Autor Thema: Unruhen in Peru  (Gelesen 3619 mal)

ManOfConstantSorrow

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Unruhen in Peru
« am: 11:01:02 So. 07.Juni 2009 »
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Protest gegen Dekret 1090
Perus Präsident Alan García gerät wegen seiner neoliberalen Wirtschaftspolitik weiter unter Druck. Treffen indigener Völker in Puno

Von Benjamin Beutler
Peru steht eine gewaltige Protest- und Streikwelle bevor. Anlaß ist das »Präsidialdekret Nr. 1090«, eine Modifikation des Gesetzes für Wald und wilde Fauna, erlassen von Präsident Alan García. Die in der »Interethnischen Vereinigung für die Entwicklung des Regenwaldes« (AIDESEP) zusammengeschlossenen Indigenenverbände befürchten Ausverkauf und Raubbau des tropischen Amazonasgebietes, das knapp 65 Prozent Perus bedeckt und große Vorräte an Erdöl und Gas birgt. Der von der Regierungspartei »Revolutionäre Amerikanische Volksallianz« APRA dominierte Nationalkongreß hatte eine Abstimmung zur Kassierung des Dekrets bis zuletzt immer wieder torpediert. Die oppositionelle »Peruanische Nationalpartei« (PNP) des bei den Präsidentschaftswahlen 2006 nur knapp unterlegenen Kandidaten Ollanta Humala sieht jedoch darin einen Verfassungsverstoß und strebt die Annullierung der Norm an.

Als Anfang dieser Woche endgültig feststand, daß der Kongreß nicht weiter über 1090 beraten wird, kündigte AIDESEP-Vorsitzender Alberto Pizango ab 11. Juni eine »landesweite Mobilisierung« an. »500 Jahre haben sie uns Tod und Verderben gebracht, immer unter dem Vorwand der Entwicklung. Heute sehen wir dieselbe Situation«, begründet Pizango die erneute Kampfansage. Erst im Mai dieses Jahres hatten heftige Proteste peruanischer Amazonas-Bewohner gegen den illegalen Verkauf von Land und die Vergabe von Förderlizenzen an ausländische Erdölfirmen für bürgerkriegsähnliche Bilder gesorgt. Erst nachdem Präsident García Antiguerillaeinheiten des Militärs gegen Demonstranten eingesetzt hatte, entschied sich die AIDESEP-Führung für eine Rückkehr an den Verhandlungs­tisch. Dort setzte die APRA-Regierung auf Verschleppungstaktik und hoffte auf Abnutzung der Protestbewegung, zumal die Verhandlungsergebnisse des Runden Tisches sämtlicher Parteien für die Gesetzgebung im Kongreß nicht bindend sind.

Dieses politische Kalkül geht jedoch nicht auf. Die Opposition, die bei den Wahlen 2006 ihre größten Erfolge in den wirtschaftlich benachteiligten Berg- und Amazonasregionen feiern konnte, bläst jetzt erneut zum Angriff. Im Beisein übergelaufener Parlamentarier der »Union für Peru« (UPP) und des »Volksblocks« (BP) versicherte der AIDESEP-Vorsitzende einen friedlichen Verlauf der Protestaktionen. »Die indigenen Völker respektieren die Menschenrechte«, so Pizango, den Regierungskreise immer wieder als »Terrorist« zu kriminalisieren suchen.

Der AIDESEP-Führer ist kein Unbekannter. Seine Entschlossenheit in Sachen Widerstand bewies er bereits im August 2008. Damals organisierte er die Proteste von Amazonas-Bewohnern und besetzte zwei Förderanlagen eines Gasfeldes, das von der argentinischen Pluspetrol-Firma ausgebeutet wurde, sowie eine Erdölpipeline. Auch 2008 wurde schwer bewaffnetes Militär entsandt, doch verhinderte der Kongreß eine Eskalation und kassierte die kritisierten zwei Landvergabegesetze.

Die indigenen Völker organisieren sich immer effektiver. So trafen sich an den in der Tradition der Aymara- und Quechuavölker heiligen Ufern des Titicacasee zuletzt 7000 Delegierte verschiedener Indigenen-Verbände. Auf dem zu Wochenbeginn in der peruanischen Kleinstadt Puno zu Ende gegangenen vierten »Treffen der indigenen Völker Abya Yala« bündelten sie ihre Kräfte im »Kampf gegen die anhaltende Kolonisierung Amerikas« und riefen zu Protestaktionen in ganz Lateinamerika auf.
http://www.jungewelt.de/2009/06-06/036.php

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Dutzende Tote bei Ureinwohner-Unruhen in Peru

Lima (AFP) — In Peru sind die Proteste von Ureinwohnern wegen der Bedrohung ihres Lebensraumes eskaliert: Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei kamen im Norden des südamerikanischen Landes offenbar dutzende Menschen ums Leben. Nachdem die Polizei versuchte, eine Straßenblockade aufzulösen, wurden nach Behördenangaben elf Beamte und sieben Indianer getötet. Ein Anführer der Proteste sprach von 25 getöteten Ureinwohnern. Die Demonstranten nahmen 38 Polizisten als Geiseln. Bei einem Einsatz zu deren Befreiung kamen mindestens neun Polizisten ums Leben.

Die Ureinwohner werfen Perus Staatschef Alan García vor, dass er in den vergangenen beiden Jahren die Beschränkungen für Gas- und Ölförderung sowie für die Wald- und Landwirtschaft in den Regenwaldgebieten lockerte und damit ihren Lebensraum gefährde. Die Proteste dauern bereits seit Anfang April an.

Zu den gewalttätigen Auseinandersetzungen kam es nach Behördenangaben, als etwa 400 Polizisten in der Nähe der nordperuanischen Amazonas-Stadt Bagua gegen etwa 2500 zum Teil mit Speeren bewaffnete Ureinwohner vorgingen. Die Beamten räumten eine zehn Tage zuvor errichtete Straßensperre. Bei den Ausschreitungen seien elf Polizisten ums Leben gekommen, davon fünf in einem Hinterhalt durch Speerwürfe der Indianer, erklärten der peruanische Regierungschef Yehude Simon und Innenministerin Mercedes Cabanillas. Zudem seien drei Zivilisten getötet und 113 Menschen, darunter fünf Polizisten, verletzt worden.

Eine Mitarbeiterin der örtlichen Staatsanwaltschaft sowie ein Arzt des Krankenhauses in Bagua sprachen hingegen von insgesamt sieben getöteten Indianern. Laut einem Anführer der Proteste, Alberto Pizango, starben 25 Ureinwohner. Er warf der Regierung einen "Völkermord" an den Indianern vor. Die Polizeigewalt sei "Teil eines Plans zur Übergabe der natürlichen Rohstoffe an ausländische Unternehmen, der die Privatisierung unseres Bodens einschließt."

Regierungschef Simon erklärte, dass etwa 1000 Ureinwohner 38 Polizisten in ihre Gewalt gebracht hätten. Die Indianer drohten damit, die Polizisten zu ermorden und die Ölförderanlage von Bagua anzuzünden. Bei einem Militäreinsatz zur Befreiung der Geiseln kamen nach Polizeiangaben neun Sicherheitskräfte ums Leben, sieben weitere Beamte würden vermisst. 22 der 38 gekidnappten Polizisten konnten demnach aus der Hand der Ureinwohner befreit werden.
http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5gNf5v0R-u0970dNg6arvE7nxUgKA?index=0
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Re: Unruhen in Peru
« Antwort #1 am: 11:37:33 Fr. 12.Juni 2009 »
Zitat
Indios protestieren gegen neue Gesetze
In Peru gab es am Donnerstag im ganzen Land Proteste. Grund ist eine Gesetzesänderung zu Ungunsten der Indio-Bevölkerung. Die Demonstrationen verliefen bisher weitgehend friedlich.


Mehrere zehntausend Peruaner protestierten am gestrigen Donnerstag in mehreren Teilen Perus gegen die Ausbeutung ihres Lebensraumes. In friedlichen Protesten wurde gegen mehrere Gesetze der Regierung gekämpft und konnten erste Erfolge verbucht werden.

Gewerkschaften wollen Gesetze kippen

Gewerkschaften initiierten die Proteste, da neue Gesetze den Erdölfirmen mehr Recht einräumen, gegen die sich die Indios in der Amazonas-Region seit zwei Monaten wehrten.

Ein erster Erfolg konnte am Mittwoch erreicht werden, da das Parlament zwei der Gesetze für einen Zeitraum von 90 Tagen aussetzte. Am Freitag letzter Woche, starben nach offiziellen Angaben 33 Menschen bei Auseinandersetzungen zwischen Indios und der Polizei, wie die dpa berichtete.. (anf / dpa)
http://www.noows.de/indios-protestieren-gegen-neue-gesetze-8612
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Kuddel

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Re:Unruhen in Peru
« Antwort #2 am: 10:39:31 Di. 24.Juli 2012 »
Zitat
Nach Protesten
Neue Regierung in Peru gebildet

Perus Präsident ist bei seinem Volk derzeit unbeliebt. Besonders ein Bergbauprojekt bringt die Menschen gegen ihn auf. Bei Protesten gab es sogar Tote. Die Neuvergabe mehrerer Ministerposten soll nun die Wogen glätten.


Nach gewaltsamen Protesten ist in Peru die Regierung umgebildet worden. Der bisherige Justizminister Juan Jiménez wurde am Montag von Präsident Ollanta Humala zum neuen Regierungschef ernannt. Jiménez löst Óscar Valdés ab. Jiménez ist bereits der dritte Ministerpräsident von Humala, der seit einem Jahr im Amt ist. Während fünf Minister neu ernannt wurden, behielten die meisten Ressortchefs ihre Ämter, darunter Außenminister Rafael Roncagliolo und Wirtschaftsminister Luis Miguel Castilla.

Nach Ansicht von Beobachtern werden die Hauptaufgaben von Jiménez sein, die Proteste - vor allem gegen ein Bergbauprojekt - zu beruhigen und die wachsende Unzufriedenheit mit Humala zu stoppen. Bei seiner ersten Pressekonferenz als Ministerpräsident sagte Jiménez dann auch, dies sei eine Regierung des Dialogs, die so die Konflikte lösen wolle. Valdés war wegen seiner unnachgiebigen Haltung in sozialen Konflikten umstritten.

In Peru sind bei gewaltsamen Protesten gegen das umstrittene Bergbauprojekt von Conga mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen. Die Regierung hatte wegen der Zwischenfälle in den Provinzen Celendín, Hualgayoc und Cajamarca den Notstand ausgerufen.

In Conga, rund 800 Kilometer nördlich von Lima, will der US-Konzern Newmont Mining Gold fördern. Bauern in der Region fürchten, dass durch die Goldmine die Bewässerung der Felder in der Umgebung gefährdet wird, da sich die Goldvorkommen unter vier Seen befinden. Die regionale Regierung unterstützt die Protestbewegung, während Präsident Humala das Bergwerkprojekt fördert.
http://www.handelsblatt.com/politik/international/nach-protesten-neue-regierung-in-peru-gebildet/6912796.html

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Re:Unruhen in Peru
« Antwort #3 am: 13:44:03 Sa. 30.Dezember 2017 »
Zitat
Streiks im Süden des Landes, riesige Demonstrationen quer durchs Land, wachsende Rücktrittswelle in der Hauptstadt: Der peruanische Präsident bald am Ende?

Weihnachten 2017 in Peru: Protest in Lima gegen Fujimoris FreilassungAngesichts Zehntausender, die auf Demonstrationen am 28. Dezember 2017 abermals seinen sofortigen Rücktritt forderten, versucht PPK – wie der Präsident Perus allgemein genannt wird – selbstverständlich sich zu verteidigen. Dass er den mörderischen Diktator Fujimori begnadigt habe, sei Teil einer Politik der Versöhnung, die das Land jetzt brauche, so die offizielle Argumentation (in der der Fakt nicht auftaucht, dass diese Begnadigung unmittelbar auf die gescheiterte Abstimmung über PPKs Amtsenthebung folgte, bei der ihn Abgeordnete von Fujimoris Partei retteten). Eine Politik des Hasses werde das Land zerreißen, so der Versuch, die Regierung politisch wieder in die Offensive zu bekommen. Garniert mit plötzlich beschlossenen Entschädigungszahlungen an die Familien der Opfer Fujimoris… Neben bisher zwei Ministern sind auch eine ganze Reihe weiterer hoher Funktionäre der Regierung zurück getreten. Währenddessen hat sich am 27. Dezember  ein „Nationales Kampfkomitee“ gebildet, dem neben zahlreichen demokratischen Gruppierungen, sozialen Bewegungen und den Gewerkschaftsverbänden CGTP und CUT auch alle Organisationen von Opfern Fujimoris angehören. Für den 11. Januar 2018 ist ein weiterer Protesttag angekündigt und der Gewerkschaftsbund CGTP bereitet einen Aufruf zum Generalstreik vor – die Gewerkschaften im Süden des Landes hatten bereits zum jetzigen Protesttag 28. Dezember zum Streik aufgerufen, was an vielen Orten auch geschehen ist.
http://www.labournet.de/?p=125895

https://amerika21.de/2017/12/192426/kritik-begnadigung-fujimori-peru
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Re:Unruhen in Peru
« Antwort #4 am: 12:33:43 Fr. 02.März 2018 »
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Protest gegen »Sklavereigesetz«
Jugendliche in Peru wehren sich gegen Zwang zur unbezahlten Arbeit



Bereits 2015 verhinderten die Jugendlichen Verschlechterungen ihrer Arbeitsbedingungen

In Peru wehren sich vor allem junge Menschen gegen ein neues Arbeitsgesetz, das die Abgeordneten der Fuerza Popular (FP) im Parlament durchsetzen wollen. Am Dienstag abend (Ortszeit) gingen in Lima erneut Hunderte Studenten auf die Straße, um gegen den Entwurf zu protestieren. Er sieht vor, dass junge Menschen nach ihrer Ausbildung bis zu drei Jahre lang ohne Entlohnung zur Arbeit gezwungen werden können. Der Gewerkschaftsbund CUT kritisierte, dass das Projekt den Unternehmern »kostenlose Arbeitskraft sichert«, während es die Jugend daran hindere, sich zu entwickeln. Selbst in der linksliberalen Presse des südamerikanischen Landes ist von einem »Jugendsklavereigesetz« die Rede.

»Es ist einfach eine Farce«, erklärte Sonia aus Lima im Gespräch mit junge Welt. »Diese Regierung ist eine des internationalen Kapitals mit seinen peruanischen Lakaien. Die Begnadigung von Fujimori hat dies ein für allemal bewiesen«. Die 24jährige studiert Soziologie und ist in einer sozialistischen Frauengruppe an der staatlichen Universität San Marcos aktiv. Sie hat sich in den vergangenen Wochen auch an den Massenprotesten beteiligt, die sich gegen die kurz vor Weihnachten durch Staatschef Pedro Pablo Kuczynski angeordnete Haftentlassung von Exdiktator Alberto Fujimori richteten. Dessen Partei ist de facto die FP, die im peruanischen Parlament die stärkste Fraktion stellt – seine Tochter Keiko gründete die Organisation und ist deren Vorsitzende.

Die FP-Abgeordnete Rosa Bartra, die die Einführung des »Sklavereigesetzes« maßgeblich betreibt und selbst Inhaberin eines Unternehmens ist, begründete ihren Antrag mit der fehlenden Infrastruktur vieler Ausbildungseinrichtungen. So hätten manche Kfz-Werkstätten keine Motoren, an denen gelernt werden könnte. Gonzalo, einen 30jährigen Dozenten aus Lima, überzeugt das nicht: »Anstelle der Bereitstellung von Geldern für die adäquate Einrichtung von technischen Ausbildungsstätten soll nicht entlohnte Arbeit ohne Kranken- oder Rentenversicherung als Verbesserung der Ausbildung junger Menschen verkauft werden«. Es gebe eine »Bildungsmafia«, die dafür verantwortlich sei, dass diese staatlichen Einrichtungen so armselig eingerichtet sind. »Sie stecken sich seit Jahrzehnten die Gelder einfach ein.«

Am 21. Februar hat der Ständige Ausschuss des Kongresses den Antrag bereits mit 24 gegen zwei Stimmen bei einer Enthaltung gebilligt. Inzwischen haben die Proteste der vergangenen Tage jedoch die Abgeordneten aufgeschreckt. Die Verabschiedung des Gesetzes wurde zunächst verschoben. Wie die Tageszeitung La República am Dienstag berichtete, haben sich inzwischen fast alle Fraktionen dafür ausgesprochen, den Entwurf zu den Akten legen. Sollte das nicht passieren, »gibt es hier in Peru einen heißen Sommer«, ist sich Sonia sicher.

Bereits 2015 war im Kongress ein Gesetzesentwurf vorgelegt worden, der die Beschneidung zahlreicher Rechte insbesondere junger Arbeiterinnen und Arbeiter vorsah. Die Regierung, damals noch unter Staatspräsident Ollanta Humala, war davon ausgegangen, dass sich die Heranwachsenden überrumpeln lassen würden. Doch Tausende Teilnehmende erreichten mit mehreren Großdemonstrationen, dass das Gesetz nicht verabschiedet wurde.
https://www.jungewelt.de/artikel/328162.protest-gegen-sklavereigesetz.html
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Re: Unruhen in Peru
« Antwort #5 am: 18:09:42 Mi. 16.September 2020 »
Zitat
PERU - Armut und Corona – eine tödliche und explosive Verbindung

Gemessen an der Bevölkerungszahl hat kein Land so viele Corona-Tote zu beklagen wie Peru.

Die Johns Hopkins Universität nennt am gestrigen 15. September 729.619 Infizierte und 30.710 Tote. Das sind bei 31 Millionen Einwohnern fast 100 Tote auf 100.000 Einwohner! In Wahrheit sind noch viel mehr Menschen der Pandemie zum Opfer gefallen – Tote, die nicht getestet wurden, werden nicht als Corona-Tote gezählt.

Die peruanische Regierung verhängte die vermutlich strengste Ausgangssperre in ganz Südamerika. Schwer bewaffnete Soldaten patrouillieren auf den Straßen. Zeitweise durften Männer und Frauen nur abwechselnd zum Einkaufen auf die Straßen, je nach Wochentag.

Aber viele können sich gar nicht daran halten, weil sie als Straßenhändlerinnen oder Tagelöhner draußen arbeiten müssen, wenn sie nicht verhungern wollen. So sagt eine Straßenhändlerin: "Ich arbeite als Straßenhändlerin und verkaufe Hühnchen. Und ich muss auch in dieser Krise jeden Tag arbeiten. Wenn ich aufhöre zu arbeiten, haben meine Kinder und ich nichts zu essen. Und wie sollen wir dann gesund bleiben?"

Die Hauptstadt Lima ist eine Millionenstadt in der Wüste – riesige Elendsviertel, Barrios, kriechen die kahlen Berghänge empor. Es ist jetzt Winter in Peru und auch andere Infektionen nehmen zu. Eine Frau schildert: "Es reicht nicht einmal mehr zum Händewaschen, weil wir jetzt mit der Krankheit so viel Wasser brauchen. Und ohne Wasser, womit sollen wir uns waschen? Die Kinder spielen draußen. Wir müssen ihre Kleidung jeden Tag waschen und sie sollen sich dauernd die Hände waschen. Das ist ein Problem, weil der Wasser-Tankwagen nicht bis zu uns hoch kommt."

Das - seit Jahrzehnten durch Privatisierung und Kommerzialisierung heruntergewirtschaftete - Gesundheitswesen kollabiert. Krankenhäuser und auch Leichenhallen sind überfüllt.

Die meisten Menschen haben gar keine Krankenversicherung. Sie versuchen, erkrankte Angehörige zuhause zu beatmen. Aber für eine Gasflasche werden mittlerweile horrende Preise verlangt – es gab Überfälle auf Lager von Gasflaschen.

Als eine wesentliche Ansteckungsquelle bei Bergarbeitern wurde das System von "geteilten Betten" aufgedeckt: In den Unterkünften teilen sich jeweils zwei Arbeiter der Gegenschichten ein Bett, während der eine arbeitet, schläft der andere.

Weltwirtschafts- und Finanzkrise und die Corona-Krise schaukeln sich in verheerender Weise gegenseitig hoch. Die Industrieproduktion ist im März um 32,3 Prozent, im April um 54,9 Prozent und im Mai um 41,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat eingebrochen. Das sind die aktuellesten Zahlen. Trotz Steigerung gegenüber dem Mai sank die Goldproduktion im Juni immer noch um 46 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, die Silberproduktion um 17,5 Prozent. Die Kupferproduktion sank im gesamten ersten Halbjahr 2020 um 20,4 Prozent im Vorjahresvergleich, die Zinkproduktion um 23,7 Prozent.

Aber es sind – neben zahlreichen solidarischen Organisationsformen gegenseitiger Hilfe – auch anschwellende Proteste, die deutlich machen, dass die Massen nicht mehr in der alten Weise leben wollen. So wackelt aktuell auch die peruanische Regierung. Sie ist unter Druck geraten - mehrere Minister mussten bereits ausgewechselt werden.

Bei Protesten gegen den kanadischen Öl- und Gaskonzern PetroTal gab es drei Tote und mehrere Verletzte. Vier davon sind lebensgefährlich verletzt. 70 indigene Dorfbewohner hatten versucht, das Lager der Firma PetroTal in Loreto (Amazonas-Region) zu besetzen. Sie forderten die Einstellung der Arbeiten wegen Umweltverschmutzung und wegen der Folgen der Corona-Pandemie. Die Polizei schoss auf die mit Speeren bewaffneten Protestierenden. Die Proteste, Blockaden und Streiks in Cusco gegen Glencore gehen weiter.

In Arequipa protestierten Studierende und ihre Eltern gegen die Studiengebühren und forderten eine Absenkung der Gebühren wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage. Ebenso protestierten erneut städtische Beschäftigte für ausreichende Schutzausrüstung und die Auszahlung von Nothilfe, trotz Demonstrationsverbots. Die Polizei ging mit Gewalt gegen die Demonstrationen vor. Das städtische Reinigungspersonal in Lima protestierte gegen die Auslagerung von Arbeitsplätzen und Entlassungen. Die Gewerkschaftsvorsitzende wurde angegriffen und 20 Arbeiter wurden verhaftet. Aber jede Polizeigewalt wird mit noch wütenderen Protesten beantwortet.

Quelle: https://www.rf-news.de/2020/kw38/armut-und-corona-eine-toedliche-verbindung
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

ManOfConstantSorrow

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Re: Unruhen in Peru
« Antwort #6 am: 13:57:26 So. 15.November 2020 »
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Zwei Tote während erneuter Proteste
In Peru geht die Polizei mit Gewalt gegen Demonstrierende vor. Es kam zu Todesfällen und Verletzten. Erste neu vereidigte Minister haben ihren Rücktritt eingereicht.


In Peru sind nach mindestens zwei Todesfällen während der Proteste gegen die Amtsenthebung des Präsidenten Martín Vizcarra mehrere Minister der neuen Regierung zurückgetreten. Nach übereinstimmenden Medienberichten legten der Innenminister, die Justizministerin und der Gesundheitsminister in der Nacht zum Sonntag ihre Ämter nieder. Der neue Präsident Manuel Merino traf sich mit seinem Kabinett.

Am vergangenen Samstag waren am sechsten Tag in Folge Tausende in mehreren peruanischen Städten aus Protest auf die Straße gegangen. Sie demonstrierten gegen das aus ihrer Sicht undemokratische Vorgehen des Parlaments bei Vizcarras Absetzung. In der Hauptstadt Lima setzte die Polizei erneut Tränengas und Berichten zufolge auch Gummigeschosse ein. 
https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-11/peru-proteste-tote-polizei-martin-vizcarra
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Kuddel

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Re: Unruhen in Peru
« Antwort #7 am: 21:05:46 So. 15.November 2020 »
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Am Rande des Bürgerkriegs
Präsident Vizcarra wollte die Korruption bekämpfen - das brachte ihm mächtige Feinde - die ihn gestürzt haben. Sein Nachfolger muss ebenfalls schon wieder abtreten.
https://www.sueddeutsche.de/politik/peru-chaos-uebergangspraesident-ruecktritt-1.5116418?reduced=true

Bürgerkrieg? So wie ich es sehe, fand in Peru ein Putsch statt. Der ist durch militante Massenproteste der Bevölkerung vereitelt worden. Ich kann den Protestierenden nur gratulieren!