Autor Thema: Deutschland  (Gelesen 1623 mal)

Kuddel

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Deutschland
« am: 12:26:02 Mi. 30.September 2015 »
Ich muß gestehen, daß es mir echt auf den Sack geht, wie leicht man es sich macht, wenn man sein persönliches Unwohlsein in den Verhältnissen formuliert. Die Vereinfachung und die Reduzierung auf den Begriiff "Deutschland" unterscheidet sich nur wenig von der Argumentation von Faschos. Wenn hier im Forum bis zum Erbrechen wiederholt wird, "da hilft nur noch Auswandern", dann ist es im Grunde nur die Fortsetzung der Pegida-Parole ""Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen".

Ich bin für die Durchlässigkeit von Grenzen und jedEr soll dort leben können, wo sie/er möchte. Das sind dann aber persönliche Entscheidungen. Das Auswandern zu einer politischen Forderung zu machen, halte ich für falsch. Was würde dabei rauskommen? Ganze Regionen/Staaten ohne kritische Geister, politischer und kultureller Rückschritt, Gleichschaltung der der absolute Horror.

Ich halte diese Vereinfachungen, daß alles Böse mit einem Land verbunden wird und mit einem anderen alles Gute, für bekloppt und politisch falsch. Mich kotzen alle Nationalisten an, genauso die fröhlichen Partypatrioten des Sports und die heimlich stolzen mag ich auch nicht. Aber genauso zuwider sind mir die Antideutschen, die jegliches Übel in dem Kennzeichen D sehen, die das Phantom der Nation zum Gegner machen, statt eine reale Ungerechtigkeit zu bekämpfen.

Ich hasse die deutsche Biederkeit, das Duckmäusertum, das öde und bedrückende Lebensgefühl. Logo. Aber das kann man nicht unbedingt an der Nationalität festmachen. Und wohin sollte man denn gehen? Ich finde nichts wirklich attraktiv.

Spanische Freunde von mir meinen, sie können bei ihren Deutschlandbesuchen richtig durchatmen, weil sie das reaktionäre erzkatholische Klima Spaniens nicht ertragen. In Spanien hören sie deshalb lieber deutschen Punk. Zum Glück sind im Forum die Stimmen verstummt, die sich "französische Verhältnisse" wünschen. Wie sehen die auch aus? Gegen die französische Sozialistische Partei erscheint die CSU noch als links. Es ist nicht ausgeschlossen, daß bei der nächsten Wahl die Faschisten die Mehrheit kriegen (jedenfalls erschreckend hohe Ergebnisse). In dem 70ern war Griechenland das Traumland vieler Linksalternativer. Heute ist es eine Kolonie mit 3.Welt Lebensbedingungen. Ich bin auch heilfroh nicht in dem alpenländischen Biedermannfaschismus Österreichs oder der Schweiz leben zu müssen. Ich war öfter in Polen. Ich find es dort unerträglich. Neoliberales Musterland. Arbeiten bis zum Umfallen gegen kleines Geld. Erzkatholisches bis rechtsradikales gesellschaftliches Klima. In den neuen baltischen Ländern ist's noch heftiger. Neben dem wachsenden ökonomischen Druck, gibt es einen (staatlich und aus dem Ausland geförderten) aggressiven Neofaschismus, daß man sich über Entwicklungen, wie in der Ukraine, in näherer Zukunft nicht wundern sollte. Und unsere schnuckelig alternativ daherkommenden Nachbarländer Holland und Dänemark? Das war mal. Die sind stramm nach rechts gerückt, Christiania aufgemischt, Coffeeshopbesuche nur nach Ausweiskontrolle, starke Rechtspopulisten in den Parlamenten. Soweit ich mich erinnern kann, hat in Deutschland auch noch nie ein aufgebrachter Mob versucht Drogenkonsumenten und Protituierte zu vertreiben, wie es in Holland mehrfach passiert ist. Und Schweden ist viel cleaner und spießiger als Deutschland, dafür doppelt so faschistisch. Ich muß auch nicht mit "Wahren Finnen" in der Sauna sitzen.

Ich habe mehrere Jahre im Ausland gelebt. Nach Rückkehr konnte ich Dinge hierzulande schätzen, die ich zuvor nie wahrgenommen habe. Es ist auch kein Zufall, daß viele Flüchtlinge nach Deutschland wollen. Es hier teilweise sogar interessantere politische Diskussionen, als anderswo. Chefduzen beispielsweise.

Letztendlich sehe ich keine andere Möglichkeit, als gegen Dummkultur und Ungerechtigkeit dort zu kämpfen, wo man ist. Ich glaube nicht an einen antinationalen, sondern an einen grenzüberschreitenden Kampf.

BGS

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Re:Deutschland
« Antwort #1 am: 13:15:59 Mi. 30.September 2015 »
Zitat
An das Publikum

    O hochverehrtes Publikum,

    sag mal: bist du wirklich so dumm,

    wie uns das an allen Tagen

    alle Unternehmer sagen?

    Jeder Direktor mit dickem Popo

    spricht: »Das Publikum will es so!«

    Jeder Filmfritze sagt: »Was soll ich machen?

    Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!«

    Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:

    »Gute Bücher gehn eben nicht!«

        Sag mal, verehrtes Publikum:

        bist du wirklich so dumm?

    

    So dumm, dass in Zeitungen, früh und spät,

    immer weniger zu lesen steht?

    Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;

    aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;

    aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn

    könnten mit Abbestellung drohn?

    Aus Bangigkeit, es käme am Ende

    einer der zahllosen Reichsverbände

    und protestierte und denunzierte

    und demonstrierte und prozessierte ...

        Sag mal, verehrtes Publikum:

        bist du wirklich so dumm?

    

    Ja, dann ...

            Es lastet auf dieser Zeit

    der Fluch der Mittelmäßigkeit.

    Hast du so einen schwachen Magen?

    Kannst du keine Wahrheit vertragen?

    Bist also nur ein Grießbrei-Fresser –?

    Ja, dann ...

        Ja, dann verdienst dus nicht besser.

Kurt Tiucholsky" Die Weltbühne", 07.07.1931, Nr. 27, S. 32,

Quelle: http://www.textlog.de/tucholsky-an-das-publikum.html

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

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Pappel-Max

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Re:Deutschland
« Antwort #2 am: 16:10:31 Mi. 30.September 2015 »
ja aber sagt mal .... ich kann mir kaum vorstellen das es nur mir so ergeht ....

jeder Tag kommt irgend ein anderer um die Ecke oder kriecht aus dem Busch und meint er muss mir/uns mitteilen wo gegen wir jetzt
bzw. heute uns wehren oder kämpfen sollen. Ich werde dieser ganzen Geschichten langsam müde, ich kann und will manche Dinge überhaupt nicht mehr hören, ich schalte immer öfter um ... wechsele die Sender im Radio und Fernsehen, die Zeitung wird schnell umgeblättert oder bis auf die Werbung schnell entsorgt, den Preiswert einkaufen muss ich ja ..... den der Monat ist lang.

Ich weiß nicht der ständig Kampf und immer bekommt man dann doch wieder einen auf den Deckel bzw. man wird ausgehungert
und hat dadurch wieder ein anderes oder neues Problem um was man sich vorrangig kümmern muss,
den dieser Monat ist immer noch sehr lang und der nächste Monat droht schon wieder grinsend um die Ecke, mit den nächsten Abrechnungen.
Ein gutes hat es ja .... Waffen brauchen wir keine mehr, der Kummer und die ständigen Sorgen erledigen uns auch so.

von "Kuhzunft" mag ich nichts mehr hören, ich dreh und winde mich und komme doch keinen Meter mehr voran.

gruß Pappel-Max
Kluge Leute lernen auch von ihren Feinden.
Aristoteles (384-322 v.Chr.)
Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.
(Johann Wolfgang von Goethe, 1749 - 1832)

Tiefrot

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Re:Deutschland
« Antwort #3 am: 23:13:20 Mi. 30.September 2015 »
Danke Pappel, das ist doch genau der Punkt.
Wem es so schon mies geht, kann sich nicht noch um andere Menschen kümmern,
und die, die es können, wollen nicht. Auch wenn es sich verdammt egoistisch anhört,
nur wer seinen Arsch selbst an der Wand hat, kann Gutes tun.

Übrigens bin ich nicht der Einzige, der so denkt. (Klick !)
Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
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schwarzrot

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Re:Deutschland
« Antwort #4 am: 02:20:33 Do. 01.Oktober 2015 »
Auch wenn es sich verdammt egoistisch anhört,
nur wer seinen Arsch selbst an der Wand hat, kann Gutes tun.
Schwachsinn.
Zitat
Übrigens bin ich nicht der Einzige, der so denkt. (Klick !)
Sehr schräger, komischer text, nicht nur bei dem:
Zitat
und die Bundespolizei ist mit Gummigeschossen zu gern bereit in die Menge zu schießen
Wär mir neu. Ich bin auf sehr vielen demos, bisher hab ich nicht erlebt, dass gummischrot zur ausrüstung der 'bundespolizei' gehört: Bei welcher demo wurde von der 'bundespolizei' denn 'in die menge' geschossen?

Ich glaub der schreiber war noch nie auf einer demo, auf der es, dank 'bundespolizei', heftiger abging.
Würde zu seiner these passen, dass man ja erst was tun könne, wenn es einem selber gut ginge (was natürlich nie gut genug ist, weswegen man nie was tun kann...).
"In der bürgerlichen Gesellschaft kriegen manche Gruppen dick in die Fresse. Damit aber nicht genug, man wirft ihnen auch noch vor, dass ihr Gesicht hässlich sei." aus: Mizu no Oto

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Tiefrot

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Re:Deutschland
« Antwort #5 am: 02:29:43 Do. 01.Oktober 2015 »
schwarzrot schrob von
Zitat
Schwachsinn.

Denke es lieber mal zu Ende:
Wärst du auf Dauer im Stande, dein Essen oder sonstwas zu teilen, wenn es nicht mal für dich reicht ?  ;)
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schwarzrot

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Re:Deutschland
« Antwort #6 am: 02:41:52 Do. 01.Oktober 2015 »
'Denke es lieber mal zu Ende':

Ich helfe täglich leuten, auch wenn es mir nicht wirklich prima geht.

Mir gehen diese 'man kann ja eh nix machen'-leute ganz gewaltig auf den senkel.

Schau dir die flüchlinge an, auf ihrer flucht: Sie schliessen sich in gruppen zusammen und helfen einander.
Nur den kapitalistisch-sozialisierten egoisten in den industriestaaten, ist schon das kleinste helfen zu viel.

Und nein, es geht nicht um 'dauerhaft dein essen, oder sonstwas zu teilen', es geht hier um ausreden suchen, um nicht helfen zu müssen.
Alter trick, so zu tun, als müsse man die hilfe soweit ausweiten, dass einem selbst nix bleibt, um rechtfertigungen zu haben, gar nichts tun zu können.
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Rudolf Rocker

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Re:Deutschland
« Antwort #7 am: 08:43:32 Do. 01.Oktober 2015 »
Auch wenn es sich verdammt egoistisch anhört,
nur wer seinen Arsch selbst an der Wand hat, kann Gutes tun.
Schwachsinn.

Da kann ich schwarzrot nur recht geben! Das ist völliger Schwachsinn und eine tolle Ausrede um nichts machen zu müssen!

BGS

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Re:Deutschland
« Antwort #8 am: 10:27:44 Do. 01.Oktober 2015 »
Es muss einem wohl selbst längere oder kürzere Phasen so richtig schlecht gegangen sein. Dann wird es selbstverständlich, Anderen zu helfen. So ists bei mir.

MfG

BGS
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Re:Deutschland
« Antwort #9 am: 16:15:01 Do. 01.Oktober 2015 »
Ich schließe mich der Argumentation von schwarzrot an.
Wenn der Mensch sohwohl zu einem "menschlichen" (also mitfühlenden und solidarischen), wie auch zu einem egoistischen und auf Konkurrenz ausgelegten Verhalten fähig ist, besteht kein Grund die unangehmere Seite zu fördern und als "Natur des Menschen" zu zementieren.

Vor kurzem hörte ich ein Radiofeature über ein Afrikanisches Land, das im Verhältnis zur Größe der Bevölkerung ein Vielfaches an Flüchtlichingen aufgenommen hat, von dem, was bei uns als Flüchtlings-"Flut" bezeichnet wird. Da es keine staatlichen Strukturen gibt, die sich um die Unterbringung und Verpflegung kümmern, wird das von einfachen Menschen übernommen. Sie nehmen Flüchtlinge in ihren beengten Hütten auf und teilen mit ihnen ihr Essen. Einige sind so arm, daß sie auf eine Malzeit am Tag verzichten, damit ihre Gäste etwas zu Essen haben.

Dieses Forum ist nicht dazu da, sozialdarwinische Propaganda zu verbreiten. chefduzen will solidarisches Verhalten fördern, eine Notwendigkeit in immer rauer werdenden gesellschaftlichen Verhältnissen.

Rudolf Rocker

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Re:Deutschland
« Antwort #10 am: 17:44:02 Do. 01.Oktober 2015 »
Auch in Griechenland gibt es Flüchtlingsinitiativen die von dem wenigen was sie haben, anderen abgeben.
Und hier treffe ich auch Leute aus der ehemaligen Erwerbslosenini bei der Flüchtlingsini wieder.
Also komisches Argument und eine schlechte Ausrede für Leute, die den Arsch nicht hochkriegen!

Vor allem: Wer kämpft denn für die Rechte der Ausgebeuteten, wenn nicht die Ausgebeuteten selber?
Das wurde ja sogar schon in einem alten Volkslied besungen: "Es kann die Befreiung der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter sein."

Tiefrot

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Re:Deutschland
« Antwort #11 am: 18:38:34 Do. 01.Oktober 2015 »
Rudi sagte:
Zitat
Vor allem: Wer kämpft denn für die Rechte der Ausgebeuteten, wenn nicht die Ausgebeuteten selber?

Merksam, weiter oben dachte ich in die gleiche Richtung.
Drück ich mich zu kompliziert aus ? ???
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Re: Deutschland
« Antwort #12 am: 12:27:52 Fr. 17.April 2020 »
Zitat
Die schwache Logik der "Starken"

Wir sind die Starken, die anderen sind die Schwachen. Das deutsch-niederländische Mantra in der europäischen Finanzpolitik ist nicht nur arrogant, es ist dumm. Wer es ausspricht, zeigt nur, dass er nicht die geringste Ahnung vom Zusammenleben der Nationen hat, kommentiert unser Autor.

"Wo die Not drängt, da wird Tollkühnheit zur Klugheit", sagte einst Niccolò Machiavelli – und er hat Recht. In Notzeiten zeigt sich, wer wes Geistes Kind ist, wem man vertrauen kann und wem nicht. Es zeigt sich auch, wer die intellektuelle Fähigkeit hat, über seinen eigenen Schatten zu springen und seine eigenen Dogmen in Frage zu stellen. Deutschland, die Niederlande und Österreich führen gerade vor, dass sie nicht über die Tollkühnheit verfügen, die zur Klugheit wird. Das wird sich bitter rächen.

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Quelle: kontextwochenzeitung
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti