Autor Thema: Bürgerinitiative wehrt gegen eine geplante Hähnchenmastanlage  (Gelesen 15025 mal)

Kuddel

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Bürgerinitiative wehrt gegen eine geplante Hähnchenmastanlage
« am: 20:28:45 Di. 19.November 2013 »
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Proteste gegen Invasion der Hühner

Steinhöfel (MOZ) Eine Bürgerinitiative wehrt sich in Steinhöfel (Oder-Spree) gegen eine geplante Hähnchenmastanlage mit 430000 Tieren, die holländische Investoren betreiben wollen. Die Flächen gehören zur Familie von Hardenberg. Anwohner befürchten Gefahren für ihre Gesundheit.


In einer kleinen Gitterbox rangeln 24 Hühner. Zwei Bauern haben die Tiere auf einem Quadratmeter Fläche zusammengepfercht. "Sonst kann sich kaum jemand vorstellen, was die dort hinten vorhaben", sagt Jörg Weilbach und nickt in Richtung Horizont. Auf einem Acker in der Nähe des Dorfes Tempelberg sollen künftig acht Ställe mit 430000 Hähnchen stehen. 35 Tage werden sie bis zur Schlachtung gemästet - drei Millionen Tiere können so jährlich produziert werden. Weilbach befürchtet dadurch eine Katastrophe für die Umwelt.

Der 49-Jährige betreibt einen Kräuter- und Tierhof im Nachbarort, nach Öko-Richtlinien. Zusammen mit weiteren 40 Anwohnern in mehreren Ortsteilen der Gemeinde Steinhöfel hat er vor knapp einem Jahr eine Bürgerinitiative gegründet, als das Vorhaben zweier Investoren bekannt wurde. "Diese industrielle Tierhaltung passt hier einfach nicht her", meint er.

Nicht nur gegen zwei neu gegründete Gesellschaften, hinter denen Holländer stehen, richtet sich die Kritik der Anwohner, sondern auch gegen die Komturei Lietzen, dem Agrarbetrieb von Gebhard Graf von Hardenberg. "Wir waren erschrocken, dass ein Landwirt mit dieser Herkunft da mitmischt", sagt Kerstin Helmich von der Bürgerinitiative. Nach ihren Informationen will die Komturei die Flächen an die Hähnchenmäster verpachten - und im Gegenzug auch Gülle abnehmen, um damit eigene Felder zu düngen.

Vor allem der Kot der Hähnchen - mit 4300 Tonnen pro Jahr wird gerechnet - treibt die Bürger in den Widerstand. Sie befürchten, dass Nitrate und multiresistente Keime, die sich durch hohe Antibiotikagaben in den Ställen entwickeln, das Grundwasser verseuchen. "Wir sind keine Querulanten, die aus Langeweile eine Bürgerinitiative gründen, sondern haben große Sorgen um unsere Gesundheit", betont Helmich. Dennoch sind viele Nachbarn längst nicht ihrer Meinung. "Es gefällt ihnen nicht, wenn man die Stimme erhebt", sagt die Künstlerin.

Bürgermeisterin Renate Wels (parteilos) kann die Aufregung nur begrenzt nachvollziehen. "Das ganze Projekt ist doch bislang mit einem großen Fragezeichen versehen", sagt sie. "Wir warten ab, bis konkrete Pläne vorliegen." Unlängst hatte sie für Interessierte eine Fahrt zu einer Hähnchenmastanlage in Herzberg/Elster organisiert, um sich ein Bild zu machen. Der Bürgermeister dort habe ihr versichert, dass es keine Beschwerden gibt.

Auch im Landesumweltamt, das für die Genehmigung der Anlage zuständig ist, will man keine Wasserstandsmeldung abgeben. "Das Verfahren ist noch völlig offen", sagt Rico Wallet, Referatsleiter der Behörde in Frankfurt (Oder). Bislang seien noch keine Unterlagen eingereicht worden, aber erste Gespräche geführt. Nächster Schritt ist eine Umweltverträglichkeitsprüfung - dafür müssen die Investoren entsprechende Gutachten vorlegen. Gebhard Graf von Hardenberg wollte sich nicht zu dem Projekt äußern. "Kein Kommentar", ließ eine Mitarbeiterin ausrichten.

Auch in anderen Orten Brandenburgs planen holländische Unternehmen riesige Geflügelställe. Die Flächen sollen ebenfalls von Landwirten gepachtet werden. So soll in Gumtow eine Anlage mit rund 400000 Masthähnchen entstehen, gegen die es bereits massiven Widerstand von Anwohnern gibt. Organisiert wird das Projekt dem Vernehmen nach vom Investor Agrifirm, der auch Futter und Küken für die Mastbetriebe liefern will. In Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern soll dazu eine riesige Brüterei mit dem schönen Namen "Big MAMA" entstehen.

Die Bürgerinitiative in Steinhöfel will jetzt Fakten sammeln, um sich später auch juristisch wehren zu können. Dazu zählen Gewässerproben, die sie aus Gräben entnommen haben. "Die Gräben sind jetzt schon durch intensive Tierhaltung belastet", sagt der ehemalige Veterinär Klaus Einhorn. Knapp 2700 Kühe stehen nach seiner Kenntnis in den Ställen der Umgebung, eine Schweinemastanlage im nahe gelegenen Eggersdorf soll auf 10000 Tiere aufgestockt werden. "Das zerstört irgendwann die ganze Landwirtschaft", sagt er.
http://www.moz.de/nachrichten/brandenburg/artikel-ansicht/dg/0/1/1215917/