Autor Thema: Das Gewand der Freiheit: Der amerikanische Sozialdarwinismus  (Gelesen 1545 mal)

Klassenkampf

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Das Gewand der Freiheit: Der amerikanische Sozialdarwinismus
« am: 19:28:08 Mi. 17.August 2005 »
Die westliche Welt verharrt in Freiheit, führt gar militärische Interventionen in ihrem Namen. Die Verfolgung dieses hehren Zieles gestattet es zudem, international geächteten Angriffskrieg zu vollziehen und diplomatische Grundregeln zu mißachten – Mord und Totschlag im Sinne einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist lobenswert, so der politische Zeitgeist; beide stehen nicht in Konkurrenz zur biblisch-moralischen Verurteilung.
Der Umstand, Freiheit, als Produkt einer friedlichen Gesellschaft, mittels Gewalt zu überbringen erscheint suspekt, vielmehr paradox. Weitaus paradoxer allerdings: Spiritus Rector des globalen Kampfes für Freiheit sind die Vereinigten Staaten – ein Staatenbund, der den Begriff der Freiheit zwar als Vorwand, aber nur bedingt als Leitgedanken seiner Politik erachtet. Der edle Weltenpolizist, der sich im Inneren durch die Roosevelt Corollary – als Zusatz zur Monroedoktrin – bestätigt, liebt die Rolle des Gerechten und Guten, distanziert sich somit, im gleichem Atemzuge, vom Verdacht des korrupten Hüters einer demokratischen Weltordnung.

Das amerikanische Verständnis für Freiheit, definiert sich innen- wie außenpolitisch, durch den Leitspruch, daß jeder seines Glückes Schmied sei, und somit jedem der verdiente Lohn zuteil würde, wenn er nur wollte. Es zeichnet sich weniger durch das Prinzip der Gerechtigkeit und gleiche Chancen für alle, aus, als durch das Credo, wonach der Stärkere sich berechtigterweise durchsetzen werde; der Schwächere verfällt somit konsequenterweise seinem vermeintlichem Makel.
Die Evolutionstheorie Darwins findet somit in der Politik neoliberalen Ausmaßes Neuanwendung. Dem traditionell amerikanischen Leitgedanken, sowie die jüngst eingeforderten Tugenden von Eigenverantwortung und Selbstverantwortung des Individuums können als Hinwendung zum „Glückes-Schmied-Prinzip“ betrachtet werden – Survival of the fittest* als Grundlage der neuen Politik und als neue Umsetzung des freiheitlichen Daseins. Weniger die Mangelintervention der amerikanischen Administrationen bezüglich ihrer Sozial- und Wirtschaftspolitik, als die tiefverankerte Mentalität amerikanischer Weltanschauung ist es, welche die Vereinigten Staaten als Musterbeispiel zukünftiger Gesellschaftsformen erachten läßt.

Die Auffassung der Vereinigten Staaten bezüglich Freiheit und Demokratie allerdings, hat seit den Anfängen in den Kontinentalkongressen nur eine langsame, immer wieder stagnierende Entwicklung verzeichnet. Während in Europa Klassenkämpfe, Nationalkämpfe und Arbeiterbewegungen umzusetzende Utopien forderten, und das Recht des Individuums auf Freiheit untermauerten, genossen, jenseits des Atlantiks, Klassenkämpfe Seltenheitswert. Die wahrgewordenen Utopien des Gleichheitswahlrechts, Frauenwahlrechts und der Emanzipation von Minderheiten, finden ihre Wurzeln in Europas aufstrebenden Demokratiegebilden.
Mehr Demokratie wagen – dieser brandtsche Ausspruch, der auf Kontinuität des Ausbaus einer mündigen Gesellschaft setzte, wurde in den letzten Jahren ausgeblendet. Stattdessen wirft man neidvolle Blicke auf eine Gesellschaft, die traditionell der europäischen Freiheitsliebe nachlaufend agiert. Die Elite, die sich die Vereinigten Staaten als Musterbeispiel der Gesellschaft von Morgen auserwählt hat, stört sich zudem nur gering daran, daß eine Wandlung europäischer Demokratie zur Globaldemokratie amerikanisch-darwinistischer Natur, ein Rückschritt der Sozialpolitik darstellt. Das Ende des Freiheitsdrangs europäischer Demokratie, stellt eine Zäsur dar – dieser Drang steht in Kontinuität zur Aufklärung der vorrevolutionären Epoche.

Das amerikanische Muster, das sich zum Recht des Stärkeren bekennt, blendet aber maßgebende Tatsachen aus, welche einer Friedensgesellschaft unabkömmlich erscheinen. Eine Gesellschaft die den Starken als Maß aller Dinge betrachtet, die Egoismen fördert und Besonnenheit als Schwäche wertet, unmündigen Menschen die Konsequenzen ihres (oft nicht abzuschätzenden) Handelns in unnachgiebiger Weise spüren läßt, die Gleichheit der Menschen nur als Makulatur der Verfassung betrachtet und Krankheit und Gebrechen nicht als Leid des Einzelnen, sondern als Belastung der Gesamtheit anerkennt, erstickt in innerem Kriege.
Das Musterbeispiel europäischer Polit- und Wirtschaftseliten befindet sich in einem langwährenden Feldzug gegen breite Teile der Bevölkerung, welcher zu deren Gesellschaftsexklusion beiträgt und sie zu Parasiten von people who work hard and play by the rules* macht. Herausragendste Leistung der amerikanischen Innenpolitik ist es, folgende Fakten als Normalzustand zu verkaufen: 2,2 Millionen Menschen saßen Ende 2003 in Gefängnissen, was eine Steigerung um 500 Prozent innerhalb der letzten zwanzig Jahren ausmacht. Insgesamt stehen aber beinahe sieben Millionen Menschen in Haft oder unter Bewährungsaufsicht. Während nur zwölf Prozent der männlichen Gesamtbevölkerung schwarz sind, sind es über 52 Prozent aller Gefängnisinsassen (elf Prozent aller schwarzen Männer sind im Alter zwischen fünfundzwanzig und neunundzwanzig). Zudem sind 39 Prozent mehr Gefangene in Bundesgefängnisse untergebracht, als in den Kapazitätsplänen vorgesehen.*
Dem Recht des Stärkeren und der damit verbundenen Vernachlässigung der Sozialpolitik ist es zu verdanken, daß ein Internierungsmechanismus dem sozialen Frieden vorgezogen wurde. Im politischen Alltag der USA findet also tatsächlich ein war against people* statt – ein Krieg gegen den diskriminierten, benachteiligten, unmündigen, sozialschwachen und nicht zum Profit ausnutzbaren Teil der Bevölkerung.

Freilich ist der Begriff der Freiheit ein in groben Zügen theoretischer. Der fortwährende Antagonismus zwischen Freiheit und Abhängigkeit ist ein ewiger, und letztere ist der ständige Begleiter der Menschheit. Sie bleibt immer in beliebiger Form bestehen, und beinahe ist man dazu geneigt zu behaupten, daß des Menschen Sein ein fortwährend abhängiges ist – menschliche Existenz fußt auf Abhängigkeit von Personen, von Technik, von der Natur, von Macht und Einfluß.
Da eine Gesellschaft starke wie schwache Charaktere birgt, ist es Aufgabe des aufgeklärten Staatswesens, diese Abhängigkeit in geordnete Bahnen zu lenken und dadurch Gerechtigkeit walten zu lassen. Dabei handelt es sich keinesfalls um Gleichmacherei im Sinne grundmarxistischer Lehre, sondern um eine soziale Abfederung für die Benachteiligten.
Die Sozialstaatlichkeit - die sie vorbildlich in Deutschland, durchaus aber auch beachtlich in Gesamteuropa praktiziert wird – ist zweifelsohne Kostenfaktor, gleichermaßen aber auch Fundament einer aufgeklärten Gesellschaft, die den Anspruch erhebt, in inneren und sozialen Frieden zu leben. Die Mentalität, wonach jeder seines Glückes Schmied sein könne, hat im Rechts- und Sozialstaat zwar Geltung, doch nur bis an die Grenzen, die einen rigorosen Egoismus offenbaren, der keine Besonnenheit und Rücksichtnahme auf Interessen vermeintlich Schwächerer nimmt.

Das soziale Netz ist gleichermaßen Auffangbecken für Benachteiligte, als Wahrer des inneren Friedens. Wer eine Hinwendung zur amerikanischen Mentalität fordert, begibt sich damit auf die Schiene der Polizeistaatlichkeit – Terrorismusbekämpfung, wie neuerdings betrieben, mit ihrer Forderung nach dem gläsernen Menschen und der Möglichkeit einer spontanen und unbegründeten Schutzhaft, sind die Vorboten amerikanischen Naturells in europäischer Demokratie. Die mysteriöse Erscheinung des Terrorismus dient hierbei als Vorwand, um der Oberschicht im zukünftigen Staate ohne Sozialfrieden, Schutzfunktionen zu installieren.
Im Sinne des Sozialdarwinismus ist das Prinzip auf den Geist des stärkeren Individuums zu setzen als richtig zu erachten, im Angesicht europäischer Sozialdemokratie hat aber auch der Schwächere eine gewisse Berechtigung.
So sehr unsere Eliten auch das amerikanische Modell verfechten, so sehr erkennen sie nicht, daß es der Weg des Kompromisses ist, der eine Gesellschaft ausmacht. Eine friedliche Gesellschaft muß Egoismen zügeln und solidarische Besonnenheit unterstützen, Starke und Schwache auf einen gesunden Weg des Zusammenlebens führen, Standesdenken mäßigen und Gemeinwohl fordern – was bleibt ist zwar keine Freiheit im Sinne des Wortes, doch eine Freiheit die es jedem erträglich macht.



* „Überleben des Stärksten“ - Titel des Buches von Herbert Spencer, aus dem Jahre 1896
* „Menschen die hart arbeiten, und nach den Regeln spielen.“ – Ausspruch Bill Clintons
* Zahlen aus Heribert Prantls Buch „Kein schöner Land“
* „War against people“ – Titel des Buches von Noam Chomsky, aus dem Jahre 2001
„Diese Verhältnisse sind nicht die von Individuum zu Individuum, sondern die von Arbeiter zu Kapitalist... Streicht diese Verhältnisse, und ihr habt die ganze Gesellschaft aufgehoben.“
--- Karl Marx, "Das Elend der Philosophie" ---