Autor Thema: Individualismus  (Gelesen 3819 mal)

Kuddel

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Re: Individualismus
« Antwort #15 am: 13:35:32 Di. 17.März 2020 »
Es gibt noch eine Menge zu sagen zu dem beschissenen Individualismus, der zum Leitbild der heutigen Zeit gemacht wurde.
Einsamkeit ist eine logische Folge. Dabei fällt mir ein, daß das Internet die Illusion einer Vernetzung produziert, aber isolierte und vereinsamte Menschen hinterläßt.

Manfred Spitzer kannte ich nicht und bin durch ein von Troll gepostetes Video über ihn gestolpert. Er hat als Wissenhaftler auch interessantes über Einsamkeit gesagt:




BGS

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Re: Individualismus
« Antwort #16 am: 16:06:53 Mi. 18.März 2020 »
besten Dank fuers Einstellen. Informativ und interessant.

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Kuddel

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Re: Individualismus
« Antwort #17 am: 11:21:16 So. 12.Juli 2020 »
Zitat
Telepolis: Kommen wir mal auf die Zeiten von Corona. Du hattest vorhin gesagt, das in der griechischen Antike jene als Idioten galten, die sich nicht am Politischen beteiligen, auch wenn der Feind vor den Toren steht. Idioten waren die, die zu Hause bleiben.

Zoran Terzic: Für mich drückt sich darin sinnbildlich etwas aus, das schon längst vor Corona da war. Nämlich das, was Soziologen als die Singularisierung der Gesellschaft beschreiben, als die "Gesellschaft der Singularitäten", also die Rückführung des Gesellschaftlichen auf das einzelne Individuum. Die Privatisierung sozialer Probleme auf die Psyche des Einzelnen. Die Depression ist zur Modediagnose geworden. Da wird deren gesellschaftlicher Ursprung immer wieder durch die Probleme des Einzelnen verdeckt. Wir erleben solche Abwälzung von allem auf den Einzelnen. Dies ist das Grundprinzip in der Idiokratie, der Herrschaft des Idiotischen.
https://www.heise.de/tp/features/Die-Vereinzelung-in-der-Gesellschaft-als-erzwungene-Idiotie-4840100.html

Fritz Linow

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Re: Individualismus
« Antwort #18 am: 00:03:37 Di. 04.August 2020 »
Zitat
Telepolis: Kommen wir mal auf die Zeiten von Corona. Du hattest vorhin gesagt, das in der griechischen Antike jene als Idioten galten, die sich nicht am Politischen beteiligen, auch wenn der Feind vor den Toren steht. Idioten waren die, die zu Hause bleiben.
(...)

(Da die taz nun auch auf die Idioten angesprungen ist: https://taz.de/Covidioten-und-Sprachkritik/!5700025/ )

Man könnte den antiken griechischen Idioten auch als Normalo übersetzen, der halt eben nicht die Möglichkeit hatte, sich in einer feinen Gesellschaft zu bewegen oder Einfluss zu haben. Nicht jeder Grieche hatte genug Ländereien und Sklaven, und erhalten sind nur die Zitate derjenigen, die es sich leisten konnten und auf andere herabschauten.


Kuddel

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Re: Individualismus
« Antwort #19 am: 18:20:57 Mo. 16.November 2020 »
Ich beobachte seit langem die rasanten Veränderungen der medialen Berichterstattung, insbesondere der Onlinemedien. Es ist auffällig, daß sie sich nahezu synchron verändern, egal ob sprachlich, visuell oder inhaltlich. Stern Online hat sich allen voran vom Journalismus verabschiedet und veröffentlicht nur noch schrillen, bzw. völlig ausgelutschten Trash.

Die Vorzeigequalitätsmedien spiegel-, süddeutsche- oder zeit-online bewegen sich inhaltlich in identische Richtung: Sie versuchen sich an einer aggressiven Entpolitisierung und verleugnen die gesellschaftlichen Interessenskonflikte und die Existenz von Klassen.

Zuerst beschäftigte man sich eher um Stars und deren Privatleben. Auch bei Politikern ging es eher um das Privatleben, um Lifestyle, Aussehen, deren Erfolge oder Peinlichkeiten. Dann mischten sich stets Produktplacement und Journalismus, nicht nur Unterhaltungs- um Kommunikationeselektronik, auch Reisen und Reiseziele standen hoch im Kurs. Es ging mehr und mehr um Formen des individuellen Genusses. Berichte über Restaurants, Kochen und Kochrezepte wurden plötzlich mit Journalismus verwechelt.

Damit ging es von dem Einzelnen in dessen Inneren. Die Innerlichkeit wurde mehr und mehr zum Thema. Erst gab es Berichte über (rätselhalfte) Krankheiten, es ging dann weiter mit Küchenpsychologie. Inzwischen gehört das In-sich-Hineinhorchen zum guten Ton im Profijournalismus, die Ängste, ob man nicht stylish genug ist, wie man dies oder jenes genießt, dann werden die sonstigen Ängste und Phobien zum Thema und natürlich geht es weiter in die privaten zwischenmenschlichen Beziehungen und auch da quatschen uns die neoliberalen Pißmedien rein. Paartherapeuten werden öfter zitiert als Politiker. Und jetzt labern die Mainstreamjournalisten ständig von Sex, von offenen Beziehungen und besonders abgefahrenen Erlebnissen. Und wie man verkorkste Beziehungen rettet. Neuerdings auch darüber, daß die Menschen heute angeblich immer weniger Bock auf Sex hätten. Und was daran vielleicht gut sei.

Ich komme mir vor, wie auf der Dr. Sommer-Seite der Bravo. Das ist der heutige Spitzenjournalismus.

Es wäre vielleicht irgendwie absurd komisch, amüsant und unterhaltsam, wenn man einfach nur auf Trashniveau gesunken wäre und sich den Journalismus sparen würde. Es ist aber nicht nur Faulheit und Geldgeilheit der Medienmacher. Sie setzen mit dieser Art von Journalismus politische Ziele um: Es geht um die Entpolitisierung, es geht um die Auflösung gesellschaftlicher Zusammenhänge und damit die Auflösung kollektiven Widerstands. Atomisierung der Klasse und Vernebelung kollektiver interessen. Jeder soll sich ganz neoliberal um sich selbst kümmern und die Probleme in sich selbst suchen. Das ICH ist das Goldene Kalb der heutigen Gesellschaft und niemand fragt mehr danach, warum Depressionen und psychische Krankheiten um ein mehrfaches angestiegen sind.

Hier nochmal eine Kostprobe, die "Zeit" von heute:
Zitat
So bringst du Abwechslung in deine Masturbationsroutine

Ob Küchenutensilien, Kerzenwachs oder Analplugs – wir haben Pornoregisseurinnen, Sexualpädagoginnen, Sexarbeiter*innen und Dominas nach ihren Solosextipps gefragt.
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Kuddel

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Re: Individualismus
« Antwort #20 am: 12:29:34 So. 31.Januar 2021 »
Ach, das freie Individuum ist ein Scheißmythos.
Gäbe es keine Kooperation der Menschen, würden wir (fast) alle nicht mehr leben, wir hätten keine Gesundheitsversorgung, Häuser, Lebensmittel, Kleidung, Heizung etc..
Wären wir allein auf einer Insel, würde uns die Einsamkeit wahnsinnig machen.

Den Glauben an den Individualismus gibt es schon lange. Seit dem Neoliberalismus dominiert der Schwachsinn alles andere.

Wenn die Menschen aber nicht mehr geschützt sind durch halbwegs auskömmliche Löhne und Renten, wenn das Sozialsystem zerbröselt, macht sich Panik breit. Die Panik wird unter der Pandemie noch verstärkt.

Meine Theorie: Rein instinktiv suchen die Menschen dann Schutz in Gruppen, die möglichst stark erscheinen und sich aggressiv nach außen abgrenzen. Inhalte sind da erstmal egal.

Das sind dann Fußballfans oder Hooligans, Pegida, Trump-Anhänger oder jetzt Querdenker.

Denen brauchst du nicht mit Argumenten zu kommen. Für die ist das nur ein Versuch, sie aus der Sicherheit der Gruppe herauszureißen und sie reagieren aggressiv.

Kuddel

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Re: Individualismus
« Antwort #21 am: 10:17:31 Mi. 20.Oktober 2021 »
Vor einigen Tagen habe ich an einer Diskussionsrunde teilgenommen bei der ich der einzige alte Sack war. Die Leute waren jung, teilweise sehr jung, sahen sich als links oder linksradikal.

Sie machten sich gute Gedanken über die Welt, doch die Konsequenzen daraus fand ich deprimierend.

Jeder versuchte für sich auf Umweltzerstörung und Ausbeutung zu reagieren. Letztendlich ging es immer wieder um einen bewußten Konsum. Darum macht man sich einen Kopf und hat scheinbar bei jedem Kauf ein schlechtes Gewissen. Und man wirft anderen einen "falschen" Konsum vor.

So ändert man die Welt mit Sicherheit nicht.

Nikita

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Re: Individualismus
« Antwort #22 am: 11:53:05 Mi. 20.Oktober 2021 »
"Und man wirft anderen einen "falschen" Konsum vor."
Linke Hochnäsigkeit. Man sollte aufklären, aber bitte nicht oberlehrerhaft.
Diese Indoktrinierung, für alle Probleme der Welt sei das Individuum mit seinem Verhalten verantwortlich, ist für mich ein Teil des Problems. Die Großkonzerne und Politik haben es gut geschafft, uns zu erklären, dass nicht sie die Probleme verursachen, sondern der Einzelne mit seinem Verhalten.

Kuddel

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Re: Individualismus
« Antwort #23 am: 09:20:49 Di. 23.November 2021 »
Zitat
Ich fühle mich nicht gut regiert. Nicht von meiner Regierung – und nicht von meiner Gemeinschaft. Denn dies ist keine Gemeinschaft. Es ist eine Ansammlung von 83 Millionen Individuen, die sich die Schuld an der Misere nun gegenseitig in die Schuhe schieben. Ich schäme mich für diese Gemeinschaft, die keine ist. Und ich schäme mich, dass ich im Sommer nicht auf den Plätzen meiner Stadt war, um das zu ändern.
https://www.freitag.de/autoren/elsa-koester/ich-fuehle-mich-nicht-gut-regiert

Zitat
So etwas wie die Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und es gibt Familen.
Maggie Thatcher

Es gibt Machtverhältnisse. Es gibt diejenigen, die die Produktionsmittel besitzen. Es gibt die Ausgebeuteten. Eine Gegenwehr gegen die Besitzenden, gegen die Mächtigen, ist nur dann möglich, wenn man sich kollektiv wehrt.

Diese Kollektivität hat sich mit dem Neoliberaismus und der Entpolitisierung der Linken aufgelöst. Die Linke entwickelt einen Zusammenhalt eher über Identität, über einen kulturellen Zusammenhang, Bildung, ein besonders moralisches Auftreten, über einen eigenen Sprachgebrauch.

Das hat nichts mit einem Klassenstandpunkt zu tun. Die Klasse ist jedoch kein Paradies, kein goldener Pfad in eine bessere Gesellschaft. Die Unterschichten wurden auch durch dieses kaputte Bildungs- und Mediensystem geprägt. Man findet dort nicht nur Resignation, sondern genauso Anpassung, Selbstzerstörung, Rassismus, Sexismus und andere Idiotien.

Mit diesen Irrungen und Wirrungen müssen wir umgehen und in diesen "unpolitischen" Menschen potentielle Mitstreiter erkennen. Sie können lernen, sie können sich ändern und als Linke müssen wir genau diesen Prozeß vorantreiben. Dazu muß man erstmal die herablassende Haltung diesen Leuten gegenüber ablegen.


counselor

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Re: Individualismus
« Antwort #24 am: 15:52:54 Di. 23.November 2021 »
Interessant ist, dass die bürgerliche Psychologie den Standpunkt einnimmt, dass man Erwachsene nicht mehr ändern kann, man sich aber selbst verändern kann.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!