Autor Thema: Stadtteilarbeit  (Gelesen 16658 mal)

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #135 am: 16:34:59 Sa. 08.August 2020 »
Die Ausbeutung migrantischer Arbeit, zu weiten Teilen unter absolut unmenschlichen Bedingungen ist der herrschende Normalzustand und nicht nur ein Phänomen irgendwelcher Schwarzer Schafe wie Tönnies. Es gibt jedoch zunehmend Unruhe und Widerstand der kaum sichtbaren Arbetismigranten. Wilde Streiks und Protestaktionen von ErntearbeiterInnen und von Bauarbeitern.

Wenn wir Ausbeutung und Kapitalismus bekämpfen wollen, kommen wir nicht umhin, uns mit Arbeitsmigranten zusammenzutun, um gemeinsame Kämpfe zu entwickeln.

Wir haben uns heute in Kiel-Gaarden auf den Marktplatz gestellt, um Flugblätter zu verteilen, Diskussionen zu führen und Kontakte zu knüpfen. Das Publikum auf dem Marktplatz war zu gut 80% migrantisch.



Es hing wohl zum ersten Mal ein rumänisches Transparent an einer Gaardener Wand. Es wurde zum Gesprächsthema.



Einige waren am Mutmaßen und schickten jemanden, um herauszufinden wer nun richtig geraten hat. Ein paar Bulgarinnen prahlten mit den wenigen rumänischen Worten, die sie kannten. Andere ließen sich den Text übersetzten: "Arbeitsmigranten sind keine Menschen 2. Klasse. Gleiche Rechte und gleiche Löhne für alle!"



Einige wollten wissen, worum es geht. Als wir sagten, wenn es Probleme mit der Arbeit oder Behörden gibt, versuchen wir Solidarität zu organisieren. Da wollte man auch den Flyer haben.



Ein Afrikaner fragte mich, "was heißt, 'mein Arbeitgeber stiehlt mein Geld'?". Ich: "mein Chef klaut mein Geld." Er: "Haha, verstehe. Meiner auch!"



Natürlich waren auch wieder Verrückte dabei, aber es gab ne Menge guter Gespäche. Man wollte auch wissen, welche Partei hinter dem Flugblatt oder hinter uns steht. Wo man sich trifft.



Es war ein erster Schritt und soll weitergehen. Erste Gehversuche sozusagen.
Wir hoffen, andere versuchen ähnliches an anderen Orten. Wir würden gern Erlebnisberichte hier lesen.


Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #136 am: 14:42:24 Di. 25.August 2020 »




Die "21" ist die alte Postleitzahl von Bremen-Gröpelingen.

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #137 am: 12:28:29 Mi. 23.September 2020 »
Ich kriege hin und wieder etwas mit von der Stadtteilarbeit in verschiedenen Orten.
Sicherlich ist ein Grund für diese Arbeit die Wohnraumpolitik, bzw. -Spekulation. Ein soziales Pulverfaß.
Der andere Grund ist, daß die traditionelle gewerkschaftliche Arbeit, bzw. Betriebspolitik an ihre Grenzen gestoßen ist. Der Arbeitsmarkt wurde so prekarisiert und die Belegschaften so stark aufgebrochen und zerschlagen, daß es mit der Betriebsarbeit (die eh kaum noch stattfindet, man kümmert sich ja lieber um "linke" Themen) nicht mehr klappt. Man braucht zumeist mehrere Jahre, um betrieblichen Widerstand aufzubauen. Bis dahin ist die Belegschaft schon längst ausgetauscht durch Leiharbeit und befristete Verträge. Die Leute schmeißen auch oft hin bei Leiharbeitsunternehmen und fangen dann bei einem anderen wieder an. Und dann sind die Leute letztendlich in einem Karussell, landen immer wieder für eine Zeit in Unternehmen, in denen sie waren. Das einzige was bleibend ist, ist der Wohnort. Der Arbeitsplatz wechselt ständig. Deshalb sollte es ein Versuch sein, den Stadtteil als Konstante im Leben der Menschen zu nehmen, der auch der Ausgangspunkt für Widerstandsstrukturen sein kann.

Es gab einen Hype um die Stadtteilpolitik, doch der scheint vorbei zu sein. Man wartet scheinbar auf das nächste hippe Thema, dem man hinterherlaufen kann.

Es gibt aber noch eine Reihe Stadtteilläden und noch mehr Stadtteil Inis. Als problematisch empfinde ich, daß sie weitgehend Projekte linker Aktivisten sind, die sich nun unter neuem Vorzeichen treffen, doch letztendlich unterscheiden sie sich kaum von anderen Linken Initiativen. Es sitzen wieder die gleichen Leute zusammen. Sie sitzen in ihren Stadtteilläden und warten darauf, daß der Stadtteil zu ihnen kommt.

Meist können sie lange warten. Man kommt nicht auf die Idee, daß man sich selbst im Stadtteil bewegen und da hingehen muß, wo die größten Probleme und Spannungen herrschen. Man darf nicht erwarten, daß dort ein "linkes Bewußtsein" verbreitet ist. Es herrscht dort oftmals ein rauer Ton, es gibt sexistische Sprüche, es gibt auch zwischen Migrantengruppen nationalistische und rassistische Spaltungen. Das ist die Realität heutiger Klassenverhältnisse und entweder lernen wir damit umzugehen, oder wir bleiben politisch wirkungslos.

Zwischen den Menschen im Staddteilladen und den Menschen im Stadtteil gibt es eine unsichtbare Mauer. Sie liegt oft in einem unterschiedlichen Bildungsstand, in unterschiedlichen kulturellen Interessen, man geht auch nicht in die gleichen Kneipen.

Fritz Linow

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #138 am: 19:37:27 So. 24.Januar 2021 »
Zitat
Am frühen Samstagnachmittag versorgten Aktivist*innen des Nachbarschaftsnetzwerk Gaarden solidarisch gegen Corona - Das Solidaritäts- und Hilfsnetzwerk auf dem Vinetaplatz Anwohner*innen mit kostenlosen OP-Masken und Desinfektionmittel. Zudem wurde die aktuelle Ausgabe der neuen Stadtteilzeitung "Solidarisches Gaarden" verteilt, die bereits im Dezember erschienen ist. Der Bedarf insbesondere an den Masken, die ab Montag verpflichtend beim Einkaufen und im öffentlichen Nahverkehr getragen werden müssen, stellte sich als groß heraus: Bereits nach einer knappen halben Stunde waren sämtliche Hygieneartikel unter die Leute gebracht.

Gestört wurde die kleine Aktion zum Ende hin durch die Hilfspolizei "Kommunaler Ordnungsdienst" (KOD), die ihrem schlechten Ruf alle Ehre machte. Diese war sich nicht zu blöd, eine Genehmigung für das kleine Tischchen zu fordern und dem "Verdacht einer Ordnungswidrigkeit" nachzugehen. Die erhöhte Präsenz von Ordnungskräften und verstärkten Kontrollen im Stadtteil im Namen des Gesundheitsschutzes wurden auf diese Weise ad absurdum geführt und entpuppten sich als bloßes repressives Gebaren. Da die Stadtteilaktivist*innen weder an bürokratischen Diskussionen mit Hilfssherrifs, noch an Personalienfeststellungen interessiert waren, bauten sie die stationäre Präsenz kurzerhand ab und entzogen sich der schikanösen Maßnahme.

Während der "KOD" anschließend die umliegenden Straßen absuchte und den Vinetaplatz bewachte, um gelebte Alltagssolidarität in Pandemie-Zeiten zu unterbinden, konnten die übrigen Exemplare der Zeitung wenig später restlos und störungsfrei in der Elisabethstraße an die Leser*innen gebracht werden.
https://www.facebook.com/RevolutionsstadtKiel/posts/3619540438142235?__tn__=-R