Wat Noch > Theoriebereich

Entpolitisierung

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Rudolf Rocker:
Und Freiwild ist ja auch ´ne unpolitische Band! >:(
Es ist zum Teil echt erschreckend wieviel Dummheit einem da entgegenweht!
Ich warte nur noch auf irgendwelche Idioten die behaupten das Skrewdriver eine unpolitische Band war!

Kuddel:
Es ist unglaublich, wie sehr politische Inhalte aus der politischen Diskussion getilgt worden sind.
Ich weiß immer weniger, warum sich die Linkspartei überhaupt noch so nennt. Sarah Wagenknecht tritt gelegentlich auch rechtspopulistisch auf. Die Junge Welt verbittet sich Kritik an ihr, denn sie ist das Aushängeschild der "Kommunistischen Plattform" und somit wird jetzt eine Kritik an Wagenknecht als antikommunistisch oder anti-links diffamiert. Nicht nur Gysi tritt jetzt für die Position "hauptsache mitregieren" (politischer Inhalt ist scheißegal) ein.

Die herrschende Klasse findet inzwischen die bürgerliche Demokratie (so beschissen sie aus unserer Sicht auch sein mag) lästig und öffnet die Schleusen in Richtung Faschismus.

So werden die Strategien des rechtsradikalen Theoretikers Jürgen Elsässer in der Praxis umgesetzt.
Die Medien, die Bildungssysteme und "die Politik" werden als links dargestellt und somit ist ein Protest "gegen die Eliten" nur von rechts möglich.
"Wir schaffen das" bedeutet: Merkel holt islamische Terroristen ins Land.
Die Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik und den Verhältnissen wird in die simple Forderung gegossen: Merkel muß weg!




Ich sehe kaum mehr linke Positionen. Sowohl in diesem Forum alsauch im LabourNet, finden sich Texte, in denen man als einzigen Schutz gegen den rechten Tsunami, die Solidarisierung mit Merkel und dem Staat propagiert und die einzige Hoffnung im bürgerlichen Rechtsstaat sieht. Wenn Linke, CDU und Regierung auf einer Linie liegen, dann ist auch wirklich nur noch eine Opposition von rechts möglich. Die bürgerlichen Medien machen das nun auch plakativ klar:


Es geht nur noch um Protest gegen "die Politik" und fragt nicht, welche Richtung die herrschende Politik und deren Alternative hat.

Die herrschende Politik ist rassistisch, kriegstreiberisch, gegen Arme und Pro-Wirtschaft und die Alternative soll lauten: Noch rassistischer, noch agressiver und militaristischer, noch brutaler gegenüber die Armen und ein noch radikalerer Wirtschaftskurs.

Kuddel:
Die Onlineausgaben der Mainstreammedien haben voll auf hippen, knappen facebook- und Twittersprech umgeschwenkt.
Schnellcheck, was wir wissen müssen, was gar nicht geht, was peinlich ist und worüber das Netz lacht. Haha.
Küchenpsychologie statt politischer Inhalte.

Ich kann es nicht mehr ertragen, wie ständig über die Person Trump berichtet wird, statt über die Politik, für die er steht.

Die Formulierung aus früheren linksfeministischen Tagen von "alten weißen Männern", war eine knappe Kritik an den herrschenden Machtstrukturen. Heute haben Medien und Politiker sich diesen Spruch angeeignet zur Entpolitisierung. Es geht nur noch um Personen und nicht mehr um Posititionen und Inhalte. Bernie Sanders ist beispielsweise ein weißer alter Knacker, aber trotzdem nicht halb so scheiße, wie der schwarze Obama oder die femininstisch daherquatschende Clinton.

Mit diesem Scheißspruch könnte man auch zur Wahl von Angela Merkel oder Marine Le Pen aufrufen.
Wird aber nicht in unserem Interesse liegen.

Es soll aber nicht mehr über Interessen und Machtverhältnisse diskutiert werden.
Nur noch Oberfläche, Promis und Gefühle.

Kuddel:
Es geht weiter mit der gefühlten Politik. Und weiter wird schön ausgewichen, wessen Interessen vetreten werden.


--- Zitat --- Emmanuel Macron:
"Er ist ein Typ, mit dem man gern befreundet wäre"



Die französische Politik ist alt und elitär, er ist jung und bricht mit Tabus.
--- Ende Zitat ---
http://www.zeit.de/campus/2017-02/emmanuel-macron-frankreich-wahl-junge-generation-unterstuetzung


--- Zitat ---CDU:
Nur noch kurz die CDU retten


Diana Kinnert ist konservativ, sieht aber nicht so aus. Sie will die Ehe für alle, Gras legalisieren und die CDU vor dem Aussterben bewahren.
--- Ende Zitat ---
http://www.zeit.de/campus/2017-02/cdu-bundestagswahl-neue-konservative-diana-kinnert

Och, jetzt reicht es schon etwas jünger zu sein und sein Basecap zu drehen.
Und besonders geil finden unsere Medienspinner ja die "Tekkies" aus Silicon Valley. Znd jetzt wundert man sich, daß all die hippen Tekkies nicht gegen den uncoolen Trump rebellieren.

Nein, es ist nicht nur die Herrschende Klasse zum Kotzen, sondern auch deren jungen und hippen Lautsprecher, egal ob in Politik oder den Medien.

Kuddel:
Igendwie wird ein gewisser Lifestyle als politisch verkauft.
Zuhause in den digitalen Medien, komische Tatoos, merkwürdige Gesichtsbehaarung, ohrlocherweitert, LGBT und bewandert randbereichiger Musikkultur. Das gilt als irgendwie progressiv, links, hip und als Gegenkultur. Es ist an der Zeit klarzstellen, daß diese Szene nicht nur politisch strohdoof ist, sondern auch reaktionär.

Und die Speerspitze dieser zukunftsgewandten Hipness findet man im Silicon Valley und all den tollen Start-ups.

Letzt gab es ein Radiofeature über das Silicon Valley.
Es war nichteinmal gut gemacht, aber es geht mir nicht aus dem Kopp.
Da hat man aus Tibet einen Meditationslehrer eingeflogen, weil man mit Meditation mehr Arbeitsleistung erzielen kann.
Die Leute nehmen alle möglichen Drogen und haben die Möglichkeit sich z.B. bei Google bis zu 30% Arbeitszeit freizunehmen (wenn sie ihr Arbeitspensum trotzdem schaffen), um sich für gute soziale Dinge zu engagieren. Man gibt obdachlosen Kindern Suppe aus, geht mit Ghettokids in den Zoo, solche Sachen, um sich wieder moralisch ok zu finden.

Zu meinen Haßformulierungen gehört, "Die Welt ein Stück besser machen." So einen Scheiß glaubt man da. Man glaubt auch, man wäre eine coole Gruppe, doch sind es alles Einzelkämpfer in härtestem Konkurrenzkampf, kurz vor dem Burnout. Und sie träumen alle davon, auch so eine Idee wie "Uber" zu haben, um damit schweinereich zu werden und gleichzeitig aus der Welt einen besseren Ort zu  machen. Daß diese ganze verkackete "Share economy" nichts weiter, als verschärfte Ausbeutung bedeutet, begreifen diese Hohlbirnen nie.

Übrigens: Wißt ihr woher der Name UBER kommt?
1979 haben die Dead Kennedies den Song "California über alles" herausgebracht, um die hippiefaschistische Ideologie Kaliforniens satirisch anzugreifen.

--- Zitat ---... Americans were supposedly looking for "a leader on a white horse", and to the totalitarian regime of George Orwell's classic novel Nineteen Eighty-Four to describe a future (from a 1979 perspective) where Jerry Brown has become President, and his "suede denim secret police" kill "uncool" people with "organic poison gas" chambers.
--- Ende Zitat ---
https://en.wikipedia.org/wiki/California_%c3%9cber_Alles

Dieses "Über" wurde zum geflügelten Wort und man benutzt es für alles, was einfach "mega" ist. Tja, jetzt haben die Hippiefaschisten sich das Wort angeeignet, mit dem sie einst angegriffen worden sind. Und als Ami gibt man sich mit Pipifax wie U-Umlauten auch nicht ab. Nun ist die Kutschiererei durch Sklaven einfach nur noch "mega"!

Ausgerechnet in der ZEIT habe ich einen Kommentar gefunden von jemandem, dem der Hype ums Silcon Valley ebenso auf den Sack geht. Auch wenn der Text recht lang ist, konnte ich nahezu jeden Satz goutieren.


--- Zitat ---Fuck you, Silicon Valley!

Die IT-Bosse aus Kalifornien werden als Weltverbesserer gefeiert. Dabei sind ihre Visionen selbstverliebt, antidemokratisch und bestenfalls naiv, sagt unser Autor.

Von Alard von Kittlitz

 Neulich Abend, kurz vor elf, habe ich mal wieder so richtig Hass empfunden, das war beinahe schön. Das Fernsehen, ARD, zeigte ein Reportageformat, Titel der Ausstrahlung: Go West, ihr Genies! Eine Sendung über Deutsche, die im Silicon Valley leben, in diesen paar Kleinstädten bei San Francisco also, wo die ganzen Internetunternehmen und Start-up-Finanzierer sitzen, die die Welt ständig von sich reden machen, als seien da nur noch lauter Mozarts und Picassos unterwegs, und in der ARD-Sendung wurde das auch wieder in genau diesem anhimmelnden Standard-Valley-Berichterstattungs-Sound wiedergegeben, den ich nicht mehr ausstehen kann.

In der ersten Minute ist schon die Rede von den "Talenten, Erfindern und Propheten" dort und vom "Tal der Zukunft", aus dem eine Revolution auf uns zurolle, bis nach Deutschland werde diese rollende Revolution, äh, rollen; es folgt in Minute zwei der Unternehmensgründer Stefan Groschupf, der wie ein untersetzter Papagei die üblichen Valley-Soundbits brabbelt, Start-ups seien die Revolution des 21. Jahrhunderts, das Silicon Valley habe mehr Innovationspotenzial als die Nasa, weil es Raketen ins All schieße (Herr Groschupf, bei allem Enthusiasmus – Contenance! Das hat sich doch schon Wernher von Braun 1942 ausgedacht, für die Nazis!), und Groschupf selbst hat gerade eine besonders feine App gebastelt, die das Kommunikationsprozedere beim Verkaufen von Pkw automatisieren soll, na, endlich gibt es so was, für die braucht er jetzt sechs bis zehn Millionen Dollar Finanzierung; und dann kommt in Minute drei die powermäßig joggende Margit Wennmachers daher, eine Frau immerhin und damit Exotin im Silicon Valley, sie ist Partnerin bei dem mächtigen Investment-Unternehmen Andreessen Horowitz und darf Schecks über Dutzende Millionen Dollar an Start-ups ausstellen, und als diese Frau in Minute fünf endlich wieder das sagt, was ich wirklich jedes Mal hören muss, wenn ich von den Leuten aus dem Valley was über das Valley erfahren soll, nämlich wie die erfolgreichsten Unternehmer dort die Welt verändern, da ist der Hass dann richtig schön und heiß und wonnevoll da.

Dahinter steckt in der Regel nämlich auch gleich die Behauptung, man wolle die Welt sogar besser machen. Alle sollen dank Google ihre Träume verwirklichen können, wünscht sich der Unternehmensgründer Sergey Brin. Peter Thiel, der berühmteste Investor im Valley, behauptet, kaum eine Frage sei für ihn wichtiger als die nach der Gestaltung einer besseren Zukunft. Mark Zuckerberg von Facebook wünscht sich eine offenere, verbundenere Welt und will seiner Tochter eine bessere Zukunft hinterlassen. All das kann das Valley schaffen, nicht wahr? Elon Musk, der Tesla-Gründer, behauptet ja gern, die Leute dort könnten alles erreichen.

    Wie kann es sein, dass niemand dem Valley und seiner Aufgeblasenheit widerspricht? Wieso ist der Diskurs dermaßen devot?

Wie zur Hölle, frage ich mich hingegen, kommt es, dass die Menschen aus dem Valley so unheimlich selbstvernarrt und siegesgewiss dermaßen riesige Behauptungen aussprechen? Ja, das Smartphone war epochal und Google gigantisch, und Facebook hat auch echt vieles verändert, aber das ist alles mindestens ein Jahrzehnt her – und seitdem? Inwiefern haben jüngere Stars des Valley, der Taxidienst Uber zum Beispiel oder das soziale Netzwerk Instagram, die Welt verbessert? Wenn ich jetzt anfangen würde, im Internet Würmer für Angler zu verticken, sodass ein paar alte Lädchen dichtmachen müssten, dürfte ich im Valley wahrscheinlich auch behaupten, ich hätte die Welt verbessert. Überall sonst würde man mich auslachen.

In Wahrheit ist es doch so: Die "Weltverbesserung" des Valley beschränkt sich zumeist auf das Auffinden und Bearbeiten banaler Probleme. Die billigste Mikrowelle, sagt mir Google, gibt es bei resterampe.de; und dem Restaurant, das ich neulich so blöd fand, dem gebe ich dank Googles toller Bewertungsfunktion jetzt mal bloß einen Stern, weil voll langsamer Service, die Schweine! Aber die Probleme, deren Lösung tatsächlich die Welt verändern würde: das Problem sozialer Ungerechtigkeit zum Beispiel oder die Erwärmung des Humboldt-Stroms, die wirklich großen Probleme also werden vom Valley nicht bearbeitet.

Wie kann es sein, dass niemand dem Valley und seiner Aufgeblasenheit widerspricht? Wieso ist der Diskurs dermaßen devot? Es folgt an dieser Stelle keine lange Ausführung zu den wirklichen Konsequenzen der weltverändernden Ideen aus dem Valley. Es wird hier nicht viel gesagt zum Beispiel über Amazon und den siechen Einzelhandel, den Taxi-Ersatz Uber und die gewerkschaftslosen Auto-Kulis der amerikanischen Gegenwart, nichts über Airbnb und die steigenden Mietspiegel der Innenstädte oder die Verbannung von Normalverdienern aus dem von Start-up-Milliarden gefluteten San Francisco, auch nichts, neuestes Phänomen, über diese krasse Prekariats-Armada aus Deliveroo-Sklaven, die auf Klapperrädern durch die Stadtzentren hecheln. Ignorieren wir auch die groteske Arroganz, mit der das Valley seinen eigenen Blick auf die Dinge überbewertet, sodass bizarre Start-up-Weisheiten wie "Wenn du denkst, es sei zu früh, sich mit etwas zu befassen, dann ist es wahrscheinlich schon zu spät" von großäugigen Fanboys und überforderten Journalisten als Erfolgsgeheimnis in die Welt getragen werden, statt dass man sie in ein Buch mit Zen-Rätseln verbannt.

Man könnte über diese Dinge allerdings sehr lange reden, und durch sie wird evident, dass das Silicon Valley ethisch betrachtet kaum hübscher ist als die Wall Street, mit deren Milliarden aus dem Derivatehandel es reich geworden ist. Wenn es nicht sogar noch unangenehmer ist, wegen seiner grell geschminkten Bubblegum-Hippie-Fassade. Und während es inzwischen ganz leicht ist, als Politiker auf die Banker einzuprügeln, wenn man mal wieder die soziale Karte spielen will, werden die Kapitalisten aus dem Valley und ihre Ideen nach wie vor hofiert.

Das Gute, das Nützliche – voll schön, fast wie bei Goethe!

Wieso sagt Angela Merkel in ihrem neuesten Videocast, die Bürger müssten lernen, dass Digitalisierung wirkliche Vorteile bringe, und sie müssten der Digitalisierung gegenüber bitte offen sein, wenn man überall lesen kann, dass die Digitalisierung voraussichtlich unfassbar viele Jobs kosten wird? Man hört doch ständig von den Massen an Arbeitslosen, die das Valley durch seinen Automatisierungswahn produzieren wird, und alle reden so, als gäbe es da keine Wahl, als müsse man das halt leider, leider so durchführen jetze, fahrerlose Lkw et cetera, als könne die Politik da also überhaupt nix dran ändern. Stattdessen wird Eric Schmidt, gewissermaßen der Außenminister von Google, vom dienernden Wirtschaftsrat der CDU aufgeregt empfangen. Schmidt erzählt den Politikern, 2015, bei Google stehe "das Gute, das Nützliche – von der digitalen Hilfe bei Herzoperationen bis zu Orientierungshilfen für Sehbehinderte – bei jeder neuen Entwicklung im Vordergrund". Alles andere folge dann schon, auch der Profit.

Das Gute, das Nützliche – voll schön, fast wie bei Goethe! Tatsächlich ist es erstaunlich, dass Leute wie Schmidt von einer demokratischen Partei überhaupt eingeladen werden. Schmidts Vorstellungen von gelungener Politik, längst mit größter Selbstverständlichkeit als Buch veröffentlicht, lesen sich nämlich nicht gerade wie das Credo eines Demokraten. In seinem Buch über die Freuden der Digitalisierung erfährt man zum Beispiel, wie Wahlen künftig durch Technologie unterstützt werden könnten. Da werden die Reden von politischen Kandidaten mit Analyseprogrammen ausgewertet, oder man macht gleich Hirnscans mit denen und so Tests auf Stressresistenz und Korrumpierbarkeit. Wundervoll, Herr Schmidt! Nicht mehr das Volk würde wählen, sondern irgendein Algorithmus, der Vorstellungen von "gut" reflektieren soll; und die paar Menschen, deren Hirne alle Scans überstehen, würden vermutlich eher versuchen, den unfehlbaren Algorithmus zu bedienen denn die fehlbaren eigenen Bürger zu vertreten. So wird also alles "besser", was auch immer besser für Mr. Schmidt heißen mag.

Unterdessen hofierten die Republikaner in Amerika gleich den Großinvestor Peter Thiel. Der schrieb 2009 in seinem Essay Cato Unbound: "Ich glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind." Oder: "Der massive Zuwachs an Sozialhilfeempfängern und das Wahlrecht für Frauen haben die Bezeichnung 'kapitalistische Demokratie' für Amerika seit den 1920ern ad absurdum geführt." Schau an.

Die New York Times vermeldete kürzlich denn auch, dass die Lobbyisten der Valley-Unternehmen im Jahr 2016 erstmals mehr Geld an die Republikanische Partei als an die Demokraten gespendet haben. Das ist natürlich erlaubt, es ist aber auch ein wenig heuchlerisch. In der Werbung von Apple und Google ist alles immer schön bunt und divers und tolerant und global, aber unterstützt wird mit kapitalistischer Kaltschnäuzigkeit eine Partei, die Steuern senken und den Sozialstaat minimieren will, die den Klimawandel bezweifelt und deren Präsident eine Mauer gegen Mexikaner plant. Unterstützt wird im eigenen wirtschaftlichen Interesse die Partei der Finanz-, Waffen- und Gefängnisindustrie.

Erst vor Kurzem schrieb der Physiker Stephen Hawking im Guardian, die Welt befinde sich in der prekärsten Lage jemals je. Populisten, Diktatoren, Kriege, Klimawandel, Überbevölkerung, Artenschwund, Epidemien; es ist alles furchtbar. Diese Welt sollte also tatsächlich unbedingt verändert und gerettet werden. Gerade deswegen ist es so widerlich, den Versuch vorzutäuschen, nur um ein paar mehr Downloads für irgendeine App zu verticken. Erst recht, wenn man vielleicht wirklich etwas unternehmen könnte, denn da wir vermutlich nicht mehr auf unsere ganze Technologie zu verzichten in der Lage sind, wird eine Rettung wohl nur durch die Technologie möglich sein. Statt allerdings zu überlegen, wie man durch Erfindungen und Investitionen vielleicht das Steigen des Meeresspiegels verhindern könnte, frönen die Oligarchen im Valley eher utopistischen Hobbys, deren Inhalt am Ende das hellste Licht auf ihre wüsten Herzen wirft.

Tesla-Chef Elon Musk, einer der Superstars der Szene, will zum Beispiel, dass die Menschheit das Weltall kolonisiert. Sein Unternehmen SpaceX soll Menschen auf den Mars schicken, Musk träumt angeblich auch von einem persönlichen Besuch dort. Eines seiner Argumente für die Besiedlung des Alls ist der Gedanke, dass eine Spezies, die an bloß einen Planeten gebunden ist, dem Wohlergehen dieses Planeten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Doch statt sich deshalb zuvorderst um den Erhalt dieses Planeten zu sorgen, will Musk das alte Go-West-Spiel von Besiedlung, Zerstörung, Weiterziehen, das einst in Kalifornien endete, nun zu go space erweitern und die Menschheit, beziehungsweise den kleinen Teil, der sich das leisten kann, in ein springendes Virus verwandeln. Es ist natürlich eine total bekloppte Idee, Menschen ins All zu verpflanzen. Ein Mensch, der auf dem Mars leben muss, wo er das "Draußen" nur durch die Scheibe seines Helms erleben darf, wo er keinen Vogel mehr singen hört, keinen Wind auf seiner Haut spürt, kein Meer sehen darf, keine Bäume und kein Wasser, wo er der Natur also endgültig enthoben ist, so ein Mensch leidet wie ein Tier und verliert den Verstand.

Peter Thiel hat unterdessen Geld in sogenannte Seasteading-Projekte investiert, Unternehmungen, bei denen es um die Erschaffung künstlicher Inseln geht. Die Idee ist anders als bei Musk nicht, der Menschheit mehr Raum zu erobern, sondern gesetzesfreie Orte jenseits staatlicher Hoheitsgewässer zu schaffen. Start-up-Staaten, aus denen man als Unternehmer steuerfrei und ohne den Hemmschuh anstrengender Regulierung handeln könnte, sozusagen Cayman Islands 2.0. Den Seasteading-Advokaten gefällt auch die Idee, dass man auf solchen Inseln theoretisch jede Art von Forschung betreiben könnte. Thiels Unternehmen Breakout Labs zum Beispiel will sich mit "radikaler Wissenschaft" befassen, Knochen aus Stammzellen und so was, wie schön, wenn man sich da nicht mit irgendwelchen Vorgaben von staatlichen Ethikkommissionen herumschlagen müsste.

Insofern wären die Inseln wahrscheinlich auch interessant für Googles Larry Page, dessen utopistische Leidenschaft vielleicht die klassischste und kindlichste von allen ist. Er sucht nach dem ewigen Leben. In Googles Tochterunternehmen Calico forschen sie nach Möglichkeiten, das Altern aufzuhalten. Page ist mit seiner Hoffnung nicht allein, auch Thiel und viele andere im Valley hoffen, dem Schnitter von der Schippe springen zu können. FYI: Nicht möglich, und selbst wenn man tausend Jahre alt werden könnte oder nur noch als Software existierte, irgendwann kommt der Dachziegel oder der Stromausfall, oder die Sonne geht halt aus. Der Tod ist dem Universum einprogrammiert. Aber die Idee, selbst für immer zu leben, ist die nihilistischste von allen, denn ihre ultimative Konsequenz ist, dass allen künftigen Generationen das Leben verweigert wird.

Die Ewig-leben-Woller sehen sich selbst als das Ende einer Milliarden Jahre währenden Geschichte, als deren Höhe- und Endpunkt. Mannmannmann, geht es trister?
--- Ende Zitat ---
http://www.zeit.de/2017/05/kalifornien-silicon-valley-innovation-arroganz-kapitalismus-weltverbesserung/komplettansicht

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