Autor Thema: Deprimiert und wie gelähmt  (Gelesen 2796 mal)

admin

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Deprimiert und wie gelähmt
« am: 20:50:29 Sa. 02.September 2017 »
Als gesellschaftliche Lähmung könnte man den Zustand der heutigen Zeit beschreiben.
Ich beobachte, wie der Kapitalismus nicht mehr so stark wie nach der Industriellen Revolution die Körper der Menschen verschleißt, sondern nun zunehmend die Seele schädigt. Krankschreibungen wg. seelischer Leiden steigen seit Jahren enorm. Immer mehr Leute kriegen Psychopharmaka, um weiter zu funktioneren.

Die einen arbeiten bis zum Umfallen, die anderen sind durch ihre Armut von dem, was man gesellschaftliche Teilhabe nennt, ausgeschlossen.

In Griechenland ist die Verelendung noch viel weiter vorangeschritten, als bei uns.
Dort gibt es eine angestiegene Selbstmordrate, durch die ökonomisch hoffnungslose Situation vieler.
Ich habe aber den Eindruck, die Griechen haben besser gelernt mit dem Elend umzugehen, als die Menschen hierzulande.
Es ist auffällig, wie viel die Menschen dort gemeinsam unternehmen, um ihre Alltagsprobleme zu lösen, oder auch nur, um die Langeweile zu bekämpfen.

Ich halte es für extrem wichtig, daß wir wieder miteinander mehr zu tun haben. Wir sollten aus unseren Buden herauskommen. Die Illusion mit der Welt verbunden zu sein, aber nur auf einen Monitor zu starren, bringt uns nicht gerade auf die Sprünge.

Kuddel

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Re:Deprimiert und wie gelähmt
« Antwort #1 am: 10:21:13 Do. 14.September 2017 »
Zitat
Arbeitsausfall durch psychische Krankheiten um 80 Prozent gestiegen

Stress und hohe Arbeitsverdichtung fordern ihren Tribut. In den vergangenen zehn Jahren konnte immer mehr Arbeit nicht erledigt werden, weil Beschäftigte sich teilweise wochenlang krankmeldeten.
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/arbeitsausfall-durch-psychische-krankheiten-stark-gestiegen-a-1167564.html

Es liegt nicht nur ein gefühlter grauer Schleier über dem Land, sondern die kollektive Depression ist meßbar.
Es sind nicht allein Streß und Arbeitsverdichtung der Grund. Das scheinbar Unabänderliche, die Einflußlosigkeit des Individuums macht das Dasein so unerträglich. Den Faschos ist es gelungen wie ein Heilmittel aufzutreten, sie versprechen den Schleier zu zerreißen, von ihnen erwartet man den "großen Knall" und einen Rachefeldzug. Den Menschen scheint nicht klar zu sein, daß Faschismus bedeutet, daß die Hoffnungslosigkeit in Beton gegossen ist.

tleary

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Re:Deprimiert und wie gelähmt
« Antwort #2 am: 02:18:37 So. 03.Dezember 2017 »
In Griechenland ist die Verelendung noch viel weiter vorangeschritten, als bei uns.
Dort gibt es eine angestiegene Selbstmordrate, durch die ökonomisch hoffnungslose Situation vieler.
Ich habe aber den Eindruck, die Griechen haben besser gelernt mit dem Elend umzugehen, als die Menschen hierzulande.
Es ist auffällig, wie viel die Menschen dort gemeinsam unternehmen, um ihre Alltagsprobleme zu lösen, oder auch nur, um die Langeweile zu bekämpfen.
Das liegt vermutlich daran, daß es in Griechenland mehr oder weniger jedem dreckig geht mittlerweile, und "Gleichheit verbindet". Während hierzulande die Gesellschaft ökonomisch viel weiter aufgesplittet ist. Da gibt's immer noch die breite Schicht der Facharbeiter, deren Einkommen kaum gelitten haben während der letzten Jahrzehnte. Dann den verbeamteten Akademiker und den Ingenieur bei Siemens. Alles Gruppen, die immer noch massiv vom Kapitalismus in seiner jetzigen Form profitieren. Dann aber auch mittlerweile eine immer breitere Schicht derer, die in den letzten 20 Jahren massiv von Lohnsenkungen betroffen waren, und deren Arbeitsplatz immer unsicherer wird, da potenziell automatisierbar. Aber die sind eben noch in der Minderheit, außerdem gehen sie aus gewissen Gründen auch nicht unbedingt an die Wahlurne. Alles kein Grund anzunehmen, daß sich in nächster Zeit etwas zum besseren (= nach links) ändert.
Hier in D gilt es als Schande, arm oder arbeitslos zu sein, und man sucht das so gut es geht zu verbergen. Auch ziehen sich viele deshalb - und aus ökonomischer Armut (aber das ist ja so gewollt) - immer weiter aus dem öffentlichen Leben zurück. Geht man offensiv mit seiner Arbeitslosigkeit um, wird man geächtet. Erst gestern Abend am eigenen Leib erfahren: Ich wohne in einem kleinen Ort, und da gab es eine Veranstaltung wegen des Baus eines geplanten "Dorfgemeinschaftshauses". Der alte Herr, der mir gegenüber saß (80 Jahre alt und pensionierter Landwirt) weigerte sich sogar, mit mir über den Sinn oder Unsinn dieses Projekts (geplante Kosten: 1 Mio €, bei gerade einmal 240 Einwohnern!) zu diskutieren, und sagte "ich solle erst einmal mein Leben in Ordnung bringen, bevor er mit mir rede". - Keine Erfindung, sondern trug sich tatsächlich genau so zu. Ich fühlte mich von ihm beleidigt. In dieser Gesellschaft gilt Arbeitslosigkeit als persönliches Versagen und "Faulheit". Und wer nicht arbeitet, der.... naja, ihr wisst schon.... soll auch nicht essen oder - etwas radikaler - gehört in den Steinbruch - und noch etwas radikaler - ins KZ. So denken übrigens viele Leute gerade hier in konservativen ländlichen Regionen. Arbeitslosenquote so um die 2,3 %; aber auch nur weil viele fernpendeln ins nächste Ballungszentrum (ca. 40 km, dafür Erwerbslosenanteil dort 3 x so hoch) und ein erheblicher Teil der AN zu einem Niedriglohn unterhalb oder bis 12 €/Std. arbeitet. Vermutlich haben sie auch deshalb einen Haß auf das "arbeitsscheue Gesindel", weil sie ihre eigene Arbeit hassen und die Bezahlung als ungerecht empfinden. Aber gegen ihren Arbeitgeber deswegen vorgehen, trauen sie sich natürlich nicht. Da ist es leichter, sich einen schwächeren Gegner auszusuchen, von dem man ncihts zu befürchten hat: wie ELO's oder Asylbewerber.
»Wir wissen, so wie es ist, kann es nicht weiter gehen. Aber es geht weiter.«
(Autor unbekannt)

Just B U

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Re:Deprimiert und wie gelähmt
« Antwort #3 am: 12:12:30 Mi. 06.Dezember 2017 »
Mit dem, was Du nach dem zweiten Satz schreibst, beschreibst Du M. M. n.  die Mentalität der durchschnittlichen deutschen Bevölkerung schon sehr gut.

Und da hast Du auch schon den Unterschied zu den Griechen und auch anderen.
Zumindest in GR gibt es generell einen viel stärkeren Zusammenhalt zwischen den Menschen.
Man könnte auch "Solidarität" sagen.
Und, für sie ist nicht das Leben da um zu arbeiten. Sondern umgekehrt.
Und  - Gottseidank - sind sie auch (noch zumindest) nicht soweit, dass bei Ihnen nur DER Mensch der etwas LEISTET (besser gesagt: sich ordentlich ausbeuten lässt) was zählt.
Eine ganz andere Mentalität.

Die deutsche Mentalität ist - das ist von jeher meine Wahrnehmung -  eher von Neid, Missgunst und Duckmäuser- bzw. Kriechertum geprägt.
Nach oben buckeln und nach unten treten.
"Haste was dann biste was."
Man muss sich nur mal die Geschichte der Deutschen der letzten 100 Jahre anschauen.
Sehr aufschlussreich.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Gottseidank.
Beiderseits.
Aber so ist der überwiegende Durchnschnitt.

Zitat
Vermutlich haben sie auch deshalb einen Haß auf das "arbeitsscheue Gesindel", weil sie ihre eigene Arbeit hassen und die Bezahlung als ungerecht empfinden. Aber gegen ihren Arbeitgeber deswegen vorgehen, trauen sie sich natürlich nicht. Da ist es leichter, sich einen schwächeren Gegner auszusuchen, von dem man ncihts zu befürchten hat: wie ELO's oder Asylbewerber.

Genau so ist es.



@ Admin

Zitat
Ich habe aber den Eindruck, die Griechen haben besser gelernt mit dem Elend umzugehen, als die Menschen hierzulande.
Es ist auffällig, wie viel die Menschen dort gemeinsam unternehmen, um ihre Alltagsprobleme zu lösen, oder auch nur, um die Langeweile zu bekämpfen.

Ich halte es für extrem wichtig, daß wir wieder miteinander mehr zu tun haben. Wir sollten aus unseren Buden herauskommen. Die Illusion mit der Welt verbunden zu sein, aber nur auf einen Monitor zu starren, bringt uns nicht gerade auf die Sprünge.



Genau so sehe ich das auch.
Meine Anläufe dahingehend in den letzten Jahren verliefen leider mehr oder weniger im Sande.
Habs dann auch aufgegeben. Aus verschiedenen Gründen.
Aber ich fänd es schön und hilfreich, wenn die Betroffenen sich aufraffen könnten und den Mut hätten mal wieder über ihren "Tellerand" zu schauen...und sich wieder  mehr in Richtung Begegnung, Austausch und ähnlichem bewegen würden.

Und damit meine ich jetzt nicht, um sich ständig im eingenen "Sumpf" zu suhlen, nein im Gegenteil.
Es geht auch darum den eigenen Horizont zu erweitern und wieder Solidarität zu spüren und wachsen zu lassen.

Zu sehen, dass nicht dass, was uns die Medien und Politik und andere uns glauben machen wollen die einzige Realität ist und wir es ein Stück weit in der Hand haben, unser Leben zu gestalten, zu bestimmen und uns nicht durch die Augen der anderen zu sehen und zu bewerten.

Aber ich bin jetzt auch kein Animateur-Naturell...und habe auch so ab und zu "Dinge" zu stemmen...

Die Dummheit der Einen ist die Macht der Anderen.
Je dümmer u. desinteressierter die Einen desto mächtiger die Anderen.

Hätte man den christlichen Klerus mit der gleichen Vehemenz verteidigt, wie Teile der Linken das heute mit dem islamischen tun, hätte die Aufklärung nie stattgefunden.
Seyran