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Entpolitisierung

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Kuddel:
Boah, wir baden gerade die Nachwirkungen der 70er Jahre aus.

Nach der Revolte von 68, die die herrschende Kultur und das kapitalistische System grundsätzlich in Frage stellte, entwickelten sich die K-Gruppen, die mit ihrer Dogmatik und ihrer hölzernen Sprache recht abschreckend wirkten.

Als Gegenströmung entwickelte sich die Alternativbewegung, die sich von der faschistoiden und spießigen Elterngeneration abgrenzen wollte, es irgendwie hippieesk gut meinte, aber nicht recht wußte, wogegen und wofür man war. Man wollte "alternativ" zu den Verhältnissen leben oder irgendwie "anders". Es folgte eine ganze Flut an Publikationen zum Thema "anders leben", "anders arbeiten" und "anders reisen".

Man wollte sich abheben von den Neckermann Touristen, die nur isoliert in ihren Hotelburgen herumhingen und bei den organisierten Bustouren zu finden waren. Die Horden von Rucksacktouristen überfluteten die Länder bis in den letzten Winkel, keine Gasse und kein Hinterhof wurde verschont. Besonders beliebt war natürlich die "unberührte Natur". Bye-bye unberührte Natur.

Das "anders Arbeiten" war auch ein Phänomen für sich. Es war teilweise eine Lifestylefrage. Man wollte mit langen Haaren und wilden Klamotten nicht von Kollegen blöd angemacht werden und mann wollte lieber länger schlafen, dafür machte man auch später Feierabend. Man verachtete den bildzeitungslesenden Malocher und machte sich dabei zur Vorhut im Unterlaufen von Arbeitszeit- und Arbeitsschutzbestimmungen, die einst von der Arbeiterbewegung erkämpft worden sind.

Man kiffte viel, interessierte sich für andere Kulturen, Naturvölker, indianische und asiatische Weisheiten. Kiffi-Kiffi, Tarotkarten und Esoterik waren auch unter Hausbesetzern in den 80ern angesagt. Als es mit der Hausbesetzerbewegung vorbei war, wandten sich viele ganz und gar der Esoterik und Alternativmedizin zu und ein Teil machte es zu ihrem Beruf. Es boomten auch Alternativbetriebe. Die heutigen Start-ups haben sich eine Menge bei den Alternativklitschen abgeschaut.

Der Esotrip erfaßte große Teile der Gesellschaft. Die Mittelschicht fand es auch ganz ansprechend. Es wurde ein riesiger Markt, Alternativmedizin ist das neue Normal, und die Verlage verkaufen mehr Esoliteratur als Belletristik.

Auch ich hab die Esos eher für harmlos doof gehalten und sah eher irgendwelche Mittelklassemuttis jenseits Mitte 40 vor mir mit positiven Kalendersprüchen in der Küche in Schreibschrift und verziert mit Blümchen und Schmetterlingen. Die finden meist auch den Dalai Lama ganz toll.

Daß sich in der Esoszene rechte bis hardcorefaschistische Tendenzen etabliert haben, war mir nicht bewußt. Das ist die Basis der Schwurbelszene.

Mir war nicht klar, daß die linke Szene ohne politischen Kompaß mit ihrem "irgendwie anders" so scheiße abschmieren kann.

Troll:

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