Autor Thema: IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies  (Gelesen 7338 mal)

Rappelkistenrebell

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Re:IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies
« Antwort #15 am: 14:22:44 Mo. 12.Oktober 2015 »
Ein Gespräch zwischen der Antifa Kritik & Klassenkampf (akk), Heiner Köhnen vom Netzwerk transnational informations exchange germany (tie) und Mark Richter von den Industrial Workers of the World (IWW) Frankfurt a.M. über Probleme und Potentiale basisgewerkschaftlicher Organisierung heute – wir danken IWW Frankfurt a.M. für den Beitrag!

Akk: Zu Beginn würden wir euch bitten, kurz erzählen, wer ihr seid und wie ihr historisch entstanden seid.

Heiner: Also, ich bin von TIE, das ist ein internationales Gewerkschafternetzwerk, das es seit dem Ende der 70er Jahre gibt. Im Prinzip setzen wir uns aus drei Strömungen zusammen. Die Besonderheit an uns ist, dass wir nicht einfach so ein Nord-Süd-Solidaritätsnetzwerk sind, sondern tatsächlich im Norden wie im Süden gleich verankert sind. Das erklärt sich aus der Grundgeschichte.

Ich muss jetzt ein bisschen weiter ausholen, sonst versteht man die Geschichte nicht. Für die Linke gab es weltweit in den 70er Jahren zwei große Schocks, die die Wahrnehmung über multinationale Konzerne stark verändert haben: Das war zum einen der Putsch in Chile. Dort waren zum ersten Mal multinationale Konzerne nicht nur als ökonomischer, sondern auch als politischer Akteur aufgetreten, die ein sozialistisches Projekt kaputt gemacht haben.

Daraus sind alle möglichen Initiativen gegen multinationale Konzerne entstanden. Das ging von Wissenschaftler*innen, die sich zum ersten Mal damit auseinandergesetzt haben, über Kirchen bis zu Initiativen, die die Muttermilchprojekte in Afrika von Nestle kritisiert haben. Also es gab eine große Bewegung, sich um diese Konzerne zu kümmern. Und wir sind ein Baby davon.

Also einer unserer Vorfahren waren linke Wissenschaftler*innen, die sich um die Rolle multinationaler Konzerne gekümmert haben. Die sind dann auf Gewerkschafter*innen in Nord und Süd getroffen. Im Norden gab es in den 70er Jahren auch die ersten ökonomischen Auswirkungen davon. In der Autoindustrie in England, bei den multinationalen Konzerne von Ford, GM, die dann auch eine Riesenkrise erlebt haben, da sind 200.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Diese ersten Auswirkungen im Norden gab es vor allem in Ländern, in denen es betriebliche oder gewerkschaftliche Basisinitiativen gab, die unter anderem eine andere Gewerkschaftsstruktur wollten. Da sind die shop stewards entstanden in England, die Fabrikdelegierten in Italien, in Frankreich passierte Ähnliches. D.h. die hatten ein anderes Verständnis von innergewerkschaftlicher Demokratie, Selbstorganisation und auch die Idee, dass Gewerkschaften nicht nur ökonomisch kämpfen, sondern dass es um gesellschaftliche Veränderung geht. Die haben die Wissenschaftler getroffen und gesagt: »Ist ja schön, dass ihr da rumforscht, aber an sich brauchen wir was ganz anderes. Wir brauchen auch eine direkte Beziehung untereinander, um so einen Kampf aufzubauen.«

Und die Dritten sind sozusagen neue Gewerkschaftsbewegungen im Süden. In Brasilien, etwas schwächer von unseren Kontakten in Korea und Südafrika. Die haben sich auch »Neue Gewerkschafts bewegung« genannt und haben beispielsweise gegen die Militärdiktatur gekämpft. Es ging auch ihnen immer um gesellschaftliche Veränderung. Die haben auf andere Formen der Selbstaktion der Beschäftigten gesetzt. Diese drei sind quasi unsere Gründer*innen gewesen. Daraus hat sich unser Selbstverständnis mit den Jahren entwickelt. Am Anfang lief das vielleicht auch etwas naiv: Man hat sich zueinander gesetzt und alle werden dann schon wissen, was sie machen. So wird mir das immer erzählt. Und daraus sind einfach unterschiedliche Arbeitsweisen entstanden: Dass man Netzwerke innerhalb von multinationalen Konzernen aufbaut und unterstützt. TIE waren, glaub ich, die ersten in den 80er Jahren, die bei Ford, GM, Chemiekonzernen weltweit Basisaustausche gemacht haben. Ein zweiter Strang der Vernetzung verlief entlang der Produktionskette, Kakao oder Textil zum Beispiel. Ein dritter war, dass man sagt, man hat gemeinsame Problemstellungen. Das können neue Produktionskonzepte sein, Gesundheit oder etwas anderes und sagt, wie kann man Solidarität begreifen, dass man gegenseitig lernt oder neue Instrumente entwickelt, dass man seine basisgewerkschaftliche Arbeit effektiver machen und auch verändern kann. Von daher ist es ein weltweites Netzwerk mit immer noch den gleichen Grundprinzipien.

Die Selbstorganisation ist bei uns da ganz zentral. Also, dass die Beschäftigten wirklich Akteur*innen sind. Selbstorganisation in einem mehrfachen Sinne: Einerseits als Kampfbegriff, andererseits aber auch als ein – ohne das zu hoch zu hängen – Bereits-jetzt-schon. Wenn ich einen Streik führe, wenn ich mich auseinandersetze, dann erlebe ich auch meine eigene Mächtigkeit. D.h. Selbstorganisation ist auch eine Ahnung dessen, was wir irgendwann erreichen wollen. Ich kann das nicht in einer Organisationsform tun, die nicht schon eine Ahnung dessen enthält. Selbstorganisation hat immer schon emanzipatorische Elemente nach unserem Verständnis. Und wir begreifen Gewerkschaft nicht nur als Auseinandersetzung um den Lohn, sondern um gesellschaftliche Veränderung. So könnte man TIE relativ kurz erklären.

Mark: Ich bin von den Industrial Works of the World, einer Organisation mit einer relativ langen Geschichte, die 1905 in Chicago begonnen hat. Eigentlich war das damals in den USA das organisatorische Dach für alle, die im Zuge der Migrationsströme in die USA gingen und ungelernte Arbeiter*innen waren und zum Teil auch die diejenigen Teile der Klasse waren, die in anderen Gewerkschaften nicht vorgekommen sind – vor allem schwarze Arbeiter*innen oder Frauen sind in der Organisation dort zusammen gekommen.

Das Industrial ist etwas schwierig ins Deutsche zu übersetzen, denn im Englischen gibt es eine Doppelbedeutung dafür. Das kann einmal so was wie Industrie heißen. Es hat aber auch die Bedeutung von Sektor. Die IWW war bis zum ersten Weltkrieg ziemlich stark, mit mehreren hunderttausend Leuten v.a. in den USA. Sie war schon einer der großen Bezugspunkte für Linke in der ganzen Welt. Es gab damals aber auch in Südamerika eine sehr starke IWW-Sektion und auch auf anderen Kontinenten. In Deutschland gab es damals in Bremen und Hamburg Sektionen, also in den Hafenstädten. Dann blieb es eigentlich ziemlich ruhig bis Anfang der 2000er Jahre, wo es dann mit der Gewerkschaft der Starbucksarbeiter*innen geschafft wurde, in einem Dienstleistungssektor, der als unorganisierbar galt, sozusagen wirklich fläckendeckend eine Gewerkschaft wieder aufzubauen, die zur IWW gehört. 2006 gab es dann auch wieder eine Gründung in Deutschland. Und auch in England und auf anderen Kontinenten hat die IWW sich seit 2010 bis heute sehr massiv entwickelt – also nach unseren Maßstäben.

Und eigentlich kann man sagen, die IWW ist die linksradikale Organisation, die auf fast allen Kontinenten der Welt gerade vorhanden ist. Das Besondere der IWW ist zu sagen: Wir wollen die gesamte Wertschöpfungskette von Produktion über Distribution bis hin zur Konsumtion mitorganisieren und nicht nur einzelne Branchen. Man will eine weltweite Organisation sein, in der es viel um Erfahrungsaustausch geht. Wir haben ein bestimmtes Organizing-Training, das nicht abläuft wie beim DGB, sondern auf Selbstorganisation setzt, mit ein paar Hilfsmitteln und Techniken zu den Fragen: Wie baue ich eigentlich eine Betriebsgruppe – wir nennen das Komitee – auf, damit man auch Aktionen machen kann. Das wurde die letzten Jahre sehr stark ausgebaut, so dass auch klar ist, die Erfahrungen, die in den USA oder in England gemacht werden, können auch benutzt werden, damit Leute an ihrem jeweiliegn Ort agieren können.

Die IWW ist auch eine strömungsübergreifende Organisation.

Historisch – und aktuell lässt sich das wahrscheinlich immer noch sagen – hatte der eine Teil eine klare syndikalistische Ausrichtung in dem Sinne von: Gewerkschaft ist alles und es braucht auch erstmal nichts anderes als Gewerkschaften und die führen dann eine Gesellschaft ein, die in Arbeiter*innenhand ist. Dann gab den Teil, der gesagt hat, die IWW muss der Arm der kommunistischen Partei sein – also den klassischen Leninismus. Und es gibt die linkskommunistische Variante, wo ich sagen würde, zu denen gehöre ich auch, die sagen, die IWW kann die Organisationsform für Kämpfe sein, die im Bereich der Lohnarbeit stattfinden, aber damit ist noch nicht alles beantwortet. Also jegliche Form von Kämpfen um Reproduktion, ob das jetzt Miete oder Hausarbeit betrifft, das kann man da nicht führen. Trotzdem werden solche Kämpfe auch aktiv unterstützt. Da ist die IWW nicht ökonomistisch. Das verbindende Ziel ist die Abschaffung des Lohnsystems und die Idee, wir bilden die neue Gesellschaft in der Nussschale der alten. Das ist das verbindende Moment.

In Deutschland gibt es sowohl Leute im Pflegesektor, als auch in der Kunstoffproduktion, im Dienstleistungsbereich vor allem in Call-Centern, dann in der Lebensmittelproduktion. Das sind die bekanntesten Bereiche.

Akk: Wie versucht ihr denn euren gesellschaftsverändernden oder systemtranszendierenden Anspruch mit den Kämpfen um konkrete Verbesserungen zu verbinden?

Heiner: Die Antwort von dir, Mark, auf diese Frage würde mich auch sehr interessieren. Ich fang einfach mal und gebe dann an dich weiter.

Wir haben natürlich auch einen systemtranszendierenden Anspruch, aber ich finde es trotzdem ganz schwierig darauf zu antworten, weil wir sehr viele Probleme damit haben, den auch praktisch umzusetzen. Insofern würde ich sagen, ist es ein permanenter Kampf und eine permanente Suche das immer wieder lebendig zu erhalten, so kann man das wohl am ehrlichsten ausdrücken.

Auf der einen Seite gehen wir so vor, dass wir sagen, im Lohnarbeitsverhältnis gibt es immer betriebliche Auseinandersetzungen. Deshalb gibt es uns als TIE auch immer noch. Und egal, ob die Gewerkschaften positiv oder negativ dazu stehen, diese Auseinandersetzungen können von den Gewerkschaften nicht einfach aufgehoben werden. Und wir versuchen, ob es nun um Gesundheit geht oder sonst was, genau diese systemkritische Frage immer reinzubringen und weiterzutreiben bis es um Machtverhältnisse, um Machtverschiebungen geht. Es geht dann bei unseren Initiativen zum Beispiel um die Organisierung von Bekleidungsbeschäftigten in Südostasien. Da geht es dann zum Beispiel so weit zu sagen: Ich will jetzt – was redlich genug wäre – Arbeitsbedingungen, an denen wir nicht sterben, aber ich will auch ein Machtverhältnis verändern. Und das geht nur über die Organisation.

Ich glaube, was uns da gelingt, ist, dass tatsächlich eine kapitalismuskritische Debatte, eine Diskussion zum Beispiel auch mit H&M-, mit Zara-Beschäftigten oder weltweit auch mit unterschiedlichen Beschäftigten geführt wird und entsteht, wo weder Linke noch die Gewerkschaftsbewegung das eigentlich vermuten würden.

Ein anderer Punkt ist, dass wir früher, also Anfang der 90er, in einem Bewegungssumpf geschwommen sind, wo es linke Bewegungen, linke Gewerkschafter*innen, was weiß ich was, bis hin zu linken kapitalismuskritischen, befreiungstheologischen Kirchengruppen gegeben hat. Also wir waren praktisch ein Teil von einem größeren Bündnis. So würde ich es verstehen. Wir hatten zwar verschiedene Ideen, aber es ging trotzdem darum, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Und dieses Bündnis gibt es so oft nicht mehr, merken wir an unserer Arbeit. Das ist weg.

Das heißt einerseits, dass unsere Arbeit anstrengender wird, weil wir vieles – auch organisatorisches -, was vorher durch diese Bewegung gemacht worden ist, plötzlich selber machen müssen. Da fällt es schon schwerer, den verändernden Anspruch aufrecht zu erhalten. Andererseits kannst du nicht sagen, ich denke mir jetzt allein eine super Strategie aus, das wäre ein idealistisches Konzept von Revolutionsstrategie. Sondern Veränderung muss, nach unserem Verständnis, irgendwie – so verstehe ich zumindest Marx – etwas mit reellen gesellschaftlichen Bewegungen zu tun haben, in die du dich anders rein begibst als reformistische Akteure. Aber wenn es so ein Umfeld wie früher nicht mehr gibt, ist es auch für dich schwieriger. Wir bemühen uns darum, Fragen nach Abschaffung des Lohnverhältnisses, nach Abschaffung verschiedenster Herrschaftsformen und Machtverhältnisse immer in den Auseinandersetzungen deutlich zu machen und aufrecht zu erhalten. Das verändert auch die konkrete Praxis. Allerdings kommen wir aber immer wieder auch an unsere Grenzen, wenn ich ehrlich bin. Die gewerkschaftlichen Strategien funktionieren zwar ganz gut, aber gesellschaftsverändernde Strategien, wo du wirklich um Machtverhältnisse ringst, das ist schwieriger geworden. Das war vor 20 Jahren zum Teil anders. Da gab es viele in unserer Bewegung, ob das in Brasilien oder sonst wo war, die hatten so das Gefühl: morgen drehen wir die Welt um. Du hast damals noch so eine Machterfahrung gehabt, dass das möglich ist, weil du Massen auf die Straßen gekriegt hast. Von daher würde mich interessieren, wie das bei euch ist. Für uns ist das ein permanentes Ringen und eine Suche. Da würde mich interessieren, wie ihr das seht.

Mark: Also wir versuchen damit umzugehen, in dem wir sagen: Betriebliche Organisierung geht nicht von außerhalb, sondern nur von innerhalb. Die Kollege*innen vor Ort, das sind diejenigen, die wissen, welche Probleme am Arbeitsplatz vorhanden sind. Meistens sind das ja so kleine Probleme, an denen die Kolleg*innen sagen: So jetzt leg ich aber los! Das ist erst mal die wichtigste Haltung dabei, sich zu fragen, was stört mich und meine Kolleg*innen eigentlich.

Das ist nur der Ausgangspunkt, das ist noch nicht revolutionär an der Stelle. Unsere Idee ist: Probleme am Arbeitsplatz sind ja Probleme, die immer was mit Lohnarbeit zu tun haben. Solange es Lohnarbeit gibt, solange gibt es Probleme am Arbeitsplatz. Genau dieses Moment von: Chefs sind zum Teil wirklich irre Arschlöcher, das mag sein, aber Chefs gibt es und die sind ein Problem, weil es was mit Lohnarbeit zu tun hat. Die Idee ist also, eine Verbindung hinzukriegen von dem, was mich konkret im Hier und Jetzt nervt, mit der Gesellschaftskritik. Wir machen das über direkte Aktionen. Da gab es ein schöne Beispiel von Starbucks in New York. Die Kolleg*innen haben gesagt, wir können hier eigentlich nicht arbeiten. Es war Sommer und ihr Problem war, dass die Belüftungsanlage kaputt war.

Sie haben daher gefordert, dass es eine neue Klimaanlage gibt. Die Chefs haben das nicht gemacht. Dann sind sie während der Rush-Hour-Schicht alle zusammen rausgegangen und haben einen Ventilator gekauft, haben den dann dorthin gebracht und der Chef musste alleine den Laden werfen in der Rush-Hour.

Und zwei Wochen später gab es dann eben die neue Klimaanlage. Dann kann man zwar sagen, eine Klimaanlage ist nur eine Verbesserung der eigenen Arbeitsbedingungen. Aber uns geht es ja darum die Kontrolle über den Arbeitsplatz zu bekommen und auch die Fähigkeiten zu haben, diesen zu kontrollieren, damit man dann auch gelernt hat, die Produktion in zukünftigen Gesellschaften organisieren zu können. Und gleichzeitig geht es darum, Gegenmacht aufzubauen. Das wäre für uns die Verbindung von dem Kampf um konkrete Verbesserungen mit Gesellschaftskritik.

Heiner: Da würde ich dir zwar einerseits Recht geben, da haben wir auch ganz viele positive Beispiele. Wir haben mit H&M-Beschäftigten so ein Konzept entwickelt, dass die jetzt beinahe 100 Betriebsrät*innen gegründet haben und zwar selbst. Aber selbstkritisch fragen wir uns dann auch immer, was haben wir eigentlich erreicht? Und das ist wirklich eine ernste Frage. Uns ist es gelungen ein gutes gewerkschaftliches Bewusstsein zu entwickeln.

Das ist eine Veränderung. Der Mensch verändert sich. Du fühlst deine Würde, du bist nicht mehr so ein Opfer, eine Ware. Du bist zu einem handelnden Subjekt geworden. Das ist eine tatsächliche Veränderung – das will ich gar nicht reduzieren. Aber es ist nunmal keine Abschaffung des Lohnverhältnisses. Manchmal müssen wir sogar sagen: Jetzt haben wir die alten Gewerkschaften gerettet. Das fragen auch Kolleg*innen von uns. Die ganzen oppositionellen Gruppen in den Industriebetrieben, die sehr stark mit uns verbunden sind, in der Metall- und in der Chemieindustrie sagen auch oft in informellen Kreisen: Wir sind eigentlich die, die noch die Gewerkschaften am Leben erhalten, weil uns die Kolleg*innen trauen.

Es gibt da also eine Grenze. Erstens erleben wir – ich mache das jetzt 25 Jahre -, dass es schwierig ist, solche Auseinandersetzungen aufrecht zu erhalten, die es ja immer wieder gibt, und die man auch fördern kann. Da ist ein Moment lang ein starkes Bewusstsein über die Gesellschaft vorhanden und schon alleine das auf längere Zeit aufrecht zu erhalten ist schwierig. Irgendwann machen die Leute doch den Betriebsrat, dort ist man am Anfang noch sehr kämpferisch, aber das hält man auch nicht ewig aufrecht. Vielleicht ist diese Frage auch einfach nicht zu beantworten, weil wir es mit gesellschaftlichen Widersprüchen zu tun haben, die nicht immer und in jeder Situation manifest sind. Aber trotzdem hat man natürlich in unseren Diskussionen immer ein Stück Unzufriedenheit – wobei ich nicht weiß, ob Unzufriedenheit da das richtige Wort ist. Du bist immer so auf Messers Schneide. Einer von uns, ein älterer Kollege, sagt oft: »Was ihr da treibt, das ist einfach bessere Gewerkschaftsarbeit.« Und ihm geht es dabei überhaupt nicht darum, so einen Ansatz zu diffamieren, sondern einfach darum deutlich zu machen, wo die Grenzen sind.

Mark: Das ist ja auch die Frage nach der Einbindung, nach Integration in die Strukturen. Das ist in Deutschland gerade mit so einer starken Sozialdemokratie und mit so starken Integrationsmechanismen, wie Betriebsräten oder dem DGB ein Problem. Aber gerade in Ländern, in denen diese Integrationskraft nicht so stark ist – also in den USA oder in England, wo man keine Krankenversicherung hat oder das eben nur über das gewerkschaftliche Engagement erstritten werden kann in Kombination mit einem Arbeitsrecht, das einfach ein schlechter Witz ist – da hält sich tendenziell ein militanterer Ansatz…

Heiner: …,der aber auch gesellschaftlich unbedeutender ist, wenn du so willst. Auf der anderen Seite weiß ich von meinen Erfahrungen aus Brasilien, was passiert, wenn man bedeutender wird. Da gab es grandiose Auseinandersetzungen in den 80ern. Die Leute kamen aus dem Kampf gegen die Militärdiktatur. Alle möglichen Strömungen der Linken waren da drin, Revolutionäre, verschiedene Parteien, etc. Und irgendwann hatte die Arbeiterpartei die Regierung und den Präsidenten gestellt und du hast wirklich gesehen: Jedes Jahr wurde die Diskussion stärker minimiert. Diese Einbindungsstrategien erlebt man einfach immer wieder, egal in welchem Land. Deshalb würde ich sagen, dass wir deswegen einen Haufen offene Fragen haben.

Unter neuen, nicht-fordistischen gesellschaftlichen Verhältnissen und Brüchen haben wir noch nicht mal Organisationsformen gefunden, die solche Kämpfe nochmal stärker verbinden und zu einer politischen Auseinandersetzung führen können. Selbst das fehlt uns. Wenn man parteikritisch ist und man da nicht einfach die nächste Partei haben will, ist das die größte Frage. Wie können wir das verbinden?

Vorhin, als wir ohne Mikro gesprochen haben, haben ich gemerkt, dass wir nicht mal von euch, der IWW, wissen, dass ihr beispielsweise in einem Call-Center organisiert seid, obwohl wir uns von der Grundidee her sehr, sehr nahe stehen. Wir haben nicht mal unter uns Strukturen, wo wir uns in den gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen besser unterstützen. Geschweige denn Strukturen, die zu einer politischen Mächtigkeit führen. Gesellschaftlich sind wir viel schwächer, viel atomisierter als vor 20 Jahren.

Und das wird einfach nicht genug diskutiert. Man diskutiert lieber, was für coole Aktionen man macht. Von daher wäre so eine Suche mit solchen Initiativen interessant über die Frage, wie arbeiten wir eigentlich, was sind unsere Grenzen, was sind unsere Instrumente? Eben die Fragen, die wir jetzt diskutieren. Wie gelingen uns solche systemtranszendierende Praxen und Diskussionen? Insofern finden wir es bereichernd, dass eine Gruppe wie ihr von der AKK auf uns zukommt, weil wir plötzlich das Gefühl haben, wir brauchen das. Also erstens weil ihr nicht besserwisserisch auftaucht aber auch, weil wir diese Auseinandersetzung so nicht mehr haben, kein Umfeld mehr haben wie früher, wo du immer wieder herausgefordert wurdest.

Akk: Für uns würde sich da – vielleicht etwas hoffnungsvoll – die Frage anschließen, ob momentan nicht eine besonders günstige Situation für Konzepte von Selbstorganisierung besteht. Die großen Gewerkschaften sind einerseits in vielen Bereichen gar nicht mehr verankert, so dass da im Grunde eine Lücke entsteht – das was immer als Krise der Repräsentation verhandelt wird -, die macht ja im Grund ein Feld frei, wo man solche Konzepte von Selbstorganisierung rein tragen kann, die dann vielleicht auf fruchtbaren Boden fallen.

So ein DGB-Apparat, der von seiner Struktur her aufbaut auf einem fordistischen Repräsentationsmodell, der funktioniert heute nicht mehr. Es gibt, glaube ich, ein zunehmendes Unbehagen gerade von jüngeren Leuten insgesamt an dieser DGB-Struktur. Ich habe das mal in einer Diskussion mit einem Obermuffti vom DGB aus der Abteilung Grundsatzfragen erlebt, dass der von seinem Redeverhalten ganz anders strukturiert war als das Publikum, mit dem er geredet hat, weil die halt alle nach dem Motto diskutiert haben: Wir lassen uns ausreden, wir gucken ein bisschen auf die Quote – und das ist eine ganz andere Auseinandersetzungskultur und so Beispiele finden sich glaube ich häufig auch in Ortsversammlungen von Gewerkschaften wieder. Da sitzen die alten Männer, die fahren ihre alte Schiene und so ein paar junge, interessierte Leute kommen da hin und denken sich dann: »Was passiert hier eigentlich? Das ist nicht die Form, die ich haben will.« Und da findet man glaube ich viele Anknüpfungspunkte für neue Ideen von Selbstorganisierung, die gar nicht gegen die Gewerkschaften laufen müssen, sondern eben Druck auf sie ausüben und dann muss man gucken, wie wird darauf reagiert. Aber deswegen könnte man ein bisschen die Hoffnung haben, es könnte heute eine Zeit sein, in der solche Konzepte wieder Gehör finden.

Heiner: Also ich würde auch sagen, da kann man radikal antworten: Dass die Gewerkschaften als Apparat immer noch träumen, ich kann zurück zum Fordismus, das fährt gegen die Wand. Das ist uninteressanter für die Kolleg*innen, das wird immer weniger effektiv in reellen Auseinandersetzungen. So deutlich kann man das sagen. Von daher ist es auch kein Wunder, dass dann Gruppen, vielleicht sogar Ständegruppen sich sozusagen, sich separat organisieren, weil ihre Kämpfe, Auseinandersetzungen, Probleme gar nicht mehr aufgehoben sind in dem anderen Apparat. Dieses Model funktioniert nicht und zwar selbst für die Kollegen, die gar nicht revolutionär sind, sondern, wie du sagt, die haben ein anderes DemokraTIEverständnis, sie haben ein anderes Dialogverständnis und die sind sich total fremd. Und das haben wir auch außerhalb von Deutschland, das haben wir in unserem Netzwerk als ein Hauptproblem. Das ist in Brasilien, bei den Demos 2013 gegen den Confed-Cup, sagen uns plötzlich unsere CUT-Gewerkschafter*innen: Wir wollen ein Projekt machen, weil uns kein Schwein mehr zuhört – selbst wohlmeinende. Ich weiß nicht mehr wie ich mit meinen Kollegen im Betrieb reden soll, die gucken mich an und zeigen mir den Finger, weil die Art und Weise wie wir organisieren, wie wir kommunizieren, wie wir Politik verstehen nicht mehr die ist, die sie haben wollen. In der Türkei auch, im Gezi-Park war das genau so. Da wollten auch Metall-Gewerkschafter*innen hin, da haben die Aktvist*innen zu denen gesagt: Euch brauchen wir hier nicht. Und das war jetzt keine ideologische Sache nach dem Motto: Wir Linken gegen die Reformisten. Das ging es sozusagen um diese Form von politischer Kultur.

Und das ist glaube ich eine, die stellt sich uns genauso wie den großen Gewerkschaften. Auch wir als TIE oder als eine linke Organisation, die sagt, wir lesen jetzt Marx und so ein Zeug, da gucken die uns genau so fragend an.

Mark: Das ist ja schon so ein bisschen eine Frage nach der Weltlageeinschätzung. Ich würde halt sagen, eigentlich sieht diese ganze basisgewerkschaftliche Organisierung gar nicht so schlecht aus. Ich würde tatsächlich auch eher eine positive Tendenz ausmachen, weil Kampfzyklen tatsächlich in ganz vielen Bereichen auf der Welt einfach immer schneller werden – zum Teil auch in Deutschland, natürlich auf sehr kleiner Flamme.

Aber auch da ist es ja vielleicht eher das Problem, ob sich die deutsche Linke oder mit diesen Kämpfen verbinden kann, die schon passieren. Und da hab ich gerade mit einer Kollegin aus dem Antira-Bereich in Berlin gesprochen, dass z.B. bei dem Refugee-Streik in Berlin ganz schön spannende Dinge passieren, weil es gerade in der Bundesrepublik so eine neue migrantische Mittelschicht gibt, die sich bildet, und da entsteht sozusagen etwas Neues: Eine gut ausgebildete dritte Generation von Migranten verbindet sich mit den Leuten, die im Zuge der Krise hierher migrieren und da entsteht eine ganz neue Konstellation, von der ich noch nicht so richtig weiß was damit passieren wird, aber ich glaube das bekommt eine neue Qualität und da würde ich auch so ein bisschen den Blick drauf richten.

Heiner: Also wenn man es nicht so begreift, wie der Karl-Heinz Roth, dass man denkt, da toben jetzt schon wieder diese tausend Kämpfe und morgen haben wir das Ding umgeworfen, dann würde ich dir recht geben. Wir haben 1993 glaube ich schon eine TIE-Konferenz hier in Deutschland gemacht, wo wir die Frage von prekärer Beschäftigung diskutiert haben, und das wollte eigentlich kein Schwein hören. Und plötzlich in den letzten Jahren gibt es viel mehr Initiativen, plötzlich reden die miteinander, also da ist ein Aufbruch, so würde ich das auch sehen. Also in aller Bescheidenheit, was der gesellschaftlich bedeutet, aber es gibt mehr Gruppen, die eine konkrete Praxis haben, nicht nur eine Idee im Kopf – also da entwickelt sich was. Das ist auf jeden Fall positiv. Bei der Diskussion nach dem 18. März waren auch Kollegen von der SUD aus Frankreich dabei und das fand ich interessant, die waren die einzigen, die gesagt habe: »Wir kommen da nicht mehr richtig weiter, vor 20 Jahren waren wir da stärker.« Aber die SUD war eigentlich auch die einzige sagen wir mal halbwegs größere Gewerkschaft in diesem Haufen, der da diskutiert hat. Normalerweise war die SUD für uns immer die einzige Gewerkschaft, die diese Basisorganisierung beibehalten hat, und in diesem Kreis waren das die Etablierten. Und die sagten: Vor 20 Jahren oder Mitte der 90er in Frankreich haben wir mit Arbeitslosen, Migrantengruppen und sonst wem zusammengearbeitet, das war überhaupt kein Problem, und das gelingt uns heute nicht mehr. Das ist auch eine Realität. Aber auf der anderen Seite ist es auch so, dass die plötzlich in einem Saal sitzen mit 70 anderen, die sagen, wir haben aber auch eine Praxis und machen auch dieses und jenes und da geht’s total vorwärts. Also ich finde auch, da passiert was Neues und da ist es vielleicht auch möglich, was Neues zu bauen – theoretisch und praktisch.

Mark: Genau. Ich sehe das auch nicht nur abstrakt, sondern auch bspw. am Organisationsaufbau in der IWW. Ich hab mich letzten Sommer mit jemandem aus London unterhalten, der gesagt hat, 2010 waren bei der IWW in Großbritannien um die 200 Leute. Die sind jetzt 1100. Und das innerhalb von 5 Jahren. Die FAU hat glaube ich ähnliche Erfahrungen gemacht mit dem Kino Babylon in Berlin, da sind seitdem um die 200 Leute dazugekommen, die sind halt einfach echt im Verhältnis zu den Zahlen von früher massiv gewachsen innerhalb von wenigen Jahren. Und ich glaube das ist auch der Ausdruck davon – und auch von einer neuen Mobilität für bestimmte Teile der Klasse.

Das finde ich schon auch spannend. Deswegen würde ich sagen, ich bin überhaupt nicht schlecht gelaunt, wenn ich an die Zukunft denke [allseitiges lachen] zumindest was diesen Teilbereich angeht. Trotzdem sehe ich natürlich, dass bspw. die ganzen Islamisten einfach immer stärker werden. Aber sozusagen auf eine Art würde ich sagen – klar muss man da auch Energie reinstecken, aber ich glaube da wird einfach auch mehr passieren. Und wenn man ein bisschen im internationalen Austausch steht – und da haben wir heute bessere Möglichkeiten – dann, wenn man das nutzt, kann ich mir schon was gutes vorstellen.

Heiner: Das ist doch ein super Schlusswort. Das ist nämlich auch unsere Erfahrung. Also ich habe über TIE gelernt, das Geschichte wirklich gemacht wird, von Leuten die konkrete Auseinandersetzungen führen. Das ist kein abstrakter Gedankengang, sondern kann immer wieder erfahren werden. Von daher finde ich auch, dass die Zukunft nicht so düster aussieht.

Über die Autor*innen:

    Antifa Kritik & Klassenkampf ist eine Gruppe aus Frankfurt die sich mit Klassenkampf, Reproduktionsarbeit und Antifaschismus beschäftigt. www.akkffm.blogsport.de externer Link
    Heiner Köhnen arbeitet beim Netzwerk tie in Frankfurt am Main. www.tie-germany.org externer Link
    Mark Richter ist Sozialarbeiter und Mitglied in der IWW und aktiv in der Ortsgruppe Frankfurt am Main. www.wobblies.de externer Link

Das Interview ist eine gekürzte Version und erschien zu erst im Semesterguide 2015 an der Uni Frankfurt a.M. http://akkffm.blogsport.de/2015/07/08/semesterguide-herbst-15/




Quelle

http://www.labournet.de/politik/gw/kampf/kampf-all/ich-bin-ueberhaupt-nicht-schlecht-gelaunt-wenn-ich-an-die-zukunft-denke/
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Re:IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies
« Antwort #16 am: 21:04:25 Di. 20.Oktober 2015 »
Neue IWW Broschüre erschienen: »Direct Unionism« - Strategie für erfolgreiche Basisgewerkschaften auf der Höhe der Zeit

„Eine Empfehlung für alle aktiven Kolleginnen und Kollegen unter uns, die im Praxisdschungel nicht die Orientierung verlieren wollen.“
Frieda Heumann, Bildungsarbeiterin und Organizerin der IWW, Berlin

Unter dem Titel: »Direct Unionism« - Strategie für erfolgreiche Basisgewerkschaften auf der Höhe der Zeit“ hat die Ortsgruppe Frankfurt am Main, der weltweiten Basisgewerkschaft Industrial Workers of the World, ein Diskussionspapier über die erfolgreiche Zukunft von Basisgewerkschaften im deutschsprachigen Raum herausgegeben.

Dieses Diskussionspapier entwirft eine Vision davon, wie ArbeiterInnen zurückschlagen können. Eine Vision von der wir hoffen, dass sie eine breitere Diskussion entfachen wird. »Direct Unionism« beschreibt deutlich und offensiv was es heißt Macht am Arbeitsplatz auf der Basis kollektiver direkter Aktionen aufzubauen, mehr noch als Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen abzuschließen.

Wir denken, dass ArbeiterInnen ihre Kämpfe am Arbeitsplatz durch ihre Fähigkeit den Betriebsablauf zu stören, gewinnen, und nicht dadurch, dass sie die offizielle Anerkennung durch ihre ChefInnen erlangen. Mit diesen Gedanken haben wir ein paar spezifische Szenarien zusammen getragen, die uns beim Organizing und den alltäglichen Auseinandersetzungen helfen. Es sind die Modelle und Pläne, von denen wir denken, dass ArbeiterInnen sie überall einsetzen können.

Dieser Text ist der Beginn einer Diskussion – vielmehr noch als das letzte Wort. Aber wir denken es ist ein wichtiger Anfang. Er ist die deutsche Übersetzung eines Textes vom AutorInnenkollektiv „Recomposition – Notes for a new workerism“ der IWW aus Edmonton/Kanada.

Weitere Stimmen:
„Lesen und umsetzen! Dann stehen wir ArbeiterInnen endlich im Mittelpunkt, nicht mehr die ChefInnen.“
Erik Forman, Organizer der IWW, u.a. bei Starbucks und Jimmy John's in Hong Kong & New York City

„Ich halte Basisgewerkschaften für unverzichtbar um die Verbindung zwischen den weltweiten Migrationsbewegungen und den örtlichen Kämpfen herzustellen. Diese Broschüre hilft, sie aufzubauen.“
Felix Syringus, ehemaliges Mitglied des Antirassismus Büro Bremen

Der komplette Text kann online gelesen und heruntergeladen werden:
http://tinyurl.com/direct-unionism

Außerdem sind gedruckte Ausgaben gegen eine kleine Spende, beim Literaturversand der IWW im deutschsprachigen Raum erhältlich: versand@wobblies.de

Quelle

http://wobblies-frankfurt.blogspot.de/

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Re:IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies
« Antwort #17 am: 11:12:55 Di. 02.Februar 2016 »
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Re:IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies
« Antwort #18 am: 11:49:39 Do. 07.April 2016 »
In der Bundesrepublik machte die weltweite Basisgewerkschaft IWW während der vergangenen Jahre ja schon öfter auf sich aufmerksam. Aber auch in Österreich sind die Wobblies seit einiger Zeit aktiv. Wir haben uns mit einem Mitglied der IWW Wien über direkte Aktion am Arbeitsplatz, gewerkschaftliche Basisorganisierung jenseits des allmächtig-bürokratischen ÖGB und die große Wirkung kleiner Widerständigkeiten unterhalten..

„Es kommt nicht immer auf die Größe an“
7. April 2016 lowerclassmag   

Die bundesdeutsche Sektion der weltweiten Basisgewerkschaft Industrial Workers of the World (IWW) hat in den vergangenen Jahren bereits mit einigen erfolgreichen Aktionen von sich hören lassen. Aber auch in Österreich sind die „Wobblies“ aktiv. Wir haben uns mit „Fellow Worker“ Bo in Wien auf eine Melange getroffen und ein bisschen über die IWW geplaudert.

LCM: Im deutschsprachigen Raum ist die IWW ja immer noch relativ unbekannt. Erzähl doch mal ein bisschen über die Geschichte der „Wobblies“.

Bo: Die IWW ist die internationale basisdemokratische und radikale Gewerkschaft, sie ist weltweit tätig und wurde 1905 in Chicago gegründet. Sie war von Beginn an eine strömungsübergreifenden Organisation. AnarchistInnen, KommunistInnen, SozialistInnen und andere radikale GewerkschafterInnen versuchten gemeinsam, eine Gegenmacht gegen die American Federation of Labor aufzubauen. logo_kleinUnd von vornherein war auch der internationale Charakter dieser Gewerkschaft vorhanden. Es gab relativ bald eine größere Sektion in Kanada, aber auch in anderen Ländern waren „Wobblies“ aktiv. In Deutschland war der Internationale Seemansbund mit Tausenden Mitgliedern Teil der IWW. Diese deutsche Sektion hat allerdings den Faschismus nicht überlebt, die Organisation zerbrach vollständig. Eine der bekanntesten größeren Aktionen aus der Frühzeit der Wobblies war der „Bread and Roses“-Streik in den USA, der vorwiegend von Frauen, konkret von migrantischen Arbeiterinnen getragen wurde.

LCM: Du sprichst ein wichtiges Prinzip der IWW an…

Bo: Ja, die IWW war die erste Gewerkschaft, in der Frauen und Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe Funktionen ausüben dürften – derartige Kategorien waren von Beginn an irrelevant. Das einzige Kriterium für eine IWW-Mitgliedschaft ist: bist du Mitglied der arbeitenden Klasse? Also: Musst du deine Arbeitskraft verkaufen?

Hast du nicht die Macht, über die Produktionsmittel zu entscheiden? Dann bist du willkommen. Die IWW interessiert nicht, welchen Reisepass oder welche Nationalität du hast. Es gab immer wieder Gerichtsverhandlungen gegen Wobblies, bei denen diese auf die Frage, welcher Nationalität sie angehören geantwortet haben: keiner. Dieser Grundgedanke drückt sich auch in unserem Gewerkschaftsverständnis aus. Eine Gewerkschaft sind KollegInnen dann, wenn sich zwei oder mehr zusammenschließen, um das Machtverhältnis am Arbeitsplatz zu verändern. Die Basis dafür ist Solidarität und das Mittel häufig direkte Aktionen, weil wir es für wirkungsvoller halten, wenn sich ArbeiterInnen auf ihre eigene Macht verlassen, anstatt vor Gericht zu ziehen oder Gewerkschaftssekretäre anzurufen. Dazu organisieren wir uns branchenübergreifend, so dass die Spaltung in verschiedene Berufsgruppen, wie es in vielen Bereichen der Fall ist, aufgehoben wird. Wenn das erfolgreich sein sollte, sind wir unserem Ziel – die Abschaffung des Lohnsystems und eine gesellschaftliche Produktion nach den Bedürfnissen von uns Menschen – einen bedeutenden Schritt näher.

LCM: Wann kam das Ende der ersten erfolgreichen Phase der Wobblies?

Bo: In Europa zerbrach die Organisation während des Faschismus, aber auch in den USA war nach dem Zweiten Weltkrieg ein Tiefpunkt erreicht. Es gab dort von Beginn an starke Repression gegen die IWW. Aber obwohl die Gewerkschaft über längere Phasen sehr klein war, war sie doch durchgehend existent, und die Mitglieder waren in Betrieben aktiv. In Großbritannien etwa gab es in den 1950er/60er Jahren einzelne kleine Ortsgruppen, die die IWW am Leben hielten, in den USA war es ähnlich. Ab den 70er Jahren begann sich das dann langsam wieder zu ändern, und ab etwa 2005 hat die IWW dann wieder einen großen Aufschwung erreicht. Dies stand vor allem in Zusammenhang mit der Starbucks-Kampagne in den USA, die auch große mediales Echo erfahren hat.

LCM: Was ist da genau passiert?

Bo: Das ging in New York los, wo Starbucks-Angestellte Überstunden nicht bezahlt bekamen oder vereinbarte Stunden nicht arbeiten durften. Daraufhin begannen sich viele in der IWW zu organisieren, es gab direkte Aktionen und öffentlichkeitswirksame Kampagne. Nach zwei, drei Jahren Kampf konnten massive Verbesserungen durchgesetzt werden: höhere Abfertigungen nach getgoodsEntlassungen und bis zu 30prozentige Lohnerhöhungen. Das war natürlich für eine in New York City sitzende kleine Gewerkschaft ein großer Erfolg. Gleichzeitig war sie aber nicht nur auf NYC beschränkt, auch Ortsgruppen in anderen Städten der USA und Kanada fingen an bei Starbucks zu organisieren. Wenn man das mit den bescheidenen Erfolgen europäischer Gewerkschaftsverbände vergleicht, dann muss man sagen: es kommt nicht immer auf die Größe an!

LCM: Und für die IWW war dies auch der Neubeginn der internationalen Aktivitäten?

Bo: Genau. Kurze Zeit später wurde das „Biroc“, das Organisationskomitee für die Britischen Inseln gegründet. In London gab es bald erste Erfolge bei der Organisierung von Reinigungspersonal oder im Gesundheits- und Sozialbereich, die zu einem schnellen Anwachsen der IWW in Großbritannien von anfangs zweihundert Mitgliedern zu mehr als 2.000 heute führten. Etwa gleichzeitig passierte auch in Kanada sehr viel, wo IWW-Mitglieder vor allem in der sozialen Arbeit sehr präsent sind und auch immer wieder Kürzungen in diesem Bereich verhinderten. 2006 hat sich schließlich die IWW im deutschsprachigen Raum gegründet und mit Aktionen bei der Cateringfirma Eurest ebenfalls erste Erfolge feiern können.

LCM: Jetzt aber endlich zu euch hier in Österreich. Wann ging es da los?

Bo: 2009 hat sich erstmals eine Regionalgruppe in Wien gegründet. Kurz darauf entstand auch eine Gruppe in Graz. Es gab damals einige kleinere Aktivitäten wie Flugblattaktionen oder Anzeigen beim Arbeitsinspektorat. Auch in einem Mobbingfall in einem Sozialbetrieb wurden wir aktiv und unterstützten eine Betroffene. Dabei gab es auch einen ersten kleinen Konflikt mit dem Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB), an den sich die Betroffene wegen juristischer Unterstützung gewandt hatte. Und die haben unsere Vorschläge zu direkten Aktionen wie Bummelstreiks gar nicht gern gesehen. Leider sind die Aktivitäten in Österreich dann etwas eingeschlafen. Die IWW-Leute in Graz sind aus der Stadt weggezogen, und auch in Wien passierte nichts mehr.

LCM: Wie ging es dann weiter?

Bo: Es gab in den vergangenen Jahren in Wien einige Mitglieder, die allerdings nur wenig machten. Los gings dann wieder, als in einem Betrieb, in dem ein Wobbly arbeitet, ein Kollege wegen Kritik an der Geschäftsführung entlassen werden sollte. Da gab es dann Solidaritätsbekundungen von der KollegInnenschaft und die Entlassung konnte verhindert werden. Danach hat sich im Jänner 2015 die IWW in Wien wieder neu konstituiert. Derzeit haben wir Mitglieder mit sehr unterschiedlichem Hintergrund, auch einige von den britischen Inseln, aus Italien und Kanada.

LCM: Mit welchen Problemen ist man konfrontiert, wenn man versucht, neben dem allmächtigen ÖGB eine kämpferische Gewerkschaft aufzubauen?

Bo: Das Problem in Österreich ist das allgemeine Bewusstsein, dass Gewerkschaft nur ein Instrument der Rechtsvertretung ist. Das ist insofern bemerkenswert, als es ja hier auch die Arbeiterkammer gibt, bei der jedeR Lohnabhängige automatisch Mitglied ist, und die unter anderem Rechtsvertretung macht. Und dann wird einem erklärt, man solle sich zusätzlich dem ÖGB anschließen, der aber im Grunde auch nur Rechtsvertretung betreibt und faktisch seit 40 Jahren keine Arbeitskämpfe mehr durchführt. In den Köpfen der Menschen ist sehr fest verankert, dass man um Erlaubnis fragen muss, bevor man einen Arbeitskampf beginnt. Da muss man darum bitten und dann durch unzählige Instanzen und einen bürokratischen Apparat gehen. Dass man das einfach selbst in die Hand nimmt und selbst organisiert – und dass das im Endeffekt auch viel effizienter ist – das ist bei vielen einfach noch nicht angekommen. Wir bekommen oft eine positive Reaktion, aber gleichzeitig auch Skepsis, wenn wir Leuten unseren Ansatz erklären, also etwa: „Wow, supercool! Aber nein…“ Da gibt es dann letztlich doch eine große Hemmschwelle, die ich auch oft gar nicht nachvollziehen kann.

LCM: Wie ist das Verhältnis zu linken GewerkschafterInnen im ÖGB?

Bo: Offiziell gibt es keine Kontakte, aber natürlich gibt es persönliche Bekanntschaften. Da ist immer wieder interessant zu beobachten, wenn linke ÖGB-AktivistInnen von Basisdemokratie und radikalen Gewerkschaften reden. Sobald man dann allerdings entsprechende Aktionsformen wie direkte Aktion ins Spiel bringt, fangen diese sofort an den ÖGB und dessen herkömmliche Methoden zu verteidigen. Es existiert da schon eine ziemliche „Parteidisziplin“ auch bei linken ÖGB-Mitgliedern – sowohl ihren jointheonebigunionFraktionen, als auch dem ÖGB insgesamt gegenüber. Die Linken sagen dann halt, dass der ÖGB reformiert werden muss und so weiter, aber grundsätzlich ist er weiterhin die Gewerkschaft der Wahl. Naja, dabei darf man auch nicht übersehen, dass der ÖGB für viele Linke in Österreich ein geschätzter Arbeitgeber ist. Prinzipiell aber unterscheiden sich derzeit auch die Zielgruppen ein bisschen. Wir organisieren zum Beispiel Leute, die prekär beschäftigt sind oder sind in anderen Bereichen aktiv, die von den großen Gewerkschaftsverbänden vernachlässigt werden. Wir organisieren Refugees, ohne vorher sechs Monate darüber diskutieren zu müssen.

LCM: Wie ist das Verhältnis zu anderen politischen Gruppen? Gerade in der kleinen Wiener Linken kennt ja jeder jeden…

Bo: Interessanterweise ist das für uns auch nicht ganz der Fall, weil die meisten Leute, die die IWW in Wien jetzt neu aufbauen, nicht von hier sind oder erst seit einigen Jahren hier wohnen. Aber prinzipiell ist es natürlich für uns ok, wenn Mitglieder auch in anderen Organisationen aktiv sind. Auch bei uns gibt es Mitglieder mit unterschiedlichem politischen Hintergrund oder solche, die sich keiner Strömung der Linken zuordnen. Klar: wenn du ein Rechter bist, schmeißen wir dich raus. Aber sonst spielt die politische Herkunft kaum eine Rolle.

LCM: Zurück zu eurer Arbeit: welche Aktivitäten gab es seit eurer Neukonstituierung in Wien?

Bo: Letztes Jahr haben wir sehr stark mit Leuten aus dem englischsprachigen Raum zusammengearbeitet, die in Sprachinstituten in Wien arbeiten. Die hatten keine garantierten Stunden, die Bezahlung schwankte, sie wurden wie „freie Dienstnehmer“ behandelt, obwohl sie als Angestellte angemeldet waren. Mit denen zusammen konnten wir erreichen, dass Leute, die für 30 Stunden angestellt sind, auch tatsächlich 30 Stunden bezahlt bekommen – was zuvor nicht immer der Fall war. Das ging alles erstaunlich einfach.

LCM: Sind kleine Aktionen auch deshalb oft erfolgreich, weil die Unternehmen heutzutage gar nicht mit Widerstand rechnen?

Bo: Ja, auf alle Fälle. In Österreich gibt es ohnehin keine Kampftradition. Sobald also irgendwer zu kämpfen anfängt, oder auch wenn du nur andeutest, dass du um deine Rechte kämpfst, kriegen die Bosse sofort Panik. Das macht es für uns in vielerlei Hinsicht sehr einfach.

LCM: Was passiert sonst noch bei euch?

Bo: Wir haben ein paar KollegInnen unterstützt, die eine Zeit lang in Wien auf Werkvertrag gearbeitet haben, jetzt woanders leben und ihr Geld nie bekommen haben. Da haben die Unternehmen einfach nicht damit gerechnet, dass die jemanden vor Ort haben, der sich darum kümmert. Ansonsten machen wir auch Rechtsberatung, also: wie kommst du zu deiner Mindestsicherung, wie macht man einen Lohnsteuerausgleich und solche Dinge. Betrieblich arbeiten wir momentan schwerpunktmäßig im Sozialbereich und in der Autoindustrie. Aber vor allem geht es jetzt darum, in Wien weitere Strukturen aufzubauen. Da gibt es natürlich auch viel interne Schulungsarbeit zu Organizing und Betriebsarbeit. Und schließlich sind wir natürlich zusammen mit unseren KollegInnen in den anderen Ländern international aktiv, und auch die IWW als internationale Organisation debattiert derzeit intensiv über ihre Strukturen und Aktionsformen. Vor allem im deutschsprachigen Raum gab es da in den letzten zehn Jahren eine starke Professionalisierung und eine starke Verankerung in einigen Betrieben.

LCM: Zu den internationalen Strukturen der IWW wollte ich ohnehin noch nachfragen. Auf den ersten Blick ist eine Basisgewerkschaft mit internationalen Strukturen ja ein Widerspruch.

Bo: Ja, möglicherweise. Aber es gibt ja nicht nur die internationalen Strukturen, sondern eben auch die regionalen Räume, wie eben das Organisationskomitee für den deutschsprachigen Raum. Im Endeffekt ist es in einer nationalen Organisation nicht sehr viel anders, da kennst du dann ja auch nicht alle Leute persönlich. Vor allem aber sind die internationalen Strukturen der IWW dont_trust_luckVerwaltungsstrukturen. Da werden keine zentralen Entscheidungen getroffen, sondern die zuständigen Leute haben klar definierte Aufgaben, um eine internationale Organisation am Laufen zu halten. Wichtig ist uns die Autonomie der Ortsgruppen. Sie entscheiden, wie Betriebsarbeit und Aktionen vor Ort zu laufen haben. Auf internationaler Ebene tauschen wir uns über Erfahrungen aus und lernen so voneinander.

LCM: Haben diese internationalen Strukturen für die konkrete Arbeit vor Ort auch tatsächlich Vorteile? Oder geht es dabei nur um die schöne Vorstellung, Teil einer weltweiten Organisation zu sein?

Bo: Ja sicher hat das Vorteile! Welcher Betrieb ist im Jahr 2016 nicht international vernetzt? Wie soll man Kapitalismus überwinden, wenn nicht weltweit? Das Ziel der IWW ist ja durchaus, ganze Produktionsketten zu organisieren – also beispielsweise die Dame, die bei H&M Kleider schlichtet bis zur Näherin in Bangladesh bis zu LKW-FahrerInnen, die das Zeug um die ganze Welt fahren. Die zu organisieren ist das Ziel. Und gleichzeitig organisieren wir ganz kleinräumig und lokal. Es nervt ein Unternehmen nichts mehr, als wenn beispielsweise in Wien ein Konflikt entsteht und gleichzeitig auch an anderen Standorten. Das ärgert die Bosse, die wollen keine globale schlechte Publicity. Und dann kommt noch ein weiterer Vorteil der internationalen Organisation hinzu: viele Leute sind auch beruflich in mehreren Ländern unterwegs, und die haben natürlich immer eine Ansprechperson vor Ort, sind gleichwertige Mitglieder und haben volle Unterstützung. Naja, und es ist auch ein Art Reiseversicherung. Wenn man irgendwo unterwegs ist und strandet, findet man mit seiner „Red Card“ immer ein warmes Bett und etwas zu essen.

Das Gespräch führte Karl Schmal

Weitere Infos zu den Wobblies:
IWW Wien
IWW deutschsprachiger Raum
IWW International

Quelle

http://lowerclassmag.com/2016/04/es-kommt-nicht-immer-auf-die-groesse-an/#more-3311
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Re:IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies
« Antwort #19 am: 15:40:11 Fr. 29.April 2016 »
SPD Nahles: AfD wird rechts überholt

Am 28. April hat die Bundesarbeitsministerin Nahles (SPD) einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Menschen aus anderen EU Ländern erst nach fünf Jahren Aufenthalt in Deutschland einen Zugang zu Hartz IV und Sozialhilfe gewähren soll. Mit diesem Gesetzentwurf überholen Nahles und die Bundesregierung die AfD weit rechts.

Für mehrere Millionen Menschen, die in den letzten Jahren aus den Krisenländern Griechenland, Spanien, Bulgarien, Polen oder Portugal gekommen sind und in Deutschland leben und arbeiten kann dies die Vernichtung ihrer Existenz bedeuten. Die meisten ZuwanderInnen arbeiten in schlecht bezahlten Jobs. Oftmals sind die Arbeitsverhältnisse befristet. Vielfach werden sie um ihren Lohn betrogen. Vielfach werden sie aus Unkenntnis oder durch Erpressung gezwungen für weniger als den gesetzlichen Mindestlohn zu arbeiten. In Leiharbeitsfirmen werden sie oft nur für wenige Wochen oder Monate beschäftigt. Dadurch müssen sie zum Überleben immer wieder auf Sozialleistungen zurückgreifen. Wer zum Mindestlohn von 8,50 Euro bei einem Job mit geringer Stundenzahl arbeitet, kann nicht ohne ergänzende Leistungen auskommen.
Dies ist kein Abzocken von Leistungen mit denen sich die ZuwanderInnen die Taschen voll stopfen. Die Unternehmen suchen händeringend Arbeitskräfte. Keine Baustelle, kein Schlachthof, keine Leiharbeitsfirma, kein Pflegedienst, kein Logistikunternehmen und keine Reinigungsfirma würde heute ohne Menschen aus anderen EU - Ländern funktionieren. Der Bezug von aufstockenden Leistungen, die das nackte Überleben mit Niedrigstlöhnen sichern, stellt also faktisch eine Lohnsubvention dar. Ohne diese Subvention würden die Menschen ihre Wohnung verlieren und würden früher oder später nicht mehr arbeiten können. Nur durch diese aufstockenden Leistungen können die Unternehmer die Löhne weiterhin drücken. Nur durch diese Leistungen können die Unternehmen mit Niedriglohn ihre Profite erhöhen. Baufirmen beschäftigen Menschen als Scheinselbständige in Vollzeit mit einem Bruttoeinkommen von weniger als 1000 Euro im Monat. Davon muss noch die Krankenversicherung bezahlt werden.

Schon jetzt ist der Zugang zu Sozialleistungen rechtlich eingeschränkt. Hartz IV gibt im ersten Jahr des Aufenthalts nur bei Vorhandensein eines Arbeitsplatzes, also höchsten als aufstockende Leistung. Nach dem Verlust eines Arbeitsplatzes wird Hartz IV für längstens 6 Monate gezahlt. Wer innerhalb der ersten fünf Jahre des Aufenthalts den Job selbst kündigt oder in Folge eines arbeitsrechtlichen Verstoßes fristlos gekündigt wird, erhält keine Leistungen des Jobcenters. Schon jetzt ist erst nach fünf Jahren ein unbeschränkter Zugang zu Hartz IV möglich. Dabei gelten dann die gleichen Sanktionsvorschriften wie für alle anderen auch.

Menschen aus anderen EU Ländern mit weniger als fünf Jahren Aufenthalt, die zum Beispiel nach Ablauf ihres sechsmonatigen Hartz IV Bezuges zum Sozialamt gehen, bekommen anschließend Post vom Ausländeramt. Bei Sozialhilfebezug soll nach dem jetzt geltenden Gesetz zur EU Freizügigkeit das Aufenthaltsrecht beendet werden. Dauerhafter Sozialhilfebezug ist also bisher kaum möglich.

Erst dieser erhebliche Druck, mit dem Jobverlust auch den Aufenthalt in Deutschland zu verlieren ermöglicht es den Unternehmen die ZuwanderInnen zu erpressen, sie zu unbezahlten Stunden zu zwingen und Arbeitsschutz und Arbeitsrecht zu unterlaufen.

Mit dem jetzt vorgelegten Gesetzentwurf würde sich die Situation der Menschen aus anderen EU Ländern noch einmal erheblich verschlechtern. Um Ihr nach geltendem Recht bestehendes Aufenthaltsrecht wahrnehmen zu können dürfen sie keinesfalls zu einem Sozialamt gehen. Dies würde den Zwang zur Arbeit um jeden Preis, zu noch mehr unbezahlten Stunden, zu Schwarzarbeit erhöhen. Hausangestellte könnten dann mit Butterbrot und Matratze im Keller oder in Zehnbettzimmern abgespeist werden.
Die Lebensbedingungen der WanderarbeiterInnen werden sich immer mehr dem völlig rechtlosen Zustand z.B. in den arabischen Emiraten oder Saudi Arabien anpassen.
Damit würden sich sehr schnell auch die Lebensbedingungen für alle LohnarbeiterInnen verschlechtern.

Die Bundesregierung gibt mit ihrem Gesetzesvorhaben einen Startschuss für die weitere Diskriminierung von ZuwanderInnen. Mit solchen populistischen und auf optimalere Ausbeutungsbedingen abzielenden Gesetzes wird Rassismus und Zuwandererfeindlichkeit gefördert und es ist ein weiterer Schritt zur Ausweitung des Niedriglohnsektors getan.

Andrea Nahles ist einst als Juso Vorsitzende gestartet. Sie galt lange als eine der Linken in der SPD.
Eine typische Karriere: Links unter starten, rechts oben raus kommen. Kein Wunder, sie ist gläubige Katholikin und laut einem Interview ist der wichtigste Mann in ihrem Leben, Jesus.

Solidarisiert Euch! Besucht die SPD Büros !

Zwei Tage später gibt es immer noch keine Stellungnahme des DGB zu diesem Angriff auf die LohnarbeiterInnen. DGB hält die Klappe wenn Staat und Kapital diesem Teil der Klasse eins reinhauen und kümmert sich nur um die neue Arbeiteraristokratie und die eigenen Karrieren.

Quelle

https://www.facebook.com/iwwbremen
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Re:IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies
« Antwort #20 am: 13:53:42 Mo. 02.Mai 2016 »
Kommentar zum 1.Mai: Welche Zukunft hat der DGB? Keine!


Die DGB-Gewerkschaften sind von den Spitzen herunter bis zu den hauptamtlichen Funktionären mit der herrschenden kapitalistischen Ordnung verbunden. Die Anfänge dieser Entwicklung liegen im Kaiserreich, als die Mehrheits-Sozialdemokratie der Kriegsführung zustimmte. Damit war die Einfügung der Sozialdemokratie und der ihr zugehörigen Gewerkschaftsführungen in das imperiale System vollzogen.

Gut sichtbar wird die Interessenübereinstimmung bei der personellen Verflechtung von Gewerkschaften mit den Unternehmen und mit dem Staatsapparat: Der Aufstieg vom Betriebsrat oder bezahlten Funktionär in Leitungsfunktionen bei Unternehmen und Staatsbürokratie ist ein normaler Karriereschritt im Leben eines DGB-Funktionärs geworden. Beim Aufstieg bedarf es keines individuellen Sinneswandels oder gar eines Aktes des Verrats. Bereits in den Funktionen als Betriebsrat oder Gewerkschaftsfunktionär wird der Einsatz für Unternehmen und Staat praktiziert.

Die Spitzen der DGB-Gewerkschaften und Betriebsräte sitzen mit circa 3.000 Funktionären in den Aufsichtsräten der Großkonzerne und entwickeln dort gemeinsam mit den Vertretern der Aktionäre die Weltmarktstrategien der jeweiligen Unternehmen und die Einbindung der „Arbeitskräfte“ in die Konzernstrategien.

Mit ihrer Zustimmung zu den „Hartz-Reformen“, der Agenda 2010, dem Umbau der staatlichen Sicherungssysteme, dem Abschluss von Tarifverträgen in der Leiharbeit unterhalb der gesetzlichen Vorgabe des gleichen Lohns, durch die Zustimmung zu immer weitergehenden Flexibilisierungsmaßnahmen und Ausweitung der Schichtarbeit bedienen sie Kapitalinteressen.
Der Anteil der Arbeitenden am „Volkseinkommen“ ist in keinem europäischen Land so stark gesunken, die Zunahme des Niedriglohnsektors nirgendwo so stark gestiegen wie in Deutschland. Die Lohnstückkosten liegen unter dem europäischen Durchschnitt. Gewerkschaften, die dem keinerlei Widerstand entgegenbringen und diesen Umbau tarifvertraglich absichern, leisten Beihilfe.
Die IG Metall fordert mehr Rüstungsproduktion, weniger Exportbeschränkungen für Rüstungsgüter, organisiert auch schon mal Demonstrationen, wenn die Bundesregierung zu laut über die Einsparung bei der Forschung militärischer Drohnen nachdenkt. Ver.di und die IG Bergbau, Chemie und Energie streiten für Braunkohletagebaue und Verbrennung von fossilen Brennstoffen. Zugunsten der Profite der vier großen deutschen Energiekonzerne stellen sie auf Kundgebungen das Fußvolk zur Blockade einer Energiewende.

Zahlreiche „Tarifkämpfe“ werden von den Gewerkschaften nicht geführt, um die Lebenssituation der Lohnarbeitenden nachhaltig zu verbessern, sondern um die Rolle einer DGB-Gewerkschaft als Sozialpartner mittels Abschluss eines Tarifvertrages durchzusetzen. Vielfach sind solche Streiks auch ziemlich durchsichtig als Kampagnen zur Mitgliedergewinnung zu erkennen.
Damit die Institution „DGB-Gewerkschaften“ nicht von den Lohnarbeitenden eines Tages durch widerstandswillige Organisationen ersetzt wird, haben Staat, Unternehmerverbände und die Mehrheit der DGB-Gewerkschaften das „Tarifeinheitsgesetz“ erfunden. Damit soll das Verzichtsmonopol der DGB Gewerkschaften gegen unliebsame Konkurrenz abgesichert werden.

Die DGB-Gewerkschaften haben in den letzten 25 Jahren die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Sie organisieren heute vornehmlich die Stammbelegschaften der Großbetriebe der Chemie- und Metallindustrie sowie beim Staat und damit überwiegend eine neue Schicht der „Arbeiteraristokratie“, die im Verhältnis zum Rest der Klasse materiell besser gestellt ist und zunehmend Leitungs- und Hierarchiefunktionen einnimmt. Sie sind zentralistische Organisationen, deren Politik in den geschäftsführenden Hauptvorständen gemacht wird.
Die Mitglieder sind weitgehend auf den Status eines zahlenden Kunden einer Arbeitsrechtsversicherung reduziert. Ehrenamtliche Strukturen sind in Schrumpfung oder Auflösung begriffen. Bei Warnstreiks werden zum Handeln bereite Mitglieder zu Befehlsempfängerinnen der von oben eingesetzten Streikleitungen degradiert.

In den Betrieben leisten viele KollegInnen trotzdem einen großen Einsatz für ihre KollegInnen. Vielfach sind es KollegInnen, die sich als Linke verstehen und in dem Glauben sind, nur mit einer organisatorisch einheitlichen Gewerkschaft könne dem Unternehmen Widerstand entgegengesetzt werden. Ein Irrtum.
Bei den letzten Landtagswahlen erhielten rechte Parteien wie die AfD und andere einen höheren Stimmanteil von Gewerkschaftsmitgliedern als im Durchschnitt aller Wählenden. Insbesondere jüngere Gewerkschaftsmitglieder wählen überproportional rechts. Die Legende vom fortschrittlichen DGB, der linke kapitalkritische Positionen verbreitet und dafür kämpft, ist nicht haltbar.

Eine Zukunft als Vertretung der originären Interessen der Lohnabhängigen in Deutschland hat der DGB aufgegeben. Er wird von Staat und Unternehmen benötigt und nimmt seine integrative Rolle als Personalabteilung am Standort Deutschland wahr. Mehr nicht.

Veröffentlicht in der taz. die tageszeitung am 30.04.2016

Quelle

http://iww-bremen.org/blog/2016/05/02/kommentar-zum-1-mai-welche-zukunft-hat-der-dgb/
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Re:IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies
« Antwort #21 am: 14:28:34 Fr. 13.Mai 2016 »
soeben ist ein neues Radiointerview über die IWW veröffentlicht worden.
Geführt von Radio Dreyeckland aus Freiburg.

 https://rdl.de/beitrag/hausmeister-callcenter-besch-ftigte-und-kabelverlgerinnenn-einer-gewerkschaft-die-industrial
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Re:IWW - Industrial Workers of the World - Wobblies
« Antwort #22 am: 12:14:11 Di. 26.Juni 2018 »
Einst die Big Union mit ihrer"Red Card" , heute nicht mal ein Schatten ihres damaligen Selbst.

Wer kennt die IWW hier genauer oder hat Erfahrungen mit ihnen?

Die Genoss*innen der IWW sind größtenteils gute Leute. Insbesondere im nordamerikanischen und britischen Raum können sie wieder vermehrte Aktivitäten entfalten und diverse Arbeitskämpfe für sich entscheiden. Im deutschsprachigen Raum sind die Strukturen seit der (Neu-)Gründung jedoch nur dürftig ausgeprägt. Es mangelt an schlagkräftigen Betriebsgruppen von IWW-Aktiven, die Verbesserungen erkämpfen. Die Call Center Kämpfe der Rostocker Ortsgruppe sind jedoch ein gutes Beispiel. Ansonsten sind es wahrscheinlich eher Mikrokämpfe, die man bearbeitet, jedoch werden davon kaum welche der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Zudem setzt sich die IWW mit brandaktuellen Diskussionen und Entwicklungen innerhalb der (internationalen) Gewerkschaftsbewegung auseinander. Broschüren zu Direct Unionism oder Solidarity Unionism kann man gerne lesen. Auch ist das Organizing-Training eins bei dem man wirklich lernt Betriebsgruppen aufzubauen und zu einer soliden Grundlage von Arbeitskämpfen zu machen.

Ansonsten ist die IWW meines Erachtens eben aufgrund ihres praktischen Rüstzeugs sehr interessant. Nur nutzen sehr wenige Aktive in Deutschland diese Mittel. Woran die fehlende Attraktivität liegt bei der IWW aktiv zu sein, kann ich nicht beantworten. Nur, dass die FAU für viele DGB-Kritische dann doch eher die erste Adresse bildet. 
wir wollen alles.