Autor Thema: Soziale Proteste im arabischen Raum  (Gelesen 29008 mal)

Kuddel

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #150 am: 15:53:13 So. 16.Februar 2020 »
Die aktuelle Arabellion ist voller Energie und Hoffnungen, doch die Gegner kennen keine Gnade.

Das Protestcamp in Bagdad ist ein Symbol, das am 27.1. wieder angegriffen wurde.

Zitat
Mit allen Mitteln wird derzeit versucht, die Protestbewegung im Irak kaputt zu machen. Entführungen, gezielte Tötungen von Aktivisten, Drohungen gegen deren Familien, Razzien in deren Häuser und Wohnungen. Journalisten, die über die Proteste berichten, werden verfolgt, inhaftiert, Studios von oppositionellen TV-Sendern zerstört, die Technik unbrauchbar gemacht. Neuestes Beispiel der Repressalien ist die Entführung von vier Mitarbeitern einer französischen, christlichen NGO in Bagdad – drei französische Staatsbürger und ein Iraker.

Spaltpilz Muktada al-Sadr


Auch der Eine-Million-Marsch Muktada al-Sadrs hatte das Ziel, die Bewegung zu schwächen, indem er sie spaltet. Während sich der Kleriker noch zu Beginn der Demonstrationen im Oktober an die Spitze der Bewegung setzte und deren Ziele unterstützte, gilt er jetzt als Spaltpilz.

Dass alle ausländischen Truppen den Irak verlassen sollen, wie die Menschen am Tahrir-Platz in Bagdad fordern, ist von Al-Sadr nicht mehr zu hören. Fotos machen die Runde, die ihn an der Seite Soleimanis und des iranischen obersten Führers Ayatollah Khamenei zeigen. Seine Positionierung ist jetzt eindeutig. Er hat sich von den Demonstranten am Tahrir-Platz entfernt und sie sich von ihm.

Jetzt schlagen die Sicherheitskräfte brutal zu, nachdem Sadr seine Unterstützung für die Proteste aufgekündigt hat. Innerhalb von 24 Stunden sterben 13 Menschen, die Zelte am Tahrir-Platz brennen. Es wird mit scharfer Munition geschossen. Das Protestcamp soll aufgelöst werden.
https://de.qantara.de/inhalt/der-tahrir-platz-in-bagdad-und-kairo-arabischer-fruehling-und-oktoberrevolution?nopaging=1

Es gab keinen Aufschrei westlicher Politker oder Medien, daß dort demokratische Bestrebungen oder Freiheitsbewegungen blutig niedergeschlagen werden.

Im Gegenteil. Es gibt Grund sich Sorgen zu machen.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2020 wurde schlimmes Zeug geredet:
Steinmeier: „Europa ist für Deutschland eben nicht nur ‚nice to have‘, wenn andere Partnerschaften verblassen“„Es ist unser stärkstes, unser elementarstes nationales Interesse. Für heute und für morgen gilt: Europa ist der unabdingbare Rahmen für unsere Selbstbehauptung in der Welt.“ „Das militärische Instrument ist für unsere Sicherheit unverzichtbar“
Heiko Maas (ebenfalls SPD) : „Um es klar zu sagen: Deutschland ist bereit sich stärker zu engagieren, auch militärisch“

Man sieht sich bedroht, nicht nur von der wirtschaftlichen Konkurrenz, China als aufstrebende Wirtschaftsmacht, sondern auch vor dem Kampf der Kurden und der Arabellion für ein multiethnisches Leben mit Frauenrechten im Nahen Osten. Es werden vom Westen schmutzige Deals mit den Autokratischen Regimen der Region gemacht, es werden Blutbäder angerichtet. Die Türkei, Rußland, Saudi Arabien und Israel, alle haben sie ihre Rolle im Kampf gegen Freiheitsbewegungen im Nahen Osten. Und die deutsche Rüstungsindustrie verdient sich dabei eine goldene Nase.

US-Außenminister Mike Pompeo: "Der Westen gewinnt, und wir gewinnen gemeinsam."


Kuddel

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #151 am: 16:29:39 So. 16.Februar 2020 »


"Hütet euch vor der Wut irakischer Frauen!"

Kuddel

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #152 am: 12:02:08 Mo. 17.Februar 2020 »
Mich sprechen Fotos stark an.
Ich habe gerade einen weiteren irakischen Fotografen entdeckt, der die Proteste nicht nur dokumentiert, seine Bilder sind auch Ausdruck, Werkzeug und Waffe der Bewegung.




























Kuddel

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #153 am: 12:08:40 Di. 18.Februar 2020 »
Zitat
Proteste im Libanon
Alte Probleme, neuer Zusammenhalt?




An einen politischen Neuanfang im Libanon glaubt kaum ein Demonstrant. Auch die Regierung von Hassan Diab wird von der alten Elite gestützt. Doch könnten Leid und Wut der Menschen in dem gespaltenen Land ein neues Wir-Gefühl entstehen lassen.

„Nieder mit den Banken“, sprüht der 21-jährige Riad mit roter Farbe an die Wand einer Bank in Beirut. Es ist ein nasskalter Tag Mitte Januar und um die Zentralbank im Zentrum der libanesischen Hauptstadt haben sich aus Protest viele Jugendliche versammelt. Sie tragen dunkle Kapuzenpullis, einige haben Schals um ihre Gesichter gebunden oder tragen einen Mundschutz aus Papiervlies.

„Ich protestiere, weil dieses ökonomische Modell den Banken dient, nicht aber den Leuten“, sagt Riad. „All unsere Steuern gehen an die reiche Klasse. Wir aber finden nicht mal Jobs. Wir haben davon genug, wir wollen eine Regierung, die den Menschen dient, der Unterschicht, nicht den reichsten ein Prozent.“

Friedliche Demonstrationen, Märsche und Streiks brachten schließlich die Regierung unter Ministerpräsident Saad el Hariri zu Fall. Seine Familie hält Anteile an einer der größten Banken des Libanon, Hariri galt als Symbol der neoliberalen Politik, die die Menschen nun entschieden ablehnen.

„Politiker halten Anteile an Banken“


Doch auch nach Hariris Rücktritt bleibt ein System, das in die Taschen der Armen greift und die Banken bevorzugt, erklärt der politische Analyst Nizar Hassan:

„Bankiers hatten schon immer den größten Einfluss auf die Wirtschaftspolitik im Libanon. Sie sind eng mit den Politikern verbandelt: Politiker halten Anteile an Banken, und die meisten Minister, die wir nach dem Bürgerkrieg hatten, waren Bänker. Die Politik der Zentralbank bevorzugt das Interesse der Banken. Generell sind Bankiers die neue Bourgeoisie, die nach dem Bürgerkrieg zur herrschenden Elite wurde. Und die Hariri-Familie repräsentiert diesen Zusammenschluss der neuen Bourgeoisie: Banken, Immobiliengeschäfte und Bauträger. Die Wirtschaftspolitik hat diesen Sektoren genützt, die aber nichts produzieren, das wir exportieren könnten.“


Die Wut entlädt sich: Zerstörte Bankfiliale in der Innenstadt Beiruts.

Anfang diesen Jahres schlugen die kreativen und relativ friedlichen Proteste schließlich um: in Gewalt. Die Wut entlädt sich auch auf die Banken. Protestierende schlagen Fensterscheiben von Bankfilialen mit Steinen ein, demolieren Bankautomaten oder sprühen wie der arbeitssuchende Riad an deren Wände.

Die Polizei und das Militär ihrerseits reagieren harsch. Sie schmeißen Tränengaskanister auf Protestierende und zielen mit Schreckschussgewehren direkt auf Hände und Köpfe der Menschen. An dem negativen Höhepunkt der Ausschreitungen benennt der neue designierte Ministerpräsident Hassan Diab am 21. Januar eine Regierung.

Sie besteht aus unbekannten Technokratinnen und Technokraten – so hatten es sich die Protestierenden gewünscht. Doch gleich nach der Bekanntgabe versammeln sich die Menschen vor dem Parlamentsgebäude, um erneut zu protestieren.

„Wir sind seit 100 Tagen auf der Straße“

Die 22-Jährige Jana Youssef hat zwei Monate lang aus Protest in der Innenstadt gezeltet. Was hält sie von der neuen Regierung? „Darf ich fluchen?“, fragt sie. „Das ist scheiße! Wir sind seit 100 Tagen auf der Straße, ich habe zwei Monate hier geschlafen. Ich habe viel gelitten. Wir leiden an Hunger. Ich habe meinen Job verloren, die meisten von uns hier haben ihre Jobs verloren. Und die hören nicht auf uns. Wir sind total gegen diese dumme Regierung. Die verteilen immer noch die Macht untereinander. Das ist überhaupt nicht das, wonach wir verlangt haben.

 „Man hört hier viele unterschiedliche Perspektiven, es gibt Streitereien, Argumentationen, oder Konsens. Ich glaube das ist die wahre Form von Politik: Es geht nicht nur um intellektuelle, juristische oder wirtschaftliche Diskussionen, sondern darum, Beziehungen zueinander aufzubauen und zu überlegen, wie wir sie in Zukunft pflegen.“

Kann das neue Wir-Gefühl im Libanon wirklich zum Neuanfang führen? Zunächst wurden nur die politischen Köpfe in der ersten Reihe ausgetauscht. Und es ist fraglich, ob sich ein Volk, das jahrelang entlang konfessioneller Linien gelebt hat, auf eine unabhängige Regierung einigen kann. Eines bleibt jedoch bestehen: Die Menschen haben über Klassen und Religionen hinweg verstanden, dass sie dieselben Probleme haben. Sie halten zusammen und bestärken sich gegenseitig.
https://www.deutschlandfunkkultur.de/proteste-im-libanon-alte-probleme-neuer-zusammenhalt.979.de.html?dram:article_id=470202

Gekürzter DLF Bericht. Er war wieder voll mit dem Gewäsch von jungen überqualifizierten, kreativen jungen Menschen. Akademiker. Blablabla. Die ewige Verachtung der Unterschichten, der einfachen Menschen in den Kämpfen...

Besonders geil:
Zitat
Die Menschen haben über Klassen und Religionen hinweg verstanden, dass sie dieselben Probleme haben. Sie halten zusammen und bestärken sich gegenseitig.

Der Artikel beschreibt, daß die Gräben zwischen Ethnien und Konfessionen verschwinden und es zu einem Kampf gegen die Konzentration von Geld und Macht wird und ganz konkret Banken angegriffen werden. Doch der DLF schwafelt am Ende irgendwas von den gleichen Problemen der Klassen, die jetzt zusammenhalten...  :o

Kuddel

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #154 am: 08:37:43 Mo. 23.März 2020 »
Zitat
„Ich wollte nur noch sterben“
Irak. Seit Monaten werden Regimekritiker entführt, gefoltert, ermordet. Ein Opfer, der Arzt Hayder, erzählt seine Geschichte




(...) Am Abend des 14. Dezember will Hayder nach Hause, um in einem der östlichen Viertel von Bagdad nach seiner schwangeren Frau und seiner Mutter zu sehen. Kurz nach Mitternacht – er sitzt gerade vor dem Haus, weil dort der Internetempfang besser ist – hält neben ihm ein kleiner Lieferwagen. Drei Männer in schwarzer Militäruniform und mit weißen Turnschuhen steigen aus, kommen auf ihn zu und fragen, ob er Hayder sei. „Nein, ich bin sein Bruder Mohammad“, antwortet der geistesgegenwärtig und gibt vor, ins Haus gehen zu wollen, um den zu holen, nach dem sie suchen. Doch der Trick funktioniert nicht. Die Männer zerren ihn in den Wagen, verbinden ihm die Augen, fesseln ihn und stoßen ihn auf den Boden des Fahrzeugs. Dann hält ihm einer die Pistole an den Kopf und sagt, man werde sofort schießen, sollte er schreien. (...)
https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/ich-wollte-nur-noch-sterben

ManOfConstantSorrow

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #155 am: 09:41:26 Fr. 27.März 2020 »
Zitat
Die Massenproteste in Algerien, Irak und Libanon pausieren wegen Corona. Aber die Protestbewegungen wollen weitermachen, sobald es geht.
https://taz.de/Arabische-Proteste-machen-Corona-Pause/!5674391/
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

ManOfConstantSorrow

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #156 am: 09:58:46 Mi. 15.April 2020 »
Zitat
Algeriens Regierung und Justiz instrumentalisieren den gesundheitspolitischen Notstand im Land und verschärfen im Windschatten der Corona-Pandemie ihr Vorgehen gegen Protestbewegung, Opposition und freie Presse.
https://de.qantara.de/inhalt/folgen-der-corona-pandemie-fuer-algerien-verstummter-protest
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

ManOfConstantSorrow

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #157 am: 17:21:18 Mo. 27.April 2020 »
Zitat
Trotz Epidemie neue Massenproteste im Libanon:
„Man kann auch mit Abstand die Banken anzünden“


Auch bei den Protesten im Libanon spielen die Frauen eine zentrale Rolle, hier im November 2019 in BeirutIn mehreren Städten des Libanon fanden in der letzten Woche erneute Proteste statt: Von Autokorsos über „Abstand-Demonstrationen“ bis zu Molotow-Cocktails auf Bankfilialen wurde das ganze Spektrum des Protestes auch unter Epidemie-Bedingungen wahr genommen. (Man kann Molotow Cocktails eigentlich nur in einem gewissen Abstand voneinander werfen).
https://www.labournet.de/?p=171137
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

ManOfConstantSorrow

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Re: Soziale Proteste im arabischen Raum
« Antwort #158 am: 18:14:11 So. 10.Mai 2020 »
Zitat
Irak
Justiz lässt Demonstranten frei

Der Oberste Justizrat des Iraks hat die Freilassung von Demonstranten angeordnet, die gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und Versorgungsprobleme protestiert hatten.


Er erfüllte damit eine Zusage des neuen Ministerpräsidenten Kadhimi. Dieser hatte gestern erklärt, Demonstranten müssten geschützt und Inhaftierte freigelassen werden. Ausgenommen seien jene, denen Gewaltdelikte vorgeworfen würden.

Seit dem vergangenen Oktober hat eine Protestwelle den Irak erfasst. Zehntausende demonstrierten gegen Misswirtschaft und Korruption. Sicherheitskräfte lösten Kundgebungen mit Gewalt auf und setzten dabei auch scharfe Munition ein. Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen wurden mindestens 600 Personen getötet. Auch heute versammelten sich im Zentrum von Bagdad Hunderte und forderten politische Reformen.
https://www.deutschlandfunk.de/irak-justiz-laesst-demonstranten-frei.2932.de.html?drn:news_id=1129269
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