Autor Thema: Streikgeschichte  (Gelesen 6818 mal)

Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #15 am: 22:41:35 Fr. 22.März 2019 »
Warum nicht auch einmal ein Streik für die Beibehaltung der angestammten Rechte im alten Rom... (aus irgend so einem Buch)


Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #16 am: 12:40:23 Fr. 26.April 2019 »
Zitat
Die Geburt des Streiks

Warum heißen Streiks eigentlich „Streiks“? Die Antwort liegt in der Entstehung der Arbeiterinnenklasse in London vor 250 Jahren(...)
https://adamag.de/streik-geschichte-london-kohle

Kuddel

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #17 am: 15:57:46 Di. 14.Mai 2019 »
Zitat
Frankfurter Zeitung 28.02.1919 :
Streik und Tanzwut

Der Ernst der Lage wird wohl nicht überall gleich eingeschätzt: Auf die Eisenbahn-Streiks und Spartakisten reagiert die gehobene Berliner Gesellschaft mit Tanzpartys.


Die Streiks in Thüringen, der Provinz Sachsen und in Leipzig, die an den Haupteisenbanhpunkten zur Einstellung des Eisenbahnverkehrs geführt haben, bedrohen, wie auch von amtlicher Seite hervorgehoben wird, allmählich wichtige Zufuhrstraßen Berlins und stellen namentlich auch die Kohlenversorgungsfrage Berlin in Frage. Berlin ist aber, über Dresden, mit einigen Umwegen auch nach Süddeutschland, vor allem aber nach Osten, Norden und Nordwesten mit der übrigen Welt verbunden. Von der Ausdehnung und Dauer der die Eisenbahn weit wichtige Lebensinteressen der Hauptstadt bedroht sind. Die Stadt der Nationalversammlung, das zentral gelegene Weimar, ist vom Verkehr so gut wie abgeschnitten, und es kommt in Blättern verschiedener Richtungen jetzt der Gedanke zum Ausdruck, daß es ein von einem großen Teil der öffentlichen Meinung und manchen Parteien auch sofort erkannter Fehler war, die Nationalversammlung nicht in der Reichshauptstadt, sondern in einer kleinen Stadt Mitteldeutschlands tagen zu lassen, die, wie sich von Anfang an herausgestellt hat, von extremen Elementen im nahen Umkreis bedroht war und die, wenn die spartakistische Bewegung ernster werden sollte, schwerer zu schützen ist, als die Reichshaupstadt.

Der Ernst der Lage ist für verständige Menschen nicht zu verkennen und kein Optimist kann darüber hinwegtäuschen, daß diese Lage sich immer mehr zuspitzt. Es ist natürlich auch kein Zufall, daß Blätter verschiedener Richtungen in herben Worten den Leichtsinn und die Ahnungslosigkeit beklagen oder auch die Frivolität, mit der große Kreise der Bevölkerung sich über die drohenden wirtschaftlichen und politischen Zeichen hinwegsetzen und sich das Kriegswucheramt, das über den Verbrauch von Licht und Kraft wacht, zu ernsten Mahnungen und Verboten veranlaßt hat.

Der Taumel der Lust als Zeichen des sittlichen Zerfalls in Zeiten höchster Volksnot ist eine geschichtlich bekannte und psychologisch erklärte Tatsache. Es hieße einseitig urteilen, wenn man glauben wollte, daß diese Vergnügungs- und Tanzwut sich nur in öffentlichen Lokalen geltend mache.

Seit dem Winter vorigen Jahres hat ein Teil der Berliner Gesellschaft, die man die gute nennt, die Geburts- und Finanzaristokratie wieder angefangen, große Tanzgesellschaften zu geben und auch in diesen Monaten ist in bekannten Häusern derselben Art flott getanzt worden, auch von Persönlichkeiten, denen ihrer amtlichen und politischen Vergangenheit nach die Zeichen der Zeit kein Rätsel sein können. Man hört zur Begründung oder Beschönigung dieser mit der Not des Vaterlandes unverträglichen Vergnügungssucht zuweilen, daß es doch zu grausam, zu hart und zu bedauerlich wäre, wenn man mehrere Jahrgänge junge Mädchen ohne das Vergnügen des Tanzes weiter aufwachsen lasse. Wenigstens ist diese würdelose Vergnügungssucht auf dem Gipfel vaterländischer Not, wie viele Zuschriften und Berichte zeigen, keine Eigenheit der Hauptstadt, sie macht sich überall geltend.
https://www.faz.net/aktuell/politik/der-erste-weltkrieg/historisches-e-paper/streik-und-tanzwut-in-berlin-15937820.html

ManOfConstantSorrow

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Wilder Streik – Das ist Revolution
« Antwort #18 am: 15:12:19 So. 28.Juli 2019 »
Buchvorstellung
Wilder Streik – Das ist Revolution.
Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973
und Dokumentarfilm


13. August 1973: Weil sie trotz harter Akkordarbeit nach der untersten Lohngruppe 2 bezahlt werden (4,70 DM pro Stunde), starten die migrantischen Arbeiterinnen bei dem Neusser Vergaserhersteller Pierburg für fünf Tage einen »wilden Streik«. Von den insgesamt 3800 Beschäftigten sind 70 Prozent Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die Mehrzahl davon Frauen. Die Arbeitsmigrantinnen demonstrieren gegen die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen, fordern »Eine Mark mehr« und treten insgesamt für bessere Wohn- und Arbeitsbedingungen ein. Nach und nach schließen sich die deutschen Kolleginnen an, und die Stimmung auf dem Pierburg-Gelände erlangt zuweilen Festcharakter. Erst als klar wird, dass die Streikenden dabei sind, die gesamte deutsche Automobilindustrie lahmzulegen, kommt es zu ernsthaften Verhandlungen zwischen Belegschaft und Werksleitung: die Leichtlohngruppe 2 wird abgeschafft, der Lohn erhöht.



Der Film dokumentiert den Streik. Edith Schmidt-Marcello und David H. Wittenberg haben das Material, das während des Streiks von unterschiedlichen Akteurinnen vor Ort gedreht wurde, in Absprache mit den Streikenden montiert und mit eigenen Filmaufnahmen ergänzt.

Wilder Streik bei Pierburg: Freudentänze mit Facharbeitern


Vor 45 Jahren traten die Arbeiterinnen der Neusser Vergaserfabrik Pierburg in den Ausstand. Der damalige stellvertretende Betriebsratsvorsitzende erinnert sich an einen der legendärsten Streiks der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte...

https://laiens.club/2019/06/14/pierburg-ihr-kampf-ist-unser-kampf/

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ManOfConstantSorrow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #19 am: 21:18:32 So. 18.August 2019 »
Zitat
»Teamsters« on strike
Mitten in der Wirtschaftskrise streikten 1934 in Minneapolis die Lkw-Fahrer – ein Arbeitskampf mit Ausstrahlung auf die gesamten Vereinigten Staaten



Angehörige der »Teamster«-Gewerkschaft im Straßenkampf mit der Polizei (Minneapolis, Juni 1934)

»Das waren keine Streiks, das waren Bürgerkriege«, erklärte Jack Maloney, Teilnehmer des Teamsterstrikes in Minneapolis, 40 Jahre nach dem siegreichen Ende des Arbeitskampfes dem lokalen Fernsehender KTCA. Der Streik, einer der gewaltigsten der US-Geschichte, legte 1934 nicht nur eine ganze Stadt lahm, sondern inspirierte auch Arbeiter überall in den USA. Trotzdem ist er heute fast vergessen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika befanden sich 1934 im fünften Jahr der bis dahin tiefsten Krise des Kapitalismus. Die industrielle Produktion war auf etwas über 60 Prozent des Niveaus von 1929 gefallen. Die sozialen Auswirkungen waren verheerend. Im August 1931 hatten 1.500 Arbeitslose in Indiana Harbor die Fruit Growers Express Company gestürmt und Arbeit verlangt, weil sie fürchteten zu verhungern. Die Firma rief kurzerhand die Polizei. Ganze Familien lebten auf der Straße. Gut jeder Dritte war arbeitslos und hätte jeden noch so kärglichen Lohn akzeptiert.

Minneapolis, die größte Stadt des Bundesstaates Minnesota im Norden der USA, wurde von der Krise besonders hart getroffen. Die von Unternehmern gegründete »Citizen’s Alliance« organisierte erfolgreiche Kampagnen gegen die Gewerkschaften. Siegreiche Arbeitskämpfe hatte es auch vor dem Börsencrash 1929 kaum gegeben. Während die Löhne in den USA in den 1920er Jahren im Durchschnitt um elf Prozent gestiegen waren, betrug der Zuwachs in Minneapolis gerade einmal zwei Prozent.

In dieser Situation, so die feste Überzeugung der American Federation of Labor (AFL), des Dachverbandes der US-Gewerkschaften, waren erfolgreiche Streiks praktisch ausgeschlossen, denn eine Armee von Streikbrechern schien an allen Ecken und Enden zu lauern. Auch Daniel Tobin, Präsident der International Brotherhood of Temasters (IBT), der Gewerkschaft der Lkw-Fahrer, lehnte Arbeitskämpfe ab.

Ausnahme »Local 574«

Tobin setzte seine Hoffnungen auf den 1932 gewählten demokratischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, dessen »New Deal« Jobs und Prosperität durch staatliche Interventionen versprach. Zudem sicherte der »National Industrial Recovery Act« (NRA) von 1933 Arbeitern auch die Möglichkeit gewerkschaftlicher Organisierung zu. Das reichte der Führung von AFL und IBT aus – auch dann noch, als die Arbeitslosenzahlen weniger sanken als versprochen, die Löhne hinter den Preisen herhinkten und die Unternehmer ihren Kleinkrieg gegen die Gewerkschaften fortsetzten.

Zitat
Was ist anders an Local 574? Die Antwort ist, fast alles ist anders. (…) Einer der zahlreichen Beiträge, die Local 574 geleistet hat, ist die Organisierung der Frauen der Streikenden und deren direkte Beteiligung am Streik durch die Frauenhilfsorganisation. (…)

Wir sehen die Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit als einen unaufhörlichen Kampf zwischen der ausgebeuteten Klasse der Arbeiter und der Klasse der ausbeutenden Parasiten. Das ist Krieg. Was in diesem Krieg, wie in allen anderen, entscheidet, ist Macht. Die Ausbeuter sind organisiert, um uns im Staub zu zermahlen. Wir müssen unsere Klasse organisieren, um zurückzuschlagen. Und die Frauen bilden die Hälfte der Arbeiterklasse. Ihre Interessen sind dieselben wie unsere, und sie sind bereit, dafür zu kämpfen. Deshalb: Organisiert sie, damit sie an den Klassenkämpfen teilnehmen. Das ist die Idee hinter der wundervollen Organisation der Frauenhilfsorganisation und seiner effektiven Kooperation mit der Gewerkschaft im Kampf.

James P. Cannon: Das Geheimnis von Local 574, The Organizer, 18.8.1934

Aber ausgerechnet im gebeutelten Minneapolis setzte sich innerhalb der dortigen Gliederung der IBT, des »Local 574«, eine andere strategische Ausrichtung durch. Die Führung des »Local 574« bestand aus entschlossenen Aktivisten rund um den gebürtigen Schweden Carl Skoglund. Das Mitglied der trotzkistisch orientierten Communist League of America (CLA) hatte früh seinen Vater verloren und brachte seine Geschwister mit Gelegenheitsarbeiten durch. Sein Ruf, Streiks zu organisieren, eilte ihm voraus und verhinderte, dass er in seiner Heimat Arbeit fand. Im Alter von 27 wanderte er deshalb in die USA aus. In Minneapolis wurde er Kohleausfahrer und trat der IBT bei.

Trotz des geringen Ogranisationsgrades hatten sie es bereits im Februar 1934 geschafft, die Ausfuhr von Brennstoffen für zwei Tage zum Erliegen zu bringen. Die Unternehmer knickten ein. Der Sieg bescherte der IBT einen ungeahnten Zulauf, nicht weniger als 3.000 Beschäftigte verstärkten innerhalb weniger Wochen ihre Reihen.

Im April übergab »Local 574« einen Forderungskatalog der Lkw-Fahrer an die »Citizen‘s Alliance«. Diese lehnte jedes Zugeständnis ab. Daraufhin beschloss die Vollversammlung der Beschäftigten am 15. Mai 1934 den ersten Streik der Teamster. Das Hauptquartier schlug das aus 100 Kollegen bestehende Organisationskomitee in einer alten Garage auf. Die Streikenden trafen sich dort jeden Morgen und planten die Aktionen des Tages. Von dort wurden Wagenladungen voller Streikposten an die vorgesehenen Orte transportiert.

Ein Frauenkomitee unterstützte den Ausstand, ebenso ein eigens organisiertes Komitee von Arbeitslosen. Farmer spendeten Essen und Milch für die Kinder der Streikenden, Ärzte und Schwestern halfen nach ihrem Dienst bei der Versorgung von Verletzten. Und die gab es zuhauf: Bereits am 19. Mai versuchten Polizisten mit Gewalt, eine Streikpostenkette zu durchbrechen, letztlich erfolglos. Die Auseinandersetzung ging später unter dem Namen »The Battle of Deputies Run« in die Geschichte der Stadt ein.

Trotz der Propaganda der bürgerlichen Medien und obwohl sich der Chef der IBT Tobin öffentlich vom Streik distanzierte, hielten die Reihen der Streikposten. Unter dem Druck der Ereignisse verlangte Gouverneur Floyd B. Olson von der Bauern- und Arbeiterpartei von Minnesota, die später in der Demokratischen Partei aufging, eine Übereinkunft, und die »Citizen’s Alliance« stimmte massiven Lohnerhöhungen, Arbeitsschutzmaßnahmen und einem Kündigungsschutz zu. Alle erwarteten ein Ende des Ausstandes. Da sich die Unternehmer aber weigerten, den Abschluss auch auf die Beschäftigten der Lager auszuweiten, beschlossen die Teamster im Juli den Streik von neuem aufzunehmen.

Blutiger Freitag

Lkws konnten lediglich dann fahren, wenn sie die Erlaubnis des »Local 574« hatten. Das Streikkomitee organisierte die Belieferung der Stadt mit Essen durch die angrenzenden Farmen und gab eine tägliche Zeitung, The Organizer, heraus, Chefredakteur war James P. Cannon, Vorsitzender der CLA. In Minneapolis standen im wahrsten Sinne des Wortes die Räder still. Umso härter griff nun der Staat durch. Verhaftungen auch von Streikführern und Knüppeleinsätze kannten die Teamster bereits. Nun wurde die Nationalgarde in Bewegung gesetzt. Am 20. Juli, dem »blutigen Freitag«, eröffnete die Polizei sogar das Feuer auf Streikposten, verletzte 67 und tötete zwei von ihnen. An der Beisetzung nahmen Zehntausende Einwohner der Stadt teil.

Je länger der Streik anhielt, desto mehr Unternehmer scherten aus der Phalanx der »Citizen’s Alliance« aus und verlangten, die Forderungen des Streikkomitees zu akzeptieren. Selbst Präsident Roosevelt schaltete sich ein. Nach mehr als sieben Wochen Streik gaben die Unternehmer nach. Die Löhne der Teamster stiegen von 28 auf 52 Cent pro Stunde. »Local 574« erklärte den Ausstand am 22. August für beendet. Es war der erste große Streikerfolg in den USA seit 1929 und löste eine ganze Welle von erfolgreichen Arbeitskämpfen aus, in deren Folge die Löhne erstmals wieder spürbar stiegen.
https://www.jungewelt.de/artikel/361003.arbeiterbewegung-teamsters-on-strike.html
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Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #20 am: 21:51:35 So. 18.August 2019 »
Minneapolis Teamsters Strike Documentary Part 1:
https://www.youtube.com/watch?v=m44DLk-IX1s

Minneapolis Teamsters Strike Documentary Part 2:
https://www.youtube.com/watch?v=xEjq90JMuy0

Scheint eine gute Doku zu diesem Streik zu sein. Jetzt noch mit Untertiteln...das wäre was.

Kuddel

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #21 am: 18:46:28 Sa. 24.August 2019 »
Eine tolle Doku. Ich hatte teilweise Gänsehaut.
Ein spannender Blick in die Geschichte der Klassenauseinandersetzungen.
"Es war kein Streik. Es war Bürgerkrieg!"

Leider wurde der 1881 erschienene Beitrag auf Videoband gelagert und hat in Bild- und Tonqualität gelitten.

Hier gehts weiter mit der Geschichtsstunde:
The Great Sit-Down
Sitzstreik bei General Motors 1937

https://www.youtube.com/watch?v=E2Py_vNt4fc

Die BBC Produktion von 1976 hat eine astreine Bildqualität und der Sprecher spricht feinstes britisches Englisch.
Zitat
"The United Auto Workers' struggle for recognition is the focus of this program recalling the sit-down strikes against General Motors that were settled by the union in February 1937. Included: women's roles in settling the strikes."

ManOfConstantSorrow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #22 am: 17:13:57 Sa. 14.September 2019 »
Zitat
„September 1969: Als die heile Welt zerbrach“ – Wie Malocher in Dortmund erfolgreich in den Arbeitskampf zogen


Streikenden Hoeschianer vor der Hauptverwaltung der Westfalenhütte im September 1969. Foto: Archiv Peter Keuthen

Von Claus Stille

„Ein Paukenschlag ging vor 50 Jahren durch den Dortmunder Norden, der ganz Deutschland bewegte“, so Wiltrud Lichte-Spanger, die Vorsitzende des Evinger Geschichtsvereins. Spontane Streiks, ohne Unterstützung durch Gewerkschaften oder Parteien, begannen im September 1969 auf der Westfalenhütte, setzten sich über die Zentralwerkstatt der Zeche Fürst Hardenberg auf die Dortmunder Schachtanlagen und die Dortmunder Stadtwerke fort. Auch Betriebsräte hielten sich zurück, verschlossen sich in ihren Büros. Erfolge hefteten sie sich später an die Brust. Bald breitete sich die Streikwelle, der „Heiße Herbst 69“, über ganz Deutschland aus – Geschichte, die heute noch aktuell ist.

1969: Forderung nach 20 Pfennig Lohnerhöhung wurde rigoros abgelehnt



v.l.: Dr. Wilfried Kruse, Wiltrud Lichter-Spanger und Werner Nass. Foto: Claus Stille

Am Montagabend war dies Thema bei einer Veranstaltung des Evinger Geschichtsvereins. Als Zeitzeuge berichtete Werner Nass, später einer der einflussreichsten Betriebsräte in der Stahlindustrie, wie er den Streik erlebte.

Wiltrud Lichte-Spanger erinnerte an die Geschichte vor den Streiks. Zuvor hatte es nach dem Krieg in Westdeutschland die Aufbaujahre auch im Ruhrgebiet gegeben. Dann jedoch sei die erste Wirtschaftskrise 1966 eingetreten. Später folgte eine Erholung. Die Studentenbewegung stellte alles in Frage, was die Zeit des Zweiten Weltkriegs überlebt hatte.

Auf dem Höhepunkt des Wirtschaftsbooms waren Gewerkschaften, wie sie meinten, durch die Friedenspflicht an langfristig abgeschlossene, niedrige Tarifverträge gebunden. Während die Hoesch-Konzernleitung den Aktionären eine drastische Erhöhung der Dividenden ankündigte, sahen die Arbeiter weiter in die Röhre. 1969 sei dann die Forderung aufgestellt worden, den Stahlarbeitern zwanzig Pfennig mehr pro Arbeitsstunde zu zahlen. Das wurde von den Verwaltungen brüsk abgelehnt.

Die Septemberstreiks bahnten sich an und sind nicht spontan entstanden



Im September 1969 zogen sie von hier aus in die Innenstadt.

Im September 1969 zogen die DemonstrantInnen von der Westfalenhütte aus in die Innenstadt.

Dr. Wilfried Kruse, ehemals Leiter der Sozialforschungsstelle in Dortmund, gab den ZuhörerInnen einleitend einen Einblick in die „lange Vorgeschichte“ der Streiks. Wenn bezüglich der Septemberstreiks im Jahr 1969 von spontanen Streiks geredet werde, so Kruse, entstehe der Eindruck, sie seien „plötzlich und aus heiteren Himmel“ gekommen. Was nicht der Fall gewesen sei.

Es stimme weder gesellschaftlich noch betrieblich. Kruse sagte, er habe eigentlich ein kurzes Video aus der Deutschen Schlagerparade 1969 zeigen wollen. Dies scheiterte aber an technischen Problemen. Der Titel der Veranstaltung lautete ja: „September 1969: Als die heile Welt zerbrach“. Deshalb der Blick auf die Schlager jener Zeit: denn die heile Welt ging ja auch 1969 noch weiter, wusste Kruse.

Zwar habe es Elvis und Woodstock in den USA und die Beatles in Großbritannien gegeben – in der BRD aber hatte ein Schlagerstar den größten Erfolg überhaupt im Lande. Das sei Heintje gewesen, der Inbegriff von heiler Welt, mit „Heidschi Bumbeidschi“, Anfang 1969 der größte Hit. Er erzähle das, erklärte Kruse, weil wir uns davor hüten müssten, Schwarz-Weiß-Bilder zu erzeugen.

Während der Adenauer-Zeit wurde die jüngste Vergangenheit ausgeblendet


Es habe nämlich immer Widersprüche und Spannungen gegeben. In den Jahren 1969 und folgenden gehe es um das Ende der Nachkriegszeit. Präziser gesagt: „Das der Adenauer-Zeit.“ Eine Zeit, in der es eine Kombination gegeben habe aus einem in den 1950er Jahren beginnenden sogenannten „Wirtschaftswunder“ (Sinnbild dafür war Ludwig Erhard mit der Zigarre im Mund) und gleichzeitig einer äußerst konservative Grundhaltung.

Einerseits sei es eine Zeit voller Optimismus – nach dem Krieg ging es endlich wieder aufwärts – gewesen, die andererseits jedoch, was die gesellschaftlichen Verhältnisse betreffe, „grauenvoll war“. Nach 1945 sei der Faschismus eigentlich nicht zum Thema gemacht, sondern verdrängt und beschwiegen worden. Weshalb Dr. Kruse den Beginn des Endes der Nachkriegszeit nicht bei den 69er Streiks, sondern beim Auschwitz-Prozess (1963-1965) verortet. Als wichtiges Datum nannte Wilfried Kruse 1966. Da sei nämlich die erste Garde der westdeutschen Politiker aus den 1950er Jahren abgelöst worden.

Mut zur Demokratie: mit Willy Brandt kam ein Politik- und Moralwandel


Es kam zur ersten Großen Koalition. Der Sozialdemokrat Willy Brandt (im Widerstand gegen die Nazis tätig gewesen) wurde in der Bundesregierung des Christdemokraten Kurt-Georg Kiesinger (einem Nazitäter) Vizekanzler.

Willy Brandts Credo: „Mehr Demokratie wagen“. Bei der Bundestagswahl am 28. September 1969 – wenige Tage nach dem Septemberstreik – bekam die SPD knapp 42 (!) Prozent der Stimmen. Willy Brandt wurde Bundeskanzler der sozial-liberalen Koalition (mit der FDP). Es habe ein Kultur- und Moralwandel begonnen und ein verändertes Frauenbild gegeben. Was Willy Brandts Politikwandel ermöglichte.

Nachdem Dr. Wilfried Kruse zum besseren Verstehen den entsprechende gesellschaftlichen Hintergrund jener Zeit nachgezeichnet hatte, sprach Zeitzeuge Werner Nass darüber, wie es zu den Septemberstreiks gekommen war. Er selbst erlebte sie als junger Vertrauensmann „im dritten und vierten Glied“. Diese Zeit, sagte Nass, sei damals „ein Hammer für einen  jungen Gewerkschafter“ gewesen. An diesem 2. September 1969 habe er zufällig Frühschicht im Walzberg als Schweißer gehabt: „Um neun Uhr ging das dann rund.“

Trotz guter Konjunktur und hoher Dividenden: „Die Malocher sollten außen vor bleiben.“


Mehrere Faktoren wären damals zusammengekommen. 1969 sei genauso ein heißer Sommer wie 2018 gewesen. Da habe der Vorstand gesagt, man müsse den Kollegen an den Hochöfen etc. wenigstens eine Flasche Wasser geben. Das Unternehmen habe horrende Gewinne gemacht, die Konjunktur war enorm nach oben gegangen. Die Aktionäre sollten höhere Dividenden bekommen. Nass: „Aber der Malocher sollte außen vor bleiben.“
Neujahrsempfang des Runden Tisch BvB und Borsigplatz. ehemaliger Gesamtbetriebsrats-Chef Hoesch, Werner Nass, führt durch das Museum und erzählt von Arbeitskämpfen früherer Zeiten


Ehemaliger Gesamtbetriebsrats-Chef von Hoesch, Werner Nass, hat die Septemberstreiks miterlebt. Foto:Klaus Hartmann

Dann spielte die IG-Metall eine Rolle. Was vor fünfzig Jahren so war und heute noch so ist. Die Perspektive sei gewesen, stets Tarifverträge für zwölf Monate abzuschließen.

Stattdessen wurden längere Laufzeiten vereinbart. 1969 brummte also die Konjunktur und der Tarifvertrag lief noch bis zum 1. Dezember des Jahres. Einen neuen Tarifvertrag zu verhandeln, war nicht möglich. Die IG Metall habe gesagt: Uns sind die Hände gebunden.

Zwischen den drei Stahlstandorten in Dortmund habe es seinerzeit Stundenlöhne zwischen 5,30 DM und 5,40 DM gegeben, während in der Weiterverarbeitung die Löhne höher waren. Die Betriebsratsvorsitzenden gingen damals daran, am 15. August 1969 Forderungen zu stellen, die Tarifverhandlungen vorzuziehen und den Arbeitslohn pro Stunde um 20 Pfennig rückwirkend zu erhöhen.

Die Vorstände lehnten die Forderungen des Betriebsrats ab

Die Betriebsdirektoren äußerten Verständnis. Die Vorstände aber lehnten ab. Die Vorstände von Union und Phoenix waren bereit, am 1. Dezember 1969 fünfzehn Pfennige draufzulegen. Der Betriebsrat der Westfalenhütte lehnte einstimmig dieses Angebot ab. Man wollte 20 Pfennig mehr, sofort.

Der damalige Betriebsrat Albert Pfeifer habe dann im Gespräch mit dem damaligen Vorsitzenden der Vertrauenskörperleitung Fritz Wäscher gebeten, dass dieser 100 Kollegen bitte, auf die Treppe zur Hauptverwaltung zu kommen.

Nun rumorte es überall in den Betrieben. Einige Vertrauensleute im Bereich des Hochofens wollten es aber nicht bei der Zahl von 100 Kollegen belassen. Sondern die 9 Uhr-Kaffeepause nutzen, um mit mehr Leuten zur Hauptverwaltung zu kommen. Werner Nass: „Man ist gestartet und wusste nicht, wo man landet.“

Auf einmal waren 1.000 Menschen vor der Hauptverwaltung. Der Betriebsrat begannt, mit dem Vorstand Gespräche zu führen. Der Vorstand sagte 20 Pfennig mehr zu. Doch zwischenzeitlich war die gesamte Frühschicht – vielleicht fast 3.000 Arbeiter an der Treppe. Bevor das Ergebnis von 20-Pfennig-Mehr bekannt wurde, gab es die Losung: 30 Pfennig mehr! Die Sache schaukelte sich hoch. All das kam von der Basis.

Protest entwickelte überraschende Eigendynamik


Die IG Metall, so Nass, und der Betriebsrat waren außen vor. Der Betriebsrat lehnte es ab, weitere Gespräche zu führen. Nun forderte man – wenn heute nicht 30 Pfennig beschlossen würden – 50 Pfennige. Eine Strohpuppe wurde symbolisch an der Hoesch-Hauptverwaltung aufgehangen.

Was wiederum dazu führte, dass die bürgerliche Presse – etwa die FAZ und die Bild-Zeitung – schrieben, die Frau des Vorstandsvorsitzenden Fritz Harders hätte sich auf ihrem Grundstück in Ergste mit der Pistole verteidigen müssen gegen diese schlimmen Stahlarbeiter.

Die seien von Kommunisten oder was auch immer ferngesteuert. Nass: „Alles erlogen.“ Er machte deutlich, an diesem 2. und 3. September 1969 habe es keinerlei parteipolitische Aktivitäten gegeben. „Es waren die normale Kumpel, die Vertrauensleute, die aus eigenem Antrieb handelten.

Solidarität von den anderen Werken in Dortmund: 20.000 Menschen trafen sich am Wall


All dies habe sich mittags am 2. September abgespielt. Studenten hätten versucht, die Macht zu übernehmen. Die Stahlarbeiter rochen jedoch Lunte und ließen sich nicht missbrauchen. Die Westfalenhütte stand alleine da. Die beiden anderen Werke in Dortmund sollten davon abgehalten werden, sich zu solidarisieren.

Am ehemaligen Werkstor der Zeche Minister Stein versammelten sich 1969 streikende Bergarbeiter ohne Vertreter ihrer Gewerkschaft.


Am ehemaligen Werkstor der Zeche Minister Stein versammelten sich 1969 streikende Bergarbeiter ohne Vertreter ihrer Gewerkschaft.

Die Mittagsschicht der Westfalenhütte führte den Streik weiter. Bei Union und bei Phoenix ließ nun ebenfalls die Nachtschicht die Arbeit ruhen. Der Betriebsrat forderte die Arbeiter auf, die Arbeit wieder aufzunehmen.

„Ein ganz gefährliche Sache“, merkte Werner Nass an: „Uneinigkeit auf der Arbeitnehmerseite.“ Der Vorstand war dennoch nicht bereit, zu verhandeln. Man glaubte – auch weil die IG Metall außen vor war – die Sache liefe sich tot. Am zweiten Tag des Streiks, dem 3. September, kam von den beiden anderen Werken in Dortmund das Signal an die Arbeiter der Westfalenhütte: Wir kommen zu Euch.

Die Arbeiter von der Westfalenhütte kamen ihnen entgegen. Werner Nass: „Dieses Bild habe ich immer noch im Kopf. Das war der erste Kampf mit Zwanzigtausend, die sich in der Stadt getroffen haben. Da war auch der kleine Krämer dabei, der ja auch Sorgen hatte, wenn das schiefgeht.“ Zwanzigtausend Menschen trafen sich am Wall. „Es war eine Stimmung, getragen von der Kraft, die von unten kam“, erinnerte sich Nass. Doch keiner habe gewusst, wie und wo es enden werde.

Sieg! – „So ein Tag, so wunderschön wie heute“

Gegen elf Uhr an diesem Tag war der Vorstand wieder bereit, die Verhandlungen aufzunehmen. Wohl um zwanzig vor eins sei es gewesen, dass Vorstand und Betriebsräte verkündet hätten, die 30 Pfennig würden bezahlt, die Ausfallzeiten vergütet und es werde in keiner Form Abmahnungen geben.

Nass: „Unterm Strich ein unglaublicher Erfolg. Praktisch gegen die Gewerkschaft. Der Betriebsrat war stellenweise außen vor.“ Zum Schluss sei das Lied „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ erklungen. Noch am selben Tag wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Für ihn als junger Gewerkschafter, sagte Werner Nass, sei das ein Schlüsselerlebnis gewesen.

Er wies allerdings darauf hin, dass man nach diesem unglaublichen Erfolg in nachfolgenden Arbeitskämpfen auch habe Niederlagen einstecken müssen. Erfolge setzten sich nicht einfach fort. Werner Nass gab darüber hinaus zu bedenken, wenn man in einen Streik gehe, müsse man sehen, wo eine Tür sei, wo man wieder zurück könne. Auf der Gewerkschaftsschule habe man gelernt, quer zu denken. Und entsprechendes Rüstzeug dafür erhalten, das Wirtschaftssystem zu begreifen. Mit den 69er-Tagen habe ein neues Denken eingesetzt.

30.000 Beschäftigte hatten sich in Dortmund dem Septemberstreik angeschlossen


Vor dem Direktionsgebäude demonstrieren Hoeschianer traditionell für ihre Forderungen.

Dr. Wilfried Kruse schätzte ein, dass der Septemberstreik auf der Westfalenhütte eine Initialzündung war, der fast die gesamte westdeutsche Stahlindustrie und 150.000 Stahlarbeiter erfasste. 30.000 Beschäftigte hatten sich in Dortmund damals in der Stahlindustrie und bis zu 8.000 im Bergbau beteiligt.

Im Bergbau indes sei die Streiksituation anders und viel schwieriger gewesen, erklärte Wilfried Kruse. Dort sei es um Arbeitskleidung und mehr Urlaub gegangen. Die Vorstände im Bergbau hätten Verhandlungen abgelehnt.

Die IG Bergbau und Energie sei nicht nur wie im Stahlbereich die IG Metall außen vor, überrumpelt und nicht handlungsfähig, sondern massiv gegen diesen Streik eingestellt gewesen. Streikführer im Bergbau wurden von ihrer Gewerkschaft hart angegriffen. Der Streik im Bergbau brach aus diesen Gründen zusammen und war ein Misserfolg.

Gemeinsamkeiten zwischen den Septemberstreiks und der Klimaschutzbewegung

In der Einladung zur Veranstaltung war vermerkt: „Bei allen Unterschiedlichkeiten meint Wolfgang Skorvanek, ebenfalls stellvertretender Vorsitzender des Evinger Geschichtsvereins, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Septemberstreiks von 1969 und der heutigen Klimaschutzbewegung um Greta Thunberg.

Skorvanek: „Damals wie heute entstand eine spontane Aktion junger Menschen, die ohne Rücksicht auf Sanktionen neue Ansprüche formulierten, bevor sie von Institutionen wie Parteien und Gewerkschaften zunächst erkannt wurden.“

„Die Septemberstreiks waren der Höhepunkt, wo Arbeiter sichtbar wurden, aber gleichzeitig der Beginn vom Ende des Malochers.“ Des Malochers als schwer arbeitender Bergarbeiter oder Stahlarbeiter. So könne man die Septemberstreiks als Höhepunkt und Abgesang des Malochers markieren.
https://www.nordstadtblogger.de/september-1969-als-die-heile-welt-zerbrach-wie-malocher-in-dortmund-erfolgreich-in-den-arbeitskampf-zogen/


    Ein Kurzfilm zum Septemberstreik: https://www.youtube.com/watch?v=QteqL-NrFZY
    www.geschichtsundkulturverein-eving.de
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ManOfConstantSorrow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #23 am: 15:19:48 Mo. 23.September 2019 »
Zitat
50 Jahre Septemberstreiks

Beverly Silver verwies in ihrer Historiographie der Arbeitsunruhen im 20. Jahrhundert auf die Notwendigkeit, ein systematisiertes Verständnis für die aggregierte Bedeutung lokaler Arbeitskonflikte zu entwickeln, um die Dynamik von historischen Klassenbeziehungen überhaupt zu begreifen...
(...)
Genau dieses Spannungsfeld spielt in der sich seit einigen Jahren, nicht zuletzt im Zuge der Rezeption der Geschichte der „proletarischen“ 1968er entwickelnden historischen Aufarbeitung wilder Streiks eine wichtige Rolle. Die Septemberstreiks – die aktuell ihren 50. Geburtstag feiern – sind dafür eines von mehreren Beispielen.

Wie also sind latente und offene betriebliche Sozialproteste jeweils spezifisch miteinander verbunden? Und darüber hinaus, wie konnten sich wiederum diese „offenen“ Sozialproteste miteinander vernetzen, wenn sie über kein organisatorisch entwickeltes und institutionell gesichertes Dach verfügten? Für die Analyse der Streiks im September 1969 sind beide Fragen bedeutend. Diese Arbeitskämpfe brachten eine Vielzahl von Forderungen hervor, besonders aber „egalitäre“ Lohnforderungen, sie fanden innerhalb des mit einer Friedenspflicht belegten Zeitraums insbesondere in der Montanindustrie statt, mit Schwerpunkten im Ruhrgebiet und im Saarland. Rund 200.000 Beschäftigte beteiligten sich, etwa acht Millionen erhielten daraufhin „kampflos“ Verbesserungen bei den Löhnen, die in vielen Fällen weit über das hinausgingen, was bei regulären Tarifverhandlungen erreicht werden konnte. Andere Forderungen – die vor allem im Kohlebergbau vielfältig waren und von der Entlassung autoritärer Vorgesetzter bis hin zu Verbesserungen beim Schutz vor Arbeitsunfällen reichten – blieben jedoch außerhalb dessen, was erreicht werden konnte.

Die Septemberstreiks wurden häufig als eine Art „Schock“ für die etablierten Träger der industriellen Beziehungen und des „deutschen“ Modells der Sozialpartnerschaft beschrieben. Tatsächlich täuscht diese Sicht darüber hinweg, dass dieses Modell bereits in den Jahren vor 1969 als porös zu bezeichnen ist.
(...)
Die Septemberstreiks stehen für eine Erosion einer durch den Staat regulierten, aber autoritären Betriebs- und Arbeitspolitik, von dessen sozial-staatlicher Dimension auch viele Linke noch heute träumen, die aber damals nicht unbegründet als arbeiter_innenfeindlich und als entmündigend galt. Die Streiks markierten den Anfang vom Ende der auch in der SPD zu dieser Zeit durchaus verbreiteten Vorstellung, man könne soziale Konflikte quasi durch eine Verwissenschaftlichung der Politik und ihrer Apparate regulieren. Die Septemberstreiks schlossen an einen transnationalen Zyklus unabhängiger, anderer Arbeiter_innenkämpfe an, an den „Pariser Mai“, an den „heißen Herbst“ in Italien, an zahllose weitere Kämpfe. Sie markierten den Anfang eines Zyklus von Streiks, die das Spektrum der Themen auf den Kampf gegen „Frauenlöhne“ (Pierburg, 1973) oder rassistische Benachteiligung (Ford, 1973) erweiterten.
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https://sozialgeschichte-online.org/2019/09/16/50-jahre-septemberstreiks/
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ManOfConstantSorrow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #24 am: 13:31:40 Mo. 30.September 2019 »
Zitat
Pierburg 1973: Der migrantische Streik

Migration ist in der Geschichte Deutschlands häufig verbunden mit Marginalisierung, Rassismus und Unterdrückung. Doch die Geschichte der Migration ist auch eine des Widerstands wie der Streik bei Pierburg zeigt.


Die Vorurteile, sexistischen und rassistischen Angriffe, denen Frauen ohne deutschen Pass ausgesetzt sind, stehen in direkter Verbindung zur Ausbeutung an den oftmals prekären Arbeitsplätzen und der formellen Ungleichbehandlung vor dem Gesetz. Häufig werden sie in Sektoren gedrängt wie Reinigung, Pflege, Kindererziehung, Einzelhandel oder Gastronomie, wo sie schlechte Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne erwarten. Dabei hat die Entrechtung von Migrantinnen und Migranten einen einen naheliegenden Grund: Sie werden als billige Arbeitskräfte ausgenutzt.

Die Tradition der multiethnischen Arbeiterkämpfe

Die Rechten behaupten gerne, das „Wirtschaftswunder“ der 50er und 60er Jahre sei auf den Fleiß der Deutschen zurückzuführen. Sie ignorieren, dass die Überausbeutung von Millionen von migrantischen Arbeiterinnen und Arbeitern eine wesentliche Rolle für das Wachstum spielte. Der Rassismus blieb hierbei eine Konstante des deutschen Regimes. Als die sogenannten „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter“ in den 1950er und 60er Jahren kamen, war nie vorgesehen, sie mehr als ein paar Jahre lang für das deutsche Kapital schuften zu lassen, um sie nach dem verrichteten Aufbau wieder zurückzuschicken. Eine politische Vertretung war ohnehin nicht angedacht. Das hat sich auch bis 2019 nicht geändert.

Aber in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es auch heroische Kämpfe der „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter “, die ihre deutschen Kolleg*innen an die eigene Kampfkraft erinnert haben. Die Streiks der 1970er Jahre gingen von der Basis aus, da die IG-Metall-Führung entweder nur zugunsten deutscher Kolleg*innen Verhandlungen abgeschlossen hatte oder komplett unfähig war, die Bosse unter Druck zu setzen. Unter diesen Bedingungen entstanden Lohnungleichheiten, die bei den Belegschaften auf Protest stießen. Denn viele „Gastarbeiter*innen“ hatten längst die Entscheidung getroffen, in Deutschland zu bleiben – worauf Kanzler Willy Brandt als Repression auf die Streikwelle und anlässlich der Ölkrise mit dem „Anwerbestopp“ antwortete, der Arbeitsmigration illegalisierte.

1973 erreichte die Streikpraxis der (post-)migrantischen Arbeiterinnen und Arbeiter und ihrer deutschen Kolleginnen und Kollegen ihren Höhepunkt: Es streikten in diesem Jahr mindestens 275.000 Beschäftigte in 335 Betrieben. Viele der Streiks wurden als „wilde Streiks“ eingestuft, da diese Arbeitskämpfe weitgehend unabhängig von der Gewerkschaftsbürokratie organisiert werden mussten. Hierbei waren Migrantinnen öfters führende Organisatorinnen.

Der Frauenstreik bei Pierburg in Neuss

Einen besonderen Platz in der Geschichte der Arbeiter*innenbewegung in Deutschland hat der Streik beim Autozulieferer Pierburg 1973 in Neuss, der von migrantischen Frauen angeführt wurde. 70 Prozent von insgesamt 3.800 Beschäftigten waren „Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter “. Griechinnen, Italienerinnen, Jugoslawinnen, Spanierinnen, Türkinnen sowie auch deutsche Fließbandarbeiterinnen legten die Arbeit nieder, weil sie in einer eigenen Frauen-„Leichtlohngruppe“ schlechter bezahlt wurden als die Männer, was ihre Ungleichbehandlung als überwiegend migrantische Frauen formalisierte. Die Streikenden, deren Kampf in einem Eskalationsplan minutiös vorbereitet wurde, forderten die Abschaffung der Leichtlohngruppe und eine Mark zusätzlich für alle, was auch die Einbeziehung eher männlicher und deutscher Facharbeiterkollegen erlaubte.

Der Streik dauerte eine ganze Woche. Die migrantischen Kolleginnen schafften es, ihre deutschen und männlichen Kolleginnen und Kollegen auf ihre Seite zu ziehen und den Kampf gegen den Niedriglohn mit Errungenschaften zu beenden. „Eine Ursache für die Resonanz war, dass die geschlechtsspezifische Ungleichheit Ansatzpunkte für eine Solidarisierung von deutschen und migrantischen Frauen bot“, schreibt Peter Birke in „Wilde Streiks im Wirtschaftswunder“ (2007) über den Arbeitskampf. Deutsche Facharbeiter empörten sich darüber, dass ihr Betriebsrat von den Bossen nicht gehört wurde, und sahen, dass es bei anderer Gelegenheit auch ihnen selbst an den Kragen gehen könnten.

Der Streik hat gleichzeitig andere Industriearbeiterinnen und Industriearbeiter elektrifizieren können. So schreibt Peter Birke, dass es „fast zeitgleich […] zu einer Reihe weiterer Streiks von Industriearbeiterinnen gekommen war: Bei AEG in Neumünster, bei den Deutschen Telefonwerken in Rendsburg und anderswo waren sie für gleichen Lohn für gleiche Arbeit eingetreten.“

Dies ist ein Beispiel, wie die Arbeiterinnen die sexistische und rassistische Spaltung überwinden und eine antirassistische Tradition etablieren können. Rassismus ist notwendig, um einen Keil zwischen Arbeiterinnen und Arbeiter zu treiben, die ansonsten sehr viel gemeinsam und jeden Grund haben, sich zu verbünden und zu organisieren.

Bis heute sind die (post-)migrantischen Frauen besonders von Prekarisierung betroffen. Sie sind diejenigen, die am meisten Unterdrückung erfahren und gezwungen sind, besonders häufig um ihre Rechte zu kämpfen. Ohne die Verbindung zu anderen Arbeiterinnen und Arbeitern bleiben sie aber isoliert. Der Pierburg-Streik in Neuss stellt ein Vorbild da, wie es den Unterdrückten gelingen kann, weitere Teile der arbeitenden Klasse für die gemeinsame Sache zu gewinnen und anzuführen. Der Kampf wurde gewonnen und gibt Hoffnung, dass die Unterdrückten nicht ewig Unterdrückte bleiben müssen. Die Kämpfe der nächsten Jahre werden notwendigerweise mit prekär arbeitenden Frauen und Migrantinnen und Migranten an ihrer Spitze stattfinden. Denn was die Rechten nicht wahrhaben wollen, ist längst Realität: eine weibliche und multiethnische Arbeiterinnenklasse.

Der Beitrag ist von Baran Serhad verfasst und erschien zuerst bei KGK.

Literaturempfehlungen zum Thema:
Peter Birke: Wilde Streiks im Wirtschaftswunder. Arbeitskämpfe, Gewerkschaften und soziale Bewegungen in der Bundesrepublik und Dänemark. Campus Forschung, 2007.
Dieter Braeg (Hg.): „Wilder Streik – das ist Revolution“. Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973. Mit DVD. Die Buchmacherei, 2013.
https://diefreiheitsliebe.de/politik/pierburg-1973-der-migrantische-streik/
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