Autor Thema: Billigkräfte am Lkw-Steuer  (Gelesen 28257 mal)

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #90 am: 08:19:03 Mi. 24.April 2019 »
Zitat
Für wenig Geld von A nach B
Arbeitsbedingungen vieler Fernfahrer aus Osteuropa sind katastrophal

Oft kennen sie ihre Rechte nicht - Ein Projekt soll das ändern



Auf Deutschlands Autobahnen, Raststätten und Parkplätzen haben die meisten Lastwagen osteuropäische Nummernschilder.

Von Christine Frischke


Neuenstein. Die Kennzeichen der Lastwagen verraten Michael Wahl, wo er mit seinem Anliegen richtig ist. Zügig schreitet er eine Reihe geparkter Fahrzeuge ab. CZ, RO, H - kaum ein deutsches Nummernschild ist darunter. Er stoppt vor einem Brummi mit PL für Polen und winkt dem Mann in der Kabine mit einem orangefarbenen Zettel zu. Die Fensterscheibe wird heruntergelassen. "Dzien dobry!", sagt Wahl. "Guten Tag." Und weiter auf Polnisch: "Wir verteilen Flyer, um Sie über Ihre Rechte in Deutschland zu informieren." Dann fragt er, ob der Mann über den gesetzlichen Mindestlohn Bescheid wisse.

Viele Fahrer, die er an diesen und anderen Tagen auf den Mindestlohn anspricht, schütteln den Kopf. Wenn Wahl mit seinen Flyern von Truck zu Truck zieht, wird er manchmal zuerst für jemanden von den Zeugen Jehovas gehalten.

Für das Projekt "Faire Mobilität" des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) koordiniert Wahl Beratungen für ausländische Fernfahrer, die in Deutschland unterwegs sind. An diesem Nachmittag ist er zusammen mit einem Kollegen und einer Kollegin an der Raststätte Hohenlohe Süd bei Neuenstein im Nordosten Baden-Württembergs ausgeschwärmt. "Viele Fahrer wissen nicht, was ihnen gesetzlich zusteht", sagt Wahl. Sie sprechen Polnisch, Tschechisch und Bulgarisch. In der Landessprache angesprochen, öffnen viele Trucker bereitwillig ihre Türen.

Der Fahrer des polnischen Lasters heißt Michal und hat Teile für Motorsägen geladen. Er reicht Wahl einen Zettel heraus, auf dem seine Arbeitszeit penibel erfasst ist. 83 Stunden hat er demnach im Januar auf deutschen Straßen zugebracht. Zeit, für die ihm per Gesetz der deutsche Mindestlohn von derzeit 9,19 Euro zusteht. Der wird ihm laut Papier auch gezahlt. Allerdings wird dabei auf einen beliebten Trick zurückgegriffen, wie Wahl erklärt.

Der Fahrer erhält eine Tagespauschale, also Spesen. Sie liegen meist bei 40 bis 60 Euro. Darauf muss der Arbeitgeber weder Sozialabgaben noch Steuern zahlen. Diese Summe wird auf den Mindestlohn angerechnet - zu Unrecht, sagt Wahl. Ihm zufolge müsste es die Pauschale obendrauf geben. Hat der Fahrer Urlaub oder ist krank, fallen die Spesen weg und er erhält lediglich einen Grundlohn - oft gerade mal 400 bis 600 Euro.

Seit Mitte 2017 hat der Gewerkschaftsbund etwa 50 bis 60 Aktionen auf deutschen Rasthöfen gestartet und dabei rund 3000 Fahrer angesprochen. "Verbessert hat sich in der Zeit nichts", sagt Wahl. "Die Arbeitsbedingungen sind oft katastrophal."

Im nächsten Truck sitzt Marek aus Polen. Er fährt Autofelgen quer durch Europa. Zum Schlafen quetscht er sich auf eine schmale Pritsche hinter den Sitzen. Ist er mehr als eine Woche unterwegs, verbringt er auch die vorgeschriebene längere Ruhezeit von 45 Stunden in der wenige Quadratmeter großen Kabine. "Meine Kinder sagen schon lange: Hör auf mit diesem Job", übersetzt Wahl für ihn.

Dabei sieht Marek seine Familie zumindest regelmäßig. Andere osteuropäische Fahrer kehren oft monatelang nicht heim. Die tschechisch sprechende DGB-Kollegin Stanislava Rupp-Bulling sagt: "Die Situation belastet die Fahrer psychisch. Sie sind von ihren Familien getrennt und sehen die Kinder nicht aufwachsen."Das Essen in den Raststätten ist Marek und anderen Truckern meist zu teuer. Er hat einen Mini-Kühlschrank dabei, den ihm seine Frau mit vorgekochten Mahlzeiten, Milch, Wurst und anderen Lebensmitteln gefüllt hat.

Den Mindestlohn könnten die Fahrer gegenüber ihren Arbeitgebern einfordern. Doch viele fürchten, dann ihren Job zu verlieren - oder sie kennen sich mit dem geltenden Recht nicht aus. Die Regelungen sind komplex und kaum zu durchschauen.

Anfang April sind die Arbeitsbedingungen in der Transportbranche im EU-Parlament hitzig diskutiert worden. Abgeordnete wollen durchsetzen, dass die Fernfahrer alle vier Wochen nach Hause zurückkehren dürfen und ihre Wochenruhezeit im Hotel statt in der Kabine verbringen. Außerdem soll der nationale Mindestlohn immer dann gelten, wenn eine ausländische Firma Güter innerhalb eines Landes transportiert. Fahrten zwischen mehreren Ländern wären davon aber ausgenommen.
https://www.rnz.de/wirtschaft/wirtschaft-regional_artikel,-fuer-wenig-geld-von-a-nach-b-arbeitsbedingungen-vieler-fernfahrer-aus-osteuropa-sind-katastrophal-_arid,435631.html

BGS

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #91 am: 22:01:08 Mi. 24.April 2019 »
Das elendige Lohndumping wird nicht mehr überall hingenommen:

Zitat

8. april 2019 - 9:58
Asger Havstein Eriksen
Morten Halskov

Tema: Slumlejren

Slut med underbetaling:DA og FH gør op med piratkørsel

Ny aftale mellem DA og FH skal sikre, at udenlandske vognmænd betaler deres chauffører en løn, der svarer til danske vilkår, når de kører i Danmark. Forslaget skal løse massive problemer med underbetaling og dårlige arbejdsforhold for udenlandske chauffører. ... .

Quelle: https://fagbladet3f.dk/artikel/da-og-fh-goer-op-med-piratkoersel

Übersetzung von mir:

8. April 2019 - 9:58
Asger Havstein Eriksen
Morten Halskov


Thema: Slumlager

Schluss mit Unterbezahlung:DA (= Dansk Arbejdsgiverforening) und FH (= die Hauptorganisation des Dachverbandes der Fahrergewerkschaften) räumen mit Piratenfahrten auf

Neue Verträge  zwischen DA und FH sollen gewährleisten, dass ausländische Speditionen ihren Fahrern dieselben Löhne zahlen, wie sie für Inlandsfahrten vorgeschrieben sind, wenn diese in Dänemark unterwegs sind. Dies soll massive Probleme beseitigen im Zusammenhang mit Lohnwucher und schlechten Arbeitsbedingungen für ausländische Fahrer. ... .

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #92 am: 11:03:31 Mi. 25.September 2019 »
Zitat
Update September 2019:
Philippinische LKW-Fahrer erhalten Lohnnachzahlung


Monatelang haben Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus Deutschland und Holland philippinische Lkw-Fahrer, die in Deutschland ausgebeutet wurden, bei der Durchsetzung ihrer Rechte unterstützt. Inzwischen ist es gelungen für die Männer eine Nachzahlung durchzusetzen. https://www.faire-mobilitaet.de/++co++a644f33e-dbdf-11e9-95cb-52540088cada
https://www.dgb.de/themen/++co++27e975da-e2c7-11e8-ac1b-52540088cada

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #93 am: 18:40:19 Di. 11.Februar 2020 »
Zitat
TV-Reportage: Arbeitssklaven in der deutschen Logistik    ­
­    ­    ­
­Menschenhandel, organisiertes Verbrechen und die Schleusung von illegalen Arbeitssklaven in die EU. Das sind nur einige der Straftaten, die der Berufsverband Camion Pro im Zusammenhang mit osteuropäischen Transportunternehmen aufgedeckt hat. Die Recherchen wurden von ZDF-Autor Christian Bock und einem Kamerateam begleitet. Die Ausstrahlung der Reportage „Sklaven der Straße – Lohndumping in der Logistikbranche“ erfolgt am Mittwoch, 12. Februar 2020, im ZDF.

Das ZDF strahlt die Reportage „Sklaven der Straße – Lohndumping in der Logistikbranche“ im Rahmen der Reihe ZDF Zoom am Mittwoch, 12. Februar 2020 um 22:45 Uhr aus.
   ­   ­    ­    ­    ­
Zur Vorankündigung des ZDF: https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzoom/zdfzoom-sklaven-der-strasse-100.html

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #94 am: 13:37:49 Fr. 10.Juli 2020 »
Zitat
Anklage
Kurt-Beier-Führung der Ausbeutung angeklagt

Den Leiharbeitern aus Sri Lanka und von den Philippinen wurden für unmenschliche Unterkünfte horrende Mieten abverlangt. Allerdings ist der Vorwurf des Menschenhandels vom Tisch.


Es waren langwierige und schwierige Ermittlungen. Nun aber hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Leitung des Transport-Unternehmens Kurt Beier Transport A/S wegen schwerer Ausbeutung erhoben.

Eine Anzeige des Centers gegen Menschenhandel (Center Mod Menneskehandel, kurz: CMM), einer Abteilung der dänischen Sozialbehörde, am 16. Oktober 2018 brachte den Stein ins Rollen.

Menschenunwürdige Verhältnisse

Bei einer Kontrolle der Firmenadresse am Lejrvej in Pattburg stellte die Polizei fest, dass dort insgesamt 30 ausländische Fahrer unter menschenunwürdigen Verhältnissen in Baracken oder Lkw untergebracht waren.

Die Männer aus Sri Lanka und von den Philippinen hatten nur beschränkt Zugang zu Toiletten und Kochmöglichkeiten. Laut CMM waren die Männer Angestellte eines polnischen Unternehmens mit dem Namen „HBT Internationale Transporte“. Sie hatten keine Krankenversicherung. Eine medizinische Betreuung war ebenfalls nicht gewährleistet, lauteten die weiteren Vorwürfe des CMM.

Verstöße gegen Bau- und Brandschutzbestimmungen


Außer dem Center gegen Menschenhandel hat auch die Kommune Apenrade einige Anzeigen gegen das Transportunternehmen vorgebracht. So waren verschiedene Brandschutz- und Baubestimmungen nicht eingehalten.

Allein um die Besitz- und Finanzverhältnisse, Anstellungsverträge, Lohntransaktion und die Aktivitäten des Konzerns in Polen klarlegen zu können, waren sorgfältige Ermittlungen erforderlich. So wurden allein 25 der 30 Fahrer verhört, bevor sie wieder in ihre Heimatländer reisen konnten.

Umfangreiche Ermittlungen

Im Zuge der Ermittlungen hat die Polizei für Südjütland und Nordschleswig mit den polnischen Behörden, der dänischen Arbeitsaufsicht, der dänischen Steuerbehörde, der Kommune Apenrade, dem Center gegen Menschenhandel und den zuständigen Brandbehörden zusammengearbeitet, um die Verhältnisse aufdecken zu können.

Aufgrund der Komplexität hat die Anklagevertretung der Polizei den Fall der Staatsanwaltschaft Viborg zur Stellungnahme übergeben. Der Staatsanwalt hat nach Prüfung der Beweise am 1. Juli beschlossen, keine Anklage wegen Menschenhandels zu erheben.

Ausbeutung aus Habgier

Allerdings haben sich die Leitung des Transportunternehmens und führende Mitarbeiter der schweren Ausbeutung aus Habgier nach Paragraf 286 des dänischen Strafgesetzbuches schuldig gemacht.

Darüber hinaus umfasst die Anklageschrift einige weitere Punkte. So wird die Kurt-Beier-Führung wegen Verstößen gegen verschiedene Bau- und Brandschutzbestimmungen und des Ausländergesetzes angeklagt.

Allein der Paragraf 286 ermöglicht Freiheitsstrafen bis zu sechs Jahren.

Ein Gerichtstermin ist noch nicht anberaumt.
https://www.nordschleswiger.dk/de/nordschleswig-tingleff-wirtschaft-gesellschaft/kurt-beier-fuehrung-ausbeutung-angeklagt (mit Links zu weiteren Berichten)

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #95 am: 16:22:30 So. 23.August 2020 »


Die Situation ist treffend beschrieben.

Die Forderungen an die Bundesregierung sind gut gemeint, doch die Bundesregierung ist ebensowenig wie die EU an der Umsetzung interessiert. Die Rettung der deutschen Transportwirtschaft hat nicht die gleiche Priorität, wie die Billigtransportpreise, die die Gesamtwirtschaft sich wünscht.

So lange die Fahrer und die Kleinspediteure ein unorganisierbarer Hühnerhaufen bleiben, wird sich an der Situation nicht viel ändern.

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #96 am: 16:58:53 Mo. 07.Dezember 2020 »
Zitat
EuGH: Lastwagenfahrer fallen unter EU-Regeln gegen Lohndumping

Lastwagenfahrer im grenzüberschreitenden Verkehr genießen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs Schutz vor Sozial- und Lohndumping. Damit gilt die sogenannte EU-Entsenderichtlinie auch für Transportdienstleister.

Entschieden wurde über deutsche und ungarische Lkw-Fahrer, die für ein niederländisches Unternehmen fahren. Der Niederländische Gewerkschaftsverband (FNV) fand, diese müssten auch so bezahlt werden wie andere Lkw-Fahrer in den Niederlanden.

Es würde für sie nämlich die sogenannte "Entsenderichtlinie" gelten - also das europäische Recht, das dafür sorgen soll, dass es den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit am gleichen Ort gibt. Würden die ausländischen Lkw-Fahrer weniger Geld bekommen, würde das den Wettbewerb verzerren und könne dazu führen, dass die niederländischen Kollegen letztlich auch weniger verdienen.

Am Bau oder in der Pflege längst geklärt

Für Menschen, die auf dem Bau oder in der Pflege arbeiten, war bereits klar, dass die Entsenderichtlinie angewendet werden muss. Aber wie verhält es sich mit Lkw-Fahrern, die typischerweise viel unterwegs sind - und eben oft gerade nicht in dem Land, in dem ihr Arbeitgeber ansässig ist?

Der EuGH, das oberste Gericht der EU, misst der Sache offenbar Bedeutung zu. Denn es beschäftigte sich nicht eine reguläre Kammer mit fünf Richtern, sondern die große Kammer mit 15 Richtern mit dem Fall. Und diese sagen: Die Regeln gelten unabhängig vom Wirtschaftssektor für jede länderübergreifende Dienstleistung. Auch wenn darin nichts konkretes über Verkehr und Speditionsgewerbe vermerkt ist.

Trotzdem kommt es auf den Einzelfall an

Allerdings ist genauer zu prüfen, wie eng die Verbindungen vom jeweiligen Fernfahrer zu seinem Unternehmen sind. Wie viel Zeit verbringt er in den Niederlanden? Belädt er selbst? Kümmert er sich zum Beispiel um Reinigung oder Instandhaltung? Nur, wenn er mit den Niederlanden verbunden ist, gilt der dortige Tarifvertrag.

Das Urteil des Gerichts hat eine gewisse Signalwirkung: Arbeitnehmer, die in anderen EU-Ländern arbeiten, sind zu schützen und müssen auch von dem Standard profitieren, der in dem jeweils anderen Land gilt. Auch das EU-Parlament hatte im Sommer beschlossen, dass Lkw-Fahrer bessere Arbeitsbedingungen bekommen müssen. Das sogenannten Mobilitätspaket I muss spätestens 2022 viele Regeln zugunsten von Berufskraftfahrer verbessern.
https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/eugh-lastwagenfahrer-fallen-unter-eu-regeln-gegen-lohndumping,SHv415B

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #97 am: 13:25:14 Mi. 27.Januar 2021 »
Zitat
Faire Mobilität












Infoaktion für Lkw-Fahrer bei Mönchengladbach und Korschenbroich - an beiden Standorten berichteten ca. 45 Lkw-Fahrer, dass sie für Subunternehmen, im Auftrag von Amazon.de , arbeiten. Lediglich fünf der Fahrer kamen aus den EU-Ländern Litauen, Polen und Rumänien. Die anderen waren Staatsbürger aus der Ukraine, Belarus, Moldavien, Kasachstan und Kirgistan.

Keiner der Fahrer gab an, den deutschen Mindestlohn zu verdienen und in den vergangenen Wochen jemals in einer Unterkunft außerhalb seines Lkws geschlafen zu haben. Auch die regelmäßige Rückkehr in die Unternehmer- bzw. Herkunftsländer, wie vom Mobility Package in Aussicht gestellt, scheinen Fahrer der Subunternehmer, die Aufträge für Amazon ausführen, nicht nutzen zu können: Vielmehr berichteten viele von ihnen, dass sie nach zwei Monaten Schlafen, Waschen, Kochen und Arbeiten in der Lkw-Kabine noch am selben Tag mit dem Minibus nach Litauen oder Polen fahren - der Lkw bleibt in Deutschland. Doch einige der Fahrer sind dann noch lange nicht zu Hause... Im Anschluss fliegen sie auf eigene Kosten weiter, bspw. nach Kirgistan. Im konkreten Fall nach einem sechsmonatigen Arbeitsaufenthalt in der EU.

Ein weiteres Thema bei den Gesprächen war, dass Fahrer aus nicht-EU-Staaten noch größere Hürden haben, sich gegen diese miserablen und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen zu wehren. Denn neben der Abhängigkeit vom Arbeitgeber kommt dazu, dass ihr Aufenthalt in der EU an ein Arbeitsvisum gekoppelt ist: Wer sich wehrt, verliert Job und Visum und verschwindet sofort.
https://www.facebook.com/DGBFaireMobilitaet/photos/pcb.1498225977047025/1498225797047043/?type=3&theater

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #98 am: 17:56:29 So. 11.April 2021 »
Zitat
Monatelang unterwegs, ohne jemals ein Hotel zu sehen, zu Dumpinglöhnen: Die Ausbeutung von LkW-Fahrern auch auf Straßen hierzulande spitzt sich zu. Kontrollen sind schwierig und die Methoden der osteuropäischen Speditionsfirmen werden immer krimineller.

... Ohnehin hat sich die Lage vieler Fahrer verschlechtert, weil viele osteuropäische Speditionen die Löhne im vergangenen Jahr dramatisch gesenkt haben, um bis zu 40 Prozent. Bei Konstantin Shevchenko zum Beispiel, einem Fahrer aus der Ukraine.

„Ich bin im letzten Jahr sehr viel gefahren, auch als die Coronakrise losging. Vor allem Lebensmittel, für Lidl und Aldi, ich hatte wirklich sehr viel zu tun. Und da kam plötzlich die Meldung von meinem Arbeitgeber: Der Lohn wird um 30 Prozent gekürzt. Das war schon eine Riesensauerei.“

50.000 litauische LkW-Fahrer waren von den Lohnkürzungen betroffen. Einige protestierten, weigerten sich weiterzufahren – und wurden kurzerhand entlassen. ...
https://www.deutschlandfunkkultur.de/lkw-fahrer-aus-osteuropa-lange-fahrten-fuer-wenig-geld.976.de.html?dram:article_id=495250

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #99 am: 12:45:47 Di. 19.Oktober 2021 »
Zitat
Stundenlohn
Lkw-Fahrer verdienen in Deutschland unterdurchschnittlich
In Deutschland verdienen angelernte Arbeiter durchschnittlich mehr, als ausgebildete Lkw-Fahrer. Dabei sind die Fernfahrer nicht erst seit dem Brexit gefragt und wichtig.
https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-10/lkw-stundenlohn-unter-durchnschnitt-fachkraefte-verdienst

Welch Erkenntnis!

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #100 am: 13:36:26 Di. 19.Oktober 2021 »
Zitat
Mit 14,21 Euro brutto die Stunde verdienen Lkw-Fahrer nicht nur noch weniger als im letzten Jahr, sondern auch weniger als andere Angestellte in vergleichbaren Positionen
https://www.verkehrsrundschau.de/nachrichten/lkw-verkehr-fachkraefte-werden-unterdurchschnittlich-entlohnt-2948080.html

Knubbel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #101 am: 00:23:20 Do. 23.Dezember 2021 »
Wir haben im Fuhrgeschäft heute die gleiche Situation wie in der Hochsee-Schifffahrt vor 40 Jahren. Auf den mobilen Arbeitsplätzen werden Billiglöhner eingesetzt. Das ist im Lissabon-Vertrag der EU auch so vorgesehen. Über den Billiglöhner im "Dienstleistungssektor" wird dann der Dienstleister in der Industrie installiert. D.h. sämtliche Industrie-Tariflöhne werden Schritt für Schritt ausgehebelt.
Der nächste Entwicklungsgang ist, den Arbeitnehmer zum Solo-Subunternehmer zu verwandeln, wie wir das bei Uber, Gorilla und Co. jetzt schon haben.
Im Straßengütertransport zählen wir derzeit rund 360 Lkw - Lkw-Auffahrunfälle in Deutschland pro Jahr. Das hat es früher mit viel primitiveren Bremsanlagen in den Zügen nie gegeben, denn jeder Fahrer kannte die Gefahren. Wer heute auf den 40 t- Zügen sitzt, hat offenbar Fahrerlaubnis und Fahrerkarte aus dem 3-D-Drucker in Bukarest und er fährt das Teil halt, wie er das mit seinem Pkw auch macht.
Das wird so weitergehen, man muss sich nur die Zugmaschinen ansehen, die für die deutschen Containerbahnhöfe die Boxen "trucken". Die sind auch alle von janzweitdraußen.
... even kijken

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #102 am: 10:03:11 Do. 23.Dezember 2021 »
Danke für diesen treffenden Beitrag. Ein Bekannter von mir war zu DDR Zeiten noch in der Hochseeschiffahrt tätig. Er erlebte genau das, was du beschreibst. Die Ausflaggung der Schiffe gehörte zur allgemeinen Entwicklung. Mit den "Billigflaggen" kamen die Billiglöhner, oftmals Philippinos. Mein Kumpel sah sich gezwungen umzuschulen und wurde Berufskraftfahrer. Dort konnte er mit zeitlicher Verzögerung genau das beobachten, was er zuvor in der Seefahrt erlebt hat.

Du beschreibst 1:1 das, was ich zuvor gehört habe. Die EU treibt diese Entwicklungen voran. Es geht um Deregulierung, das neoliberale Mantra. Dumpingwettbewerb und freier Fall der Sozialstandards. Es wird irgendwelcher Unsinn über die EU geredet mit Bürokratie und Überregulierung, in der die Krümmung von Bananen nachgemessen wird. Das Gegenteil ist jedoch Alltag: Die gesetzlichen Schutzbestimmungen für die Branche sind weitgehend aufgeweicht und aufgehoben worden. Damit nicht genug: Es gibt kaum noch Kontrollen im Gütertransport. Es herrscht Wild West, es werden die Lenk- und Ruhezeiten nicht eingehalten, das Arbeitsmaterial ist oft heruntergewirtschaftet, defekt und gefährlich. Und richtig, viele Papiere sind gefälscht. Das sind nicht nur unhaltbare Zustände für die Berufskraftfahrer, es sorgt für mörderische Zustände auf den Straßen. In diesen Krisenzeiten werden auch osteuropäische Billiglöhner um ihren mickrigen Lohn betrogen. Ottonormalverbraucher hat wirklich keine Ahnung unter welchen Umständen die Waren ins Supermarktregal kommen.

Das große Problem ist die Einzelkämpferhaltung der Fahrer selbst. Verdi hat ja schon vor Jahrzehnten die Schmuddelbranche aufgegeben. Man kümmert sich bestenfalls hin und wieder um Beschäftigte der Post. Ansonsten sind die Fahrer zu verstreut, zu schwer erreichbar, zu unorganisierbar. Es mag zwar verallgemeinernd klingen, aber Fahrer zeichnen sich gern durch ihre große Klappe aus. Sind Einzelkämpfer, Cowboys und alles Helden. Keiner braucht eine Gewerkschaft oder Solidarität. "Das kann ich auch allein aushandeln!" Man schimpft nicht auf die Transportbranche, auf die Spediteure, sondern auf die eigenen Kollegen, die schlecht bezahlt werden. Die bezeichnet man sogar als Lohndrücker, statt zu erkennen, daß es Opfer der Lohndrückerei sind. Der Druck in der Branche ist enorm, er kommt von oben, zumeist von der Autoindustrie, aber auch von den großen Supermarktketten. Diesem Druck auf die sozialen Bedingungen kann sich niemand entziehen, auch die Kleinspediteure nicht, die versuchen, sich noch irgendwie menschlich und sozial zu verhalten.

Die einzige Möglichkeit sich gegen diese Entwicklung zu stellen, wäre ein solidarischer Gegendruck von unten. Es gibt aber die rassistischen Spaltungen, das Einzelkämpfertum und die Realitätsverweigerung der Fahrer. Sie behaupten gern, es gäbe keinen Fahrermangel. "Es läuft doch." Man will nichts hören von den Arbeitskämpfen der Kollegen in anderen Ländern. Es gab im vergangen Jahrzehnt so manchen Versuch, die Fahrer zu einer gemeinsamen Gegenwehr zu bewegen. Es gab Druck von oben, die Polizei hat einen größeren Fahrerprotest in Berlin aufgelöst. Aber diese Selbstorganisierungsversuche und Protestbewegungen wurden nicht durch den Druck von oben zerschlagen, sondern durch die Uneinigkeit der Fahrer selbst. Jeder Protest war ihnen zu klein und sie erklärten ihn stets für "lächerlich" und jeder kleine Fehler von Veranstaltern wurde mit einem Shitstorm beantwortet. Die besten Fahreraktivisten haben irgendwann die Flinte ins Korn geworfen.

ManOfConstantSorrow

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #103 am: 18:35:33 Di. 04.Januar 2022 »
Zitat
LKW-Fahrer Ausbeutung. Osteuropäische Unternehmen sind verwickelt.

[Update 31.12.2021] Bei einer zufälligen Polizeikontrolle in der belgischen Stadt Battice wurde festgestellt, dass ein ukrainischer LKW-Fahrer die letzten 17 Wochen auf Autobahnparkplätzen verbracht hatte. Außerdem sei er vier Monate lang nicht bezahlt worden, berichtet die belgische Gewerkschaft CSC Transcom in der Region Lüttich-Verviers.


Bei einer Kontrolle vergangene Woche wurde festgestellt, dass der ukrainische Fahrer seit dem 1. September nicht mehr zu Hause war, obwohl die europäischen Vorschriften vorschreiben, dass ein Fahrer alle vier Wochen eine wöchentliche Ruhezeit zu Hause oder am Hauptsitz des Unternehmens verbringen muss. Der LKW-Fahrer erhielt auch keinen Lohn, sondern bekam nur alle paar Wochen 45 Euro auf seine Karte überwiesen, von denen er sich selbst ernähren musste, berichtet dhnet.be.

Als ob die Ausbeutung des Arbeitnehmers nicht schon genug wäre, stellte sich heraus, dass der Arbeitgeber des Fahrers die Maut für das Befahren der belgischen Autobahnen nicht bezahlt hatte und dass der LKW selbst defekte Sicherheitsgurte hatte. Das Fahrzeug wurde daher von der örtlichen Polizei beschlagnahmt.
https://trans.info/de/fahrpersonalmangel-und-die-branche-versteht-es-immer-noch-nicht-262380
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re: Billigkräfte am Lkw-Steuer
« Antwort #104 am: 12:37:06 Mo. 17.Januar 2022 »
Zitat
Jeder vierte Berufskraftfahrer Deutschlands stammt aus dem Ausland

Laut Studie hatten 2020 insgesamt 23,6 Prozent der Lkw-Lenker einen Migrationshintergrund.
https://www.verkehrsrundschau.de/nachrichten/transport-logistik/jeder-vierte-berufskraftfahrer-deutschlands-stammt-aus-dem-ausland-3118294