Autor Thema: Werkstätten für Behinderte WfbM  (Gelesen 9583 mal)

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Re: Werkstätten für Behinderte WfbM
« Antwort #45 am: 19:43:49 Sa. 29.Mai 2021 »
Zitat
Ausbeutung in Behindertenwerkstatt?

Müssten Menschen mit Handicap nicht besser bezahlt werden?
https://www.ardmediathek.de/video/zur-sache-rheinland-pfalz/ausbeutung-in-behindertenwerkstatt/swr-rheinland-pfalz/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE0Njk3NTk/

Kommentar bei Twitter: Die Gewerkschaft Verdi stellt sich gegen Mindestlohn in Werkstätten, weil deren Auftrag angeblich nur pädagogisch sei?
Frage an die Expert*innen: Wie viele Grundwerte von Gewerkschaftsarbeit wurden hier gleichzeitig mit Füßen getreten?

Der Bericht gibt die Stimmung in den Werkstätten gut wieder. Einerseits sind die Beschäftigten froh, dass sie Arbeit haben und nicht auf der Straße sitzen oder -wie im Nationalsozialismus- verfolgt werden. An dieser Stelle entsteht eine gewisse Dankbarkeit gegenüber dem bürgerlichen Staat. Andererseits gibt es viel Kritik an den Hungerlöhnen. Wegen dieser Hungerlöhne verlieren die Werkstätten auch ihre besten Beschäftigten. Die suchen sich dann Nebenjobs bzw Teilzeitjobs am ersten Arbeitsmarkt, je nachdem wie arbeitsfähig sie sind.

Die Äußerungen des Verdi-Funktionärs kann man so nicht stehen lassen. Die Werkstätten auf den pädagogischen Aspekt zu reduzieren greift zu kurz. Viele Behinderte verbringen Jahrzehnte in der Werkstatt. Die Werkstätten haben hier mehr als nur eine pädagogische Funktion, weil sie einen Lebensmittelpunkt der Beschäftigten bilden. Gemessen an dem Ziel der beruflichen Rehabilitation versagen die Werkstätten, weil kaum jemandem der Übertritt in einen Vollzeitjob auf dem ersten Arbeitsmarkt gelingt.

Jedenfalls kann das Werkstättensystem nicht so bleiben, wie es ist. Das Problem mit den Löhnen ist, dass die Werkstätten Produktionsarbeiten mit niedriger Wertschöpfung erledigen. Es gibt also tatsächlich nicht viel an die Beschäftigten zu verteilen. Im Endeffekt werden die Behinderten auch doppelt ausgebeutet, nämlich vom Werkstättenbetreiber und von den Kunden der Werkstätten, die die Preise (und damit auch die Löhne) rücksichtslos ins Bodenlose drücken. Andererseits ist aber auch der Staat mit €52,00 Arbeitsförderungsgeld als Lohnzuschuss recht knauserig.

Man könnte also zweierlei vom Staat fordern: Einerseits eine Regulierung des Marktes, auf dem Werkstätten ihre Leistungen anbieten, mit Mindestpreisen, andererseits eine Erhöhung des Arbeitsförderungsgeldes. Oder man fordert, die Behindertenwerkstätten zugunsten einer Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt schrittweise abzuschaffen.
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Re: Werkstätten für Behinderte WfbM
« Antwort #46 am: 15:56:32 Fr. 04.Juni 2021 »
Die Werkstatträte schlagen ein andere Reform vor:
Zitat
Basisgeld

Und wieder ist ein Schritt gegen die Armut und für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung getan. Am 25.06.2019 stimmte die Mehrheit der Mitgliederversammlung von Werkstatträte Deutschland für das "Basisgeld zur Gleichstellung dauerhaft voll erwerbsgeminderter Menschen".

Das Basisgeld entstand aus dem „Grundeinkommen für voll erwerbsgeminderte Personen“. Am Grundeinkommen arbeitete eine Arbeitsgruppe von Werkstatträte Deutschland über ein Jahr lang. Das Grundeinkommen entsprach 70% des gesamtdeutschen Durchschnittverdienstes und sollte allen Menschen mit einer dauerhaften Erwerbsminderung zustehen. Gleiches gilt nun für das Basisgeld.

Wieso also ein neuer Name?

Im Frühjahr 2019 diskutierten die Mitglieder und der Vorstand von Werkstatträte Deutschland “das Grundeinkommen für voll erwerbsgeminderte Personen“.
Es gab einige Hinweise und Ideen, wie die Position besser werden könnte.
Unter anderem ging es um den Namen. Vielen Beschäftigten und auch einigen Politikern gefiel der Begriff „Grundeinkommen“ nicht. Sie sagten, das Wort habe einen Beigeschmack. Also wurden andere Begriffe überlegt.
Auf Anhieb gefiel allen der Begriff „Basisgeld“.
Es brauchte nur wenige Diskussionen und schon stand der neue Titel der Entgeltposition von Werkstatträte Deutschland fest

"Basisgeld zur Gleichstellung dauerhaft voll erwerbsgeminderter Menschen"

Mit diesem Namen wurde die Position dann auch im Juni 2019 von den Mitgliedern angenommen. Das Positionspapier befindet sich im Downloadbereich und kann HIER gelesen werden.

Wie geht es nun weiter? Werkstatträte Deutschland wurde von der Politik eingeladen an einer neuen Entgeltordnung in Werkstätten mitzuarbeiten. Selbstverständlich wird der Vorstand das Basisgeld in die Diskussion einbringen und versuchen viele Anhänger zu finden.

Quelle: https://www.xn--werkstattrte-deutschland-zbc.de/neuigkeiten/2019-08/basisgeld
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Kuddel

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Re: Werkstätten für Behinderte WfbM
« Antwort #47 am: 09:22:34 Mi. 09.Juni 2021 »
Zitat
Lukas Krämer will „Hungerlöhne“ in Behindertenwerkstätten abschaffen

Der 27-Jährige hat die Petition #StelltUnsEin gestartet, damit die Bezahlung in Behindertenwerkstätten an den gesetzlichen Mindestlohn angepasst wird. Doch es gibt auch Argumente, die dagegen sprechen.
https://www.fr.de/zukunft/stelltunsein-lukas-kraemer-will-hungerloehne-in-behindertenwerkstaetten-abschaffen-90792197.html

Ich bin zwar kein Fan von Petitionen, finde es aber gut, wenn die Diskussion dieses Themas in die Öffentlichkeit getragen wird.

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Re: Werkstätten für Behinderte WfbM
« Antwort #49 am: 16:52:44 Do. 10.Juni 2021 »
Zur Info: Die Werkstätten müssen 70 Prozent der Produktionserlöse in Form von Löhnen an die Behinderten auszahlen.
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Re: Werkstätten für Behinderte WfbM
« Antwort #50 am: 13:56:13 Fr. 11.Juni 2021 »
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Re: Werkstätten für Behinderte WfbM
« Antwort #51 am: Heute um 15:05:53 »
Interessantes Interview mit dem Geschäftsführer einer Werkstatt
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