Autor Thema: Filz und Korruption bei VW  (Gelesen 228282 mal)

Rudolf Rocker

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #15 am: 11:12:49 Fr. 27.November 2015 »
Davon abgesehen könnte ich mir so´ne Karre nicht mal geschenkt leisten!
Wovon denn Steuern, Versicherung, Sprit, Wartung und Reparaturen bezahlen?

Das Problem ist allerdings, das man in der Provinz auf ein Auto angewiesen ist oder aber kurze Arzttermine in der nächstgrößeren Stadt zu einer Tagesreise werden.
Der öffentliche Nahverkehr wird immer weiter eingeschränkt, was nebenbei zu einer weiteren Landflucht führt.
Es ist politisch so gewollt den öffentlichen Nahverkehr und ebenso die Bahn total verkommen zu lassen und massiv auf Autos zu setzen. Dabei kann man einmal mehr den Einfluss der Automobil- Lobby erkennen.

Strombolli

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #16 am: 12:38:39 Fr. 27.November 2015 »
Es kotzt mich nach wie vor an, wie sich alles das "Zitierte" letztlich in irgendeiner Form bewahrheitet und ich nur wenig dazu beitragen kann, dies zu ändern.  kotz

Wenn ich meine lieben Mitmenschen Auto fahren sehe, so hätten sie einen "Trabant 501" verdient. Ficken, wählen und leben sie genau so blöd. Ich meine den Schwarm! Einzelne sind ja noch ganz nett, aber die Masse ist auf einem totalen Fehltrip, den ich nicht gehen will und auch nicht gehen werde.

Natürlich braucht man ein Auto. Die Gesellschaft und ihre Wirtschaft ist ja darauf ausgerichtet. Es ist Eines auf das Andere ausgerichtet, der typisch kapitalistische Verwertungskreislauf. Einen Kreislauf den ich hasse. In China ist gerade ein Sack Reis umgefallen.

Warum gehen gute Leute, Freunde ... von dieser Welt und ich muß jeden Tag wieder aufwachen?
Das Systemmotto: "Gib mir Dein Geld! - Jetzt, Du dreckiges Opfer !!!! - Und habe immer ANGST VOR DEM MORGEN !!!"

"Hört auf, Profite über Menschen zu stellen!" Occupy
Permanent angelogen & VERARSCHT IN DEUTSCHLAND! - Ich habe mit Dir fertig

Kuddel

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #17 am: 13:38:48 Fr. 04.Dezember 2015 »
Zitat
VW-Aktien im Aufwind
Ernst Wolff 28.11.2015
Die Absurdität unseres Finanzsystems

Mitte September deckte die US-Umweltschutzbehörde die kriminellen Machenschaften des VW-Konzerns bei der Manipulation von Abgaswerten auf. Die ersten Meldungen von 11 Mio. betroffenen Fahrzeugen deuteten bereits an, dass VW vor der größten Herausforderung stand, die das Unternehmen je zu bewältigen hatte.

Inzwischen hat es weitere Hiobsbotschaften gehagelt: Das Bundesverkehrsministerium in Berlin hat im Oktober bekannt gegeben, dass auch Millionen in Europa zugelassene Volkswagen von dem Skandal betroffen sind. Die amerikanische Umweltschutzbehörde wiederum hat die Weltöffentlichkeit Anfang November darüber informiert, dass bei den Automarken Audi und Porsche ebenfalls manipuliert wurde.

Die jüngsten Tiefschläge kamen aus Südkorea und Kalifornien. Zunächst verurteilte das südkoreanische Umweltministerium VW zu einer Geldstrafe von 11,6 Mio. Euro und verlangte den Rückruf von 125.000 Dieselfahrzeugen bis zum 6. Januar 2016. Dann teilte die kalifornische Umweltbehörde mit, sie setze Volkswagen, Audi und Porsche eine Frist von 45 Tagen, um einen Rückrufplan für die betroffenen Fahrzeuge einzureichen.

Der finanzielle Schaden für den Konzern lässt sich derzeit noch nicht einmal annähernd einschätzen. Die Umrüstung der Fahrzeuge wird Milliarden verschlingen, und die Strafzahlungen, die allein in den USA drohen, werden zurzeit mit 18 Mrd. Dollar beziffert. Volkswagen hat bisher ganze 6,5 Mrd. Euro für diese Zahlungen zurückgestellt.

Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass Staaten mit eigener Autoproduktion alles tun werden, um VW weiter in die Enge zu treiben, um so die Konkurrenzsituation der eigenen Marken zu verbessern. Aus diesem Grund wird dem Wolfsburger Konzern in der tiefsten Krise seiner fast 80jährigen Geschichte auch zukünftig ein eisiger Wind entgegenwehen.

Trotzdem steigt der Aktienkurs

Gleichzeitig aber zeichnet sich am Aktienmarkt eine Entwicklung ab, die diese Tatsachen vollkommen zu ignorieren scheint: Seit knapp zwei Wochen steigt der Kurs der VW-Aktie stetig an. Wie kann das sein...? Glauben Investoren allen Ernstes, dass VW wie ein Phönix aus der Asche steigen und als Gewinner aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen kann?

Keinesfalls. Die steigenden Kurse sind nur eine Folge der Deregulierung der Finanzmärkte und ein hervorragendes Beispiel für den Wahnsinn, der die Aktienmärkte derzeit beherrscht. Die Deregulierung erlaubt es großen Investoren (wie z.B. den Hedgefonds) nicht nur, an steigenden Kursen (die ja die positive Einschätzung der Entwicklung eines Unternehmens widerspiegeln), sondern auch an fallenden Kursen zu verdienen. Das funktioniert unter anderem über den Mechanismus der Leerverkäufe (englisch: short selling).

Bei einem Leerverkauf setzt ein Investor darauf, dass der Kurs eines Unternehmens fallen wird. Statt ein Aktienpaket zu kaufen, leiht er es sich zu einem niedrigen Preis (im Allgemeinen 1 bis 2 Prozent des Kurswertes), verkauft es umgehend und hat nun innerhalb der Leihfrist Zeit, die Aktien mit dem eingenommenen Geld zu kaufen.

Im Falle VW haben viele große Investoren unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Skandals auf fallende Kurse gesetzt und solche Leerverkäufe getätigt. Dass genau zwei Monate nach Einsetzen des Skandals der VW-Aktienkurs wieder in die Höhe geschnellt ist, zeigt, dass viele von ihnen sich die Aktienpakete für zwei Monate geliehen hatten und sie nun auf Grund vertraglicher Abmachungen die gleiche Menge Aktien kaufen müssen, um sie zurückgeben zu können.

Wetten schaffen keine Werte
weiter: http://www.heise.de/tp/artikel/46/46697/1.html

Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #18 am: 19:44:57 Fr. 01.Januar 2016 »
Für die besondere Wolfsburger Konstellation zwischen Werk, Gewerkschaft und Politik sind neben dem Porsche/Piech-Clan zwei weitere Personen nicht ganz unwichtig: der legendäre Firmenpatriarch Heinrich Nordhoff (1948 bis 1968) und der erste Betriebsratsvorsitzende Hugo Bork (1951 bis 1971). Der ehemalige Wehrwirtschaftsführer Nordhoff und der Arbeitervertreter waren bis 1945 beide Mitglieder der NSDAP. Beide verband eine antikommunistische Einstellung.

In den Fünfzigern:
Zitat
Sozialkritische Bühnenstücke - zum Beispiel von Brecht lehnte die Werkleitung als für das Wolfsburger Publikum ungeeignet ab.
http://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/aufbau_west_ost/katlg12.htm

Diese immerwährende große Koalition funktionierte schon damals unter anderem deswegen, weil es keine Anknüpfungspunkte an die Gewerkschaftsbewegung der Weimarer Republik gab. Junge Stadt, junge Gewerkschaft in der Findungsphase. Dazu passt, dass zu Anfang viele katholische Arbeiter aus dem Ruhrpott gekommen waren (Nordhoff bevorzugte Katholiken), die aber ziemlich bald gegen protestantische Ostflüchtlinge ersetzt wurden, die weniger Kampfbereitschaft mitbrachten, weil sie eher aus ländlichen Regionen stammten.

Die wirtschaftliche und auch kulturelle Abhängigkeit vom Werk hat außerdem verhindert, dass sich eine selbstständige Alternative entwickeln konnte, geschweige denn dass es nennenswerte Arbeitskämpfe gab. Die Verbindung VW/IGM in Wolfsburg war schon immer ein Wohlstandsmodell und auch Testlabor für den Rest der Republik, unter anderem auch die Agenda 2010. Der gemeine Wolfsburger sagt übrigens nicht:“ Ich bin Arbeiter im Werk“ oder „ich bin bei VW beschäftigt“, sondern er spricht von sich als Werks-Angehörigen. So stark ist die „una familia“ auch sprachlich in den Gehirnen verankert.

Von den knapp 60.000 Werks-Angehörigen in Wolfsburg ist nur gut ein Drittel direkt in der Produktion beschäftigt. Dort werden täglich 4000 Autos zusammengebaut. Die übrigen sind in der Verwaltung, in der Forschung, im Management und als sonstwas angestellt. Das heißt, dass es eine relativ starke sehr gut verdienende Mittelschicht gibt, die sich vorzüglich in Wolfsburg und Umgebung eingerichtet hat. Diese Mittelschicht würde einen Teufel tun, sich mit den gemeinen Arbeitern zu solidarisieren. Das ist aber eh nicht nötig, weil auch der Arbeiter in der Produktion gut verdient und ansonsten auch prima ruhiggestellt wird: in keiner anderen Stadt dieser Größenordnung gibt es wohl ein ähnliches Bespaßungsangebot wie in Wolfsburg. Selbst die Leiharbeiter verdienen noch überdurchschnittlich.

Man kann diese ganze Sozialpartnerschaft und Vetternwirtschaft in Wolfsburg zwar zum Kotzen finden, insgesamt wird es die Wolfsburger aber nicht jucken. Dafür geht es ihnen zu gut mit diesem Modell. Dass dieser Wohlstand auf Kosten der schon erwähnten italienischen Gastarbeiter oder der anderen Produktionsstandorte erwirtschaftet wird, interessiert die Wolfsburger auch nicht. Wolfsburg ist nie wirklich eine Arbeiterstadt mit einem Arbeiterbewusstsein gewesen, wie es vielleicht die K-Gruppen und andere Leute gerne gehabt hätten. Stattdessen wurde schon sehr früh der Grundstein für diese mythenhafte Schicksalsgemeinschaft zwischen VW, IGM, und Politik gelegt, die auch heute noch gepflegt wird. Vielleicht brauchen die Leute diesen Mythos ja auch, denn der Arbeitsplatz bei VW in Wolfsburg ist der einzige Anker, der in dieser potthässlichen Monostadt etwas Halt gibt.

Von Wolfsburg als Sitz des Stammwerks sollte man nichts gutes erwarten, eher von den anderen Standorten.


Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #19 am: 01:03:56 Sa. 02.Januar 2016 »
Nochmal ein Versuch, Wolfsburg und VW besser zu verstehen

Heinrich Nordhoff, damaliger Chef von VW, zur Forderung der 40-Stunden-Woche 1955:
Zitat
"Ich will auch, obwohl das vielleicht nicht populär ist, daran erinnern, daß es auch ein Glück der Arbeit gibt, dessen Befriedigung unendlich viel größer ist als die des Müßiggangs. Sicher wäre ein freier Samstag für viele ein schönes Geschenk, aber für viele auch ein Fluch. Die meisten Menschen leben ohnehin auf der Flucht vor sich selbst, ihnen wird ein fehlender Arbeitstag die Leere noch vergrößern und die trostlose Flachheit, in der freie Zeit vertrödelt wird, noch stärker zutage treten lassen."
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-31971510.html

Insgesamt war der Organisierungsgrad bei VW recht gering. Da die bundesweite Kampagne „Samstags gehört Vati mir“ der IGM allgemeine Zustimmung fand, musste auch Nordhoff Zugeständnisse machen. Darauf verkündete die IG-Metall ebenfalls 1955:
Zitat
"Dank der aktiven Arbeit unserer Gewerkschaftskollegen ist Nordhoff nicht mehr der König in seinem Reich, weil wir ihm Paroli bieten. Da wir wissen, daß die Wolfsburger einen Mythos brauchen, sind wir jetzt dabei, einen neuen Mythos zu schaffen - den Hugo-Bork-Mythos."
http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/31971510

1957 kam dann die 40-Stunden-Woche bei VW.

Heinrich Nordhoff hatte im Rahmen des Wirtschaftswunders quasi im Alleingang für relativ gute Arbeitsbedingungen gesorgt, zum Beispiel mit den jährlichen Mitarbeiterprämien, wohlwissend dass nur dadurch die nötigen Arbeiter angelockt werden konnten, um seinen internationalen Expansionskurs ausführen zu können. Insgesamt lag der Lohn aber immer noch knapp unter dem der Kumpel im Ruhrgebiet.
VW gehörte nie dem Arbeitgeberverband an. In anderen Betrieben gerade in Niedersachsen aber wuchsen dadurch die Begehrlichkeiten der Metallbeschäftigten, so dass sowohl die Betriebe, z.B. Hanomag als auch die IG-Metall unter Verhandlungsdruck standen.

Hier nun hat die Gewerkschaft den Hugo-Bork-Mythos kreiert, um zu vermitteln, dass es die Gewerkschaft war, die die Erfolge errungen hat. Es ist zwar richtig, dass die IGM bundesweit die 40-Stunden-Woche in Tarifverträgen allmählich durchgesetzt hat, in Wolfsburg aber war die IGM lediglich Trittbrettfahrer.
Nordhoff war schlau genug, die Gewerkschaft mit ins Boot zu holen, denn mit „guten“ Arbeitsbedingungen, die vorgeblich von einer Gewerkschaft erkämpft wurden, konnte man auch Arbeiter anlocken. Es gibt noch genügend Augenzeugenberichte, wie scheiße und mühsam die Arbeit im Werk in den 50ern und 60 ern wirklich war. Das wurde nur durch die Gastarbeiter abgemildert, die die besonders beschissenen Arbeiten verrichten mussten, z.B. Lackierei.
Sämtliche Verbesserungen sind nicht der Kampfbereitschaft der Beschäftigten geschuldet, sondern der Erkenntnis der Unternehmensführung, dass es sonst kein Personal gibt, denn das spärlich besiedelte Umland war schnell ausgeschöpft.

Als junge Stadt ohne weitere Geschichte muss aktiv Geschichte geschrieben werden. In Wolfsburg wurden daher Legenden und mythische Figuren gebildet. Das sind natürlich Ferdinand Porsche, Peter Koller (Stadtplaner), Heinrich Nordhoff und eben Hugo Bork. Der Gewerkschafter, Betriebsratsvorsitzender und Bürgermeister in Personalunion Hugo Bork gilt auch heute noch als Musterbeispiel der Bodenständigkeit, Bescheidenheit und sozialem Engagement und somit als Vorbild der IG-Metall Wolfsburg, der zweitgrößten Niederlassung der größten DGB-Gewerkschaft.
Die Unternehmensführung nahm und nimmt dieses gewerkschaftliche Feigenblatt gerne in Kauf, da sie absolut nichts zu befürchten hat. Und so radelt der schon längst vestorbene Hugo Bork immer noch imaginär durch die Fuzo und alle grüßen ihn und er grüßt zurück.

Da, wo nur Verklärung und Lügen überliefert werden, sollte man auch nichts anderes erwartet.

Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #20 am: 17:13:32 Sa. 02.Januar 2016 »
2013 waren von den 1.1 Mio Beschäftigten in der Autoindustrie 100.000 Leiharbeiter und 250.000 Werkvertragsbeschäftigte. VW bildet da natürlich keine Ausnahme und so gab es im September 2015 eine Protestaktion in Wolfsburg (wobei 100 Teilnehmer recht wenig erscheinen):
Zitat
„Es geht gegen die Spaltung von Stammbelegschaften“, betont Jutta Ehlers, politische Sekretärin der IG Metall. Egal ob Ceva, Hansmann oder Schnellecke – auch in Wolfsburg seien laut IG Metall zahlreiche Mitarbeiter von einem Missbrauch der Werkverträge betroffen.
http://www.waz-online.de/Wolfsburg/Stadt-Wolfsburg/Werkvertraege-Protest-Faire-Bezahlung!

Gerade die Spedition Schnellecke hat eine wundersame Karriere hingelegt. Als Wolfsburger Unternehmen ist es schon immer für VW gefahren, aber richtig groß wurde Schnellecke erst, als es sich Anfang der 90er die Karosseriewerke Dresden GmbH (KWD), einen Zulieferer für die Automobilindustrie, einverleibte. Mittlerweile „steuern und optimieren 17.000 Mitarbeiter Lieferströme, konfektionieren bedarfsgerecht, liefern „just in time“ und „just in sequence“ an die Produktionsbänder der Automobilindustrie und übernehmen die Montage von Komponenten sowie die Vormontage und Veredelung ganzer Baugruppen.“
http://iran.ahk.de/fileadmin/ahk_iran/Event/NMWAV-Broschuere-Delegation-Iran-WEB_01.pdf

Schnellecke als Werkvertragsunternehmen ist inzwischen selbst zu einer eigenen Größe geworden und bietet Komplettlösungen für Unternehmen an. Überall da, wo VW ist, hat auch Schnellecke seine Niederlassungen.
Das wäre wenig spektakulär, gäbe es nicht auch die andere Seite des Geschäftsführers Rolf Schnellecke:
In den 80ern war er Referatsleiter Wirtschaft, Finanzen, Internationale Beziehungen in die Staatskanzlei Hannover. Dort war er auch von 1986 bis 1990 Leiter der Kabinettsabteilung.
Von 1995 bis 2011 war er Bürgermeister von Wolfsburg. Just in diese Zeit fällt der rasante Aufstieg der Schnellecke-Group. Selbst seine Beteiligung an der Auslagerung der Sitzteilfertigung nach Polen konnte ihm nichts anhaben.
2001:
Zitat
Warum (...) bekommt der Stadtchef einen Auftrag nach dem anderen? Darf ein Stadtoberhaupt mit dem größten Arbeitgeber am Ort Geschäfte machen (...)?
Unangenehme Fragen, so scheint es. Als vor der Oberbürgermeisterwahl im Februar dieses Jahres Schnelleckes VW-Connection angeblich hochzukochen drohte, soll das Thema binnen Stunden von einer unheiligen Allianz aus Politik, VW-Managern und Betriebsrat beerdigt worden sein.
Nicht einmal der politische Gegner soll damals versucht haben, aus der konfliktträchtigen Symbiose Kapital zu schlagen. Dies ist auch kein Wunder gewesen. Ein führendes SPD-Mitglied ist zugleich Betriebsrat bei VW, außerdem Aufsichtsrat des von VW gesponserten Fußballbundesligisten VfL Wolfsburg. In letzterer Funktion verhandelt er gerade mit Schnellecke in dessen Eigenschaft als Oberbürgermeister über den Bau eines neuen Stadions.
(…) der Aufstieg Schnelleckes vom Kleinspediteur mit zwei Lieferwagen zu einem Logistikunternehmer mit weltweit 6000 Mitarbeitern und gut einer Milliarde Mark Umsatz scheint ohne einflussreiche Helfer im VW-Konzern kaum möglich gewesen zu sein.
http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/a-158115.html

Nach einer Razzia wegen Vorteilnahme im Wahlkampf der inzwischen von Rolf Schnellecke bewohnten „Nordhoff-Villa“ 2010 sagt er empört:
Zitat
"Ich habe mir über die 35 Jahre als Beamter nicht das Geringste zuschulden kommen lassen."
http://www.welt.de/print/wams/vermischtes/article11400679/Das-Prinzip-Wolfsburg.html

Das kann man als amüsante Provinzposse abtun, es sind aber alles andere als provinzielle Dimensionen, um die es da geht: vor ein paar Monaten veranstaltete das Land Niedersachsen zum Beispiel eine Reise inklusive Wirtschaftsdelegation in den Iran. VW hatte kurzfristig (wohl aus Imagegründen) die Teilnahme abgesagt. Egal, die Vorhut in Form von Rolf Schnellecke war natürlich mit an Bord:
Zitat
"Donnerwetter!", entfährt es Rolf Schnellecke von der Schnellecke Group AG & Co. KG, Autozulieferlogistik. Er wird sein Bild von Iran überdenken müssen.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-139456030.html

Diese Glückwunschanzeige zu Piechs 75. Geburtstag 2012 sagt eigentlich mehr aus als alle Fakten:

http://www.braunschweiger-zeitung.de/media/638567--4842/Piech-Beilage.pdf

Bowie

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #21 am: 20:25:33 Fr. 26.August 2016 »

counselor

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #22 am: 20:50:25 Fr. 26.August 2016 »
Der ganze Haufen von Verantwortlichen und Mitwissern gehört für die Schäden persönlich haftbargemacht.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

dagobert

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #23 am: 22:58:54 Fr. 26.August 2016 »
Zitat
Abgas-Affäre: Regierung wusste seit Jahren von Manipulationen
Was anderes hätte mich auch gewundert.

Pfeifen die Spatzen doch schon seit Jahren von den Dächern:
http://www.chefduzen.de/index.php?topic=23385.msg310148#msg310148

Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #24 am: 16:42:48 Fr. 23.September 2016 »
Ungewöhnlich viele Produktionsausfälle in letzter Zeit:

Zitat
Kaputte Presse: VW muss Golf-Produktion stoppen

22.09.
Wolfsburg. Die Bänder in der Golf-Produktion in Wolfsburg stehen schon wieder still. Wegen technischer Probleme im Presswerk muss VW die Fertigung seines Verkaufsschlagers für mehrere Tage stoppen, wie ein VW-Sprecher gestern auf WAZ-Anfrage bestätigte. Tausende Mitarbeiter bleiben ab heute zu Hause, erst am Mittwoch sollen im Werk Wolfsburg wieder Golf-Autos gebaut werden.
http://www.waz-online.de/VW/Aktuell/VW-muss-Produktion-des-Golf-tagelang-einstellen

Könnten auch Absatzschwierigkeiten sein und die Halden sind voll.

Zitat
Zwangspause bei VW dauert bis Mittwoch
24.09.
Wolfsburg. Zwangspause in der Golf-Produktion: Wegen eines technischen Defekts im Presswerk stehen die Bänder noch bis zum kommenden Mittwoch still. Die von dem Ausfall betroffenen 6000 Mitarbeiter erhalten ihre Bezüge auch während der Unterbrechung, wie ein Unternehmenssprecher von VW gestern erklärte.(...)Nach WAZ-Informationen handelt es sich bei dem technischen Problem mit der Presse, die in Halle 1a steht, um ein höchst seltenes.(...)Nach Insider-Informationen hat es einen vergleichbaren Defekt an einer Großpresse bislang nicht im Wolfsburger Werk gegeben.
http://www.waz-online.de/VW/Aktuell/Zwangspause-bei-VW-dauert-bis-Mittwoch

Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #25 am: 20:18:41 Fr. 30.September 2016 »
VW hat ein grundsätzliches Problem damit, Sachen aufzuarbeiten, nicht nur bei den Dieselmotoren, sondern nun auch mit seiner Rolle in Brasilien während der Diktatur:

Zitat
27.06.2016
Ex-Sicherheitschef von VW in Brasilien zur Kollaboration mit Diktatur angehört

Opfer fordern Schuldanerkennung von VW do Brasil. Ehemaliger Oberst weist alle Vorwürfe zurück. Staatsanwalt will neue Dokumente von Mutterkonzern (...)
https://amerika21.de/2016/06/155089/aussagen-vw-brasil-diktatur

Da geht es um Überwachung der Mitarbeiter innerhalb und außerhalb des Werksgeländes, die Weitergabe von Informationen an die Polizei und die Erstellung von "schmutzigen Listen" über unliebsame Arbeiter, Schlagen, Folter und Terror mit Wissen des Unternehmens und natürlich das große Schweigen. Man darf gespannt sein.
Wenn man überlegt, wie lange es gedauert hat, bis in Wolfsburg das Thema NS-Zeit mal endlich auf den Tisch kam, wieviele Lücken und bewusstes Ignorieren bis heute bei VW und in der Stadt üblich sind, dann dauert das in Brasilien auch noch ein paar Jahrzehnte. Die Aufarbeitung ging hier erst mitte 80er gegen viel Widerstand los.
Wer sich dafür näher interessiert abseits der Propaganda, hier ein Text von einem der ersten Nestbeschmutzer, der damals jede Menge Staub aufgewirbelt hatte:
Porsche & Piëch haben gesiegt
http://www.sopos.org/aufsaetze/488762df75794/1.phtml  

und von einem anderen ein genauerer Überblick:
Die Vergangenheit ist nicht vorbei
http://www.schattenblick.de/infopool/politik/wirtsch/pwun2290.html

Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #26 am: 12:47:56 So. 02.Oktober 2016 »


Wenn VW ernsthaft dabei mithelfen will, seine Rolle in Brasilien aufzuklären, darf ein Name auf keinen Fall fehlen:  Friedrich Wilhelm Schultz-Wenk.
Dieser glühende Nazi war 1948 nach Brasilien ausgewandert, hatte Kontakte geknüpft und dann den Nazi und ehemaligen Rüstungsmanger Heinrich Nordhoff davon überzeugt, in Brasilien ein Werk zu bauen. Nordhoff war begeistert, zumal nach seinen Worten im unterentwickelten Brasilien die Menschen direkt vom Baum ins Auto steigen.
Schultz-Wenk war von 1950 bis 1968 Chef von VW Brasilien. Aus dem Jahr 1966 stammt eine Stern-Reportage über Schultz-Wenk, die aufschlussreiche Einblicke in die Welt von VW in Brasilien liefert. Es gebe vielleicht 200 wichtige Leute, Minister, Governeure, Generäle, Banker und so weiter, die man kennen müsse, um etwas zu erreichen. Er kenne alle persönlich.
Auf die Frage, wie seine Beziehungen zu den Gewerkschaften sind, sagte er: "Ich bin meine eigene Gewerkschaft. Diese Beziehungen sind nicht wichtig, es gibt keine Streiks. Wer so etwas propagiert, wird gefeuert." Erst vor kurzem habe er die Produktion gesteigert, indem er einfach die Geschwindigkeit erhöhte. Aufseher übten Druck auf die Beschäftigten aus, die auf wundersame Weise parieren.
Quelle: STERN, 16 Oktober 1966

Dazu passt, dass ausgerechnet der KZ-Massenmörder Franz Stangl laut Abschlussbericht der brasilianischen Wahrheitskommission nicht nur als Mechaniker bei VW beschäftigt war, sondern auch den Werkschutz aufgebaut habe und für die Sicherheit zuständig gewesen sein soll.

Nachfolger von Schultz-Wenk in Brasilien wurde Rudolf Leiding, der auf das von  seinem Vorgänger geschaffene Korruptionsnetz aufbauen konnte. Dafür wurde er 1971 sogar zum Ehrenbürger von Sao Paulo ernannt, ausgerechnet vom damaligen Bürgermeister Paulo Maluf, der bis heute als Inbegriff der Korruption in Brasilien gilt.
Leiding ging zurück nach Wolfsburg und war bis 1975 Vorstandsvorsitzender. In diese Zeit fallen die Umstellung der Produktion auf den Golf, vereinzelte Arbeitsniederlegungen und Massenentlassungen der italienischen Gastarbeiter, die Installation von Gittern im "Tunnel" (einem Eingang, der unter dem Mittellandkanal zum Werk führt), weil man Aufruhr befürchtete und schriftliche Einschüchterungen an die Belegschaft. Auf Betriebsversammlungen betonte er stets, dass nur die Tochtergesellschaften Gewinn einbringen. Damit dürfte er hauptsächlich Brasilien gemeint haben, wo er sich bestens auskannte und um die Methoden wusste, wie man Leute ausbeutet.

Es ist eigentlich ziemlich offensichtlich, dass VW in Brasilien nicht nur deswegen recht früh aktiv wurde, weil es sich zu lohnen schien, sondern gerade weil eine personelle und ideelle Kontinuitat zwischen den Altnazis in Wolfsburg und den Altnazis in Brasilien vorhanden war. Durch diese alten Seilschaften hat sich VW in Brasilien und anderswo einen Einfluss ergaunert wie kaum eine andere Firma.

Das alles mag zwar lange her und deswegen vielleicht nicht mehr so interessant sein, das Problem ist aber, dass VW seine Geschichtsschreibung in die eigenen Hände genommen hat und deshalb unangenehme Fragen nicht vollständig beantworten wird. Die Geschichtsschreibung gehört zur Konzernkommunikation und im Zweifelsfall kann VW auch genug Druck auf unabhängige Forschung ausüben. Ausserdem sterben diejenigen, die den Finger in die offene Wunde gelegt haben, allmählich aus.

Aus Porsche & Piëch haben gesiegt:
http://www.sopos.org/aufsaetze/488762df75794/1.phtml

Zitat
Ein unnatürliches Ende nahm auch das Leben des SS-Hauptsturmführers Hans Körbel, der als VW-Betriebsarzt verantwortlich gewesen war für die Ermordung von über 300 Kleinkindern osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen durch »vorsätzliche Vernachlässigung«. (...) Im Helmstedter Kriegsverbrecherprozeß wurde Körbel 1946 zum Tode verurteilt und 1947 in Hameln gehängt, woran auch der evangelische Ortspfarrer nichts ändern konnte, der ihm bescheinigt hatte, sich geradezu aufopferungsvoll um die Kinder bemüht zu haben. Später machte er aus dem Mörderarzt sogar einen »Regimegegner«.

Dieser evangelische Ortspfarrer war nicht irgendeiner, sondern er galt als eine Seele von Mensch, war eine weitere wichtige mythologische Figur für die junge Stadt und hatte großen Einfluss auf die allgemeine Meinungsbildung. Dass der Verfasser des Aufsatzes den Namen nicht nennt, mag auch damit zusammenhängen, dass er gewaltig ein auf den Deckel bekommen hatte, als er es anfang der 90er ansprach.
Dieser Ortspfarrer, der den Massenmörder Körbel reinwusch, hieß Pastor Erich Bammel und war in der Nazizeit Mitarbeiter am Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben und wusste schon recht früh, welche Antworten es ansonsten so gab, wenn es um jüdischen Einfluss ging.

Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #27 am: 12:02:49 Mo. 24.Oktober 2016 »
Die Geschichtsschreibung gehört zur Konzernkommunikation und im Zweifelsfall kann VW auch genug Druck auf unabhängige Forschung ausüben. Ausserdem sterben diejenigen, die den Finger in die offene Wunde gelegt haben, allmählich aus.

Aktuellste Meldung zum Verhältnis von VW zur Wahrheit und Konzernkommunikation:

Zitat
Chefhistoriker von Volkswagen muss gehen
23.10.2016
Wolfsburg. Für den Chefhistoriker im Volkswagen-Konzern hat eine kritische Rezension zu einer Studie über die NS-Verstrickungen des Audi-Vorgängers Auto Union ein folgenreiches Nachspiel. Der Wissenschaftler Manfred Grieger und der VW-Konzern gehen künftig getrennte Wege.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur hatte sich VW-intern ein Streit über Griegers eigenen Umgang mit seiner Rezension ergeben. Der Konflikt sei derart festgefahren, dass eine Fortsetzung der Zusammenarbeit für beide Seiten unmöglich erschien.

Der VW-Chefhistoriker hatte als Experte in einem Fachmagazin eine Studie kritisiert, die Audi über den eigenen Vorgänger Auto Union und dessen Verstrickungen während der Nazi-Diktatur mit den NS-Eliten in Auftrag gegeben hatte. Beteiligt war daran auch ein Kollege Griegers bei Audi. Grieger attestiert dem Werk handwerkliche Fehler, verengte Sichtweise, lückenhaften Umgang mit Quellen und Unschärfen in der Sprache. Der Studie mangele es an Unvoreingenommenheit.

VW erklärte, der Grund für die Trennung sei ein unterschiedliches Verständnis zwischen Grieger und Volkswagen über die Zusammenarbeit. Konzern-Kommunikationschef Hans-Gerd Bode dankte dem Historiker „für seine in den vergangenen Jahren geleistete Arbeit“. Insider sagen: Nicht der kritische Inhalt von Griegers Rezension sei Auslöser für das Zerwürfnis. Demnach wurde Volkswagen vom Sprengstoff der Rezension kalt erwischt. Grieger hätte sich besser abstimmen müssen.

Griegers Aufgaben übernimmt vorübergehend Archivarin Ulrike Gutzmann.
http://www.waz-online.de/VW/Aktuell/Chefhistoriker-von-Volkswagen-muss-gehen

Zur Kritik an der Audi-Studie:
27.08.2016
Zitat
So würden in einer vom Audi-Vorstand in Auftrag gegebenen Studie über den Audi-Vorgänger Auto Union die „engen Beziehungen“ des Auto-Union-Managements zu den „NS-Eliten heruntergespielt“, kritisiert Grieger. Es würden weniger die Opfer des NS-Terrors bedauert als vielmehr die „Auslöschung“ der Auto Union am Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Forschungsansatz der Studienautoren sei teilweise „konzeptionell überaltert“, ihre Sicht „verengt“. Zudem bezeichne die Studie die Auto Union der ersten Kriegsmonate als „unbescholtenen Zivilfahrzeugbauer“, faktisch jedoch seien „die Beziehungen zu den NS-Eliten durch die drei Vorstände Richard Bruhn, William Werner und Carl Hahn eng“ gewesen. Grieger, der an der Universität Göttingen lehrt, konstatiert eine „abwehrende Haltung“ der Autoren: So anerkennten sie zwar die Verantwortung der Auto Union für die Menschenrechtsverletzungen im böhmischen KZ-Außenlager Leitmeritz, wo für 4500 für Auto-Union-Vorhaben eingesetzte KZ-Häftlinge starben, bestritten aber eine „direkte, justiziable Personalverantwortung“, weil der Einsatz der KZ-Häftling formal von der SS organisiert wurde.
http://www.wiwo.de/unternehmen/auto/einsatz-von-kz-haeftlingen-volkswagen-chefhistoriker-kritisiert-fehlerhafte-ns-aufarbeitung-durch-audi/14451584.html

02.11.2016
Geschichtswissenschaftler liegen mit VW über Kreuz

Zitat
Kritik am Abgang des Volkswagen-Chefhistorikers

Mehrere renommierte Historiker haben den VW-Konzern wegen eines angeblich unfairen Umgangs mit seinem inzwischen ausgeschiedenen Chefhistoriker kritisiert. „Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind wir über den Fall Grieger empört und überaus beunruhigt“, hieß es gestern in einer Erklärung.



Wolfsburg
. Die Historiker mahnen: „Es stellt sich die Frage, ob VW zur Geschichtspolitik vergangener Tage zurückkehren will, die einseitig der Verherrlichung der eigenen Geschichte unter Ausklammerung dunkler Seiten diente.“ Der Konzern wies die Kritik als unbegründet zurück

Ende Oktober war bekanntgeworden, dass der Konzern-Chefhistoriker Manfred Grieger Europas größten Autobauer nach fast 20 Jahren Zugehörigkeit verlässt (AZ/WAZ berichtete). Der Auslöser ist laut dpa-Informationen ein interner Streit über Abstimmungsvorgaben für Griegers Arbeit. Der Experte für Zwangsarbeit im Nazi-Deutschland hatte eine Studie über die NS-Verstrickungen der Konzern-Tochter Audi als handwerklich mangelhaft und verharmlosend kritisiert. Ende Oktober hat Grieger einem VW-Sprecher zufolge den Konzern verlassen. Er sei aber nicht entlassen worden, ebenso wenig habe VW eine Trennung forciert, sagte der Sprecher.

Das Schreiben der Historiker hat nun Prof. Hartmut Berghoff von der Universität Göttingen versendet, stellvertretend für seine Kollegen. Nach seinen Angaben haben mehr als 75 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland die Erklärung unterzeichnet, darunter auch Hitler-Biograf Ian Kershaw von der Universität Liverpool. Mehrere Historiker bestätigten der Deutschen Presse-Agentur, zu den Unterzeichnern zu gehören. „Der VW-Konzern, der selber aus dem NS-Regime hervorgegangen ist, fügt sich auf diese Weise einen in seiner Tragweite noch gar nicht übersehbaren Schaden zu“, heißt es in der Erklärung.

Ein VW-Sprecher erklärte: „Wir sind verwundert über diese Thesen. Sie sind durch nichts belegt.“ Volkswagen erkenne die von Grieger erbrachten Leistungen „unverändert an“. Volkswagen habe seine Geschichte „konsequent, ehrlich und nachhaltig“ aufgearbeitet und werde dies auch künftig tun.

Der VW-Betriebsrat hatte die Trennung von Grieger bereits als „einen Fehler“ und „großen Verlust für Volkswagen“ bezeichnet. Der Betriebsrat werde auch künftig auf die Beratung von Grieger setzen.
http://www.waz-online.de/VW/Aktuell/Kritik-am-Abgang-des-Volkswagen-Chefhistorikers

Erklärung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zum Ausscheiden des VW-Chefhistorikers und Unterzeichner im Wortlaut:
http://www.hsozkult.de/text/id/texte-3936

Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #28 am: 22:40:43 Mo. 31.Oktober 2016 »
Interessanter Artikel zu den Verstrickungen u.a. von Volkswagen in Folter und Unterstützung von Diktaturen. Man darf gespannt sein, ob das auch hier in den Leitmedien Thema wird, nachdem der Chefhistoriker aufgrund von Unstimmigkeiten mit der Konzernkommunikation gegangen wurde:

Zitat
Außenhandelskammer São Paulo und die Diktatur in Brasilien
30.10.2016

Unaufgearbeitete Verstrickungen. Deutsche Außenhandelskammer in Brasilien feiert 100 jähriges Bestehen. Diktatur-Förderer noch immer "Ehrenmitglied"

São Paulo. Die größte deutsche Außenhandelskammer der Welt, die AHK São Paulo, begeht am 23. November dieses Jahres in São Paulo eine große Gala zur 100-Jahr-Feier. In einer zu diesem Anlass erstellten Publikation geht die AHK auf die Dienste ihres langjährigen Präsidenten João Baptista Leopoldo Figueiredo mit lobenden Worten ein, der während seiner 19 Jahre währenden Präsidentschaft (1948-1967) "mit großem Erfolg" die Arbeit der AHK São Paulo geleitet habe. Unberücksichtigt bleibt dabei dessen Rolle während der brasilianischen Militärdiktatur.
(...)
Der 1910 in Santos geborene Bankier war Cousin des späteren SNI-Geheimdienstchefs und Militärpräsidenten João Baptista de Oliveira Figueiredo. Er wurde 1948 Präsident der 1916 gegründeten Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer São Paulo. Nach seinem Abschied 1967 wurde er Präsident von Saab-Scânia do Brasil und war zudem 1963 bis Mitte der 1970er Jahre Mitglied des Prüfungsrates (Conselho Fiscal) von Volkswagen do Brasil.
(…)
Figueiredos Verstrickungen in die Militärdiktatur gehen aber noch tiefer. So berichtet selbst die konservative Tageszeitung Globo 2013 in der historischen Rückschau über Figueiredo, dass dieser in wichtiger Position Gelder für die Folterzentren von São Paulo gesammelt habe.(...)
https://amerika21.de/2016/10/163016/ahk-sao-paulo-diktatur



Ebenfalls sehr lesenswert:
https://www.ila-web.de/ausgaben/400/festnahmen-und-repression-bei-vw-do-brasil

Fritz Linow

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Re:Filz und Korruption bei VW
« Antwort #29 am: 00:13:03 Fr. 04.November 2016 »
Hosianna, VW!

Zitat
03.11.2016
Volkswagen will Aufarbeitung

Im wichtigen Absatzland Brasilien holt VW seine Geschichte ein. Es geht um eine vermutete Kollaboration mit der früheren Militärjunta. Volkswagens Chefhistoriker trieb die Aufklärung dazu bisher voran. Nun ist der aber weg - und VW sagt, wie es ohne ihn weitergehen soll.

Wolfsburg/São Paulo
Der VW-Konzern gibt seiner Aufarbeitung zu mutmaßlichen Menschenrechtsverstößen während des Militärregimes in Brasilien eine breitere Basis. „Wir wollen Licht in die dunklen Jahre der Militärdiktatur bringen sowie das Verhalten der damals Verantwortlichen in Brasilien und gegebenenfalls auch in Deutschland aufklären lassen“, sagte die Chefin des Vorstandsbereichs Integrität und Recht, Christine Hohmann-Dennhardt, am Donnerstag.Für eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung der womöglich bis in die 1980er Jahre zurückreichenden Vorgänge habe der Konzern daher den Historiker Christopher Kopper von der Uni Bielefeld beauftragt.

Auch mal in den 30ern und 20ern schauen, als Nordhoff den Papst kennenlernte? Doch weiter im Text:

Zitat
Kopper solle „möglichst rasch“ beginnen und dafür auch nach Brasilien reisen. Zwischenergebnisse berichte er an einen internen Beirat. Seine Arbeit dürfte ein Jahr dauern. Das abschließende Gutachten solle „dann einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“.

Volkswagen sieht sich seit Jahren dem Vorwurf ausgesetzt, das Regime zwischen 1964 bis 1985 unterstützt und beispielsweise schwarze Listen über Mitarbeiter erstellt zu haben. Vor einem Jahr hatte Volkswagens damaliger Chefhistoriker Manfred Grieger erklärt, der Konzern wolle sich seiner Verantwortung für die mögliche Kollaboration stellen. „Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Unrecht, das damals geschehen ist“, sagte er damals nach Gesprächen mit Brasiliens Justizbehörden. Medien spekulierten Ende 2015 auch über Reparationszahlungen von VW.

Grieger und der Konzern hatten sich allerdings kürzlich getrennt. Dem vorangegangen war nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ein Streit über Abstimmungsauflagen für Grieger, nachdem der eine Analyse über die NS-Verstrickungen der Konzerntochter Audi kritisiert hatte. Volkswagen betonte, niemals Griegers Forschung beeinflusst zu haben.

 Kürzlich ergriffen Dutzende Historiker per offenem Brief Partei für Grieger. In dem Schreiben erwähnten die Wissenschaftler auch das Kapitel Brasilien: „Es stehen Vorwürfe im Raum, das Unternehmen habe wie andere deutsche Firmen das berüchtigte Folterzentrum Oban unterstützt und eng mit dem Geheimdienst der Diktatur kooperiert. Es gibt Bestrebungen, solche heiklen Themen unter den Teppich zu kehren. Noch hat sich VW nicht dazu geäußert, ob und wie das Brasilienprojekt nach dem Ausscheiden Griegers fortgesetzt wird.“

Der VW-Konzern betonte am Donnerstag, Griegers vakante Stelle wieder zu besetzen. Derzeit würden Möglichkeiten geprüft. Der Leiter der Konzernkommunikation, Hans-Gerd Bode, sagte: „Der Volkswagen-Konzern stellt sich weiterhin seiner historischen Verantwortung. Die Historische Kommunikation spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Dies stand auch nie zur Disposition.“ Und Hohmann-Dennhardt betonte: „So wie wir es auch schon bei der Aufarbeitung von Themen wie der NS-Vergangenheit und der Beschäftigung von Zwangsarbeitern frühzeitig und umfassend getan haben, so werden wir auch die Aufarbeitung der Rolle des Unternehmens in der brasilianischen Militärdiktatur mit der gebotenen Konsequenz und Nachhaltigkeit vorantreiben.“
http://www.waz-online.de/VW/Aktuell/Volkswagen-will-Aufarbeitung

Der Historiker Christopher Kopper ist übrigens der Sohnemann von Hilmar Kopper, der mit den "Peanuts", und der dem HSH-Nordbank-Verbrecher Nonnemacher 4 Millionen Euro Abfindung gewährte. Das sagt weniger etwas über die Kompetenzen und die Unabhängigkeit des Historikers Christopher Kopper aus als vielmehr über das fehlende Feingefühl und die Arroganz von Volkswagen.

Gerne verweilte der Führer in Brasilien: