Autor Thema: Sklavenmarkt Deutschland  (Gelesen 39460 mal)

Fritz Linow

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Re: Sklavenmarkt Deutschland
« Antwort #75 am: 23:07:08 Mo. 13.September 2021 »
Zitat
Der link aus  "Die Zeit" vom 12. August läßt sich leider nicht öffnen. Schade.

Karl

"
Wenn der Fabrikarbeiter Rüdiger Jablonski* sich durch die Schlagzeilen der Nachrichtenportale klickt, wenn er die Wahlkampfreden der Politiker hört und die Wachstumsprognosen der Ökonomen, dann kommt es ihm manchmal so vor, als lebe er auf einem anderen Stern. Als sei er in einer Art Paralleluniversum zu Hause, das sich trotz der guten Nachrichten, die nun überall verbreitet werden, nicht aufzuhellen scheint. Ein konjunkturelles Dunkeldeutschland, das außer ihm und seinesgleichen kaum jemand zur Kenntnis nimmt.

"Die Erholung kommt", prophezeit das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Rüdiger Jablonski sagt, er sei noch nie so erschöpft gewesen.

"Die Wirtschaft atmet auf", schreibt die Wirtschaftswoche. Rüdiger Jablonski sagt, er habe seit geraumer Zeit diesen seltsamen Druck auf der Brust. Immer dann, wenn er sich frage, wie es für ihn weitergeht.

"Der Konjunkturmotor läuft", verkündet Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Die staatlichen Pandemiehilfen hätten gewirkt, der "Substanzverlust der deutschen Wirtschaft" sei "verhindert worden". Rüdiger Jablonski sagt, er spüre, wie ihm die letzten Jahre an die Substanz gegangen seien. Die Knie. Der Rücken. Die Nerven. Vor ein paar Monaten hat ihn sein Hausarzt für arbeitsunfähig erklärt.

Rüdiger Jablonski, ausgebildeter Facharbeiter und dreifacher Familienvater, hat zu Beginn der Pandemie seinen Job verloren. Er ist Leiharbeiter, er zählt zu denen, die es in Krisenzeiten fast immer als Erste trifft. Viel ist berichtet worden über die Verlierer der Corona-Krise, über Gastronomen, die niemanden mehr bewirten, über Musikerinnen, die nicht mehr auftreten, und über Einzelhändler, die nichts mehr verkaufen konnten. Über Menschen wie Rüdiger Jablonski wurde kaum gesprochen.

Jablonski war bei VW beschäftigt, im Volkswagen-Werk in Hannover, wo unter anderem der Bulli gebaut wird, der Kleinbus von VW. Jablonski und gut 200 weitere Leiharbeiter waren dort in der Montage und im Presswerk eingesetzt. Sie fertigten Karosserieteile, flanschten Getriebe an, montierten Lenkräder, Blinker und Spiegel, jahrelang.

Obwohl Jablonski in der VW-Fabrik arbeitete, obwohl er die VW-Kluft trug, war VW die meiste Zeit nicht sein Arbeitgeber. Jablonski war bei Autovision angestellt – bei einer von rund 12.000 Leiharbeitsfirmen in Deutschland. Diese Unternehmen beschäftigen Arbeitskräfte, die sie gegen Geld an andere Unternehmen verleihen. An Krankenhäuser und Versicherungen zum Beispiel, an Fluggesellschaften und Werften, Sicherheits- und Reinigungsfirmen, Handwerks- und Logistikunternehmen, Hotels, Callcenter, Versandhändler – und an die Autoindustrie.

Mehr als 780.000 Leiharbeiter gibt es in Deutschland. Sie sind eine Art Eingreiftruppe: Bei guter Auftragslage können sie schnell und unkompliziert gebucht, in schlechten Zeiten schnell und unkompliziert wieder abgemeldet, also an ihren Verleiher zurückgeschickt werden. Wenn die Wirtschaft boomt, sind sie eine willkommene Reserve. In der Krise werden sie zu ungebetenen Gästen. Im vergangenen Jahr, als Corona kam, wurden sie hinauskomplimentiert.

Bei den Airbus-Werken in Norddeutschland mussten 2020 laut Medienberichten mehr als 1100 Leiharbeiter gehen. In der Daimler-Fabrik in Düsseldorf waren es 1300. Im Münchner BMW-Konzern sollen es sogar 10.000 gewesen sein – so berichtete es die Nachrichtenagentur Reuters. BMW bestreitet das, die Meldung entbehre "jeglicher Grundlage", sagt eine Sprecherin des Konzerns. Sie räumt ein, dass einige Verleih-Verträge nicht verlängert wurden. Wie viele genau, will sie allerdings nicht sagen. Nicht einmal die Gesamtzahl der Leiharbeiter bei BMW verrät sie. VW hält sich ebenfalls bedeckt. Den Konzernen scheint das Thema unangenehm zu sein. Zumal viele abgemeldete Arbeiter auch von ihren Verleihern gekündigt werden – und dann ganz ohne Job dastehen.

Laut der Bundesagentur für Arbeit haben sich zwischen April 2020 und März 2021 etwa 275.000 Leiharbeiter arbeitslos gemeldet. Die Unternehmensberatung PWC attestiert der Leiharbeitsbranche den "stärksten Einbruch seit Jahren". Besonders hart treffe es jene Arbeiter, die an die Autoindustrie verliehen werden. Sie seien gleich von zwei Großkrisen auf einmal bedroht: von der Pandemie und vom bevorstehenden Ende des Verbrennungsmotors, das schon vor Corona viele Leiharbeiter den Job gekostet hat.

Seit vielen Jahren hat die Leiharbeit einen schlechten Ruf. Das liegt an den Verleihern, die nicht nur schnell eine betriebsbedingte Kündigung aussprechen, sondern zum Teil auch systematisch schummeln, bei Lohnabrechnungen zum Beispiel. Es liegt an den Unternehmen, die Arbeiter ausleihen und sie – anders als vorgeschrieben – oft schlechter behandeln als ihre eigenen Mitarbeiter. Und es liegt an den Gesetzen, die trotz etlicher Reformversuche eher für Unternehmen wie VW und für die Leiharbeitsfirmen gemacht scheinen als für die Leiharbeiter.

Rüdiger Jablonski traf es gleich zu Beginn der Pandemie, kurz nach dem ersten Lockdown. Die Umsätze des VW-Konzerns waren eingebrochen, die Fabrik in Hannover hatte wochenlang stillgestanden. Kein Werksleiter konnte damals langfristig planen. Wo sich sparen ließ, wurde gespart.
Die Geschichte vom Leistungsprinzip

An einem Donnerstagvormittag sitzt Jablonski in seinem Wohnzimmer, ein großer, muskulöser Mann, resolut, aber freundlich. An den Wänden hängen gerahmte Familienfotos, vor den Fenstern sorgsam geraffte Gardinen. Heller Fußboden, helle Möbel, akkurat drapierte Sofakissen. Neben Jablonski sitzt seine Frau. Sie arbeitet als kaufmännische Angestellte bei einem großen Unternehmen und sagt: "Wir sind ein bisschen aufgeregt." Es komme nicht alle Tage vor, dass jemand von der Presse sie nach ihrer Meinung frage.

Rüdiger Jablonski hat lange gezögert, ob er von seinen Erfahrungen erzählen soll. Er fürchtet, keinen Job mehr zu finden, wenn er seinen alten Arbeitgeber öffentlich kritisiert. Er wolle auch nicht jammern, sagt er. Am Ende aber willigt er ein – wenn er unerkannt bleibt. Deshalb sind sein Name und einige wenige Details, die ihn erkennbar machen, in diesem Text verändert.

Jablonski kam 2016 zu VW. Vorher hatte er mehr als 20 Jahre lang fest angestellt bei einer Baufirma gearbeitet. Der Job habe ihm die Knie ruiniert, sagt er, aber er habe ihm Spaß gemacht. Bis irgendwann immer mehr Arbeiter aus Osteuropa auf Deutschlands Baustellen auftauchten. Jablonski ärgerte sich über die Konkurrenz aus dem Ausland, die Scharen von flexiblen Billiglöhnern, die den Baufirmen von Subunternehmern zur Verfügung gestellt wurden. Einmal, erzählt Jablonski, habe sein damaliger Chef ihn und einige Kollegen gebeten, sich unbezahlten Urlaub zu nehmen – und an ihrer Stelle ein paar schlecht bezahlte Rumänen auf die Baustelle geschickt. Ein anderes Mal habe sich der Chef geweigert, eine im Tarifvertrag vereinbarte Lohnerhöhung zu zahlen. Jablonskis Schilderung lässt sich schwer überprüfen. Aber sie passt zu dem, was damals häufig aus der Baubranche berichtet wurde. Irgendwann, sagt Jablonski, habe er genug gehabt und seine Kündigung eingereicht. Er ahnte nicht, dass er bald selbst zu einer Schar von Arbeitern zweiter Klasse gehören würde.

Freunde hätten ihm geraten, sich bei Volkswagen zu bewerben, erzählt Jablonski. Im Bulli-Werk in Hannover, da würden Leute gesucht. Jablonski erkundigte sich bei VW, aber dort habe man vor allem nach Azubis und hoch qualifiziertem Personal gesucht, sagt er. "Ingenieure und Computerfritzen, Menschen mit Studium." Dann verstand er: In der Autoindustrie gibt es Jobs für Leute wie ihn oft nicht bei VW, BMW oder Daimler. Es gibt sie anderswo. Bei Firmen namens Autovision, IK Hofmann und Randstad Automotive. Bei den unzähligen Leiharbeitsfirmen, die sich auf die Autokonzerne und ihre Zulieferer spezialisiert haben.

Rüdiger Jablonski heuerte also bei Autovision an. Sein neuer Arbeitgeber vermittelte ihn an die VW-Fabrik in Hannover. Der Lohn, den er bekam, war überdurchschnittlich gut. Jablonski verdiente bald mehr als 20 Euro die Stunde, fast so viel wie die fest angestellten VW-Arbeiter.

An seinen ersten Arbeitstag in der Fabrik könne er sich noch gut erinnern, sagt er. Wie er sich morgens mit Hunderten anderer Arbeiter durch das riesige Werkstor schob. Wie er seine Kluft ausgehändigt bekam: die graue Latzhose mit dem runden Logo, die Uniform der VW-Arbeiter. Wie er die riesigen Montagehallen bestaunte. Die Roboter, die in klinisch reinen Produktionsstraßen die Karosserieteile zusammenfügten. Die Fließbandarbeiter, die im immergleichen Takt die immergleichen Arbeitsschritte ausführten.

Willkommen geheißen wurden Jablonski und die anderen Leiharbeiter im Otto-Brenner-Saal, einem Versammlungsraum, benannt nach dem Gewerkschafter, der sich in der Nachkriegszeit für die Stärkung der Arbeitnehmerrechte einsetzte, für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zum Beispiel. Ein Volkswagen-Mitarbeiter habe sie in der "VW-Familie" begrüßt, in die sie nun aufgenommen würden, erzählt Jablonski. Er erinnert sich auch noch an den Rat, den der Mann ihnen mit auf den Weg gegeben habe: Wer pünktlich und fleißig sei, der habe gute Chancen, irgendwann als Stammwerker, also als fester Mitarbeiter, eingestellt zu werden.

Wann immer Jablonski fortan zur Arbeit kam, sah er auf dem Dach des Werksgeländes zwei Buchstaben thronen: das weiße V und das weiße W auf dunkelblauem Grund, das Emblem des Volkswagen-Konzerns. Nicht nur ein Markenlogo, sondern ein Wohlstandsversprechen, ein Symbol aus der Wirtschaftswunderzeit, das seine Strahlkraft bis heute nicht verloren hat: sichere Arbeitsplätze. Gute Löhne. Starke Arbeitnehmervertreter. "Ein Sechser im Lotto", sagt Jablonski. Ein Jackpot-Job. So habe sich das angefühlt. Als wäre er angekommen.

Die Jablonskis wohnen im Erdgeschoss eines gepflegten Mehrfamilienhauses, in einer ruhigen Siedlung am Rande von Hannover. Verklinkerte Fassaden, sauber verputzte Wohnblocks, makellos geteerte Tempo-30-Straßen. Geharkte Gärten, gestutzte Hecken. Bundesrepublikanische Mittelschichtsidylle. Zumindest auf den ersten Blick.

Wenn von der Mittelschicht die Rede ist, wahlweise auch von der "Mitte der Gesellschaft", dann klingt es oft, als müsse man sich diese Mitte als eine Art Plateau vorstellen. Nicht ganz oben am Gipfel, nicht ganz unten im Tal. Um es zu erklimmen, braucht man Disziplin, Beharrlichkeit, Fleiß. Einmal angekommen, wird man für seine Mühen belohnt. Man lebt nicht auf großem Fuß, aber man kann sich etwas leisten. Man kommt vielleicht nicht hoch hinaus. Aber solange man fleißig bleibt, stürzt man auch nicht ab.

Das ist das große Versprechen, das die Bundesrepublik ihren Bürgern seit jeher gibt: die Geschichte vom Leistungsprinzip. Die Verheißung, dass die kleinen Leute den Aufstieg schaffen können. Gerade jetzt, im Wahlkampf, wird es wieder erneuert.

"Für mich war immer klar: Ich stehe auf der Seite der ganz normalen Leute", sagt Olaf Scholz von der SPD. Er wolle, dass "alle hart arbeitenden Bürger in unserem Land die Anerkennung und die Wertschätzung finden, die sie verdient haben".
Das Risiko trägt der Leiharbeiter
Die "harte Arbeit der Kohlekumpel", der Handwerker und Stahlarbeiter müsse gewürdigt werden, sagt Annalena Baerbock. Die jetzige Regierung lasse die "normalen Leute im Stich".

"Jede und jeder muss sich etwas aufbauen können", sagt Armin Laschet von der CDU. Er sorge sich um den "sozialen Zusammenhalt".

Alle wollen die "einfachen Leute" für sich gewinnen. Alle versprechen ihnen Sicherheit. Die Kollateralschäden der Globalisierung, der Digitalisierung, der Energiewende – all das soll abgepuffert werden, damit in der Mitte niemand den Halt verliert. "Stabilität und Erneuerung" verspricht die CDU. Ein "Sicherheitsversprechen für jede Lebenslage" wollen die Grünen geben.

Rüdiger Jablonski müsste sich davon eigentlich angesprochen fühlen. Tut er aber nicht. Denn die Mitte ist für ihn kein stabiles Plateau. Sie ist ein abschüssiges Terrain. Eine Welt, in der man sich nur unsicheren Schrittes bewegen kann. Und diese Unsicherheit ist – entgegen aller Wahlkampfreden – politisch gewollt.

Jablonskis Frau geht ins Nebenzimmer. Sie kommt mit einem dicken blauen Ordner zurück. Rüdiger Jablonski zieht ein paar Dokumente heraus. Seine Arbeitsverträge mit Autovision.

Erster Vertrag: datiert auf September 2016, befristet auf sieben Monate.

Zweiter Vertrag: April 2017, befristet auf sieben Monate.

Dritter Vertrag: November 2017, befristet auf acht Monate.

Vierter Vertrag: Juli 2018, befristet auf acht Monate.

Fünfter Vertrag: März 2019, befristet auf sechs Monate.

Jedes Mal, bevor ein Vertrag auslief, musste Jablonski sich arbeitslos melden, so sieht es das Gesetz vor. Jedes Mal, sagt er, habe erst im letzten Moment festgestanden, dass es für ihn doch weiterging.

Man könnte denken, dass Jablonski eben einfach nicht gut genug war. Nur: Den anderen Leiharbeitern erging es genauso.

Fünf Verträge innerhalb von drei Jahren – so war das Prinzip der Leiharbeit eigentlich nicht gedacht. Eigentlich soll sie Unternehmen helfen, kurzfristige Personalengpässe und Auftragsschwankungen abzufedern. Wenn zum Beispiel die Nachfrage nach Bullis durch die Decke schießt, dann soll VW in der Lage sein, diese Bullis auch zu liefern – ohne dafür Stellen schaffen zu müssen, die sich bei normaler Auftragslage nicht finanzieren ließen. Ist der Bulli-Boom vorbei, sollen die Leiharbeitsfirmen ihre Arbeiter an andere Unternehmen vermitteln, bei denen gerade Leute gebraucht werden. Das Problem ist nur: So funktioniert es oft nicht.

Autovision etwa versorgt vor allem ein Unternehmen mit Arbeitskräften: VW. Mehr noch: Autovision, ein Betrieb mit 3500 Beschäftigten, ist die Tochterfirma eines Unternehmens, das seinerseits zu VW gehört. Der Konzern verleiht also Arbeitskräfte an sich selbst, statt sie direkt anzustellen.

Noch dazu haben sich die Autokonzerne eine Ausnahmeregelung herausverhandelt. Sie ermöglicht es ihnen, Arbeiter deutlich länger auszuleihen, als es das Gesetz eigentlich erlaubt: nicht 18 Monate, sondern bis zu vier Jahre. Und wenn ein Konzern nach Ablauf der Frist drei Monate wartet, darf er denselben Arbeiter gleich noch mal einstellen. Sogar am selben Arbeitsplatz.

Unternehmen wie Autovision und VW profitieren davon. Sie erhalten Zugriff auf erfahrene Arbeiter wie Jablonski, werden sie aber auch schnell wieder los. Wer zu langsam ist oder zu ungeschickt, zu oft krank oder zu oft zu spät, kann abgemeldet werden. Ohne teure Abfindung. Ohne lange Kündigungsfrist. Das Risiko trägt der Leiharbeiter. Und die Allgemeinheit, die immer dann einspringen muss, wenn ein Leiharbeiter arbeitslos wird.

Jablonski kramt ein Dokument hervor. Eine Krankschreibung, die ihm sein Hausarzt ausgestellt hat, als er schon ein paar Jahre bei VW beschäftigt war. Ein grippaler Infekt, er habe drei Tage zu Hause bleiben müssen, erzählt Jablonski. Der Schichtleiter habe ihm damals zu verstehen gegeben, dass, wer übernommen werden will, keine Fehltage anhäufen dürfe. Auch von der Disponentin bei Autovision habe er Druck bekommen, sagt Jablonski. VW will sich dazu nicht äußern. Die Firma Autovision teilt mit, ihr seien Fälle wie dieser "nicht bekannt". Die "Ausübung von unzulässigem Druck" werde "selbstverständlich" nicht toleriert. Ein Kollege von Jablonski, der in derselben Fabrik als Leiharbeiter tätig war, berichtet der ZEIT jedoch von ähnlichen Erfahrungen.

Einmal, erzählt Jablonski, habe er am Morgen vor einer Spätschicht einen Unfall gehabt. Er zeigt ein Foto seines Autos: die Motorhaube zerknautscht, die Airbags aufgebläht. Totalschaden. Jablonski sagt, er habe Schmerzen gehabt – und Angst, zu spät zur Arbeit zu kommen. Er sei zur Schicht gegangen und erst danach ins Krankenhaus. Den Arztbefund hat Jablonski aufgehoben: Schleudertrauma, Thoraxprellung, Knieprellung beidseits, Handgelenksprellung links.

Jablonski sagt, um in die Stammbelegschaft übernommen zu werden, reiche es nicht, sich an die strengen Vorgaben der Schichtleiter zu halten. Man müsse sie übererfüllen. Man müsse sich eigene, noch strengere Regeln auferlegen. So zumindest habe es sich angefühlt. Seine Regeln seien gewesen:

Wenn du Pause hast, arbeite durch.

Wenn dein Kollege schnell ist, sei schneller.

Wenn du krank bist, geh trotzdem zur Schicht.

Wenn du Schmerzen hast, nimm eine Diclofenac.

Wenn sie schlimmer werden, nimm noch eine.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte die Techniker Krankenkasse eine Studie zur gesundheitlichen Verfassung von Leiharbeiterinnen und Leiharbeitern. Darin steht: Sie leiden häufiger als andere Arbeitnehmer an Rücken- und Gelenkerkrankungen. Sie haben mehr Arbeitsunfälle. Und bekommen deutlich öfter Antidepressiva verordnet.
Der Boom der Leiharbeit

Corona habe alles noch schlimmer gemacht, sagen Experten. Betriebsseelsorger zum Beispiel, die sich während der Pandemie um Leiharbeiter kümmern. In Firmen, wo das Virus grassierte, hätten sich viele Stammwerker krankschreiben lassen, aus Angst, sich anzustecken. Die Leiharbeiter hingegen seien zur Schicht angetreten. "Die Angst vor der Abmeldung ist riesengroß", sagt Erwin Helmer, ein Betriebsseelsorger, der seit 40 Jahren für die Katholische Arbeitnehmerbewegung Augsburg von einem Unternehmen zum nächsten fährt, um mit den Arbeitern dort zu sprechen. Corona hat seinen Job erschwert. "Wir kamen kaum mehr an die Leute heran."

Im Frühjahr 2021, während der dritten Corona-Welle, berichteten die Badischen Neuesten Nachrichten über das Daimler-Werk in Rastatt bei Karlsruhe. Dort hatten sich Leiharbeiter offenbar geweigert, sich auf Corona testen zu lassen. Sie fürchteten, bei einem positiven Ergebnis nicht nur in Quarantäne geschickt, sondern auch abgemeldet zu werden.

Auch in Bielefeld hat die Sozialarbeiterin Marike Tabor verfolgt, wie durch Corona der Druck in den Betrieben stieg. Bei Logistikfirmen und Versandhändlern zum Beispiel. Tabor berät im Auftrag des nordrhein-westfälischen Arbeitsministeriums Menschen, die ihren Job verloren haben. Darunter viele Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter. Diese müssten oft schon beim kleinsten Fehltritt gehen: "Die melden sich einen Tag krank. Oder sie haben einen Todesfall in der Familie und wollen kurzfristig einen Tag Urlaub machen." Das reiche, um den Job zu verlieren.

Tabor sitzt in ihrem Büro, ein kleiner Raum mit üppigen Zimmerpflanzen. In der Mitte steht ein großer Holztisch, geteilt durch eine Plexiglasscheibe. Auf ihrer Seite des Tischs hat Tabor ein "Depot" angelegt, so nennt sie es: ein paar Packungen Taschentücher. Viele, die zu ihr kämen, fingen erst mal an zu weinen. Einige würden aggressiv. Depressionen, Schlafmangel, fahle Haut, das seien die klassischen Symptome. "In dieser Branche wird der Mensch zur Ware", sagt Tabor. "Zum Dienstleistungsprodukt."

Tabor fürchtet, dass Leiharbeit in manchen Wirtschaftszweigen zum Standard werden könnte: "Wenn man mit geringem Bildungsniveau nach Arbeit sucht, kommt man schon heute fast nur über Leiharbeit an einen Job", sagt sie.

Ursprünglich war Leiharbeit in der Bundesrepublik verboten, aus Sorge, sie könnte die festen Arbeitsverhältnisse verdrängen. In den 1970er-Jahren wurde sie dann erlaubt, zunächst für maximal drei Monate.

Der Boom der Leiharbeit begann 2003, als die rot-grüne Bundesregierung eine radikale Deregulierung beschloss. Leiharbeiter durften fortan ohne zeitliche Begrenzung verliehen und jederzeit abgemeldet werden. Es war die Zeit der Massenarbeitslosigkeit, und an die Leiharbeit wurde damals eine Erwartung geknüpft: dass sie Menschen ohne Job den Weg ins Berufsleben ebnen könnte. Auch solchen mit eher schlechten Chancen. Bewerbern, die alt sind, die schlecht Deutsch sprechen oder keinen Abschluss haben. Im besten Fall würden diese Menschen erst verliehen und dann von den Betrieben übernommen. "Klebeeffekt" nennen Experten das: Wer als Leiharbeiter anfängt, bleibt als Festangestellter kleben – das war die Hoffnung, die auch Rüdiger Jablonski Jahre später hegen würde.

Für viele erfüllte sich die Hoffnung nicht. Einige Unternehmen entließen damals Tausende fest angestellte Mitarbeiter – nur um sie wenig später als billige, unsicher beschäftigte Leiharbeiter zurück in den Betrieb zu holen.

Die Zahl der Leiharbeiter explodierte. 2017 lag sie bei mehr als einer Million. Im Fernsehen liefen Dokumentationen über die Leih-Kolonnen. Die Arbeitgeberverbände gaben Imagekampagnen in Auftrag. Statt "Leiharbeit" hieß es nun "Zeitarbeit" oder "Arbeitnehmerüberlassung". Das klang netter.

Vor vier Jahren schließlich schritt die Regierung ein. Sie novellierte das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz. Auf den ersten Blick hielt es für die Leiharbeiter einige Verbesserungen bereit: höhere Löhne, begrenzte Verleihzeiten. Aber wegen der Sonderregelungen, die etwa die Autoindustrie herausschlug, blieb die Unsicherheit.

Rüdiger Jablonski konnte sich ein Leben in einem hübschen Vorort leisten. Aber er wusste nie, wie lange noch. Während die fest angestellten Kollegen ihre Zukunft planten, während einige von ihnen in größere Wohnungen zogen oder sogar eigene Häuser bauten, traute sich Jablonski kaum, einen Urlaub zu buchen. Und wann immer es einer Perspektive, einer langfristigen Zusage bedurfte, konnte er damit nicht dienen. "Versuchen Sie mal, als Leiharbeiter einen Kredit zu kriegen", sagt er.

Rüdiger Jablonskis Frau sagt, irgendwann habe das Bangen um den Arbeitsplatz ihres Mannes das gesamte Familienleben bestimmt. Irgendwann habe sich alles nur noch nach dem Takt von VW gerichtet. Ihr Mann sei immer fahriger, immer gereizter geworden. Und ihre jüngste Tochter immer stiller. Irgendwann habe auf ihrem Geburtstags-Wunschzettel gestanden: "Festvertrag für Papi".

Eigentlich gelten viele der rot-grünen Sozialreformen heute als überholt. Dem Niedriglohn der Schröder-Zeit folgte der Mindestlohn. Und Hartz IV erscheint selbst manchen Wirtschaftsliberalen als Relikt aus einer anderen Zeit. Eines aber hat sich offenbar bis heute gehalten: die Überzeugung, dass ein Arbeitsmarkt voller Unsicherheit einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen mit sich bringt.

Noch immer verweisen die Arbeitgeber darauf, dass viele Arbeitslose es dank der Leiharbeit überhaupt erst ins Berufsleben schaffen. Und noch immer verweisen sie auf den "Klebeeffekt", auf jene, die tatsächlich von ihren Betrieben übernommen werden. Nur: Wie groß dieser Effekt ist, lässt sich anhand der verfügbaren Daten nicht beziffern.

VW, betont ein Sprecher des Konzerns, habe "viele Zeitarbeitnehmer" übernommen. Wie viele, sagt er nicht. In einem internen Strategiepapier des Konzerns, das der ZEIT vorliegt, steht, die Übernahme von Leiharbeitern werde "restriktiv gehandhabt".
"Psychische Belastung nimmt zu"
Bei Rüdiger Jablonski sah es tatsächlich einmal so aus, als könnte er kleben bleiben. Das war Ende 2019. Damals lief sein fünfter Vertrag bei Autovision aus, die maximale Ausleihdauer war erreicht. Jablonski und die rund 200 anderen Leiharbeiter wurden nicht nach Hause geschickt, sondern von VW übernommen. Endlich schienen sie dazuzugehören. Doch obwohl sie sich bereits jahrelang bewährt hatten, war auch dieser Vertrag nur auf neun Monate befristet. Als er auslief, bot der VW-Konzern den Arbeitern an, nach Sachsen umzuziehen, ins VW-Werk in Zwickau. Dort wurden damals Leute gesucht. Jablonskis Frau sagt, sie hätten sich das vorstellen können. Was aber wäre dann aus den Schwiegereltern geworden? Die wohnen in der Nähe von Hannover auf dem Dorf, in einem eigenen Haus. Sie kämen dort einigermaßen zurecht, aber nicht ohne Hilfe, sagt Jablonskis Frau. Eine Pflegerin könnten sie sich nicht leisten, "wir können hier nicht einfach weg".

So kam es, dass der Leiharbeiter und Beinahe-Stammwerker Rüdiger Jablonski im Mai 2020 seine Arbeit verlor.

"Ich dachte: Du bist fleißig, du bist gut, du schaffst das schon", sagt er. Dann saß er plötzlich zu Hause und hatte nichts mehr zu tun. Verlor erst den Appetit. Dann den Mut. Sein Arzt attestierte ihm, was Jablonski selbst sich nicht auszusprechen traut: eine Depression. So steht es in der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Ausgerechnet Jablonski. Einer, der eine Berufsausbildung hat und über den seine Frau erzählt, er sei mal so belastbar, so aktiv gewesen. Nun verdiene sie allein das Geld, von dem sie leben.

Die Konjunktur kam wieder in Schwung. Jablonski nicht.

Jablonskis Frau sagt: "Man dachte, es läuft so den geraden Weg. Und dann steht man in dieser Welt, und alles bröckelt."

Sie schiebt ein paar zusammengetackerte Zettel über den Tisch. Sie und ihr Mann haben sich vor dem Treffen mit der ZEIT zusammengesetzt, um das, was ihnen wichtig ist, in Ruhe aufzuschreiben. Herausgekommen ist ein achtseitiges, eng bedrucktes Word-Dokument, eine Art Zeitleiste. Der Versuch, das Bröckeln in Worte zu fassen.

Dezember 2017: "Unruhe breitet sich aus."

November 2018: "Psychische Belastung nimmt zu."

Dezember 2020: "Schlaflosigkeit wächst. Traurigkeit unseres Kindes wächst."

Januar 2021: "Druck steigt."

März 2021: "Systemzweifel wachsen."

Am Ende des Dokuments steht ein Fazit: "Starker Vertrauensverlust, auch in die Politik."

Jablonskis Frau sagt, sie sei früher mal Wahlhelferin gewesen. Dieses Jahr aber frage sie sich, was ihr Kreuz überhaupt noch bewirken könne. "Vielleicht bleiben wir einfach zu Hause", sagt sie. Nichtwählen. Zum ersten Mal in ihrem Leben.

Seitdem Jablonski keine Arbeit mehr hat, ist er viel im Internet unterwegs. Klickt sich durch YouTube-Dokus und Online-Foren, in denen andere Leiharbeiter ihre Erfahrungen teilen. Er liest viel. Gerade ist er mit Lobbyland durch, einer Abrechnung des Bundestagsabgeordneten und einstigen SPD-Mitglieds Marco Bülow. Bülow wirft seinen Parlamentskollegen vor, "elitäre Netzwerke" und "Lobbykontakte" zu pflegen, statt den Interessen der Wählerinnen und Wähler zu dienen.

Was wird aus einem wie Jablonski? Ein Verdrossener, der sich zurückzieht und irgendwann unsichtbar wird? Ein Querdenker, der über kruden Theorien brütet? Ein Wütender, der auf die Straße zieht?

Er wäre nicht der Erste. Der Rechtswissenschaftler Wolfgang Däubler spricht von einer "totalen Ablehnung gegenüber unserer Gesellschaftsordnung", die ihm unter Leiharbeitern begegnet sei. Däubler ist emeritierter Professor für Arbeitsrecht und hat als Anwalt viele Leiharbeiter vertreten. Hin und wieder tritt er zu dem Thema im Fernsehen auf. Nach den Sendungen, erzählt er, bekomme er manchmal E-Mails und Briefe von Leiharbeitern zugeschickt. Sie strotzten vor Hass. Hass gegen die "Schweine" und "Sklaventreiber", womit in der Regel Politiker und Unternehmenschefs gemeint seien. Und Selbsthass. "Viele fühlen sich verachtet und machen sich die Verachtung der anderen ein Stück weit zu eigen", sagt Däubler. "Das ist eine richtig hilflose Wut."

Das Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat kürzlich eine Studie veröffentlicht, die nahelegt, dass Menschen mit prekären Jobs besonders empfänglich sind für Verschwörungstheorien.

Monatelang haben selbst ernannte Querdenker die Debatten der Republik geprägt. Journalisten haben sie interviewt, Politiker haben sich mit ihnen auseinandergesetzt, und das halbe Land hat über sie gestritten. Über Leute, die glauben, dass Corona die Erfindung einer finsteren Machtelite ist, die Impfkampagne eine gefährliche Zwangsmaßnahme und Angela Merkel ein Echsenmensch. Rüdiger Jablonski sagt, er brauche keine Verschwörungstheorien, um Regierungs- und Konzernchefs zu misstrauen. "Mir haben ein paar Jahre als Leiharbeiter gereicht."

Warum wird über Leute wie ihn nicht ebenso viel gesprochen? Die einfache Antwort lautet: weil sie zu leise sind. Weil ihre Angst vor dem Jobverlust oft viel größer ist als der Mut, sich zu Wort zu melden. Und weil sie keine Lobby, keine eigene Gewerkschaft haben, die für sie sprechen könnte.

Wenn ein Unternehmen vielen Mitarbeitern gleichzeitig kündigen will, muss es eine sogenannte Massenentlassungsanzeige abgeben: Es muss die Arbeitsagentur informieren, den Betriebsrat anhören, jede Menge Formulare ausfüllen. Die Presse bekommt davon Wind. Politiker schalten sich ein. Bei Leiharbeitern hingegen gibt es keine besonderen Meldepflichten. Wenn tausend Stammwerker entlassen werden, ist das eine Nachricht. Wenn tausend Leiharbeiter abgemeldet werden, geht es unter.

Und die Gewerkschafter? Sind mitunter ernsthaft um Leiharbeiter bemüht. Aber zugleich für deren Unsicherheit mitverantwortlich. Die IG Metall zum Beispiel, die Gewerkschaft der Autoindustrie, hat sich vor einigen Jahren mit den Autokonzernen auf einen Deal geeinigt. Er hat den Leiharbeitern Lohnzuschläge beschert. Und den Unternehmen jene Ausnahmeregelung, die es ihnen erlaubt, Arbeiter bis zu vier Jahre auszuleihen. Der Deal hat die Unsicherheit zementiert. Einige Juristen glauben, dass er gegen EU-Recht verstößt.

Rüdiger Jablonski hat sich deshalb einer Gruppe von mehr als 50 Kollegen angeschlossen, die mit ihm bei VW als Leiharbeiter angefangen hatten und nun gegen den Konzern klagen. Sie fordern eine Festanstellung. In der ersten Instanz haben sie verloren. Nun warten sie auf die zweite.
"Kein Mensch, sondern ein Verschleißteil"

Einmal, für eine kurze Zeit, hatte Jablonski das Gefühl, dass sich doch noch etwas ändern könnte. Es war im Herbst 2020. Damals sprach das ganze Land über Schlachthöfe und Fleischfabriken. Hunderte Leiharbeiter aus Osteuropa hatten sich dort mit Corona infiziert. Sie lebten in beengten Baracken, schliefen auf schimmligen Matratzen und schufteten dicht an dicht, ohne Mindestabstand und bei eisiger Kälte.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil beklagte die schäbigen Unterkünfte und das komplizierte Geflecht aus Leiharbeitsfirmen, über das die Schlachthofhelfer vermittelt wurden. Damit müsse "jetzt Schluss sein", sagte Heil. Er wolle dafür sorgen, dass die Arbeiter "direkt bei den Unternehmen angestellt sind". Und: "Jeder, der fleißig ist, hat ein Anrecht darauf, vernünftig und anständig behandelt zu werden. Es darf keine Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zweiter Klasse geben."

Rüdiger Jablonski fühlte sich angesprochen. Aber er war nicht gemeint.

Der Minister brachte zwar ein Gesetz auf den Weg, das Leiharbeit in Schlachthöfen verbieten soll. In anderen Fabriken und Betrieben aber ist sie bis heute erlaubt.

Fragt man den Arbeitsminister, warum das so ist, lässt das Ministerium wissen: Man habe mit dem aktuellen Gesetz auf "gravierende Missstände einer einzelnen Branche" reagiert. Anderswo sehe man dazu keinen Bedarf, der Schutz der Leiharbeiter sei dort bereits "verbessert worden".

Jablonski lebt nicht in einer schimmligen Baracke, sondern in einem gepflegten Mehrfamilienhaus. Er hat als Leiharbeiter keinen Billiglohn erhalten, sondern vergleichsweise gut verdient. Einer wie er passt nicht zu den Bildern, mit denen prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse für gewöhnlich illustriert werden: die Flaschen sammelnden Rentner. Die Aufstocker bei der Tafel. Die Gammelunterkünfte der osteuropäischen Schlachthofhelfer.

Was als prekär gilt, wird meist am Rande der Gesellschaft verortet. Jablonski aber lebt in der Mitte. Und dort werden Menschen wie er nicht bedauert, sondern dringend gebraucht: als Puffer, der die Unternehmen und ihre festen Mitarbeiter vor den Erschütterungen globaler Lieferengpässe und Auftragsschwankungen schützt. Als Stütze der modernen Industriegesellschaft. Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie in der Autoindustrie. In einer Branche, die zwar Milliardengewinne erwirtschaftet, aber im Modus der Dauerkrise agiert und deshalb flexibel bleiben muss.

Jablonski kennt die politischen Debatten, er weiß um die großen Widersprüche, die der Leiharbeit innewohnen. Seltsamerweise, sagt er, seien es aber immer die Kleinigkeiten gewesen, die banalen Begebenheiten, die ihm einen Stich versetzten. Die Sache mit den Fußballtickets zum Beispiel.

Als vor einigen Jahren im VW-Werk in Hannover die Nachfrage durch die Decke schoss, mussten Jablonski und seine Kollegen Sonderschichten schrubben. Samstags, sonntags, nachts, mehrere Monate lang. Als der Stress sich gelegt hatte, bedankten sich die Schichtleiter bei der Belegschaft für deren Einsatz. Sie verteilten Tickets für das Niedersachsenstadion, für Hannover 96. Die fest angestellten VW-Arbeiter gingen ins Stadion. Rüdiger Jablonski nicht. "Die haben zu mir gesagt: Du nicht. Du bist nur Leiharbeiter." So erzählt er es. VW will sich dazu nicht äußern.

Die VW-Fabrik in Hannover hat Rüdiger Jablonski seit mehr als einem Jahr nicht mehr betreten. Aber die Nachrichten verfolgt er noch. Vor ein paar Wochen, Ende Juli, verkündete VW-Chef Herbert Diess einen neuen Rekordgewinn: 11,4 Milliarden Euro, trotz Corona. Die Aktionäre erhielten ihre Dividende, die fest angestellten VW-Mitarbeiter erhielten ihre Gewinnbeteiligung, in vielen Fällen mehrere Tausend Euro.

Kurz darauf stieß Jablonski bei YouTube auf ein Video, in dem sich Herbert Diess bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedankt. Es zeigt den Konzernchef, wie er auf einem elektrisch betriebenen Surfboard über den Mittellandkanal bei Wolfsburg schwebt, in Neoprenanzug und windschnittigem Plastikhelm. Im Hintergrund sieht man die VW-Zentrale. "Vielen Dank für Ihren Einsatz!", ruft Diess in die Kamera. Er wünscht der Belegschaft schöne Sommerferien. Dann düst er auf seinem Surfbrett davon.

VW hat sich auch deshalb so schnell von der Corona-Krise erholt, weil das Unternehmen Kurzarbeitergeld bekam. Eine zum Teil aus Steuermitteln finanzierte Hilfe, die dafür gedacht war, Massenentlassungen zu verhindern. Für die Stammwerker, für die mit den unbefristeten Verträgen, ist die Rechnung aufgegangen. Für Jablonski nicht.

Mit einem der fest angestellten Kollegen aus der VW-Fabrik in Hannover trifft sich Jablonski bis heute. Wenige Monate nachdem Jablonski und seine 200 Kollegen entlassen worden waren, erzählte ihm dieser Mitarbeiter, dass neue Leute ins Werk gekommen seien. 300 neue Leiharbeiter. Auch die Lokalpresse hat darüber berichtet.

Jablonski sagt, als er das gelesen habe, habe er sich nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein Verschleißteil gefühlt."

Kuddel

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  • Fischkopp
Re: Sklavenmarkt Deutschland
« Antwort #76 am: 09:40:59 Di. 14.September 2021 »
Ein echt guter Artikel in eine schlechten Zeitung.

Er erinnert daran, daß Leiharbeit nicht nur ein neviges Thema am Rande ist, sondern zentraler Bestandteil der Ausbeutungsmachinerie ist. Die Auswirkungen der Leiharbeit betreffen nicht nur die Leiharbeiter selbst, sondern auch die Stammbelegschaften. Leiharbeit spaltet die Belegschaften, flexiblisiert die Produktion und sorgt für ein Klima von Angst und Unsicherheit.

Im Wahlkampf habe ich das Thema Leiharbeit nicht wahrgenommen.

dagobert

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Re: Sklavenmarkt Deutschland
« Antwort #77 am: 11:43:52 Di. 14.September 2021 »
Noch ein aktueller Artikel aus "einer längst überwundenen Zeit":

file:///C:/Users/a544/AppData/Local/Temp/Dossier%2033%202021%20.pdf
Auf deine Festplatte haben wir hier keinen Zugriff ...  ::)