Autor Thema: Entpolitisierung  (Gelesen 11897 mal)

ManOfConstantSorrow

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #45 am: 10:37:42 Do. 10.September 2020 »
Nehmen wir den Springerkonzern. Eine Machtanhäufung, die nicht nur der Profitmaximierung dient, sondern das Bewußtsein der Bevölkerung beeinflussen und vergiften soll. Ein antidemokratischer und faschistoider Komplex, der Rassisimus fördert und gegen solidarischen Zusammenhalt arbeitet.

Statt sich um diese politischen Zusammenhänge zu kümmern, beschreibt die ZEIT die Konzernchefin so:
Zitat
...sie von einer zurückhaltenden Schülerin zur selbstbewussten Frau wurde...
https://www.zeit.de/2020/38/friede-springer-verlegerin-politik-axel-springer
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #46 am: 09:22:03 Fr. 28.Mai 2021 »
Die Entpolitisierung hat mit den Verschwinden linker Organisationen und Bewegungen zu tun. Ein kritisches Bewußtsein entsteht eher kollektiv.

Die Medien spielen eine besondere Rolle. Sie wollen mit ihren Produkten nicht nur Geld verdienen, sie nehmen eine aktive Rolle bei der Bewußtseinsbildung ein. Früher war ihre Rolle die offene Hetze. Antikommunismus als Staatsdoktrin und als mediale Dauerberieselung. Heute wird Individualismus gepredigt. Man hat sich nicht mehr für gesellschaftliche Verhältniosse zu interessieren, sondern es zählt der Blick nach innen. Die eigene Befindlichkeit, das Gefühl und der Stil. Alles wird psychologisiert. Alle möchten "stilsicher" sein.

Bei sowas krieg ich das Kotzen:
Zitat
Beim Impfen denken die reichen Länder nur an sich
Teilen, was knapp ist, zum Beispiel das Vakzin - das ist so eine einfache Regel. Und so schwer zu beherzigen.
https://www.sueddeutsche.de/meinung/impfstoff-who-g7-apartheid-1.5304694?reduced=true

Es geht nicht um einfache Regeln und wie schwer es ist, sie zu beherzigen. Es geht um knallhalte Interessen und Machtverhältnisse. Der Wirtschaft und den Regierung ist nicht mit einem Knigge für Benimmregeln beizukommen. Wir müssen uns gemeinsam gegen die Macht- und Profitinteressen stellen, wir müssen lernen, die Benachteiligten in ihrem Kampf um Gleichbehandlung zu unterstützen. Gegen das herrschende Unrecht kann es nur kollektive Lösungen geben.

Kuddel

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #47 am: 19:03:37 Sa. 10.Juli 2021 »
Qualitätsjournalismus:

Zitat
Dieser Mann besiegt die USA

https://www.n-tv.de/politik/politik_person_der_woche/Dieser-Mann-besiegt-die-USA-article22664950.html?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

Was soll dieser Müll?

"Die USA" sind weder Trump noch Biden.
Und dieser bärtige Hampelmann ist weder Afghanistan, noch die Taliban.

Personifizierung, Vereinfachung bis zur Unkenntlichkeit und das Weglassen von Zusammenhängen, von Interessen und Interessensgruppen. In dem Bericht (der etwas besser als die Überschrift ist) stehen durchaus Fakten, die bleiben losgelöst von ökonomischen und politischen Zusammenhängen.

Nikita

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #48 am: 22:37:15 Di. 14.September 2021 »
Ich finde das hier so halbwegs passend als Kategorie.

CBS-Show »The Activist«
Politaktivismus als Reality-TV-Wettkampf – zynisch oder hilfreich?


In der neuen US-Show »The Activist« spielen Aktivisten um Geld. Wer sein Projekt am besten auf Social Media bewirbt, gewinnt. Ein Spiel mit dem guten Zweck? Aktivisten protestieren, eine NGO verteidigt das Konzept.

Mit der Ankündigung einer Realityshow über das Engagement für wohltätige Zwecke hat der US-Sender CBS für Streit in den USA gesorgt. In der Sendung »The Activist«, die von Oktober an ausgestrahlt werden soll, treten Aktivisten und Aktivistinnen um ein Preisgeld gegeneinander an, wie es auf der Website des Senders heißt. Zahlreiche bekannte Aktivisten warfen dem Sender vor, gesellschaftliches Engagement in ein Spiel zu verwandeln. Die Produzenten verteidigten das Konzept.

Laut CBS können die Zuschauer die Bemühungen von sechs Protagonisten verfolgen, die versuchen, »mächtige Bewegungen zu schaffen« und »echte Veränderung in einem von drei lebenswichtigen globalen Bereichen herbeizuführen: Gesundheit, Bildung und Umwelt«. Das Finale soll am Rande des G20-Gipfels Ende Oktober in Rom stattfinden. Der »Erfolg« der Kandidaten soll an der Wahrnehmung ihrer Aktivitäten in Online-Medien sowie durch die Moderatoren gemessen werden. An der Produktion sind mehrere Stars beteiligt, darunter der Sänger Usher und die Schauspielerin Priyanka Chopra.

In Aktivistenkreisen sorgte die Ankündigung für Kritik: »Könnten sie das Geld nicht direkt an Aktivisten geben, anstatt Aktivismus in ein Spiel zu verwandeln, und einen Bruchteil des benötigten Geldes in einen ›Preis‹ zu investieren? Menschen sterben«, schrieb die Schauspielerin und Feministin Jameela Jamil im Onlinedienst Twitter.

»Es ist schwer genug, für eine Sache zu kämpfen. Und dann muss man für einen Haufen Millionäre tanzen und singen, während sie entscheiden, wer ihrer Brosamen würdig ist«, sagte Nabilah Islam, eine ehemalige Kongresskandidatin der US-Demokraten in Georgia.

Und der Podcaster und Aktivist Joey Ayoub sprach von einem »entmenschlichenden« Projekt: »Solche obszönen Shows machen in einer abgehobenen, elitären Welt, in der Aktivisten nichts anderes sind als angehende Unternehmer, durchaus Sinn.«
...

https://www.spiegel.de/kultur/tv/the-activist-auf-cbs-politaktivismus-als-reality-tv-wettkampf-a-f815d5a2-3da5-4ca0-8b3f-d8e6a625dff2

Kuddel

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #49 am: 14:27:33 Fr. 26.November 2021 »
Zitat
Doch die Alphamänner Habeck und Lindner belauern sich.
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/ampel-koalition-es-kann-nur-einen-geben-machtbalance-in-der-kuenftigen-regierung-a-671fa0f3-659e-4a89-957a-db26ae6c174e

Es wird nur noch irgendwelcher Scheiß gelabert über Einzelpersonen und es wird rumpsychologisiert. Das machen alle Medien so. So kann man schön davon Ablenken, daß dort Interessen durchgesetzt werden (und zwar Wirtschaftsinteressen und nicht unsere).

Kuddel

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #50 am: 12:25:30 Fr. 10.Dezember 2021 »
Boah, wir baden gerade die Nachwirkungen der 70er Jahre aus.

Nach der Revolte von 68, die die herrschende Kultur und das kapitalistische System grundsätzlich in Frage stellte, entwickelten sich die K-Gruppen, die mit ihrer Dogmatik und ihrer hölzernen Sprache recht abschreckend wirkten.

Als Gegenströmung entwickelte sich die Alternativbewegung, die sich von der faschistoiden und spießigen Elterngeneration abgrenzen wollte, es irgendwie hippieesk gut meinte, aber nicht recht wußte, wogegen und wofür man war. Man wollte "alternativ" zu den Verhältnissen leben oder irgendwie "anders". Es folgte eine ganze Flut an Publikationen zum Thema "anders leben", "anders arbeiten" und "anders reisen".

Man wollte sich abheben von den Neckermann Touristen, die nur isoliert in ihren Hotelburgen herumhingen und bei den organisierten Bustouren zu finden waren. Die Horden von Rucksacktouristen überfluteten die Länder bis in den letzten Winkel, keine Gasse und kein Hinterhof wurde verschont. Besonders beliebt war natürlich die "unberührte Natur". Bye-bye unberührte Natur.

Das "anders Arbeiten" war auch ein Phänomen für sich. Es war teilweise eine Lifestylefrage. Man wollte mit langen Haaren und wilden Klamotten nicht von Kollegen blöd angemacht werden und mann wollte lieber länger schlafen, dafür machte man auch später Feierabend. Man verachtete den bildzeitungslesenden Malocher und machte sich dabei zur Vorhut im Unterlaufen von Arbeitszeit- und Arbeitsschutzbestimmungen, die einst von der Arbeiterbewegung erkämpft worden sind.

Man kiffte viel, interessierte sich für andere Kulturen, Naturvölker, indianische und asiatische Weisheiten. Kiffi-Kiffi, Tarotkarten und Esoterik waren auch unter Hausbesetzern in den 80ern angesagt. Als es mit der Hausbesetzerbewegung vorbei war, wandten sich viele ganz und gar der Esoterik und Alternativmedizin zu und ein Teil machte es zu ihrem Beruf. Es boomten auch Alternativbetriebe. Die heutigen Start-ups haben sich eine Menge bei den Alternativklitschen abgeschaut.

Der Esotrip erfaßte große Teile der Gesellschaft. Die Mittelschicht fand es auch ganz ansprechend. Es wurde ein riesiger Markt, Alternativmedizin ist das neue Normal, und die Verlage verkaufen mehr Esoliteratur als Belletristik.

Auch ich hab die Esos eher für harmlos doof gehalten und sah eher irgendwelche Mittelklassemuttis jenseits Mitte 40 vor mir mit positiven Kalendersprüchen in der Küche in Schreibschrift und verziert mit Blümchen und Schmetterlingen. Die finden meist auch den Dalai Lama ganz toll.

Daß sich in der Esoszene rechte bis hardcorefaschistische Tendenzen etabliert haben, war mir nicht bewußt. Das ist die Basis der Schwurbelszene.

Mir war nicht klar, daß die linke Szene ohne politischen Kompaß mit ihrem "irgendwie anders" so scheiße abschmieren kann.

Troll

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #51 am: 10:26:44 So. 12.Dezember 2021 »
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

Kuddel

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #52 am: 09:57:07 Di. 22.Februar 2022 »
Es ist schon krass, wie sich die Themen in den Medien geändert haben.
Man bewegt sich weg von gesellschaftlichen Interessen und Zusammenhängen. Es geht nur noch um das Individuum. Alles wird psycholigisiert und individualisiert. Ständig kommen Psychologen zu Wort, die einem die Welt erklären. Es geht nur noch um den Blick nach innen, auf Gefühle, Krankheit und psychische Probleme. Selbstverwirklichung. Eltern - Kind Beziehungen. Narzißmus ist gerade ein angesagtes Thema.

Dieser Dreck begann in den Privaten Medien, ist aber längst von den ÖR übernommen worden. Geschichte als Dokusoap. Inzwischen als Oral History. Es ist ja alles soooo persönlich und voller Emotionen.
Zu meinen Emotionen kann ich nur sagen: Mir ist speiübel!

Kuddel

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #53 am: 11:01:13 Mi. 20.April 2022 »
Ich war mir nicht sicher, wo ich meinen Beitrag wegordnen sollte.
Die Rubrik "Individualismus" hätte genauso gut gepaßt.

Wir haben eine massive mediale Kampagne, die den Menschen als soziales Wesen verleugnet und gesellschaftliche Zusammenhänge ausblendet. Es geht nun noch um das Individum, maximal um Partnerschaft, "die Familie", es wird psychologisiert bis zum Erbrechen und der Blick geht nach innen.

SPIEGEL
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usw., usf.

Die Welt verschwindet hinter dem eigenen Ego, der Selbstoptimierung und den Schmerzen der Seele.

Onkel Tom

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Re: Entpolitisierung
« Antwort #54 am: 12:23:18 Mi. 20.April 2022 »
Naja, die gegenwärtige politische Situation bringt die Consumerschaft schon ganz schön ins Wanken.
Nu tauchen Selbstzweifel auf, ob Mensch sein Leben so richtig führt oder sich ändern sollte ?

Hüstel.. Nirgendwo wird soviel gelogen wie vor Gericht oder im Bett  ;)

Ja, dieser "Selbstoptimierungswahn" a la Choaching kommt wie eine neue Wunderpille rüber, künftig
"ein besseres Leben führen" zu können.. Hirnschwurbelwurm frisst sich da irgendwie schon durch,
das "Lebensfürhrung" nur reines Selbstverschulden bleibt.. (Immer schön ins ich einträufeln..)

Ist schon irrsinnig, welche Überschriften so in Mode sind, die vom politischem Abgrund ablenken sollen..

Jo, ich hoffe, die Selbstoptimierungs-Mode hält nicht länger an, wie damals die Arobic-Welle..
Damals gehüpfe in der Turnhalle, heute gehüpfe in der Birne..  ::)
Lass Dich nicht verhartzen !