Autor Thema: Truckerprotest in Rußland  (Gelesen 15811 mal)

Kuddel

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Truckerprotest in Rußland
« am: 20:05:11 Mo. 04.Januar 2016 »
Deutschland ist in einer Ausnahmesituation, 80% der LKW Fahrer sind angestellt, nur 20% sind selbstfahrende Unternehmer. In fast allen europäischen Staaten ist das Verhältnis umgekehrt. In Griechenland sind nahezu 100% der Fahrer selbstständig.

Deutsche Fahrer sehen osteuropäische Kollegen oftmals als Konkurrenz, die sie für den Verfall der Arbeitsbedingungen verantwortlich machen. Dabei stehen die Fahrer in Ost und West gleichermaßen unter dem Druck der Wirtschaft, immer billiger zu transportieren. In Rußland wurde der Grenze des Erträglichen überschritten und es brach eine Protestwelle los, über die in Deutschland nur wenig berichtet wurde. Der Protest ging von selbstfahrenden Unternehmern aus, die ihre Einnahmen durch die Kosten einer neuen Maut schwinden sahen. Sie sahen sich zudem dadurch provoziert, daß das Mautsystem von einem engen Vertrauten Putins betrieben wird. Die Proteste begannen im vergangenen November und es beteiligten sich mindestens 3000 LKW im gesamten Land. Von Regierungsseite reduzierte man die Mautgebühren und verstärkte die Repression gegen protestierende Trucker. Fahrer wurden gestoppt und gezwungen eine Erklärung zu unterschreiben, sie würden sich an keinen Protesten beteiligen. Es wurde mit dem Einsatz von Wasserwerfern gedroht. Als für den 1.-3.Dez. zentrale Proteste in Moskau angekündigt waren, verhinderte die Polizei, daß viele LKW die Hauptstadt erreichen konnten, mit dem Argument, es gehe um einen Antiterroreinsatz. Am 3.12. kam es zu Gesprächen zwischen Regierungsvertretern und Sprechern der protestierenden Fahrer. Die Protestbewegung ist abgeebbt, aber einige harrten auch über die Weihnachtstage aus mit Transparenten an ihren Fahrzeugen. Obwohl die Mautgegner mit Strafen belegt werden, gibt es noch immer Proteste.

Ein paar Links zu Presseberichten:
https://www.jungewelt.de/2015/12-07/027.php
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4884929/Russland_Der-Aufstand-der-russischen-Trucker
http://www.swp.de/ulm/nachrichten/politik/Russlands-Trucker-vor-dem-Ruin;art4306,3590348
http://www.heise.de/tp/artikel/46/46814/1.html
http://www.russland.ru/nawalnys-kampf-gegen-platon/

admin

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #1 am: 14:35:11 Di. 01.März 2016 »
Das LabourNet hatte die Auseinandersetzung bereits zusammengefaßt.
http://www.labournet.de/internationales/russland/arbeitskaempfe-russland/truckerprotest-in-russland/

Die westeuropäischen Fahrer sehen ihre osteuropäischen Kollegen oftmals als Konkurrenten. Die kämpfenden russischen Fahrer sind jedoch ein Hinweis darauf, daß sie nicht freiwillig als Niedriglöhner arbeiten und es sich nicht länger gefallen lassen wollen. Es ist an der Zeit den Schulterschluß zwischen Fahrern aus Ost-und Westeuropa zu suchen und sich nicht länger gegeneinander auspielen zu lassen.

Mich erreichte gearade eine e-Mail mit der Bitte um Solidarität:

Zitat
Russische LKW Fahrer_innen brauchen dringend eine solidarische Unterstützung

In Russland, trotz der harten Repressionen gegenüber allen unabhängigen Gewerkschaftsaktivisten und -aktivistinnen, hat sich Mitte November eine Gruppe von LKW Fahrern selbstorganisiert um ihre Arbeits- und Sozialrechte zu schützen. Ihr Ziel ist es, einen eigenen russlandweiten Verband zu gründen, der nach den Prinzipien nicht hierarchischer Beziehungen zwischen den Mitgliedern arbeitet. Den aktuellen, seit drei Monaten andauernden Streik führen sie gegen ein neues verfassungswidriges Gesetz, das Transportarbeitern das Verdienen des Lebensunterhalts nahezu unmöglich macht.
Seit dem 3. Dezember haben die LKW Fahrer am Rand von Moskau ein Protestlager organisiert, das als Zentrum des Streiks von allen Transportarbeiter_innen dient. Derzeit nehmen an dem Streik ca. 10 Tausend Fahrer_innen teil, und ab 20.02 wurden zusätzlich mehr als zehn Protestcamps in unterschiedlichen Regionen gegründet. Sie wollen streiken bis eine vollkommene Abschaffung des gesetzwidrigen Systems â Platon  erreicht ist. Platon ist eine neue Form der Gebühren für LKWs, die direkt mit dem korrumpierten Putinmachtsystem verbunden ist.
 
Die Ausbreitung und die Ernsthaftigkeit dieses Arbeiterprotests ist für Russland seit den 90er Jahren beispiellos. Streikende werden von vielen anderen unterdrückten Gruppen in Russland unterstützt. So sind im Kontext des Protests neue Netzwerke entstanden, worin die streikenden LKW Fahrer auch zusätzliche Forderungen formuliert haben, wie Forderungen nach der Reformierung der Wohnungspolitik, Rückkehr der Vergünstigungen für Rentner_innen sowie die Aufhebung der zusätzlichen Transportsteuer. Darüber hinaus verbinden sich viele Lohnarbeiter_innen und prekarisierte Selbstunternehmer_innen mit diesem neu gegründeten Verband und/oder gründen ihre eigene unabhängige Verbände, Gewerkschaften oder Unionen.

Trotz der breiten Unterstützung von Seite der Bevölkerung, hat das Camp eine katastrophale Not in Bezug auf die Ressourcen, vor allem brauchen die Streikenden finanzielle Unterstützung für die propagandistische Arbeit und für die Ernährung der Familien der Streikenden, die gerade keinen Lebensunterhalt beziehen. Deswegen wollen wir uns an internationale antikapitalistische und/oder gewerkschaftsorientierte Gruppen und Organisationen wenden und um Solidarität in jeglicher Form bitten (durch Weitergabe von Informationen, finanziell etc.).

Nach Möglichkeit wendet Euch an: solidarity_trucker@yahoo.com

Solidarische Grüße
Russische Trucker

10.000 kämpfende Trucker sind unglaublich viele. Ein solcher Kampf ohne Streikgeld ist hart.

Kuddel

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #3 am: 18:23:16 So. 06.März 2016 »
​Ich hatte gerade ein Skype Gespäch mit Streikenden in dem Protestcamp in Chimki (nahe Moskau) über eine Stunde lang.

Ich habe es auch aufgezeichnet, es war aber technisch in eher schlechter Qualität. Gern würde ich einen Zusammenschnitt davon machen. Mal sehen.

Kurz mal zusammengefaßt. Es war bewegend, ein Fahrer, der seit seinem 21. Lebensjahr fährt und eine Unterstützerin, die eine Zeit in Deutschland gelebt hat und übersetzte. Daneben saßen ein paar Kollegen, die einen gelegentlichen Kommentar abgelassen haben. Die neue Maut Platon geht nicht an den Staat, sondern an ein Konsortium der Privatwirtschaft. Es bricht den kleinen Unternehmern das Gnick und führt zu einer weiteren Monopolisierung, bei der nur einige Großspeditionen übrigbleiben. Es sind beim Streik und Protest auch angestellte Fahrer dabei, aber nur von kleinen Spediteuren.

Die Mobilisierung verlief kaum über das Internet, sondern man fuhr Parkplätze an, um direkt von Kollege zu Kollege zu reden und die zum Mitmachen zu bewegen. Das funktionierte recht gut. Doch fehlt ihnen das Geld, mehr herumzufahren. Repression ist heftig, Polizei, Zivilpolizei, Gemeimdienstleute, Provokateure, Drohungen gegen die gesamte Familie.

Sie sagten, es gibt keine Tradition von Arbeitskämpfen unter russischen LKW Fahrern. Sie betreten Neuland und müßten alles lernen. Die Medien sind sehr negativ, mal wird der Kampf totgeschwiegen, mal wird gehetzt.  Die Gewerkschaft vertritt nicht die Interessen der Fahrer, deshalb kämpfen sie für die Anerkennung einer eigenen Organisation, die die Interessen der Fahrer vertritt. Ca. 75% der Bevölkerung ist auf der Seite der Streikenden und es ist sehr rührend, welch Unterstützung sie von den einfachen Menschen kriegen. Und die sind oftmals selbst sehr arm. Die Fahrer sagten, es gäbe kein zurück. Sooo können sie nicht weitermachen und eine Alternative sehen sie auch nicht. Und würden sie jetzt aufgeben, würden sie, wenn sie wieder verstreut sind, von den Behörden fertiggemacht werden.

Sie würden sich über jede Form der Solidarität freuen, über e-mails, über Fotos und Videoclips, die solidarische Kollegen in Deutschland zeigen und in Russland veröffentlicht werden können. Und natürlich hätten sie nichts gegen finanzielle Hilfe. Nach 3 Monaten Streik ohne Streikgeld, werden bereits die Lebensmittel der Streikenden knapp.

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #4 am: 18:38:40 Sa. 12.März 2016 »
Die technische Qualität war grottig, deshalb habe ich Untertitel eingebaut.

! No longer available

Es ist beeindruckend, wie mutig die Streikenden sind angesichts der Repression und ökonomischen Not.

cyberactivist

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #5 am: 21:44:45 Do. 24.März 2016 »
Nur Exhibitionisten haben nichts zu verbergen.

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #6 am: 12:10:51 Fr. 25.März 2016 »

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #7 am: 14:58:26 Fr. 25.März 2016 »
Und schon kam Antwort aus Rußland:

Zitat
Hallo,
danke dir und euch für die Solidaritätserklärung und auch für die Verteilung der Flyer!
Wir werden es kollektiv lesen heute abend.
Herzlichst
solidarity_trucker@yahoo.com

antonov

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #8 am: 18:29:05 Fr. 25.März 2016 »
die Fahrerinnen fehlen

admin

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #9 am: 18:29:47 Fr. 25.März 2016 »
Mist!

Rudolf Rocker

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #10 am: 18:44:01 Fr. 25.März 2016 »
Die FahrerInnen oder Fahrer_innen oder Fahrer*innen?
Gibt es in Russland überhaupt Fahrerinnen?

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #11 am: 12:04:18 Mo. 28.März 2016 »
Gibt es. Jetzt auch auf diesem Plakat:





cyberactivist

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #12 am: 21:59:17 Mo. 04.April 2016 »
Nur Exhibitionisten haben nichts zu verbergen.

Nikita

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #13 am: 21:47:50 Do. 07.April 2016 »

Nikita

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Re:Truckerprotest in Rußland
« Antwort #14 am: 21:50:54 Do. 07.April 2016 »
Zitat
Verkehrsministerium: Lkw-Maut Platon bringt nur die Hälfte der Einnahmen

Das umstrittene Lkw-Maut-System „Platon“ wird laut dem russischen Transportministerium nur die Hälfte der geplanten Einnahmen für den Staatshaushalt einbringen. Auf etwa 20 Milliarden Rubel beliefen sich die voraussichtlichen Einnahmen 2016 laut Verkehrsminister Maxim Solkolow. 39,5 Milliarden Rubel waren eingeplant. Aufgrund von Protesten der Trucker war von einer Mauterhöhung von 1,53 auf 3,06 pro Kilometer zum 1. März abgesehen worden. Der alte Tarif gilt nun erst einmal weiter für Lkw mit einem Gewicht ab 12 Tonnen.

Die Maut war am 15. November eingeführt worden, um für Beschädigungen an föderalen Straßen durch die schweren Transporte aufzukommen.

http://www.ostexperte.de/