Autor Thema: Frankreich aktuell  (Gelesen 19614 mal)

Onkel Tom

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #270 am: 13:01:11 Mi. 06.Februar 2019 »
Wie ich gestern darüber erfuhr, schauerte es mir auch kalt den Rücken herunter..
Wie ein Geistesblitz schossen mir die Erfahrungen vom G20 durch den Kopf..

Wütend darüber, das dieses "Realtraining für Schergen und Co" als "Exportartikel"
a la "Toolbox gegen Bürgerbegehren" in Frankreich noch eine Steigerung zu
"Staatsgewalten" Anwendung findet ?..

Klingt echt böse, Protest nun zu verkrimminallisieren.  :(

Lass Dich nicht verhartzen !

Kuddel

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #271 am: 13:14:38 Mi. 06.Februar 2019 »
Mal eine etwas andere Meinung:

Zitat
Ich bin der Meinung, daß es für uns - sei es für den einzelnen, für eine Partei, eine Armee oder eine Schule - schlecht ist, wenn der Feind nicht gegen uns Front macht, denn in diesem Fall würde es doch bedeuten, daß wir mit dem Feind unter einer Decke steckten. Wenn wir vom Feind bekämpft werden, dann ist das gut; denn es ist ein Beweis, daß wir zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich gezogen haben. Wenn uns der Feind energisch entgegentritt, uns in den schwärzesten Farben malt und gar nichts bei uns gelten läßt, dann ist das noch besser; denn es zeugt davon, daß wir nicht nur zwischen uns und dem Feind eine klare Trennungslinie gezogen haben, sondern daß unsere Arbeit auch glänzende Erfolge gezeitigt hat.
(Mao Tse Tung, 26. Mai 1939)

Kuddel

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #272 am: 18:29:27 Mi. 06.Februar 2019 »
Zitat
„Gilets jaunes“ proben den Generalstreik

Gelbwesten und Gewerkschafter gehen in Frankreich gemeinsam auf die Straße - Macron steht unter Druck von links.


Gut, dass sie Leuchtwesten trugen: Schon mitten in der schwarzen Nacht blockierten 300 „gilets jaunes“ und Gewerkschafter die Zufahrt zum Pariser Frischmarkt Rungis, dem größten Umschlagplatz Europas für Früchte, Fleisch und Gemüse. Obwohl die Polizei die Sperren immer wieder zu räumen versuchte, bildeten die Sattelschlepper an den Eingangsportalen lange Warteschlangen.

„Generalstreik – Frankreich pausiert“, twitterte Eric Drouet, ein prominenter Vertreter der Gelbwesten. Der Appell des 33-jährigen Fernfahrers paarte sich mit dem gleichlautenden Appell der wichtigsten französischen Gewerkschaft, der CGT. Viele Schulen und Ämter blieben am Dienstag geschlossen. Der öffentliche Verkehr kam regional und national teilweise zum Erliegen, während der internationale Bahn- und Flugverkehr kaum gestört wurde. Die gemäßigteren Gewerkschaften CFDT und Force Ouvrière hatten sich dem Aufruf nicht angeschlossen; einzelne Sektionen und Mitglieder beteiligten sich allerdings an dem Ausstand.
https://www.fr.de/politik/frankreich-gilets-jaunes-proben-generalstreik-11735452.html

counselor

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #273 am: 19:01:57 Mi. 06.Februar 2019 »
Die Ausweitung der Demonstrationen zum (General)streik ist ein wichtiger und richtiger Schritt, um Macron zu stürzen.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #274 am: 13:08:00 Do. 07.Februar 2019 »
Über diesen Protesttag hatten unsere Mainstreammedien bestenfalls eine Kurzmeldung übrig. Dabei handelt es sich um eine neue Dimension des Protests, nicht nur zahlenmäßig. Es war auch ein Schritt, Belegschaften mit in den Kampf einzubeziehen.

Zitat
Auf der nördlichen Seite der Seine fand zugleich eine Demonstration relativer Stärke der Protestbewegung statt. Laut Angaben der linken Gewerkschaft CGT gingen am Dienstag rund 300 000 Menschen frankreichweit auf die Straße, um gegen die Regierungspolitik zu protestieren. Dies entspricht einer erheblichen Steigerung der Teilnehmerzahlen gegenüber den Protesttagen der Gelbwesten an den Samstagen zuvor mit jeweils mehreren Zehntausend Menschen. Das Vorliegen mehrerer paralleler Protestaufrufe seitens der CGT, von Vertretern der Gelbwesten, aber auch von Exponenten der unterschiedlichen Linkskräfte wie Jean-Luc Mélenchon und Olivier Besancenot, hatten dafür gesorgt, dass die unterschiedlichen Protestfronten sich gegenseitig verstärkten. Das französische Innenministerium seinerseits sprach am Abend von 137 000 Demonstrierenden.
(...)
In anderen Städten wie dem ostfranzösischen Grenoble hingegen war der Personennahverkehr infolge von Arbeitsniederlegungen verlangsamt. Hingegen schlossen auch in Paris manche Postämter ihre Türen am Spätnachmittag früher als vorgesehen. Manche Zugverbindungen auf Fernstrecken entfielen. In Le Havre oder am Flughafen von Nantes fanden Blockaden statt, an denen Gewerkschaftsaktive und Anhänger*innen der Gelbwesten gemeinsam teilnahmen. In der Nacht von Montag auf Dienstag hatten mehrere Hundert Protestierende aus den Reihen von CGT und Gelbwesten die Großmarkthallen in Rungis, südlich von Paris, zeitweilig blockiert.
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1111694.parlament-in-frankreich-proteste-von-linker-cgt-und-gelbwesten.html

Mich ärgert aber die Einschätzung des Neuen Deutschland, die CGT sei "links". Nur weil sie weniger weit im Arsch der Wirtschaft steckt, ist sie noch längst nicht links.




Rudolf Rocker

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #275 am: 13:19:11 Do. 07.Februar 2019 »
Naja, bei der CGT sind schon ein paar echte Haudegen dabei! Ich hatte mit denen eine tolle Zeit in Strasbourg!
So langsam scheint der Funke überzuspringen. Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Studenten und die Soldaten und dann gehts los!
Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!

Kuddel

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #276 am: 16:24:07 Do. 07.Februar 2019 »
Wir sollten nicht vorschnell euphorisch werden.
Laut Bernard Schmid war es durchwachsen...
Zitat
Es handelte sich um eine relative Stärkedemonstration...auf [der] Straße...
Allerdings hinkt bislang die Auswirkung des Protests, was die Beteiligung an Streiks und Arbeitsniederlegungen betrifft, dahinter zurück...
http://www.labournet.de/?p=143906

Rudolf Rocker

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #277 am: 20:53:25 Do. 07.Februar 2019 »
Also weiterhin nur ein Schwelbrand!
Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!

Troll

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #278 am: 13:31:30 Sa. 09.Februar 2019 »
Bisher scheint mir der Protest nicht blind geführt, die Reaktionen waren durchdacht, daher würde ich nicht vorschnell ein Urteil abgeben, derartige Proteste sind Beispiellos.
Sie werden ganz sicher nicht stellvertretend das Heil über die gesamte Welt bringen!

Bisher haben sie eigentlich nichts erreicht, es ist bloßes Durchhaltevermögen gefragt, sich nicht aussitzen oder durch billige Kompromisse abspeisen lassen.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
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Rudolf Rocker

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #279 am: 13:51:49 Sa. 09.Februar 2019 »
Naja, man kann schon davon ausgehen, das Proteste erst dann einen Erfolg erzielen, wenn sich möglichst viele Menschen diesen Protesten anschließen.
Ein gutes Beispiel ist Ägypten unter dem damaligen Mubarak- Regime. Da sind jede Woche mehr Menschen auf die Straße gegangen, bis es am Ende hunderttausende waren.
Genau diese Dynamik gibt es in Frankreich nicht bzw. noch nicht.
Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!

counselor

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #280 am: 14:03:21 Sa. 09.Februar 2019 »
Die Gelbwesten sind mehr als nur eine Protestbewegung. Sie sind eigentlich eine Volksbewegung, weil Arbeiterinnen und Arbeiter, Angestellte, Schüler und Studierende, Kleinbauern, Kleinhändler gemeinsam für eine echte Verbesserung ihrer sozialen Lage auf die Straße  gehen. Erreicht haben sie Zugeständnisse; der Sturz von Macron steht noch aus.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Rudolf Rocker

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #281 am: 17:00:10 Sa. 09.Februar 2019 »
Zitat
Bei erneuten "Gelbwesten"-Protesten in Frankreich ist ein Demonstrant schwer verletzt worden. Die Bewegung ging zum 13. Mal in Folge auf die Straße - diesmal auch gegen neue Demonstrationsgesetze.

Bei den "Gelbwesten"-Protesten in Paris ist es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit mindestens einem Schwerverletzten gekommen. Einem Mann wurde bei einem Zwischenfall nahe des Parlamentsgebäudes die Hand zerstört. Mindestens ein weiterer Demonstrant wurde am Kopf verletzt Die Hintergründe sind bisher unklar.
https://www.tagesschau.de/ausland/gelbwesten-179.html
Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!

BGS

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #282 am: 17:45:29 Sa. 09.Februar 2019 »
Die Gelbwesten sind mehr als nur eine Protestbewegung. Sie sind eigentlich eine Volksbewegung, weil Arbeiterinnen und Arbeiter, Angestellte, Schüler und Studierende, Kleinbauern, Kleinhändler gemeinsam für eine echte Verbesserung ihrer sozialen Lage auf die Straße  gehen. Erreicht haben sie Zugeständnisse; der Sturz von Macron steht noch aus.

Ganz meine Meinung.

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=21713.msg298043#new
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

ManOfConstantSorrow

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #283 am: 18:57:58 Sa. 09.Februar 2019 »
Zitat


Demonstrant in Paris schwer verletzt

Stand: 09.02.2019 16:13 Uhr

Bei erneuten "Gelbwesten"-Protesten in Frankreich ist ein Demonstrant schwer verletzt worden. Die Bewegung ging zum 13. Mal in Folge auf die Straße - diesmal auch gegen neue Demonstrationsgesetze.

Bei den "Gelbwesten"-Protesten in Paris ist es zu gewaltsamen Zusammenstößen mit mindestens einem Schwerverletzten gekommen. Einem Mann wurde bei einem Zwischenfall nahe des Parlamentsgebäudes die Hand zerstört. Mindestens ein weiterer Demonstrant wurde am Kopf verletzt Die Hintergründe sind bisher unklar.



Ein Augenzeuge sagte der Agentur AFP, bei dem Verletzten handle es sich um einen Fotografen der "Gelbwesten". Er habe eine heranfliegende Granate mit der Hand abwehren wollen, "daraufhin ist sie explodiert, als er sie berührte". Aus Polizeikreisen verlautete, der Mann habe eine Blendgranate der Polizei zurückwerfen wollen. Eine unabhängige Bestätigung gibt es bisher nicht. Ein Polizeisprecher sagte lediglich, dass ein Mensch an der Hand verletzt worden sei.



Mehrere Tausend Menschen waren zum 13. Protesttag der "Gelbwesten" in der Hauptstadt zusammengekommen. Dieses Mal richteten sich die Proteste auch gegen ein geplantes Gesetz, das erleichterte Demonstrationsverbote und harte Strafen für Vermummte vorsieht. Einige Aktivisten hatten dazu aufgerufen, sich gezielt zu vermummen. Weitere Kundgebungen waren unter anderem in Bordeaux, Toulouse und Nantes angekündigt.



Die Beteiligung an den seit fast drei Monaten anhaltenden Protesten war zuletzt zurückgegangen. Am vorangegangenen Samstag gingen nach Angaben des französischen Innenministeriums 58.600 Menschen gegen die Politik von Präsident Emmanuel Macron auf die Straße. Die "Gelbwesten" selbst sprachen allerdings von 116.000 Demonstranten.
https://www.tagesschau.de/ausland/gelbwesten-179.html
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re: Frankreich aktuell
« Antwort #284 am: 09:57:05 Di. 12.Februar 2019 »
Zitat
Joshua Clover ist Literaturprofessor an der University of California Davis. Die deutsche Übersetzung seines Buchs Riot. Strike. Riot erscheint im Frühjahr im Laika-Verlag. Dieser Essay wurde zuerst bei Verso Books veröffentlicht.

Der amerikanische Intellektuelle Joshua Clover hat sich lesenswerte Gedanken zu dne Gelbwesten gemacht. Ich habe ein paar davon herausgepickt.

Zitat
Der Brotaufstand ist zurück

Frankreich Der Protest der Gelbwesten dreht sich nicht um Arbeit, sondern um hohe Preise. So wie 1789. Nur eben mit Gabelstaplern

...
Die Bewegung der Gelbwesten ist ein Aufstand wie aus dem Lehrbuch. Es ist kein Arbeiterprotest. Jener kreist, selbstredend, um arbeitsbezogene Forderungen. Arbeiterinnen kämpfen – in ihrer Rolle als Arbeiterinnen – um den Preis und die Bedingungen ihrer Arbeit. Ein Arbeitskampf spielt sich im Bereich der Produktion von Gütern und Dienstleistungen, im Bereich der Wertschöpfung ab.

Dagegen ist der klassische Aufruhr, wie er im Europa des Mittelalters und der Frühen Neuzeit entstanden ist, ein kollektives Handeln, das 1. darum kämpft, die Preise von Marktgütern zu beeinflussen; 2. Menschen zusammenbringt, die nichts verbindet als ihre Enteignung; und 3. sich in der Sphäre der Konsumption entfaltet und auf die Störung der Warenzirkulation setzt.

Vom 14. bis 18. Jahrhundert ging es dabei oft darum, das Gemeinwesen gegen einen Bäcker oder Getreidehändler zu mobilisieren. Der „Brotaufruhr“ in Frankreich gipfelte im „Mehlkrieg“ von 1775, der schon an die nationale Krise erinnert, die der Monarchie ein Ende setzen sollte: Ein Aufstand der Marktfrauen gegen die Lebensmittelpreise führte 1789 zum heugabelschwingenden Frauenmarsch auf Versailles. Bis zu den Arbeitskämpfen im 19. Jahrhundert waren Aufstände gegen die Preisgestaltung die häufigste Form kollektiven Handelns.
...
Der Zirkulationskampf beschreibt somit die soziale Auseinandersetzung derer, die aus der Sphäre der Produktion gedrängt wurden. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem die Produktion selbst zurückgeht und das Kapital sich auf der Suche nach Profit vermehrt Strategien zuwendet, die in der von Marx beschriebenen „geräuschvollen Sphäre der Zirkulation“ verortet sind. Bei den Gelbwesten treffen sich Lagerarbeiter, arbeitslose Elektroinstallateure, Nachtschwestern, ehemalige Teppichleger – die nun freiberuflich auf Haustiere aufpassen – und Fahrer von Betonmischern. Sie verkörpern ein bestimmtes Spektrum: die Überreste des Bauwesens, den stagnierenden Dienstleistungsbereich, die Prekären und Aussortierten.

Weil sie nicht in einer Arbeiterbewegung organisiert sind, ist es für manch orthodoxen Denker fraglich, ob es sich hier überhaupt um einen Klassenkampf handelt. Doch keine Kritik könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Was wir beobachten, ist das Schicksal der Klassenorganisation heute. Nicht, dass diese Leute nicht arbeiten würden – einige tun es, andere nicht. Man kann sich schwerlich den Arbeitskampf vorstellen, der diese grundverschiedenen Typen vereint. Doch die steigenden Lebenshaltungskosten machen sie alle zu Bettlern. Die Preisgestaltung sorgt dafür.
...
 Ein Aufruhr ist von Anfang geprägt durch einen Kampf um seine Richtung. Während wir mit Straßenprotesten vertraut sind, die nach rechts abdriften – wie das desaströse Beispiel in Brasilien etwa –, haben es die Gilets Jaunes vermocht, diesen Kurs in bestimmten Momenten umzukehren. Dies gelang auch, weil die allwöchentliche Mobilisierung am Samstag eine gewisse Urbanisierung der Bewegung mit sich brachte und sie einer breiteren proletarischen Basis zugänglich machte, zu der Akteure wie das Adama Komitee zählen. Das Komitee „Aufklärung und Gerechtigkeit für Adama Traoré“ gründete sich 2016 nach Traorés Tod in Polizeigewahrsam, der ähnliche, wenn auch nicht ganz so heftige Riots hervorrief wie die, die 2005 von Clichy-sous-Bois auf andere Viertel von Paris und schließlich auf andere französische Vorstädte übergriffen.
...
Die Schwäche von Randale, die durch staatliche Gewalt ausgelöst wird, besteht oft darin, dass sie genau an dieser Stelle steckenbleibt. Allzu oft wird ihr durch kosmetische Modifikationen des Staatsapparates beigekommen: Ein Amtsträger tritt zurück, eine Expertengruppe tritt zusammen. Dagegen besteht die Stärke des Preis-Aufstands darin, dass er direkt bei der Wirtschaft ansetzt. Das kann jedoch zugleich auch seine Schwäche sein: wenn sich die Gelbwesten nur allzu leicht revanchistischen Sehnsüchten nach dem Klassenkompromiss der „goldenen Nachkriegsjahrzehnte“ öffnen und dessen beschränkter Vision davon, für wen dieser Deal gilt.
...
Die Schwäche von Randale, die durch staatliche Gewalt ausgelöst wird, besteht oft darin, dass sie genau an dieser Stelle steckenbleibt. Allzu oft wird ihr durch kosmetische Modifikationen des Staatsapparates beigekommen: Ein Amtsträger tritt zurück, eine Expertengruppe tritt zusammen. Dagegen besteht die Stärke des Preis-Aufstands darin, dass er direkt bei der Wirtschaft ansetzt. Das kann jedoch zugleich auch seine Schwäche sein: wenn sich die Gelbwesten nur allzu leicht revanchistischen Sehnsüchten nach dem Klassenkompromiss der „goldenen Nachkriegsjahrzehnte“ öffnen und dessen beschränkter Vision davon, für wen dieser Deal gilt. Dieses Denken samt seinen Ausschlüssen ist gemeint, wenn die Menge die „Marseillaise“ anstimmt – und nicht 1792.

Doch die aktuellen Proteste zeigen gerade, dass diese Zeit nicht zurückkommt, nicht für Linke und nicht für Nationalisten. „Die Wirtschaft“ in ihrer heutigen Ausformung muss in Wahrheit durch den Staat vertreten werden. Man kann plündernd über die Champs-Élysées ziehen – quasi Einkauf zum Nulltarif –, doch ist allen bewusst, dass Macrons Regierungspalast der Winterpalais des Geldes ist. Trotzdem wollen die Leute nicht mit ihm sprechen. Am 5. Januar schlugen die Demonstranten mit einem Gabelstapler ihren Weg in ein Ministerium in Paris. Dieses Fahrzeug, das im Allgemeinen nur für den Transport von Handelswaren verwendet wird, ist zu einem Totem geworden. Wo früher Heugabeln waren, sind heute Gabelstapler.

Der Sprung ins Politische hat bereits einen nachhaltigeren Kampf ermöglicht, als man es sich vorgestellt hat. Die Gelbwesten haben begonnen, die Einheit von Politik und Wirtschaft wiederzuentdecken, jene grundlegende Wahrheit der sozialen Existenz, die der bürgerliche Fetisch zu verbergen trachtet.
https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/der-brotaufstand-ist-zurueck