Autor Thema: Streikgeschichte  (Gelesen 9381 mal)

Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #30 am: 21:13:47 Sa. 11.Juli 2020 »
Zitat
Interview mit Historiker Simon Goeke   
1972 streikten italienische Arbeiter bei BMW – und flogen raus.

Spannendes Interview. So etwas ähnliches geschah zur selben Zeit bei Volkswagen und ist auch kaum erforscht.
Da das Buch 60 Tacken kosten soll, hier wenigstens ein Scan der "Arbeitersache" von 1970:
https://www.mao-projekt.de/BRD/BAY/OBB/Muenchen_BMW_Arbeitersache/Muenchen_BMW_Arbeitersache1970_02.shtml

Tipptopp:
Zitat
26.02.1972:
In München wird, laut ABG, die DGB Veranstaltung für Italiener zu den Betriebsratswahlen (BRW) und zum BVG im 800 Leute fassenden Hackerkeller von 10 bis 15 Personen verfolgt, während ca. 50 von Lotta Continua (LC) Italien und der Arbeitersache München (ASM) durch Hupen, Fahrradfahren, Singen und Schreien im Saal gegen die Betriebsräte, die Arschlecker der Kapitalisten seien, protestieren.
Q: Kommunistische Arbeiter Zeitung Nr. 21, München März 1972

Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #31 am: 15:29:12 Di. 14.Juli 2020 »
Aus Freies Landvolk - Zeitung für die freie Landvolkbewegung, Jg. 4, Nr. 12, Stadland (Nds.), Juli 1981

„Wir sind Eure Untertanen nicht…“

Jeverland 1765: Während der Bauarbeiten zur Eindeichung des Friedrich-August-Grodens kommt es zu mehrfachen Arbeitskämpfen der etwa 2000 Deicharbeiter, die erst unter den Kanonenschüssen des Militärs gewaltsam beendet werden.
(,,,)
Die Kojerarbeit erforderte einen hohen Menschenbedarf, der in der Regel in den unmittelbaren Küstenregionen nicht zu decken war. Deshalb schickte die Regierung Werber in die Nachbargebiete und heuerte dort Arbeiter an.
(…)
Die Deicharbeiter wurden direkt an der Baustelle untergebracht, es wurden Hütten aus Stroh und Rieth gebaut. Nur die Aufsichts-, Material und Kommandobaracken wurden aus Brettern gezimmert. Von einem stets wehenden Küstenwind und starker Luftfeuchtigkeit umgeben, waren die Arbeiter schweren gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt, bevor überhaupt die Arbeit begonnen hatte. Problematisch war auch die Versorgung der Deicharbeiter mit Getränken und Lebensmitteln. In der Regel brachten die Deicharbeiter von zu Hause die Nahrungsmittel mit, womit die Verpflegung für einige Zeit gesichert war. Anders war die Situation in bezug auf Brot und Getränke. Beides mußte im Land besorgt werden und oft haperte der Nachschub, oder es wurden verdorbenen Waren geliefert.
(…)
Im Mittelpunkt der Streiks der Deicharbeiter stand die Forderung nach höheren Löhnen, die auch im Verlaufe der Kämpfe um das Doppelte gesteigert wurden.
(…)
Mit dem Hissen der Fahne begannen zumeist die Streiks, sie signalisierten die Arbeitsniederlegungen. Viele Kojer tranken sich erst Mut an und zogen dann gemeinsam zum Bauleiter, um die Forderungen zu präsentieren.
(…)
Die Deichbeamten mußten sich vor der zu einem Teil mit Gewehren bewaffneten Menge bis Hohenkirchen zurückziehen.
(…)
Auf heranstürmende Deicharbeiter wurden mehrere Kanonenschüsse abgefeuert. Elf Deicharbeiter erlitten schwere Verletzungen, an denen zumindest einer von ihnen starb.
Aber selbst die Kanonensalven vom 1. Juli 1765 verhalfen der Regierung nur zu einem oberflächlichen Sieg. Zwar wurde allmählich die Arbeit wieder aufgenommen, nachdem die Regierung den meisten Deichern Generalpardon gewähren mußte, doch auch in den folgenden Jahrzehnten gab es viele Lohnkämpfe an den Deichbaustellen.
Obwohl die Deicharbeiter aus den unterschiedlichsten Ständen und Regionen kamen und nur ein knappes halbes Jahr auf einer Baustelle vereint waren, wurde aus den Arbeitsbedingungen heraus eine große Solidarität gegenüber den Herrschenden geschaffen. Oft gelang es sogar, die einheimischen Bauern, die Hand- und Spanndienste am Deich zu leisten hatten, mit in die Kampffront einzubeziehen. Gab es auch Widersprüche untereinander, so stand man fest gegen den gemeinsamen Hauptgegner. Eine wichtige Lehre der Geschichte für die heutige freie Landvolkbewegung.

https://mao-archiv.de/Scans/BRD/ORG/RLB/Zeitung/Freies_Landvolk_19810700_08.jpg

Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #32 am: 13:12:05 Do. 13.August 2020 »
Zitat
"WIR SIND KEINE ROHE, VERWILDERTE SCHAR, DOCH SIND WIR BEREIT ZUM GEFECHTE"

Ein Streikfilm

Günter Hörmann und der Kameramann Thomas Mauch stellten im Jahr 1965 einen legendären Dokumentarfilm über den Streik der Ruhrbergarbeiter her. "News & Stories" zeigt diesen Film mit Kommentaren des Sozialforschers und Autors Oskar Negt. Noch steht im Jahre 1965 die klassische Industrie (Kohle, Eigen) in voller Geltung. Im Selbstbewusstsein der Arbeiter ist die Nachkriegszeit, in der gerade die Kohle gebraut wurde, gegenwärtig. Als die Arbeitgeberverbände eine der Geldentwertung entsprechende Lohnerhöhung ablehnen, entsteht Zorn. Es kommt zur Urabstimmung. Da aber außerdem die Landesregierung den Landtagswahlen entgegensieht, beredet diese beide Tarifpartner zu einem Kompromiss, der durch Staatszuschüsse versüßt wird. Der Streik wird kurzfristig abgesagt. Dies führt zu einem Aufstand der Basis, die sich emotional bereits auf den Streik eingestellt hatte.
https://www.dctp.tv/filme/news-stories-04-10-1993

Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #33 am: 23:36:41 Mi. 28.Oktober 2020 »
1990:

Zitat
In Ost-Berlin treten 3200 Müllwerker in den Streik. Sie fordern nicht nur, dass die Löhne auf Westniveau angehoben werden sollen, sondern verlangen auch, dass die extrem geringen Gebühren für die Beseitigung von Industrie- und Gewerbemüll angeglichen werden. 210 Müllwagen belagern drei Tage lang das Rote Rathaus. Dann endet der Streik ergebnislos, da nicht der Magistrat für die Müllabfuhr zuständig ist, sondern das „Kombinat Stadtwirtschaft“.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/serie-berliner-chronik-26-juni-1990/1869008.html

Richtig übel ist der Hetzartikel im Spiegel:

Zitat
1990
Löhne: Da tickt 'ne Bombe

Kaum ist das West-Geld im Land, wollen die DDR-Bürger mehr davon. Drohen Streiks?

Der Streik der Ost-Berliner Müllmänner war der erste große Ausstand in der Noch-DDR, in dem es um die zukünftige Lohnentwicklung in der gesamten Republik geht. Es wird wohl nicht der letzte bleiben. Oberbürgermeister Tino Schwierzina schmetterte vergangene Woche die Forderungen seiner Reinigungsmannschaft erst einmal ab. "Das hätte Signalwirkung", warnte er.

Da hat er recht. Auch Krankenhaus-Mitarbeiter, Polizisten, Wasserwirtschafter oder Verkehrsbetriebe wollen nach dem Währungswechsel mehr Geld - notfalls mit Hilfe weiterer Streiks. "Da tickt 'ne Bombe", meint Frank Batsch, Kfz-Schlosser und Vertrauensmann der Stadtreinigungswerkstätten.
(...)
Kaum rollt das wunderbare West-Geld ins Land, nehmen die Bewohner des ehemaligen Arbeiter-und-Bauern-Staates auch schon westliche Sitten an: Sie wollen immer mehr von der guten Mark. Gesamtmetall-Präsident Werner Stumpfe kommt das vor, als würde man "auf der sinkenden Titanic über die Auswahl der Süßspeisen streiten".

Die neue Begehrlichkeit droht, in den Augen der Arbeitgeber, das Experiment Währungsunion zu gefährden, noch ehe es richtig begonnen hat. Denn nur wenn die Löhne nicht stärker steigen als die Produktivität, argumentieren sie, kann eine Massenarbeitslosigkeit verhindert werden. Opel-Chef Louis Hughes hat angekündigt, er wolle die Entscheidungen über den Bau eines Automobilwerkes in Eisenach von der Entwicklung der Löhne abhängig machen.

Die DDR-Bürger sehen nicht volkswirtschaftliche Zusammenhänge, sie schielen auf den Wohlstand der Bürger im Westen. Selbst DDR-Manager meinen deshalb, daß die Löhne in der DDR schnell auf bundesrepublikanisches Niveau steigen müßten, sonst heuerten ihre besten Mitarbeiter im Westen an.
(...)
https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13499685.html

Man sah einfach nicht die "volkswirtschaftliche Zusammenhänge".

Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #34 am: 16:04:07 Di. 02.März 2021 »
Zitat
2.3.21
Lang und erbittert: Der Stuhlarbeiter-Streik in Lauterberg

Ausbeutung und Lohndrückerei sind Ende des 19. Jahrhunderts vielerorts an der Tagesordnung. Die Lauterberger Stuhlarbeiter treten heute vor 125 Jahren in den Streik. Es beginnt ein brutaler Arbeitskampf - und mit 23 Wochen der damals längste.
(...)
Doch die Aussperrungen haben für die Arbeiter auch positive Auswirkungen: Erstmals in ihrem Leben haben sie Freizeit. Viele nutzen dies, um sich zu politisieren: "Die Arbeiter haben Muße zum Nachdenken über sozialpolitische Dinge...
(...)
Bei den Gewerkschaften führt die Erfahrung in Lauterberg dazu, ihre Satzungen zu ändern. Künftig dürfen örtliche Streiks nur noch mit Genehmigung der Zentralen geplant und begonnen werden.
(...)
https://www.ndr.de/Holzarbeiter-starten-vor-125-Jahren-einen-der-laengsten-Streiks,stuhlarbeiterstreik100.html

Fritz Linow

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Re: Streikgeschichte
« Antwort #35 am: 01:15:54 Mi. 14.April 2021 »