Autor Thema: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche  (Gelesen 7639 mal)

Kuddel

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Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« am: 12:29:13 Mi. 27.Dezember 2017 »
Zwei Artikel über den Zusammenhang von psychischen Krankheiten und gesellschaftlichen Verhältnissen.

Zitat
Gesellschaft
„Die Welt ist von einer Angst-Epidemie befallen“

In der Beschleunigungsfalle: Zeitforscher Hartmut Rosa spricht im FR-Interview über Steigerungslogik, Demokratie und zunehmende Entfremdung.


(...)Burn-out-Erkrankungen nehmen weltweit zu. Die Welt wird zunehmend freudloser, sie ist von einer kollektiven Angst-Epidemie befallen. (...)

Wir werden weniger von der Gier, als von der Angst getrieben, die reale Ursachen hat. Wenn wir uns nicht ständig optimieren, sind wir in Gefahr aus dem Hamsterrad herauszufallen. Deshalb lässt sich dieses Problem nicht individuell lösen. (...)
http://www.fr.de/wissen/gesellschaft-die-welt-ist-von-einer-angst-epidemie-befallen-a-1413026


Zitat
Mehr über Ursachen von Depressionen

Politische Brisanz einer millionenfach vorkommenden psychischen Störung


Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2013 wurde bei 6,0% der Deutschen (knapp 5 Millionen Menschen) innerhalb der letzten zwölf Monate eine Depression diagnostiziert. Im Laufe eines Lebens bekämen 11,6% (knapp 10 Millionen Menschen) mindestens einmal die Diagnose gestellt.
(...)
die Symptome und das Leid sind real, daran besteht kein Zweifel - und doch ist Depression eine Definition, über die sich Experten am Konferenztisch verständigen ("Es gibt keine Depressionen").
(...)
Die Schlussfolgerung der Stiftung, die Bevölkerung müsse biologische Faktoren als relevanter, psychosoziale als weniger relevant ansehen, lässt sich jedenfalls nicht halten.

Dass die Medien, etwa das ZDF, der SWR, der Focus, Spiegel Online, die Welt oder Radio Berlin Brandenburg die Pressemitteilung der Deutschen Stiftung Depressionshilfe in Zusammenarbeit mit der Deutsche Bahn Stiftung kritiklos übernehmen und hier ohne wissenschaftliche Notwendigkeit eine arbeitgeberfreundliche, neoliberale Haltung einnehmen, wirft kein gutes Bild auf sie. Auch war keine der genannten Redaktionen bisher dazu bereit, ihre Berichterstattung zu überdenken.

Wahrlich: Depressionen sind ein politisch brisantes Thema.
https://www.heise.de/tp/features/Mehr-ueber-Ursachen-von-Depressionen-3918688.html?seite=all

counselor

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #1 am: 14:08:44 Mi. 27.Dezember 2017 »
In den letzten Jahren haben die krank machenden Veränderungen der Umwelt und der Gesellschaft in zahlreichen Ländern zu einer epedemieartigen Zunahme psychischer Krankheiten geführt. Vor allem Depressionen und Erschöpfungszustände, aber auch Angstzustände, Persönlichkeitsstörungen und Suchtkrankheiten belasten immer mehr Menschen. Die Krisenhaftigkeit des kapitalistischen Systems bildet die materielle Grundlage, auf der Umweltvergiftung, Dauerstress, Überausbeutung und soziale Unsicherheit Ängste auslösen. Das System der kleinbürgerlichen Denkweise verstärkt mit seinem Negativismus, Skeptizismus und modernen Antikommunismus die Perspektivlosigkeit vieler Menschen. Sie werden unfähig, sich gegen depressive Gefühle allgemeiner Ohnmacht oder Wertlosigkeit zu wehren.

Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen stark zu. Bei mehr als jedem fünften Kind oder Jugendlichen in Deutschland finden sich Hinweise auf eine psychische Auffälligkeit. Zu den komplexen Ursachen gehören Umweltgifte, Stress und Mobbing, Bewegungsarmut, elende Lebensverhältnisse und Fehlernährung, übermäßiger Medienkonsum. Die vereinfachende Summierung all dieser Probleme unter der Diagnose "Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivitäts-Syndrom" (ADHS) ist allerdings höchst fragwürdig - und noch mehr die zunehmende Behandlung mit dem Medikament Ritalin.

Eine wichtige Rolle bei der Zunahme psychischer und physischer Krankheiten spielen neurotoxische Umweltgifte, etwa Dioxine, PCB oder Schwermetalle. Sie schädigen das Nervengewebe, stören den Stoffwechsel im Gehirn, die Funktionen der Botenstoffe. Psychische Erkrankungen sind dann oft die Folge.

(zit. nach Stefan Engel, Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?, Verlag Neuer Weg, März 2014, S.223)
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Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #2 am: 11:32:36 Fr. 29.Dezember 2017 »
Zitat
...von der Angst getrieben, die reale Ursachen hat. Wenn wir uns nicht ständig optimieren, sind wir in Gefahr aus dem Hamsterrad herauszufallen. Deshalb lässt sich dieses Problem nicht individuell lösen...

Ich hatte eine längere Zeit Schlafprobleme und einen gereizten Magen.
Ich wußte genau, woher es kam: Es waren ernste Geldprobleme.

Ich war stinksauer, als ein Freund mir empfahl, es mit Autogenem Training oder Yoga zu versuchen.
Ich will meine Probleme nicht gelassen betrachten, ich will sie lösen!
Immer mehr Menschen sind von Streß- und Geldproblemen betroffen.
Da helfen keine individuellen Therapien, da muß Abhilfe bei den Ursachen geschaffen werden. Das geht nur kollektiv.

BGS

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #3 am: 12:06:29 Fr. 29.Dezember 2017 »
Korrekt. Man muss bei den Ursachen anfangen, nicht den Auswirkungen.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse gehören schleunigst auf den Kopf gestellt.
Von uns Ausgebeuteten.
MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Wernichtsweissmussallesgl

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #4 am: 21:05:58 Fr. 29.Dezember 2017 »
Ich bin auch schon wieder seit 3 Monaten Krankgeschrieben und ein weiterer Monat ist heute dazugekommen. Alles wegen der Psyche.

Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #5 am: 12:13:53 Do. 19.April 2018 »
Zitat
Wie Bayern für psychisch Erkrankte wie mich zur No-Go-Area wird

Die bayerische Regierung hat einen Gesetzesentwurf abgesegnet, der Menschen, die Hilfe brauchen, behandelt wie Straftäter.
https://www.vice.com/de/article/wj7knz/psychisch-kranken-hilfe-gesetz-wie-bayern-fur-psychisch-erkrankte-zur-no-go-area-wird

counselor

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #6 am: 16:35:20 Mi. 25.April 2018 »
Zitat
AOK-Statistik - Psychische Probleme in Nordbayern besonders stark gestiegen

Die Zahl der Arbeitnehmer in Bayern, die wegen psychischer Probleme krank geschrieben werden, hat in den vergangen Jahren stark zugenommen. Wie die AOK mitteilte, ist der Norden des Freistaats besonders betroffen.

Quelle: https://www.br.de/nachrichten/unterfranken/inhalt/aok-psychische-probleme-in-nordbayern-besonders-stark-gestiegen-100.html
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Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #7 am: 12:08:57 Sa. 28.April 2018 »
Zitat
Das „Menschenmaterial“, die Ware Arbeitskraft, wird derzeit derart so erbarmungslos „verbrannt“ wie kein anderer Rohstoff.

Dass dies auch zu massiven seelischen Problemen führt, ist offensichtlich. Jedes Jahr veröffentlichen die Krankenkassen Berichte, die zeigen, dass sowohl die Zahl der Fehltage am Arbeitsplatz wie auch Dauer und Häufigkeit der Krankenhausaufenthalte infolge seelischer Störungen massiv zunehmen. Es sind vor allem Depressionen und Burn-out-Zustände, die epidemieartig um sich greifen.
Zitat
Es gäbe also für einen sozialpolitisch engagierten Gesetzgeber übergenug Anlass, auf dem Feld der an Häufigkeit und Schwere zunehmenden seelischen Erkrankungen tätig zu werden – am besten im Sinne einer vorbeugenden Schadensvermeidung (= Prävention), das heißt bei der Verhinderung einer Überbeanspruchung unseres Zentralnervensystems und des in ihm beheimateten Ensembles von Regulationsvorgängen, die man „Seelenleben“ nennt. Das genaue Gegenteil eines solchen sozial verpflichteten, sozialmedizinischen Handelns kann man freilich im aktuellen Entwurf zum neuen bayerischen „Psychiatriegesetz“ erkennen. Hier geht es nicht darum, den Ursachen seelischen Leidens vorzubeugen
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/in-der-strafkolonie

Zitat
Krankheit als Verbrechen

Der erste Teil des Entwurfs regelt die Einrichtung eines landesweiten, rund um die Uhr erreichbaren Krisendiensts – eine Maßnahme, die auf breite Zustimmung stößt und sich an dem orientiert, was in anderen Bundesländern längst Usus ist. Doch im zweiten, ungleich umfassenderen Teil, lag der Hund begraben. Denn dort ging es um die „öffentlich-rechtliche Unterbringung“, also um die nicht allzu häufigen Fälle, in denen Menschen mit psychischen Problemen per gerichtlicher Anordnung in eine psychiatrische Klinik gebracht werden. Die Geschichte der Psychiatrie ist von menschenunwürdigen Praktiken geprägt, weshalb dies aus guten Gründen nur in Ausnahmefällen passieren soll. Es betrifft vor allem Menschen mit starken Psychosen, die nicht mehr in der Lage sind, einen Beschluss zur Behandlung selbst zu fassen und dabei für ihre Mitmenschen nicht mehr handhabbar sind oder eine Gefahr darstellen. Außerdem betrifft es immer wieder Menschen mit Depressionen, die sich das Leben nehmen wollen und deshalb von der Polizei „eingeliefert“ werden, wie der Volksmund sagt.
(...)
So sollten „Einschränkung, Untersagung, Überwachung oder das Anhalten von Schrift- und Paketverkehr, von Bild-, Ton- oder Datenträgern und von ähnlichen Formen der Nachrichtenübermittlung“ erlaubt sein, außerdem massive Einschränkungen des Besuchsrechts und „ständige Überwachung“ – auch des Telefons. Obendrein sollten für alle Formen der Kommunikation nach außen die entsprechenden Regelungen aus dem Bayerischen Sicherungsverwahrungsvollzugsgesetzes (BaySvVollzG) gelten. Das heißt, Menschen, die Hilfe brauchen, sollten behandelt werden wie verurteilte Schwerverbrecher. Die dagegen Sturm laufenden Psychiater wurden nicht müde zu betonen, dass es einen himmelweiten Unterschied zwischen der Regelung der forensischen Psychiatrie und der allgemeinen gebe. Denn Erstere betrifft Straftäter, die gerichtlich aufgrund einer psychischen Störung für schuldunfähig befunden werden und, quasi als Strafersatz, in die Psychiatrie kommen. Letztere die Heilung kranker, aber unbescholtener Menschen.
(...)
Denn Bayern – so prangt es auf der Homepage der regierenden CSU – ist „Sicherheitsland Nr. 1“ und soll das bleiben. Wer abweicht und in irgendeiner Weise eine Gefahr darstellt, wird zum Ziel engmaschiger Überwachung.
(...)
Insofern kann das BayPsychKHG nicht losgelöst vom neuen Polizeiaufgabengesetz verstanden werden, dass das Kabinett in München wenige Zeit vorher auf den Weg gebracht hatte. Die CSU hat in ihrem Wahn der inneren Sicherheit den Rechtsstaat, die Bürgerrechte und wohl auch die grundlegenden Menschenrechte längst aus den Augen verloren.
https://www.freitag.de/autoren/lfb/psychiater-auf-den-barrikaden

Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #8 am: 07:55:15 So. 29.April 2018 »
Zitat
Der gefährliche Irre in unseren Köpfen

Sie wurden misshandelt, entrechtet, ermordet: Die Stigmatisierung und Verfolgung psychisch Kranker hat eine lange Geschichte. Hinter Bayerns Plänen steckt derselbe Geist.
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2018-04/psychiatrie-gesetz-bayern-psychkhg-stigmatisierung-psychisch-kranke-nationalsozialismus/komplettansicht

Lesenswert!

Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #9 am: 12:00:46 Fr. 15.Juni 2018 »
Psychische "Gesundheit" bleibt ein zentrales Thema. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind durch und durch krank. Die herrschende Moral ist verlogen. Jegliches Tun und jegliche menschliche Regung soll irgendwie verwertbar sein oder gilt als abnorm und krank.

Zitat
Sozial abweichendes Verhalten an sich gilt ebenfalls nicht als psychische Störung. Bei solchen Abgrenzungsversuchen schwingen natürlich überall gesellschaftliche Normen und Werturteile mit.

An dieser Stelle ist auch der Hinweis angebracht, dass die Experten selbst - also vor allem Psychiater und klinische Psychologen - wegen der sozialen Selektion des Bildungssystems überwiegend aus einer wohlhabenden, gut ausgebildeten Bevölkerungsschicht stammen. In Deutschland ist unterhalb eines 1,0er-Abiturs (Medizin) oder 1,3er-Schnitts (Psychologie) ein entsprechendes Studium an den meisten Unis allenfalls nach langer Wartezeit möglich. Dies prägt tendenziell auch die Möglichkeit der Fachleute, sich in die Situation von Menschen aus anderen Schichten hineinzuversetzen.
https://www.heise.de/tp/features/Aus-Sicht-der-Wissenschaftstheorie-3936040.html

Die Freiräume sind verschwunden. Sie fand man in kollektivem Widerstand oder in Gegen- und Subkulturen. Die sind längst intergriert, gekauft und Teil des Systems. Mir erscheint die "Krankheit" manchmal als letzter Freund des Menschen und als einziger Notausgang aus dem herrschenden Wahnsinn.

Doch selbst die Krankheit soll sich der Verwertungslogik unterordnen:
Zitat
Bei der psychischen Gesundheit geht es um einen Milliardenmarkt. Dabei hat die Mehrheit der Fachleute, die über die amtliche Fassung entscheiden, nachweislich Verbindungen zur Pharmaindustrie. Aber auch unabhängig davon passen sich viele an die Marktlogik an. Diese wird schlicht von der vorherrschenden Wissenschafts- und Gesundheitspolitik diktiert. Nutzen- und Effizienzmaximierung, Kostenreduzierung und Wettbewerb stehen dabei im Vordergrund.
(Quelle: s.o.)

Weitere Gedanken zum Thema unter der Überschrift: "Wenn es ums Geld geht"
https://www.heise.de/tp/features/Wenn-es-ums-Geld-geht-3936036.html?seite=all

counselor

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #10 am: 15:21:04 Fr. 15.Juni 2018 »
Mir erscheint die "Krankheit" manchmal als letzter Freund des Menschen und als einziger Notausgang aus dem herrschenden Wahnsinn.
Psychische Krankheiten sind genauso wenig erstrebenswert wie körperliche Krankheiten. Ich halte nichts davon, psychische Krankheiten antikapitalistisch zu mystifizieren.
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Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #11 am: 09:10:06 Sa. 16.Juni 2018 »
Psychische Krankheiten sind genauso wenig erstrebenswert wie körperliche Krankheiten. Ich halte nichts davon, psychische Krankheiten antikapitalistisch zu mystifizieren.

Dein Argument trifft schon zu einem Teil, doch wollte ich nicht mystifizieren, sondern den Begriff der Psychischen Krankheit hinterfragen.

Zum Einen bin ich der Meinung, daß viele, die als erfolgreich gelten, kraftstrotzend und glücklich durchs Leben schreiten, keinesfalls gesund sind, sondern völlig durchgeballert und gemeingefährlich.

Zum anderen bin ich damit groß geworden, daß psychische Probleme tabuisiert wurden. Wenn jemand in der Verwandschaft mit Alkohol, Medikamentenabhängigkeit oder psychischen Krankeiten Probleme hatte, dann hieß es immer, "guck nicht hin!" oder "da spricht man nicht drüber!". Mich hat diese Haltung schon als Kind angekotzt. Dieses Nichtfunktionieren war mir oftmals sympathischer, als die lauten zotenreißenden Onkels, die den Ton jeder Familienfeier bestimmten.

In dem Telepolisartikel weist man darauf hin, daß man Krankheit als Teil des Lebens akzeptieren sollte.

Zitat
Es geht also schlicht um eine Sichtweise auf den Menschen, um ein Menschenbild. Die hier berechneten indirekten Kosten gibt es nur dann, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch auch wirklich 100% seiner vertraglich vereinbarten Arbeitszeit arbeitet. Diese Annahme ist aber unrealistisch, ja naiv.

Ein Recht auf Krankheit


Genauso wie man einkalkuliert, dass Menschen Schlaf, Urlaub und andere Freizeit brauchen, muss man auch einkalkulieren, dass Menschen manchmal krank sind: der eine mehr, die andere weniger. Man erwirtschaftet mit seiner Arbeit also auch ein historisch errungenes Recht, krank zu sein, schlicht weil das natürlich und menschenwürdig ist.
https://www.heise.de/tp/features/Wenn-es-ums-Geld-geht-3936036.html?seite=all

Der Druck, der heute im Alltag auf jedem Einzelnen liegt, ist nicht für jedermann auszuhalten. Es ist nicht nur der Arbeitsdruck, es ist ja auch das sozialle Mobbing gegen Kinder, die keine Markenklamotten tragen, Menschen die "es nicht geschafft" haben und diejenigen, die "der Allgemeinheit auf der Tasche liegen". Für die ist "Krankheit" der einzig mögliche und gesellschaftlich akzeptierte Notausgang.

Gleichzeitig gehen mir diejenigen auf den Sack, die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...

rebelflori

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #12 am: 09:55:54 Sa. 16.Juni 2018 »
Gleichzeitig gehen mir diejenigen auf den Sack, die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Blaaablaaaaa
Woher willst du denn wissen, wie viel Kraft die haben zum Kämpfen??

counselor

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #13 am: 10:07:55 Sa. 16.Juni 2018 »
Dein Argument trifft schon zu einem Teil, doch wollte ich nicht mystifizieren, sondern den Begriff der Psychischen Krankheit hinterfragen.
Problem hierbei ist, dass psychische Krankheiten einen Leidensdruck erzeugen. Daher halte ich den Krankheitsbegriff für gerechtfertigt.
Zum Einen bin ich der Meinung, daß viele, die als erfolgreich gelten, kraftstrotzend und glücklich durchs Leben schreiten, keinesfalls gesund sind, sondern völlig durchgeballert und gemeingefährlich.
Da gibt es sicher viele mit narzistischen Persönlichkeitszügen
In dem Telepolisartikel weist man darauf hin, daß man Krankheit als Teil des Lebens akzeptieren sollte.
Volle Zustimmung. Man wird krank, weil man lebt. Im Kapitalismus darf man aber nicht länger krank sein, wie der Kapitalist es kalkuliert hat. Hat er 16 Kranktage kalkuliert und Du bist mehr als 16 Tage krank, dann bist Du für den Kapitalist ein Problem auf zwei Beinen. Genauso, wenn Du aufgrund von Krankheit zu langsam arbeitest.

Der Druck, der heute im Alltag auf jedem Einzelnen liegt, ist nicht für jedermann auszuhalten. Es ist nicht nur der Arbeitsdruck, es ist ja auch das sozialle Mobbing gegen Kinder, die keine Markenklamotten tragen, Menschen die "es nicht geschafft" haben und diejenigen, die "der Allgemeinheit auf der Tasche liegen". Für die ist "Krankheit" der einzig mögliche und gesellschaftlich akzeptierte Notausgang.
Das sind alles soziale Mißstände im Kapitalismus, die krank machen können. Ob Du davon krank wirst, hängt ganz von Deinen inneren Gegebenheiten. Krankheit ist aber ein objektiver Tatbestand, den man sich nicht so ohne weiteres erschleichen kann und soll.
Gleichzeitig gehen mir diejenigen auf den Sack, die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Naja, das ist auch nur eine Minderheit. Die meisten wollen normal und mit Respekt behandelt werden.

Was mir in der Diskussion fehlt, sind die Bedingungen, in denen psychisch Kranke leben. Viele sind arbeitslos oder haben Minirenten und werden in Werkstätten zu stagnierenden Minilöhnen ausgebeutet. Hier ist genug zu tun für Linke, eine Verbesserung der Lebenslage einzufordern. Aber niemand interessiert sich dafür wirklich ...
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Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #14 am: 10:09:09 Sa. 16.Juni 2018 »
Zitat
... die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Fühlt sich da etwa wer angesprochen?