Autor Thema: Prekäre Arbeitsverhältnisse für Pflegekräfte  (Gelesen 6621 mal)

Kuddel

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Prekäre Arbeitsverhältnisse für Pflegekräfte
« am: 19:08:25 Mo. 23.Februar 2015 »
Zitat
Prekäre Arbeitsverhältnisse für Pflegekräfte
Infektionsrisiko inklusive

Eine polnische Altenpflegerin aus Buchholz wurde ansteckenden Keimen ausgesetzt und dann ohne Untersuchung rausgeworfen.


Zahlreiche polnische Frauen kümmern sich in Deutschland um hilfsbedürftige Senioren. Oft unter schwierigen Bedingungen, meist zu einem Hungerlohn. Die 57-jährige Gabriela R. pflegte eine ältere Frau. Dass diese einen ansteckenden Darmkeim in sich trug, wurde R. nicht mitgeteilt. Als sie auf eine Untersuchung bestand, wurde sie genötigt, ihren Arbeitsplatz zu verlassen.

Gabriela R. will kämpfen. Für die Polin kommt es nicht in Frage, sich einfach so abspeisen zu lassen und auf Lohnfortzahlung zu verzichten: „Ich habe einen Vertrag bis zum 5. März und habe den Arbeitsplatz in Buchholz nicht freiwillig verlassen.“

R. ist Betreuerin und pendelt seit acht Jahren zwischen ihrem Heimatort Katowice und Norddeutschland. Sie macht den Haushalt, kocht, putzt, aber sie kümmert sich auch um die oft gebrechlichen Senioren, wechselt wenn nötig Windeln, und achtet darauf, dass Medikamente genommen werden.

Nun sei sie genötigt worden, das Haus der Seniorin Maria O. in in Buchholz zu verlassen und einer Kollegin Platz zu machen. „Ich denke, weil ich nachgefragt habe und darauf bestanden habe eine ärztliche Untersuchung machen zu lassen, ob ich mich infiziert habe“, sagt sie.

Zitat
Pflegealltag in Deutschland

Rund 2,3 Millionen Pflegebedürftige gibt es dem Statistischen Bundesamt zufolge derzeit in Deutschland. Deren Zahl wird sich bis 2030 auf rund 3,4 Millionen erhöhen, der Bedarf an Pflegekräften lässt sich jedoch nicht decken.

Deshalb werden zunehmend Pflegekräfte im benachbarten Ausland angeworben. Manchmal für längere Zeiträume, oft jedoch für ein bis zwei Monate wie im Fall von Gabriela R. und Ewa K.

Schätzungen zufolge gibt es 115.000 bis 300.000 Frauen aus Osteuropa, die als Haushaltshilfen und Pflegekräfte in Deutschland arbeiten.

Am 9. Januar nahm R. die Arbeit bei Maria O. in Buchholz auf. Angefordert worden war sie über ihren Arbeitgeber, die polnischen Vermittlungsagentur Felizajob aus Slupsk bei Gdansk, die Pflegekräfte, die sogenannten Betreuerinnen, nach Deutschland vermittelt und mit einer Berliner Agentur zusammenarbeitet.

R. war telefonisch angefordert worden, später erhielt sie die Job-Details schriftlich. „Darin war nicht die Rede davon, dass die Patientin infektiös war. Das habe ich erst nach und nach erfahren“, sagt R.

Schwach, von Schwindelanfällen geplagt, war O. nach ihrer Hüftoperation aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen worden. Erst am nächsten Morgen wurde Gabriela R. langsam klar, warum die alte Dame so schwach war, sie litt unter Durchfall und hatte es nicht rechtzeitig geschafft, aus dem Bett ins Bad zu kommen.

Also reinigte R. das Schlafzimmer, diese Situation wiederholte sich in den nächsten Tagen mehrfach. Die Tochter der Seniorin machte für den hartnäckigen Durchfall ein Antibiotikum verantwortlich.

Doch es wurde nicht besser und so bat die polnische Betreuerin um einen Toilettenstuhl und später, als O. bettlägerig wurde, um ein Krankenhausbett. Schließlich ordnete der Hausarzt an, dass ein professioneller Pflegedienst sich um die Seniorin kümmern müsse.

Als der mit Schutzmasken, Schürze und Desinfektionsgeräten anrückte, realisierte R., dass ihre Patientin unter ansteckenden Darmbakterien litt. Clostridium heißt der Bakterienstamm, er kann lebensbedrohliche Durchfallerkrankungen auslösen. Das bestätigten R. auch die Mitarbeiter des beauftragten Pflegedienstes und deshalb bestand R. gegenüber ihrer Arbeitgeberin Susanne M., Tochter von O., auf eine Laboruntersuchung. „Ich wollte wissen, ob sie mich infiziert hatte.“

Das war Anfang Februar. Daraufhin verschlechterte sich das Klima zur Arbeitgeberin nachhaltig. „Mir wurde gesagt, dass ich gehen könne, wenn mir die Arbeit zu viel sei. Dann haben sie sich bei meiner Firma über mein negatives Wesen beschwert, mich schließlich aufgefordert, zu gehen, und jemand neues eingestellt“, sagt Gabriela R.

Kein Einzelfall im deutschen Pflegealltag, sagt Sylwia Timm vom DGB-Projekt Faire Mobilität in Berlin. Sie hat sich auf den Pflegebereich spezialisiert und berät Frauen wie Gabriela R. bei der Durchsetzung ihrer Rechte.

Zu den Agenturen, die nicht den gesetzlichen Mindestlohn zahlen, obwohl sie dazu seit dem 1. Januar 2015 verpflichtet sind, gehört auch Felizajob – R.’s Vermittlungsagentur. Die weigerte sich, ihr schriftlich den Grund für den Abbruch des Arbeitsverhältnisses, die bestehende Ansteckungsgefahr, zu bestätigten.

„So muss ich nicht nur damit rechnen, nicht bezahlt zu werden, obwohl ich einen Arbeitsvertrag und Anspruch auf Lohnfortzahlung habe, sondern zusätzlich auch mit einer Vertragsstrafe“, ärgert sich Gabriele R. Am vergangenen Freitag hat ihre Arbeitgeberin Susanne M. sie in den Bus von Hamburg nach Katowice gesetzt.

Für die Familie aus Buchholz ist der Fall damit erledigt, Gabriela R. hofft hingegen auf Unterstützung von Timm. Die sieht gute Chancen vor dem Arbeitsgericht, denn die Familie aus Buchholz hat mit Ewa K. bereits die nächste polnische Pflegerin eingestellt – ebenfalls ohne sie über das Infektionsrisiko zu informieren.
http://www.taz.de/Prekaere-Arbeitsverhaeltnisse-fuer-Pflegekraefte/!155232/

Rudolf Rocker

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Re:Prekäre Arbeitsverhältnisse für Pflegekräfte
« Antwort #1 am: 22:15:18 Mo. 23.Februar 2015 »
Was sagt denn eigentlich das Gesundheitsamt dazu?
Die hätte ich da ja glatt mal dazu informiert!

Kuddel

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Re:Prekäre Arbeitsverhältnisse für Pflegekräfte
« Antwort #2 am: 17:32:23 Do. 18.August 2016 »
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Sklavinnen, die uns pflegen

Beleidigt, geschlagen, keine Freizeit: Hunderttausende Osteuropäerinnen versorgen in deutschen Haushalten Menschen. Das ist meist verboten, wird aber selten verfolgt.


 Rund um die Uhr, unterbezahlt und unversichert. "Pflegesklavinnen" nennen manche diese Menschen, oft aus Osteuropa, die teilweise weniger als 800 Euro im Monat verdienen – für einen Job, für den es eigentlich drei Pflegekräfte bräuchte. Die Frauen, selten Männer, arbeiten als 24-Stunden-Kräfte, auch "Live-Ins" genannt, in Privathaushalten. Von dort aus versorgen sie Menschen Tag und Nacht, gehen einkaufen, kochen, geben Tabletten und sind Gesprächspartner. Und weil sie keine Rechte haben, werden sie oft mit Füßen getreten.

Rassistische Beleidigungen, sexuelle Übergriffe, Schläge, ein Leben im Keller ohne Fenster oder zu wenig zu essen. Das passiert täglich. Wie viele Frauen derzeit in Deutschland in solchen Verhältnissen leben, weiß niemand genau. Experten schätzen, dass es zwischen 100.000 und 300.000 sind. Eine Studie für das polnische Arbeitsministerium geht davon aus, dass 94 Prozent dieser Frauen illegal in Deutschland arbeiten.

Zuletzt haben vereinzelte Wissenschaftler und Journalisten über den Missbrauch osteuropäischer Pflegekräfte berichtet. Und selbst wenn die Frauen anständig behandelt werden, ist der körperliche und mentale Druck enorm. Es gibt keine Freizeit, die Pflegerinnen sind immer auf Abruf. Gleichzeitig sind sie für ihre Arbeit oft nicht ausgebildet, haben entweder gar keine Erfahrungen in der Pflege oder nur sehr kurze Fortbildungen.

Weiter: http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2016-08/pflegekraefte-bundesregierung-osteuropa-illegal-hausangestellte/komplettansicht

Kuddel

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Re:Prekäre Arbeitsverhältnisse für Pflegekräfte
« Antwort #3 am: 20:57:44 Mi. 16.August 2017 »
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„Die Karawane der Pflegerinnen“
Von Müllverträgen und Ausbeutung

Inhaltlich komplex, filmisch jedoch eher einfallslos: Die Dokumentation informiert über den Alltag unzähliger Polinnen, die sich um pflegebedürftige deutsche Senioren kümmern.


Praktisch jede Familie ist vom Pflegenotstand betroffen. Viele sind nicht in der Lage, sich um ihre betagten oder dementen Angehörigen selbst zu kümmern. Die wirklich guten Heime können sie sich nicht leisten, die bezahlbaren wollen sie ihren Eltern nicht antun, also engagieren sie eine preiswerte Pflegekraft aus Osteuropa. Niemand kennt die genauen Zahlen, weil die meisten Frauen schwarz arbeiten; laut Schätzungen sind es insgesamt an die 400.000. Das Thema des Arte-Schwerpunkts „Pflege in Not“ geht also praktisch jeden an; und sei es, weil man irgendwann selbst pflegebedürftig werden könnte. Was aber macht die Programmplanung des Kulturkanals? Sie lässt den Themen-„Abend“ nachts um 22.50 Uhr starten. Für einen Sender mit einer ohnehin überschaubaren Zuschauerzahl ist das eine erstaunliche Entscheidung.

Sie ist umso bedauerlicher, weil gerade die erste der beiden Dokumentationen, „Karawane der Pflegerinnen“, sehr anschaulich vor Augen führt, welche Fehler die Angehörigen der Pflegebedürftigen vermeiden sollten. Filmisch ist Ingo Dells Beitrag zwar konventionell bis zur Einfallslosigkeit, aber inhaltlich bearbeitet er das Thema von allen Seiten. Protagonistin ist Alicja, eine 57jährige Polin; sie kümmert sich um eine bettlägerige Paderbornerin, die rund um die Uhr betreut werden muss. Alicja ist von der Caritas vermittelt worden, sie ist keine Schwarzarbeiterin. Das Beschäftigungsverhältnis ist nicht perfekt, denn theoretisch müssten auch die Nächte zur Arbeitszeit zählen, weil die Polin dank eines Babyfons ständig in Bereitschaft ist; außerdem ist die Arbeit körperlich recht anstrengend. Aber Alicja beklagt sich nicht, zumal sie es weit besser hat als viele ihrer Landsmänninnen, die von mitunter dubiosen Agenturen nach Deutschland vermittelt werden.

Dokumentation: „Die Karawane der Pflegerinnen“

Sendetermin TV: Dienstag, 8.8., Arte, 22.50 Uhr

Die Zahl der Schwarzarbeiterinnen in dieser Branche liegt angeblich bei 90 Prozent. Diese Frauen haben meist weder eine in Deutschland gültige Krankenversicherung noch zahlen sie Beiträge zur Sozialversicherung; wenn sie dereinst nicht mehr arbeiten können, droht ihnen die Altersarmut. „Müllverträge“ heißen die entsprechenden Papiere daher im Branchenjargon, weil sie nicht mal den Gang zum Arbeitsgericht ermöglichen. Dass unangemeldete Beschäftigungsverhältnisse nicht nur für die Arbeitnehmerinnen ein hohes Risiko darstellen, zeigt ein Besuch bei einer Frau in Bayern, die sich keiner Schuld bewusst war, als sie eine Pflegekraft für den dementen Großvater engagierte; nun droht ihr eine Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft.

Dell Films ist das Ergebnis einer aufwändigen Recherche, er hat verschiedene Vermittlungsagenturen besucht und mit Polinnen gesprochen, die sich in den frühen Morgenstunden als „Karawane der Pflegerinnen“ auf den Weg nach Deutschland machen. Ergänzende Gespräche führte der Autor mit Repräsentanten aus Forschung und Verbänden, die die Hintergründe sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen erläutern. Einige Male verirrt sich der Film im Detail; der Exkurs über das polnische Arbeitsrecht zum Beispiel ist eher überflüssig. Außerdem war Dell offenbar der Meinung, die Komplexität der Materie könne das Publikum überfordern, weshalb es zwischendurch mehrere grafisch illustrierte Zusammenfassungen gibt; das erinnert ein wenig an Wissensmagazine aus dem Kinderfernsehen.

„Die Karawane der Pflegerinnen“

Möglicherweise hat Alicja Dell zuliebe jedes Mal ihren auffälligen Lieblingspullover angezogen, aber vielleicht war er auch bloß für einen einzigen Tag in Paderborn. Trotzdem ist die Polin eine ausgezeichnete Protagonistin, weshalb die Heimwehmomente, mal mit Schlagern, mal mit Eltern, gar nicht nötig gewesen wären. Andererseits deutet das Videogespräch mit ihrem gleichfalls pflegebedürftigen Vater ein weiteres Problem dieses facettenreichen Themas an. Wenn sich herzliche Polinnen um die gebrechlichen Deutschen kümmern, liegen die Vorteile für beide Seiten auf der Hand, und das nicht nur, weil selbst der hiesige Mindestlohn höher ist als der mögliche Verdienst in Polen; Alicja war zuvor fünf Jahre lang arbeitslos. Die Frage ist nur: Wer kümmert sich jetzt um die Generation ihrer Eltern? Dell beendet seinen Film mit dem Satz „Die Karawane zieht weiter“; das passt zwar gut zum Titel, ist inhaltlich aber natürlich Unfug, denn das hieße ja, dass die Polinnen von Deutschland weiter etwa nach Skandinavien zögen.

Im Anschluss zeigt Arte den Film „Der Pflegeaufstand“ (23.45 Uhr). Ausgangspunkt der Dokumentation ist eine Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht. Der Staat, heißt es darin, vernachlässige seine Schutzpflicht für pflegebedürftige Menschen und gefährde damit deren Grundrechte. Für Autorin Ariane Riecker war dies der Anlass, das System der Pflege zu hinterfragen. Im Gespräch mit diversen Sachverständigen beschreibt sie, wie das deutsche Pflegesystem organisiert wird und welche Folgen es hat, dass die Pflegebranche sich weitgehend selbst kontrollieren darf.
http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/tv-kritik/die-karawane-der-pflegerinnen-von-muellvertraegen-und-ausbeutung-a-1328004