Autor Thema: Kämpfe in der Logistikbranche  (Gelesen 2862 mal)

admin

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Kämpfe in der Logistikbranche
« am: 20:07:20 Sa. 25.November 2017 »
Ich war vor einigen Wochen auf einem internationalen Treffen von Logistikarbeitern. Dort wurde auch erwähnt, daß es gerade in der linken Szene einen Hype gibt um die Bedeutung der Logistikbranche. Man war sich einig, daß es eine Fehleinschätzung ist, die Logistik für DIE Branche zu halten, an der sich die Zukunft entscheidet.

Es ist aber eine Tatsache, daß es in dieser Branche gewaltige Umbrüche gibt. Es handelt sich in weiten Teilen um prekäre Arbeit und es wird herumexperimentiert mit Arbeitsorganisation und mit Arbeitsverträgen. Die Beschäftigten sind zu einem großen Teil migrantisch und auch nicht so verbunden mit der deutschen Gewerkschaftskultur, wie es in der Autoproduktion oder dem Maschinenbau noch der Fall ist.

Amazon steht im Zentrum des Interesses, denn in diesem US Konzern mit der strikten antigewerkschaftlichen Unternehmenspolitik, hat sich in Deutschland die stärkste Streikbewegung innerhalb der weltweiten Konzernstrukturen entwickelt. Die Streikbewegung in Deutschland ist basisorientiert und hat eine verdikritische Haltung, nutzt aber die Strukturen der Gewerkschaft. Bei Amazon in Poznan in Polen hat sich die Basisgewerkschaft IP (Arbeiter Initiative) eine stärkere Positition erarbeitet, als die Solidarnosc. In der gesamten Branche gärt es und an zahlreichen Stellen brechen Kämpfe aus. Wird hier Verdi wieder alles unter ihre Fittiche nehmen?

Hier sollten wir nicht nur abwarten, sondern genau hinschauen, Kontakte knüpfen und uns an den Diskussionen beteiligen. Es wäre spannend und bedeutend, wenn man hier neue Strukturen entwickeln könnte mit einer Kooperation von Leuten aus verschiedenen Unternehmen und vielleicht auch Branchen. Eine gegenseitige Unterstützung von Arbeitenden und Erwerbslosen, die Zusammenarbeit von Stammbeschäftigten, Outgesourcten, Leiharbeitern und Scheinselbstständigen. Wie tauscht man sich miteinander aus? Wo tritfft man sich? Wie kommt man zu gemeinsamen Entscheidungen?

Diese Dinge sind weitgehend Neuland für uns.

Wir sollten beginnen, darüber zu diskutieren.

Kuddel

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #1 am: 15:38:04 Di. 28.November 2017 »
Erwerbslosenini mobilisiert für einen Arbeitskampf.



Das ist neu und vorbildlich.

https://makeamazonpay.org/2017/11/18/basta-berliner-erwerbsloseninitiative/

Rudolf Rocker

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #2 am: 16:28:08 Di. 28.November 2017 »
So muss das sein!
United we stand, divided we fall!

Kuddel

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #3 am: 17:02:32 So. 10.Dezember 2017 »
Wie gesagt, Arbeitskämpfe im Logistiksektor stehen zur Zeit auch im Fokus der linken Szene, die sich bisher wenig für Arbeitskämpfe interessiert hat:

Zitat
Die Unterbrechung der Logistik als Instrument antikapitalistischer Kämpfe
Alle Reifen stehen still

»Amateure studieren Strategie, Profis studieren Logistik« soll der US-General Robert H. Barrow einst gesagt haben. Dazu einige strategische Überlegungen ambitionierter Amateurklassenkämpfer.


Die Globalisierung der Weltwirtschaft seit den siebziger Jahren beförderte diese stumme Revolution in der Logistik durch die Aufgliederung der Produktion. Eine Entwicklung, mit der Antikapitalisten weltweit nicht Schritt halten konnten, dank ihres Abstiegs in die Amateurligen des globalen Klassenkampfs. Diese Neuerungen in der Logistik verschärften gemeinsam mit Handelsabkommen, allen voran jenen der Welthandelsorganisation, die internationale Konkurrenz und Ausbeutung. Zu Recht kritisierte die globalisierungskritische Bewegung die dadurch eröffneten Möglichkeiten, arbeits- und umweltrechtlicher Bestimmungen zu unterlaufen. Nur gelang es ihr nicht, ein Druckmittel zu entwickeln, um auf dieser Ebene selbst strategisch zu intervenieren.

https://jungle.world/artikel/2017/34/alle-reifen-stehen-still

Zitat
Beim Versandunternehmen Amazon gab es bundesweit Streiks und Proteste
Da vorne steht ’ne Ampel

In Leipzig und anderen Städten riefen vergangene Woche die Gewerkschaft Verdi, die Basisgewerkschaft FAU und linke Organisationen zu Streiks und Blockaden gegen das Versandunternehmen Amazon auf.
Von Jan Rottenbach


Eine Leipziger Fußgängerampel als Instrument im Arbeitskampf. »Warum nicht bei Rot geh’n, warum nicht bei Grün steh’n?«, fragte sich die Band Der Plan bereits 1980

250 Streikende und 150 Unterstützer zogen am Freitag vergangener Woche vor das Leizpiger FC des Versandhändlers Amazon. FC – das ist kein Fußballclub, sondern ein sogenanntes »Fulfillment Center«, wie das Unternehmen es nennt; ein Warenlager, von dem aus Kunden beliefert werden. Doch die 400 Menschen, die sich dort versammelten, hatten etwas dagegen – sie waren gekommen, um zu streiken und das FC zu blockieren. Ampelstreik nannten sie das. Denn vor dem Werkstor steht eine Fußgängerampel, mit deren Hilfe der Warenausgang verzögert werden sollte.

Basierend auf der Überlegung, dass Amazon nichts produziert außer dem Versprechen an die Kunden, Waren zu einem bestimmten Termin zu liefern, zielte der Streik auf Öffentlichkeit und die Verzögerung der Liefertermine. Er war Teil einer bundesweiten Kampagne unter dem Motto »Make Amazon Pay«. Nach Angaben der Organisatorinnen und Organisatoren soll der Ampelstreik in Leipzig zur Verlangsamung des Liefertaktes geführt haben. Der Konzern bestreitet, dass es zu Verzögerungen gekommen ist.

    Solidarität kam nicht nur von Studierenden und nicht nur aus Deutschland. Auch in Piacenza und Poznań gab es Proteste.

An anderen Amazon-Standorten gab es zur gleichen Zeit ähnliche Aktionen. In Berlin blockierten etwa 400 Menschen vorübergehend das innerstädtische Verteilerzentrum am Kurfürstendamm. An der Aktion beteiligten sich das  Bündnis »Ums Ganze«, Mitglieder des Redaktionskollektivs Capulcu, die sich als »technologiekritische Aktivisten und Hacktivisten« verstehen, und die Berliner Erwerbsloseninitiative »Basta«. Jobcenter und Amazon arbeiteten »Hand in Hand bei der Durchsetzung prekärer Arbeitsbedingungen«, begründete »Basta« die Teilnahme an der Aktionswoche auf seiner Website.

Die Logistik des Kapitals sei blockierbar, sagt Maria Reschka, eine Sprecherin der Kampagne und Mitglied von »Ums Ganze«. Amazon setze neue Standards der Prekarisierung und Logistifizierung. Beeindruckt sei sie von den Streikenden, die über einen so langen Zeitraum Gegenwehr leisteten. Seit 2013 ist es immer wieder zu Streikaktionen bei dem Unternehmen gekommen. Amazon sei ein Laboratorium des »Streiks 4.0«, sagt Reschka. Sie habe selbst bereits Arbeitskampferfahrung gesammelt – in ihrem studentischen Nebenjob in der ambulanten Lebenshilfe. Gerade hier, im Care-Sektor, zeige sich, dass die technische Erneuerung auch eine Geschlechterdimension habe. Da sie nicht nach Bedürfnissen von Menschen, sondern im Interesse des Kapitals organisiert sei, werde Technik nur in einigen profitablen Sektoren entwickelt. Ginge es um die Bedürfnisse der Menschen, wäre es »ohne weiteres möglich, technische Mittel zur Erleichterung der Pflege zu entwickeln« und nicht wie bei Amazon als »Zukunftsvision, die auf Kontrolle und Unterdrückung« basiere.

Petra Beck*, die sich als Amazon-Beschäftigte und Mitglied der Gewerkschaft Verdi am Streik in Leipzig beteiligt, spricht sarkastisch über ihren Arbeitsalltag: »Einstechen, acht Stunden alles über mich ergehen lassen, ausstechen.« Dennoch konstatiert sie, dass die Streiks der vergangenen vier Jahre für Verbesserungen der Löhne und Arbeitsbedingungen gesorgt hätten. Verdi will nun vor allem einen Tarifvertrag mit Amazon erreichen. Gespräche darüber verweigert das Unternehmen, das bundesweit mehr als 12 000 festangestellte Mitarbeiter beschäftigt, seit Jahren.

Beck arbeitet im Warenausgang. Ihr Arbeitstag wird zu einem großen Teil bestimmt durch Richtungspfeile auf einem digitalen Gerät, das sie durch das Warenlager dirigiert. Aus einem europaweiten Netzwerk wird sie über das Gerät angewählt und zu Waren in Bewegung gesetzt. Da das digitale Fließband Amazons ohne die Bewegung von Arbeiterinnen und Arbeitern wie Beck nicht fließt, werden sie motiviert, angetrieben, gefeedbackt, notfalls abgemahnt.

Aus den Lautsprecherboxen des Streikzelts ertönt die Stimme eines Streikenden: Es herrsche Panik bei der Konzernleitung. Amazon halte Informationen zurück, intern reagiere das Unternehmen mit Polarisierung. Später sagt ein Mitglied des »Streiksolibündnisses Amazon«, das sich an dem Aktionstag in Leipzig beteiligt: »Amazon verbreitet das Gerücht, dass wir etwas kaputt machen wollen. Im Gegenteil, wir wollen etwas aufbauen: eine solidarische Bewegung von allen, die vom Kapitalismus an einem guten Leben gehindert werden.«

Viele der Unterstützerinnen und Unterstützer sind Studierende, so wie Anton Kramer*. Er muss neben dem Studium arbeiten, »als wissenschaftliche Hilfskraft, 9,70 Euro pro Stunde, Vertragslaufzeit sechs Monate«, erzählt Kramer. Doch das Engagement und die Kämpfe basisorientierter Gruppen und kleinerer Gewerkschaften wie der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiterunion (FAU) in Jena machten ihm Mut. An der dortigen Universität hat die FAU auf dem Rechtsweg durchgesetzt, dass wissenschaftliche Hilfskräfte in der Universitätsbibliothek künftig nach dem Tarifvertrag bezahlt werden.
Solidarität gab es an diesem Tag nicht nur von Studierenden wie Kramer und nicht nur in Deutschland. Bundesweit streikten Beschäftigte an insgesamt sechs Amazon-Standorten. Zudem beteiligten sich erstmals auch Mitarbeiter im italienischen Piacenza. Im polnischen Poznań rief die anarchistische Basisgewerkschaft »Arbeiterinitiative« zum Dienst nach Vorschrift auf, um den Betrieb zu verlangsamen. »Niemand will ein Rädchen im Getriebe sein«, hieß esdazu auf der Website der Gewerkschaft.


* Name von der Redaktion geändert.

https://jungle.world/artikel/2017/48/da-vorne-steht-ne-ampel






Es kracht in der Branche scheinbar überall:

Zitat
300 Mitarbeiter streiken bei Hermes



Ein Streik hat am Dienstag die Arbeit beim Logistikdienstleister Hermes in Haldensleben beeinträchtigt.
https://www.volksstimme.de/deutschland-welt/wirtschaft/haldensleben-300-mitarbeiter-streiken-bei-hermes

Zitat
Stockende Fließbänder
Beschäftigte des Automobilzulieferers BLG in Leipzig im Streik. Produktion im dortigen BMW-Werk beeinträchtigt



Wenn die Logistikbeschäftigten keine Teile aufs Band legen, kann es schon mal zu Engpässen in der Produktion kommen
https://www.jungewelt.de/artikel/313877.stockende-flie%C3%9Fb%C3%A4nder.html

Zitat
Streik: 100 Zalando-Mitarbeiter legen Arbeit nieder
Auch beim Modeversender Zalando kommt es immer öfter zu Warnstreiks. Am Logistikstandort in Brieselang haben rund 100 Mitarbeiter ihre Arbeit niedergelegt.
https://www.internetworld.de/e-commerce/zalando/streik-100-zalando-mitarbeiter-legen-arbeit-nieder-1389398.html

Zitat

WARNSTREIK AM DB-TERMINAL IN REGENSBURG

Am Montag haben die Beschäftigten der DB Intermodal Services ihre Arbeit niedergelegt. Sie folgten einem Aufruf der EVG, die für ihre Mitglieder sieben Prozent mehr Gehalt fordert.
https://www.verkehrsrundschau.de/nachrichten/warnstreik-am-db-terminal-in-regensburg-2026753.html

Zitat
Streik bei “Tedi” in Wickede: Lagerarbeiter fordern Tarifvertrag

Einen Tarifvertrag mit mehr Lohn sowie Zuschüsse für Mehr- und Nachtarbeit: Die Lagermitarbeiter der Dortmunder Logistik GmbH, einer Tochterfirma von “Tedi” mit Hauptsitz in Dortmund, kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen.
http://www.dortmund24.de/dortmund/streik-bei-tedi-in-wickede-lagerarbeiter-fordern-tarifvertrag/

Zitat
Amazon: Streiks in sechs Logistikzentren

In der Amazon-Logistik wird wieder gestreikt. Wie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mitteilt, haben Mitarbeiter des Online-Händlers an sechs großen Standortendie Arbeit niedergelegt. Dabei handelt es sich um die Logistikzentren in Bad Hersfeld, Leipzig, Graben, Rheinberg, Werne und Koblenz.
http://www.textilwirtschaft.de/business/unternehmen/e-commerce-amazon-streiks-in-sechs-logistikzentren-206738?crefresh=1

Zitat
GENERALSTREIK IN ITALIEN: STREIT GEHT IN DIE NÄCHSTE RUNDE


Während des Generalstreiks wurden die Zufahrten zu den wichtigsten Logistikknotenpunkte blockiert
https://www.verkehrsrundschau.de/nachrichten/generalstreik-in-italien-streit-geht-in-die-naechste-runde-2030244.html

Zitat
Forderung nach mehr Gehalt: Logistiker legen erneut ihre Arbeit nieder

Erneut sind Logistiker auf die Straße gegangen. Am Donnerstags forderten rund 500 Beschäftigte im hessischen Fulda bessere Löhne für ihre Arbeit.


Besonders die niedrigen Löhne von Paketzustellern, Logistikern, Lagereien und Speditionen wurden von Verdi in der Vergangenheit häufiger kritisiert.

Deutschlandweite Streiks breiten sich aus
https://www.logistik-watchblog.de/unternehmen/1271-logistiker-legen-arbeit-nieder.html

Zitat
Streik auf dem MainLog-Gelände


Zahlreiche Mitarbeiter der Firma Geis Logistik sind gestern einem Verdi-Aufruf gefolgt und in den Streik getreten. Auch wenn sich der Ausstand nicht gezielt gegen ihr Unternehmen richtet, sind viele vom Management enttäuscht. Weitere Streiks zeichnen sich ab.
http://sdp.fnp.de/lokales/kreise_of_gross-gerau/Streik-auf-dem-MainLog-Gelaende;art688,2826267

Zitat
Streik bei Schnellecke in Braunschweig: Bald auch Wolfsburg betroffen?

Die Gewerkschaft Verdi hatte im Tarifstreit der Logistikbranche bei Schnellecke in Braunschweig zum Streik aufgerufen. Wenn auch am nächsten Verhandlungstag kein Durchbruch erzielt wird, könnte es zum Streik bei Schnellecke in Wolfsburg kommen – mit möglichen Folgen fürs VW-Stammwerk.
http://www.waz-online.de/Wolfsburg/Volkswagen/Streik-bei-Schnellecke-in-Braunschweig-Bald-auch-Wolfsburg-betroffen

Zitat
Tausende Pakete nicht ausgeliefert

Kassel. Sie haben Ihr Paket in den vergangenen Tagen auch nicht bekommen? Der Tarifstreit im hessischen Transport- und Verkehrsgewerbe sorgt für Probleme bei der Zustellung in Nordhessen
.
https://www.hna.de/kassel/pakete-probleme-bei-auslieferung-wegen-tarifstreits-9370569.html

Zitat
Streik bei DHL: 15.000 Pakete bleiben im Norden liegen

Droht der weihnachtliche Ausnahmezustand in der Logistik? Im nördlichen Raum haben nun die Paketzusteller gestreikt. Das Resultat: Jede Menge Pakete sind liegen geblieben.
https://www.logistik-watchblog.de/unternehmen/1274-streik-dhl-15-000-pakete-bleiben-liegen.html

Zitat
Deliveroo riders storm its Amsterdam HQ to protest new self-employment rule

The delivery service community in the Netherlands is not happy with Deliveroo right now. Following a shift in the company’s business model, all couriers in the country will now be required to register as self-employed in order to continue working for the popular food service, local outlet AT5 reports.

The controversial announcement has sent miffed couriers protesting the decision onto the streets of Amsterdam. Dressed in their turquoise uniforms, a large group of Deliveroo riders stormed the city center to voice their dissatisfaction with the new rules.
https://thenextweb.com/insights/2017/11/15/deliveroo-delivery-self-employed-protest/

Kuddel

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #4 am: 11:53:22 So. 25.Februar 2018 »
Neue Front für Streiks: Logistik

Kim Moody über moderne Möglichkeiten gewerkschaftlicher Organisierung

Kim Moody, Mitgründer der Labor Notes, Aktivist und Labour-Forscher, wirkt wie ein Fels in der Brandung: Trotz, wie er zu scherzen beliebt, ganzer Regalmeter voller Bücher, in denen das Ende der Arbeit durch Automatisierung und Rationalisierung vorhergesagt wurde, hielt er immer daran fest, dass keine technologische Revolution ohne menschliche Arbeitskraft auskomme. Die Zahl der Lohnabhängigen sei so hoch wie nie, lediglich die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich. Unbeirrbar hält er aber auch daran fest, dass es die »Zusammenballung«, die »große Zahl« der Lohnabhängigen an einem Ort sei, die entscheidend für die Kampfbedingungen sei. Und diese Bedingung sieht er in seinen jüngsten Arbeiten gerade in der sog. Logistik-Revolution gegeben: Schlecht bezahlte ArbeiterInnen ballen sich in großer Zahl in riesigen Logistik-Zentren, und sie sitzen damit an den sensiblen Schaltstellen der Just in Time-Produktion.

http://www.labournet.de/?p=128375

Kuddel

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #5 am: 20:19:36 Di. 06.März 2018 »
Zitat
Streiks bei der DHL Delivery Berlin GmbH und bei Amazon in Werne

Erst vor Kurzem machte die Deutsche Post der Verdi ein Angebot für einen neuen Tarifvertrag. Doch damit scheint das Thema Streik noch nicht ganz vom Tisch zu sein. In Berlin und Potsdam hat die Arbeitnehmervertretung 600 DHL-Mitarbeiter zu Streiks aufgerufen. Und auch bei Amazon läuft es alles andere als rund.


In Berlin und Potsdam kann es aktuell zu Auslieferproblemen bei Paketen kommen. Der Grund: Warnstreiks bei der DHL Delivery Berlin GmbH in Berlin und im Raum Potsdam. Wie rbb24 berichtet, hat Verdi insgesamt 600 Mitarbeiter zu Warnstreiks aufgerufen, rund die Hälfte der Beschäftigten ist dem Ruf gefolgt und hat die Arbeit niedergelegt – und das für den ganzen Tag.

70.000 Sendungen bleiben liegen oder verspäten sich


Am Rand der Streikversammlung im Brauhaus Berlin erklärte Gewerkschaftssekretär Axel Kronbügel, im Landesfachbereich für die Postdienste, Speditionen und Logistik verantwortlich, dass man Störungen im Betrieb und bei der Auslieferung der Pakete erwarte. „Tausende Pakete würden am Dienstag gar nicht oder erst später ausgeliefert werden“, heißt es bei rbb24. Dass sich nur die Hälfte der Angestellten dem Streik angeschlossen hat, liegt nach Kronbügels Meinung vor allem an den befristeten Arbeitsverhältnissen. Wer beim Streik nicht dabei sein konnte, dem riet Verdi „Dienst nach Vorschrift zu betreiben“. Schon dies dürfte zu erheblichen Verzögerungen bei der Paketauslieferung beitragen, denn „Dienst nach Vorschrift“ heißt, dass pro Auslieferung nur ein Paket - und nicht wie sonst oft üblich – mehrere getragen werden.

Bestreikt werden aktuell 15 Berliner Depots. In den DHL Delivery Depots werden normalerweise etwa 70.000 Sendungen verarbeitet und zugestellt. Nicht von dem Streik betroffen sind die Depots der Deutschen Post. Mit den Streiks will Verdi Druck auf die laufenden Tarifverhandlungen für die Beschäftigten der Speditions-, Logistik- und Paketdienstbranche ausüben. Gefordert werden unter anderem 6,5 Prozent mehr Lohn. Am Donnerstag geht es in die nächste Verhandlungsrunde.

Waren stürzen aus Hochregallager

Neben der DHL Delivery GmbH sieht sich auch Amazon neuen Streiks gegenüber. Bereits am Montag, so berichtet der Westfälische Anzeiger, kam es bei Amazon in Werne zum Warnstreik. Hintergrund des Warnstreiks ist der Vorwurf von Verdi, dass es Amazon „nach dem Umzug mit der Arbeitssicherheit nicht so genau“ nimmt, „weil der Betrieb in der neuen Anlage noch nicht rund laufe.“ Am heutigen Dienstag soll laut Verdi die Bezirksregierung Arnsberg einer entsprechenden Beschwerde nachgehen.

Während Amazon Sprecherin Antje Kurz-Möller im WA damit zitiert wird, dass man nicht erkennen könne, dass „es einen Trend zu vermehrten Arbeitsunfällen gibt“ und „von Chaos“ keine Rede sein kann, zeichnet Verdi ein anderes Bild. So sollen mehrfach Waren aus bis zu zehn Metern Höhe in die Gänge gestürzt sein, weil Mitarbeiter mit den Hubwagen aufgrund der engen Gänge sich gegenseitig behinderten. „Die Gänge sind sehr eng, die Flurförderfahrzeuge stauen sich, man fährt sich die Spiegel ab. Die Fahrer stehen unter Druck, weil sie sich rechtfertigen müssen, sobald sie stillstehen“, wird Verdi-Sekretär Karsten Rupprecht zitiert. „Neulich konnte ein Kollege die Bühne nicht mehr herunterfahren und musste 20 Minuten um Hilfe rufen.“

Die aktuelle Situation hat Verdi nun dazu animiert, die Amazon-Mitarbeiter zum Streik aufzurufen. Bereits am Montag trat ein Teil der Frühschicht in den Warnstreik. Dieser soll bis Dienstag um Mitternacht von den vier folgenden Schichten fortgesetzt werden. Die Beteiligung sei mit 150 Streikenden zum Auftakt „so groß gewesen wie noch nie“, heißt es beim WA.
https://www.logistik-watchblog.de/unternehmen/1451-streiks-dhl-delivery-berlin-gmbh-amazon-werne.html

Fritz Linow

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #6 am: 00:18:04 Di. 20.März 2018 »
Kein Kampf, aber trotzdem ein gelungenes Beispiel, wie anfällig diese ganze Just-in-Time-Kacke ist:
Zitat
16.3.18
Brand bei Zulieferer:
Schichten im Audi-Stammwerk Ingolstadt ausgefallen
(...)
https://www.automobilwoche.de/article/20180316/AGENTURMELDUNGEN/303169927/brand-bei-zulieferer-schichten-im-audi-stammwerk-ingolstadt-ausgefallen

admin

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #7 am: 19:01:51 So. 25.März 2018 »
Der Logistiksektor ist nicht nur plötzlich angesagt, sondern auch tatsächlich zentrales Segment im Wirtschaftgefüge. Hier kommt es zu den meisten Einstellungen. Es geht hauptsächlich um prekäre Arbeit. Die Gewerkschaften haben in dem Sektor wenig zu melden, der Organisierungsgrad ist gering. Der Anteil migrantischer Arbeiter*innen ist enorm.

Wenn es im Logistiksektor hakt, können weitere Teile der Wirtschaft zum Stillstand kommen. Das Gefüge ist fragil. Die Macht der Beschäftigten kann in Arbeitskämpfen enorm sein.

In Norditalien ist es der Basisgewerkschaft SI Cobas zu einer bedeutenden Kraft im Logistiksektor geworden. Die zu einem großen Teil von Migranten geführten Kämpfe sind militant und es gab Verletzte und Tote zu beklagen (Streikposten überrollt).

Hier eine Selbstdarstellung (auf italienisch) mit Eindrücken von ihren Kämpfen und Protestaktionen: ! No longer available

Ich war einige Tage mit Aktivisten von Amazon Polen und Deutschland unterwegs.
Die Veranstaltungen und Diskussionen waren überaus inspirierend.
In Poznan ist die Basisgewerkschaft IP stärker als die Solidarnosc und in Deutschland sind die Streikaktivisten so selbstbewußt, daß sie die Organisierung der Kollegen und das Führen der Streiks in den eigenen Händen haben und scih nicht von der Verdizentrale vorgeben lassen. Die kreativen Strategien gegen den Konzern im Arbeitsalltag sind beeindruckend.

Das wohl herausstechendste an den Kämpfen bei Amazon ist wohl, daß man sich nicht in einem Abwehrkampf befindet. Fast alle Arbeitskämpfe in der Republik sind Abwehrkampfe. Man versucht Entlassungen oder Verdichtungen der Arbeit abzuwehren und wenn es um Loherhöhungen geht, dann liegen sie selten über der Inflationsrate.

Bei Amazon ist man nicht in der Abwehr, sondern offensiv dabei, sich die Würde am Arbeitsplatz zurückzuerobern. Man hat mit den vergangenen Streiks Lohnerhöhungen von etwa 20% durchgesetzt. Amazon hatte auch erklärt, so etwas wie "Weihnachtsgeld" würde man in den USA nicht kennen und auch hier nicht einführen. Inzwischen zahlt Amazon auch in Deutschland Weihnachtsgeld. Die Streikaktivisten arbeiten hart an einer internationalen Vernetzung, sie wollen den Konzern grenzübergreifend angreifen. So etwas gibt es hierzulande sonst nirgendwo.

Wir können noch eine Menge spannender Entwickungen in dem Bereich erwarten.
Wir sollten es als Beispiel nehmen und aufhören zu jammern. Ein gemeinsamer Angriff auf die deprimierenden Verhältnisse ist möglich. 

Kuddel

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #8 am: 16:31:18 Mo. 23.April 2018 »

Kuddel

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #9 am: 10:18:03 So. 20.Mai 2018 »
Die Leiharbeit scheint extrem in diese Branche zu preschen:

Gute Perspektiven in der Logistikbranche

Zeitarbeit ist aus wachsenden Industrieregionen nicht wegzudenken. Denn gerade in der Anfangszeit, wenn die genaue Entwicklung des Wirtschaftsstandortes noch nicht abzusehen ist, können Unternehmen damit ihr Personalkontingent flexibel halten.


Laut Bundesagentur für Arbeit (BA) sind am Stichtag 30. Juni 2017 insgesamt 265.263 Zeitarbeitnehmer im Bereich Verkehr/Logistik tätig gewesen. Das ist etwa jeder vierte Beschäftigte in der Branche.( https://www.ig-zeitarbeit.de/index.php/presse/artikel/gute-perspektiven-der-logistikbranche )


Thomas Altmann (l.), iGZ-Regionalkreisleiter Duisburg, begrüßt die Entwickung des Wirtschaftsstandortes Duisburg.

Du wollen Arbeit? Habe schöne Arbeit in Hochregallager. Oder lieber Pakete ausfahre mit Auto, brumm brumm, verstehe?


Fritz Linow

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #10 am: 14:26:28 So. 20.Mai 2018 »
Der lustige Mützenmann war mal als User Walsimöt im Zoom-Forum aktiv. Hier die Höhepunkte:

„Wie sollen wir eine soziale Partnerschaft leben, wenn jeder in seiner Ecke bleibt?“

„Als verantwortungsvoller Personaler ist man aber immer auch ein Stück weit Kümmerer, Sozial-Pädagoge, Zuhörer, ja manchmal sogar so etwas wie ein Therapeut…“

„„Asoziales Pack“ lasse ich mir als Beschimpfung ja noch gefallen, „Selbstdarstellung“ weise ich aber entschieden zurück…“

„Ich habe kein Interesse daran, hier den Blitzableiter für Eure Gesellschaftskritik zu spielen bzw. als nützlicher Idiot Eure Hasstiraden auf mich zu ziehen.“
 
„Da beißt - für mich! - die Maus keinen Faden ab.“

„Und vielleicht schaffen Sie es ja auch, auf Fäkalsprache zu verzichten.“

„Kann es nicht sein, dass der eine oder andere für seine schlechten Erfahrungen mitverantwortlich ist?“

„Die Zeitarbeitswelt ist bunt!“

„Zum Dank dafür werde ich beschimpft, bedroht (nein, nicht ich selbst, aber die Branche) und in Form von Thread-Titel und Ihrer Signatur verhohnepiepelt.“

„Klopf, klopf, klopf! Hallo? Jemand da?“

admin

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #11 am: 13:02:30 Sa. 28.Juli 2018 »
In der Logistikbranche gibt es nicht nur Mobilisierungsversuche "von außen".
Hier etwas von innen: Der Text des Flugblattes wurde von einem Logistikarbeiter erstellt. Er hat den Ton getroffen, der die Kollegen anspricht und die Themen angesprochen, die ihnen unter den Nägeln brennen. Themen wie "Cliquenbildung" unter den Beschäftigten wäre externen Autoren nicht bekannt, gehört aber zur nervigen Normalität im Betrieb.

Hier das Flugblatt:







Kuddel

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #12 am: 17:01:38 So. 11.November 2018 »
Der Logistikbereich auf der Überholspur:
die Arbeitskämpfe nehmen zu, aber Wichtigkeit und Stellenwert innerhalb der Wertschöpfungskette wird in Gewerkschaftskreisen unterschätzt


In Deutschland arbeiten in dem Bereich rund 2,5 Millionen Menschen in 60.000 Betrieben.

Möglichkeiten tun sich auf


Diese Cluster scheinen durch Arbeitsunterbrechungen hochgradig verwundbar zu sein. Ein Streik in einem Warenlager oder bei einem Lieferanten mit Schlüsselfunktion könnte die Produktion entlang der gesamten Versorgungskette lahmlegen und möglicherweise dem Image eines Unternehmens mit Blick auf seine Zuverlässigkeit großen Schaden zufügen.

Es gehört zur großen Ironie des modernen Kapitalismus, dass wir jetzt eine massive Konzentration von manueller, menschlicher Arbeit erleben, aus der sich die Konzernführungen eigentlich verabschieden wollten. Es könnte enormer Druck auf die Arbeitgeber ausgeübt werden, auch um Zugeständnisse zu machen oder eine neue Gewerkschaft anzuerkennen, ohne dass es dafür die Art Sekundär- oder Sympathiestreik bräuchte, die in vielen Ländern illegal sind.

https://gewerkschaftsforum-do.de/der-logistikbereich-auf-der-ueberholspur-die-arbeitskaempfe-nehmen-zu-aber-wichtigkeit-und-stellwert-innerhalb-der-wertschoepfungskette-wird-in-gewerkschaftskreisen-unterschaetzt/

Fritz Linow

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #13 am: 17:52:26 So. 11.November 2018 »
Der letzte Satz ist ja etwas pathetisch:
Zitat
Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di weiß, wenn die Auseinandersetzung mit Amazon verloren geht, die Gewerkschaften in Zukunft keinen Fuß mehr in die Tür der Branche bekommen werden und eine historische Chance vertan ist.
Für ver.di mag das stimmen, aber dann kann man ja mal eine richtige Gewerkschaft machen. Steht eigentlich auch kurz vorher im Text:
...auch um Zugeständnisse zu machen oder eine neue Gewerkschaft anzuerkennen...

Schön unberechenbar soll alles sein.

Onkel Tom

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Re:Kämpfe in der Logistikbranche
« Antwort #14 am: 20:39:00 So. 11.November 2018 »
Wenn verdi das so wichtig ist, ein Fuß in die Tür von Amazon zu bekommen,
verstehe ich nicht, das anbei nicht mehr Mum und länger anhaltender Streik
investiert wird. Soo kompliziert ist es doch nun auch nicht, das sich die Katze
nur um den heißen Brei schleichen darf. Tut es Amazon finanziell richtig weh,
tun sich neue Wege zur Durchsetzung von Forderungen auf..
Lass Dich nicht verhartzen !