Autor Thema: über das "System Hartz IV"  (Gelesen 11316 mal)

Onkel Tom

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #75 am: 11:13:15 Mi. 22.September 2021 »
Nun hatte ja das Bundesverfassungsgericht beschieden, das maximal 30% des Regelsatz
gekürzt werden darf. Es stellt in der Tat schon eine Entschärfung dar, jedoch liegen Ideen
in den BA-Schubladen, die den "Vollsanktionsverbot" entgegen treten.

Bekommt ALG-2-Bezieher_in z.B. 30% Sanktion, weil die schon in der EGV festgehaltene
Maßnahme nicht angetreten wird, steht dem SB frei, die Sanktion statt 3 Monate zu
verhängen, diese auf ein Zeitraum von 1 Monat zu verkürzen, wenn Betroffene_r sich
nun den Interessen des JC-SB beugt..

Was ist das denn ? Wie Harrald Thomee auf seiner Infoveranstaltung schon andeutete, lautet
das Motto Sanktionierte können durch Kuschen die Sanktion abmildern. Wie bereits bei vielen
Erwerbslosen bekannt ist, gleichen EGV-Verhandlungen einem Pokerspiel für Elos, die sich im
Bezug SGB-Gedöns (besser) schlau gemacht haben..

Inzwichen hat es sich auch herumgesprochen, das das ALG-2 komplett eingestellt wird, wenn
sich Elo nach der 2ten Aufforderung zum Termin etc. nicht meldet. JC geht dann einfach davon
aus "Lebt der Anspruchsberechtigte noch ?" und stellt das ALG-2 mittels "Fehlender Mitwirkung"
ein, bis sich Elo beim JC meldet.

Die Option Selbstwertgefühle und Mitbestimmung von Elos brechen zu wollen, wird wohl
zunehmen, sofern Widerständler_innen auf die 30% weniger ALG-2 nicht verzichten können.

Naja, Mitte Oktober werden die Parteien die Katze aus dem Sack lassen, ob nun auf Sanktionen
verzichtet wird, was ich jedoch nicht glaube.

Die BA müsste z.B. ihr Vergabeverfahren im Bezug Maßnahmen völlig umkrempeln, was auch
eine Abspeckung der Erwerbslosenindustrie nach sich ziehen würde..

Auf reiner Freiwilligkeit werden sich ALG-Bezieher_innen wohl nicht auf "Aktivierungsmaßnahmen",
die 3..9 Monate andauern einlassen, die in erster Linie so konzipiert sind, Elos weich zu kochen,
jeden schlecht bezahlten Job an zu nehmen.

Ich spekkuliere mal darauf, das "aus erzieherischen Gründen" nicht auf Sanktionsmöglichkeiten
verzichtet wird und die "Kreativität der Jobcentren" noch seltsame Blüten treiben wird,
Einsparungen an passiven Leistungen wieder ausgleichen zu wollen..

Jo, erst über Jahre Erwerbslose fertig machen und nun verspricht sich BA und ihre Maßnahmenträger
an den Erwerbslosen pädagogisch und plüschologisch rum docktern zu können / wollen.

"Wir wollen Ihnen doch nur helfen.." und im Hinterkopf  "warte mal ab..Dich kriege ich auch noch.."

Es gibt also kein Grund, sich auf die Sanktionsbegrenzung zu entspannen..
Der Übergriff findet dann via Hirnklemptnerei statt.  :Q
Lass Dich nicht verhartzen !

Tiefrot

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #76 am: 19:39:34 Mi. 22.September 2021 »
@Onkel Tom, du liegst komplett richtig.
Konnte genau dieses in meinem Umkreis beobachten.  >:(
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tleary

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #77 am: 02:06:55 Di. 19.Oktober 2021 »
An sich bin ich selbstverständlich auch der Ansicht, dass unter das Existenzminimum überhaupt nichts sanktioniert werden dürfte.
Man sollte da wohl noch einen Schritt weiter gehen, und statt des ohnehin schon durch das Weglassen eines definierten Warenkorbs (Hartz-IV-Satz beträgt nur soundsoviel Prozent des Einkommens der untersten 20 % der Bevölkerung) zu niedrig angesetzten Existenzminimums gleich ein soziokulturelles Grundeinkommen zu fordern, das auch jemandem, der sich nicht unter das Ausbeutungsdiktat des Kapitals mehr stellen kann (oder will), ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Und das wäre dann ein Betrag (ohne Miete, aber mit Heizkosten), der sich im Bereich von wohl um die 1.000 € (statt der aktuell gezahlten 445) bewegen müsste.

Aber so wie es sich jetzt darstellt, wurde durch das Wahlergebnis ohnehin der Bock zum Gärtner gemacht. Denn die Hoffnung, daß von genau jenen beiden Parteien (SPD+Grüne), die damals Hartz-IV nach unten durchgesetzt haben, abgeschafft wird, war ja mehr als illusorisch. Die Ausrede, daß die FDP auf die Beibehaltung von Hartz-IV bestanden hat, kommt da natürlich mehr als gelegen.

In deren tiefsten Innern wissen nämlich sowohl Grüne als auch SPD, daß dieser ausbeuterische Kapitalismus niemals zu solcher Blüte käme, würde man nicht mit der Peitsche Hartz-IV drohen können, das den sozialen Absturz eines jeden Arbeiternehmers bereithält, wenn dieser sich nicht dem Lohn- und Arbeitsbedingungsdiktat eines Kapitalisten unterwirft.
»Wir wissen, so wie es ist, kann es nicht weiter gehen. Aber es geht weiter.«
(Autor unbekannt)

Kuddel

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #78 am: 09:56:20 Di. 19.Oktober 2021 »
...ein menschenwürdiges Leben ... im Bereich von wohl um die 1.000 € (statt der aktuell gezahlten 445)

Endlich ein vernünftiger Gedanke zu diesem Thema.

Bowie

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #79 am: 15:13:24 Di. 19.Oktober 2021 »

BGS

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #80 am: 21:18:48 Di. 19.Oktober 2021 »
Ein menschenwürdiges Leben ohne entwürdigenden, unterbezahlten (Teilzeit-)Job in Deutschland?

Wann hat es sowas schon gegeben seit gezielter Abschaffung der ohnehin miesen "Arbeitslosenhilfe"?

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Kuddel

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #81 am: 15:03:28 Fr. 22.Oktober 2021 »
Inge Hannemann auf twitter:

Zitat
Ein großer Unterschied zwischen HartzIV und zur damaligen Arbeitslosenhilfe (vor Agenda 2010) war der Eingriff in die Privatsphäre. Den gab es nicht. Kein Eingriff in die Lebensgemeinschaften, ob man umziehen möchte, sich beruflich umorientieren möchte. Kein Blick in den Wäscheschrank, keine Bevormundung in die Lebensplanung der Kinder, keine Pflicht zur Dequalifizierung der eigenen Ausbildung o. Studium, kein grundsätzliches Misstrauen gg. Erwerbslosigkeit. Ja, es gab Sperren.Aber nach ausführlicher Abwägung. Ihr erinnert euch?

Bei HartzIV geht es um mehr als um 3€. Es geht auch darum die Würde des Einzelnen wieder herzustellen u. deren Rechte wieder zurückzugeben. Auch, wenn es lange her ist. Es war nicht alles rosa damals, aber es war würdiger. Auch ich war mal arbeitslos, aber nicht würdelos.

Nun kann man sagen: Die Würde bin ich selbst. Ja. Wenn man die Kraft dafür hat. Wenn man nicht in Vollzeit mit dem Jobcenter beschäftigt ist. Klingt pathetisch. Das sind aber Erfahrungswerte aus sehr vielen Begleitungen und aus der Arbeit JC heraus.

Onkel Tom

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #82 am: 10:19:42 Sa. 23.Oktober 2021 »
Dazu folgende Frage..

Gehört Selbstwertgefühle und Mitbestimmung (Selbstbestimmung) auch zur Würde des Menschen ?
Wenn ja, warum ist das H4-System immer noch aktiv ?

Durch dem Wandel zum 01.01.2005 bekamen viele Sachbearbeiter_innen soo viel Macht über andere
Menschen in die Hand.. Gut 10% konnten damit nicht "vernünftig" umgehen, schlimmer noch wurden
sie zu echten Monster, aus Erfolgsgeilheit heraus ihre ALG-Leistungsberechtigten um ihre Ansprüche
zu prellen.

Für sie galt nur "Sparen an Sozialausgaben um jeden Preis" und waren sowas von kreativ, Erwerbslosen
ans Bein zu pissen.. Dies legte sich vorübergehend ein wenig, wie ein JC selbst auf dem Visier der
Staatsanwaltschaft stand und in den Funkfluren der Hamburger JCs ertönte "Eine Kollegin hat nun
eine Strafanzeige wegen Nötigung am Hintern."

Heute ist die Rechtslage zu ungunsten von Leistungsempfänger_innen fast ausentwickelt.
Viele Schreibtischtricks und EGV-Hinterlistigkeiten begleiten den Weg des Erwerbslosen.

Resignation oder "Da kann man sowiso nichts gegen machen" ist ein Weg des Erwerbslosen in den
finanziellen Abgrund und wer sich daran gewöhnt hat, kann 100x darüber beten und hoffen, das alles
besser wird..

Es tut sich also nichts und Mensch kommt auch nicht drumherum, den eigenen Popo zu erheben,
sich zu wehren und gegen dieses H4-Systen an zu stinken.

Schließlich ist ja nur das möglich, was von Opfern zugelassen wird.

Kinder machen z.B. bei den FfF-Demos Mut vor. Warum können Erwerbslose das nicht ?  ::)
Lass Dich nicht verhartzen !

Tiefrot

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #83 am: 19:47:07 Sa. 23.Oktober 2021 »
Onkel Tom fragte:
Zitat
Kinder machen z.B. bei den FfF-Demos Mut vor. Warum können Erwerbslose das nicht ?

Dazu kann ich nur eine Vermutung äußern.
Die meisten Zeitgenossen beziehen ihr Selbstwertgefühl daraus,
ein Rädchen in der Maschinerie zu sein. Das die heutige Maschinerie
aber mit immer weniger Rädchen auskommt, will denen nicht in den Kopf.

Und wenn denen dann auch noch eingeprügelt wird, als Elo wären sie
nur noch unnütze Esser, ducken sie sich lieber, weils Ärger ersparen kann.

Ist wie so eine Zwickmühle, du kommst da kaum raus.  >:(

[Edith hat noch was an OT gekillt...]
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Kuddel

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Re: über das "System Hartz IV"
« Antwort #84 am: Gestern um 09:17:16 »
Das Selbstwertgefühl ist unbedingt Teil der menschlichen Würde.
Man kann es den Menschen nehmen, indem man ihnen ihre Entscheidungsmöglichkeiten, Mitbestimmung (Selbstbestimmung) und jegliche Freiräume einschränkt oder nimmt.

Inge Hannemann hat sehr gut beschrieben, wie das System Hartz IV genau das macht:
Zitat
...der Eingriff in die Privatsphäre. Den gab es nicht. Kein Eingriff in die Lebensgemeinschaften, ob man umziehen möchte, sich beruflich umorientieren möchte. Kein Blick in den Wäscheschrank, keine Bevormundung in die Lebensplanung der Kinder, keine Pflicht zur Dequalifizierung der eigenen Ausbildung o. Studium, kein grundsätzliches Misstrauen gg. Erwerbslosigkeit. Ja, es gab Sperren. Aber nach ausführlicher Abwägung. Ihr erinnert euch?

Das System Hartz IV hinterläßt zahllose gebrochene, kaputte Menschen.
Ein Mensch ohne Würde führt kein Leben, er stoffwechselt nur.

So wie es im Moment aussieht, will die Ampelkoalition nur den Namen in Bürgergeld ändern, das Prinzip der entwürdigenden Behandlung Erwerbsloser bleibt.

Die Erwerbslosen befinden sich in einer Situation, in der ihnen Mut und Kraft fehlen, sich zu organisieren, um sich gemeinsam zu wehren. Sie sind in einer so schwachen Position, daß sie auch nur wenig ausrichten können. Deshalb ist es notwendig, den Umgang mit Erwerbslosen zu einem Thema zu machen, das nicht nur Erwerbslose etwas angeht.

Hartz IV war auch ein Angriff auf die Arbeitsbeingungen. Ohne Hartz IV hätte der Niedriglohnsektor nicht ausgeweitet werden können.