnik Jawoslawl.

Sport war den Freizeitkickern aus Kassel auch wichtig. Aber viel bekannter waren sie dafür, dass sie den größten nationalen Sportverband der Welt bis vors Bundesverfassungsgericht zerrten.

Das Freundschaftsspiel in der Sowjetunion ist einer der komischen Höhepunkte in der Vereinsgeschichte des "Freizeitsportclubs Dynamo Windrad", die gut fünf Jahre zuvor in Kassel begonnen hatte. In dieser Zeit machten sich bundesweit Freizeitfußballer auf, um in selbst organisierten Ligen zu spielen, wild, bunt, alternativ - und vor allem weit weg vom verhassten Deutschen Fußball-Bund.

"Überall war Aufbruch", erinnert sich Frenz. In Bielefeld kickten schon seit mehr als zehn Jahren Teams aus autonomen Jugendzentren, in Aachen stand Herbert Grönemeyer auf dem Platz, in Bremen organisierten kommunistische Jugendliche ein Zimbabwe-Solidaritätsturnier. Und in Köln benannte sich ein Team nach dem vermeintlich anarchistischen Schimpansen Petermann, der aus dem Zoo ausbrach und auf der Flucht erschossen wurde.

Angriff über Linksaußen


Sie alle wollten spielen. Aber bloß nicht unter der Fuchtel des reaktionären DFB. Keine Hierarchien mehr, keine Vereinsmeierei, nie wieder dumme Sprüche für die langen Haare. "Wir hatten da keinen Bock mehr drauf, auf den Hass und die Fouls", so Frenz, zuvor lange Vereinsspieler. Die Gründung von Dynamo Windrad stand für die Idee, "den Fußball komplett umzukrempeln".

Frenz gehörte zu der Studentengeneration, die nach der Erstarrung der 68er-Bewegung ihren Platz suchte - abseits von maoistischen K-Gruppen und abseits vom konservativen Mief der Bonner Republik. Heute ist er Leiter des Caricatura-Museums Frankfurt und Mitglied der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur. "Es gibt Jahre, da atmet die Welt noch einmal richtig durch", sagt Frenz. "Der Sound um uns herum war geschwängert von Umbruch."

Als der Fußball wild wurde - Angriff über Linksaußen

In den Jahren um 1980 wurden in Berlin Häuser besetzt, in Frankfurt und Wiesbaden demonstrierten Zehntausende gegen den Bau der Startbahn-West, in Brokdorf flogen bei Anti-AKW-Protesten Steine, in Bremen krachte es bei der Vereidigung von Bundeswehrsoldaten im Weserstadion. Die Grünen entstanden als Alternative zum Bonner Parteiendreigestirn, die "taz" wollte als Alternativzeitung alles anders machen.

Und die deutsche Nationalmannschaft blamierte sich bei der "Schmach von Cordoba" in Argentinien.

"Die WM 1978 war ein Schub", sagt Beate Wolff. "Man wollte sich von den Hierarchien verabschieden", seit Freizeitkicker in Ostwestfalen im April 1976 die erste Wilde Liga Deutschlands gründeten. Wolff war da selbst noch nicht dabei, kennt aber die Gründungsmythen genau und ist heute die "Vornesitzende" der Bielefelder Liga - weil sie im Plenum zwar vorn sitzt, aber
Skandal-WM: Altnazi zu Gast bei Freunden

Aus Sicht der Alternativkicker stand die Weltmeisterschaft '78 für das ganze schmutzige Schlamassel des Funktionärstums. Auch sportlich war es ein Skandalturnier; viel spricht dafür, dass sich Gastgeber Argentinien den Titel ergaunerte. Vor allem aber wurde das Fußballfest von derselben Militärdiktatur zelebriert, die Zehntausende ihrer politischen Gegner folterte und ermordete.

Den jederzeit geschäftstüchtigen Fußballweltverband Fifa störte das so wenig wie den Deutschen Fußball-Bund und die Spieler. Der DFB hofierte die Junta, die Nationalmannschaft trällerte mit Udo Jürgens "Buenos Dias Argentina" - und der einstige Nazi-Kriegsheld Hans-Ulrich Rudel, der 1948 über eine der "Rattenlinien" ins argentinische Exil geflohen war, besuchte im Team-Hotel die Elf um Sepp Maier, Berti Vogts, Klaus Fischer und Kalle Rummenigge.

Ein Altnazi auf offizieller Visite bei der Nationalmannschaft, umschmeichelt vom damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger - unfassbar für linke Freizeitfußballer. Beate Wolff sieht von Anfang an die Abgrenzung zum DFB und eine klare politische Orientierung. In der Region Bielefeld trafen sich Jugendliche erst zu Turnieren, dann entstand die Wilde Liga aus autonomen Jugendzentren, mit Teams wie "Rote Socke" und mit demselben Sound wie etwas später bei Dynamo Windrad.

"Die Deutschen können organisieren - selbst die Hippies"


Im Kern ist das bis heute so. Basisdemokratisch entschieden wird noch immer alles, auf dem Platz diskutiert man strittige Szenen im Zweifel aus. Denn Schiedsrichter und Trainer gibt es weder in Bielefeld noch in fast allen anderen Wilden oder Bunten Ligen zwischen Oldenburg und Freiburg. Doch Politik ist in den Alternativligen längst nicht mehr so wichtig, der heilige Ernst früherer Generationen passé.

Die Wilden Ligen sind auch gar nicht mehr so wild. In der Doku "Die Würde des Balles" (2017) des Filmemachers Max Meis erklärte ein britischer Teilnehmer der Deutschen Alternativen Fußballmeisterschaft, woran das liegt: "Wir haben keine Wilden Ligen in England. Die Deutschen können einfach besser Dinge organisieren - selbst die Hippies."

Wo Hierarchien, festen Strukturen und Bürokratie fehlen, gibt es auch kein zentrales Archiv. Zum Alternativfußball sind kaum klassische Spielberichte zu finden. Aber unabhängige linke Magazine berichteten oft, etwa in Frankfurt der "Pflasterstrand", in Bielefeld das "Stadtblatt", in Kassel der "Brennball". In diesen Blättern wurde über Fußball geschrieben wie nie zuvor. "Wir haben uns richtig darauf gefreut", erinnert sich Frenz.

So gehört zum Gründungsmythos der Wilden Liga Aachen eine Anekdote, die Bernd Müllender in "Gib mich die Kirsche, Deutschland" schildert, einem Standardwerk des Alternativfußballs: Demnach entschlossen sich Fußballfreunde zum Aachener Ligabetrieb, als sie "Pflasterstrand"-Spielberichte auf der Rückfahrt von einem Treffen des Kommunistischen Bunds Westdeutschland lasen.


In Bielefeld existiert die älteste Wilde Liga Deutschlands. Doch bevor der Ligabetrieb 1976 startete, gab es auch in Ostwestfalen erst einmal Turniere. Organisiert wurden sie von Alternativen Jugendzentren - in diesem Fall von der Gruppe "Rote Socke".

In Aachen bolzten zuerst nur einzelne Mannschaften wie Partisan Eifelstraße und Roter Stern Sowiso. Fast überall in der Bundesrepublik mussten sie um Plätze kämpfen. Auch die Studenten, die in Kassel später Dynamo Windrad gründen sollten, trafen sich zunächst auf einem Rasen ohne Tore, ohne Markierungen. Um einen richtigen Fußballplatz zu bekommen, mussten sie einen Verein gründen - was in einer Kneipe geschah.

Steilvorlagen vom Verband und vom Papst

Richtig mitspielen im traditionellen Ligabetrieb ließ man Dynamo Windrad aber nicht. Der Name ähnele "zu sehr den Gepflogenheiten der Vereine in der DDR beziehungsweise in den Ostblockstaaten", teilte der Hessische Fußballverband mit. "Auf so eine Formulierung muss man erst einmal kommen", sagt Achim Frenz und freut sich noch heute über diese Steilvorlage. "Wir haben uns kaputtgelacht."

Kunststudent Frenz gestaltete das Logo mit dem abstürzenden Bundesadler, medienwirksam trugen die Kasseler Kicker es fortan weit herum. Sie organisierten Touren in die DDR und bewarben sich dort sogar um Aufnahme in den Sportbund (vergebens); sie spielten in Russland, Kuba, China; sie kehrten "als guter Gast mit großartigen Niederlagen im Gepäck zurück", wie Dynamo Windrad auf der Homepage fröhlich verkündet. Und sie klagten gegen den Fußballverband durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht, wo sie unterlagen und ihren Widerspruch erst 1989 zurückzogen.

Ein ähnlich effektvoller Coup gelang der Bunten Liga Aachen - sie wurde 1992 vom Papst gesegnet. Ein Ligamitglied hatte Papst Johannes Paul II. per Brief die Ehrenmitgliedschaft angetragen und in Latein auf die "arg unchristlichen Entwicklungen im Fußball" aufmerksam gemacht. Der Papst gab daraufhin seinen Apostolischen Segen. Die Freizeitkicker jubelten, während der damalige DFB-Präsident und bekennende Katholik Egidius Braun über "diese Verarschung des Papstes" knatterte.

"Wir wollten alte Krusten aufbrechen", sagt Dynamo-Windrad-Gründer Achim Frenz heute. "Das ist uns ganz gut gelungen." Der Streit mit den Verbandsfunktionären endete für Dynamo Anfang der Neunzigerjahre - da wurde der Namensvetter aus Dresden in die Bundesliga aufgenommen. In ihrem Brief an den DFB schrieben die Kasseler Fußballer mit Verweis auf das Bundesverfassungsgericht, dass ein Dynamo-Klub wohl kaum in Deutschlands Eliteklasse mitspielen dürfe. Die Antwort: eine kommentarlose Zulassung zum Spielbetrieb.

Plötzlich ging es dann doch.
https://www.spiegel.de/geschichte/alternativ-sport-in-bunten-ligen-als-der-fussball-wild-wurde-a-63852e7b-faff-4d88-bf7e-1fdd9d51b3bf#