Autor Thema: Repression in China  (Gelesen 6827 mal)

Nao

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Repression in China
« am: 20:09:27 Di. 23.Januar 2018 »
Auch in China wird das kapitalistische System immer menschenverachtender und brutaler.
Zensur, Zwangsräumungen, Inhaftierung von Umweltschützern, Feministinnen und Arbeiteraktivisten.

Dieser Thread ist notwendig geworden, da es gerade in letzter Zeit aus dem Umfeld der Linkspartei Lobhudeleien auf den Chinesischen Weg gibt.

Man verachtet den bösen amerikanischen Raubtierkapitalismus und glaubt allen Ernstes an einen guten Kapitalismus. Den meint man in der aktuellen Politik Chinas zu erkennen. Es ist also immernoch notwendig zu belegen, daß das kapitalistische System Entwicklungen hervorbringt, auf die die jeweiligen nationalen Regierungen kaum Einfluß haben. Die Menschenfreundlichkeit der Chinesischen Kommunisitschen Partei ist ein Ammenmärchen.

Aktuell sieht sich die Chinesische Regierung bedroht von linken Studententaktivisten und verhaftete Teilnehmer eines Lesekreises.

Ein Übersetzung von Briefen Betroffener. (Ich bitte die hastige Übersetzung und evtl. Fehler zu entschuldigen. Mir lag es an der schnellen Verbreitung der Inhalte.) Erst einmal das Vorwort:

Für das Lesen von Büchern weggesperrt: Stimmen vom Vorfall vom 15. November


Zitat
von Chuang | 18. Januar 2018


Übersetzungen von Briefen von zweien der vier jungen Aktivisten, die vor zwei Monaten an der Guangdong University of Technology verhaftet wurden und unser kurzer Kommentar. Die Übersetzung des Briefes eines dritten Häftlings steht bevor.

Am 15. November 2017 stürmte die Polizei in eine Studentenlesegruppe an der Guangdong University of Technology (GDUT) und verhaftet sechs Teilnehmer, darunter vier derzeitige Studenten an der Universität und zwei jüngere Absolventen anderer Schulen. Erstere wurden am nächsten Tag freigelassen, aber die Letzten wurden als Verdächtige für das Vergehen der "Versammlung, die die soziale Ordnung bedroht" inhaftiert - eine Anklage, die wir zunehmend gegen mehrere Feministinnen, Arbeiteraktivisten, streikende ArbeiterInnen und BloggerInnen über die in den letzten fünf Jahren beobachten. Die Behörden behaupteten, die Lesegruppe sei eine "parteifeindliche, anti-gesellschaftliche Organisation", die "sensible Themen" diskutiere.

Trotz Pekings massiver behördlicher Überwachung des Internets und der Mobilfunknetze, konnte eine Petition in Umlauf gebracht werden, in der die Freilassung des 24-jährigen Zhang Yunfan gefordert wurde - einer der ersten beiden, die mindestens vier Wochen lang inhaftiert waren als Verdächtige in diesem Fall. Anscheinend erwähnte die Petition nur Zhang, einen "Linken Maoisten" [ 0 ], weil die Autoren sich der anderen Fälle nicht bewusst waren, als es geschrieben wurde. Obwohl sie nur wenige Augenblicke nach der Neuveröffentlichung wiederholt blockiert wurde, unterschrieben bald über 400 Menschen die Petition, darunter viele prominente Intellektuelle, die wegen ihres Sitzes in China ein Risiko eingehen.

Am 15. Januar, nach 30 Tagen im Panyu Internierungslager, zwei Wochen Hausarrest und zwei Wochen Genesung, veröffentlichte Zhang den offenen Brief, den wir unten übersetzt haben. In dem Brief wurden drei Mitstreiter erwähnt, die ebenfalls in Haft genommen und auf Kaution freigelassen worden waren. Vier weitere Personen, die sich noch verstecken, nachdem sie in die Fahndungsliste der Polizei aufgenommen worden waren.

Am nächsten Tag veröffentlichte Sun Tingting, einer der anderen drei Gefangenen, ihren eigenen offenen Brief, der ebenfalls unten übersetzt wurde. Er bietet einen detaillierteren Bericht über die Verhaftungen, ihren Kontext und ihre alptraumhaften Erfahrungen in der Haft vom 8. Dezember bis 14. Januar.

Wie die Petition, wurden diese beiden Briefe natürlich schnell zensiert, aber neue WeChat-Feeds [chin. Soziales Medium] tauchen immer wieder auf und werden neu gepostet, bis "Sun Tingting" sogar kurz Sina Weibo verlinkte, bis die Meldung blockiert war.

Am dritten Tag erschien ein dritter Brief von einem anderen Gefangenen: Zheng Yongming. Im Interesse, diese Übersetzungen so schnell wie möglich verfügbar zu machen, veröffentlichen wir die ersten beiden jetzt und fügen die dritte hinzu, wenn sie in ein oder zwei Tagen fertig ist. Stay tuned!


Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #1 am: 20:15:59 Di. 23.Januar 2018 »
Zitat
"Mein Bekenntnis zu den Menschen"

Von Zhang Yunfan

Besonderer Dank geht an Qian Liqun, Zhang Qianfan, Li Ling, Chen Bo, Cai Xiaoming, Song Lei und anderen Mentoren aus der Peking-Universität, und Huang Jisu, Kuang Xin'nian, Zhu Dongli, Qin Hui, Yu Jianlin, Xu Youyu, Song Yangbiao, Chen Hongtao, Fan Jinggang und mehr als 400 anderen Mentoren und Freunde aus allen Lebensbereichen, die die Petition für meine Freilassung unterzeichnet haben. Vielen Dank dafür mutig für Gerechtigkeit einzutreten, so dass ich wieder das Licht des Tages sehen kann! Ich wünschte, ich könnte jedem von euch persönlich meine Dankbarkeit ausdrücken.

Ich wurde am 29. Dezember 2017 auf Kaution freigelassen. Nach 30 Tagen Haft und 14 weiteren  unter Hausarrest stelle ich fest, dass die Herausforderung gerade erst begonnen hat.

Ich kann diese Seite meines Lebens nicht herausreißen, sondern nur die Herausforderung annehmen.

Manche Leute sagen, ich sei ein Peking University Absolvent, ein Gelehrter, einer aus einer Elite, der weniger egoistisch ist als die meisten.

Aber die Identität, die mir am liebsten ist, ist die eines Marxisten und eines "Linken Maoisten", ein „Label“ das für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen hat.

Ich kann sehen, dass Ausbeutung und Unterdrückung in dieser Welt nie verschwunden sind.

Viele meiner Familienmitglieder waren Arbeiter in staatlichen Unternehmen. Bereits als ich ein Kind war, war mir bewusst, wie die lebenslange harte Arbeit und der Einsatz der alten Arbeiter enteignet wurde, als die staatlichen Unternehmen der Reform und Privatisierung unterworfen wurden. Sie wurden weggeworfen und prekär gemacht, den gesellschaftlichen Interessen entzogen. Noch größer an der Zahl,sind die wehrlosen Gruppen,  die in Kohleminen im Besitz von üblen Bossen, auf Baugerüsten und in Ausbeuterklitschen, ihre Jugend und schließlich ihr ganzes Leben in der Flugbahn aussagen lassen und schließlich das Leben ihrer Söhne und Töchter zu opfern.


Ich habe dieses Industrieabwasser geschluckt, diese Arbeitslosenunterlagen

Jugendliche, die an Maschinen gebeugt sind, sterben vor ihrer Zeit

Ich schluckte die Hektik und das Elend

Verschluckte Fußgängerbrücken, das Leben mit Rost bedeckt

Ich kann nicht mehr schlucken

Alles, was ich geschluckt habe, sprudelt jetzt aus meiner Kehle

Entwirrt sich auf dem Land meiner Vorfahren

In ein schändliches Gedicht. [1]
Hinter dem Glanz des Wohlstands, ein langer Schatten, ein Zoll Heilengenschein, ein Zoll blutrot. Der Dichter ist in seinen Tod gesprungen, aber sein Glaube erhebt sich langsam am Horizont.

Deshalb bin ich entschlossen, der Arbeiterklasse treu zu sein und darum vertraue ich dem Marxismus.

Einige der Online-Gerüchte sind wahr. Es stimmt, dass ich während meines Studiums an der Universität Peking Mitglied der Marxistischen Studentengruppe der PKU war. Meine Genossen an der Universität und ich haben in unserer Lesegruppe nicht nur Theorie studiert, sondern uns auch unter die unterdrückten Massen gemischt. Ich fand nach und nach heraus, dass ich - nachdem ich unzählige Stunden damit verbracht hatte zu singen, zu tanzen, Neuigkeiten zu diskutieren, Filme zu zeigen und Englischunterricht zu geben - überall auf der Uni von Arbeitern auf dem Campus begrüßt wurde. In der Cafeteria gaben sie mir immer etwas zu essen.

Nach dem Abschluss kam ich nach Guangzhou. Mein Leben änderte sich nicht, außer dass ich jetzt meinen Lebensunterhalt verdienen musste. Um es ein bisschen selbstgerecht zu sagen, fuhr ich fort, bei GDUT Schritt für Schritt meinen Idealismus zu üben. Eigentlich habe ich nur Lesegruppen besucht und arbeite ehrenamtlich.

Während des Treffens unseres Lesekreises, als wir verhaftet wurden, diskutierten wir über historische Veränderungen und soziale Probleme der letzten Jahrzehnte, einschließlich wichtiger historischer Ereignisse, Arbeiterrechte und so weiter. Wir haben darüber diskutiert, wie junge Menschen diese Probleme lösen sollen. Ich gebe zu, dass wir vor 29 Jahren auch über die Bewegung gesprochen haben, an der Universitätsstudenten beteiligt waren. [2]

Einige Leser werden neugierig sein, ob meine Ansichten tatsächlich "extrem" sind. Natürlich sind sie nicht das, worüber Sie in den Zeitungen oder Lehrbüchern lesen oder im Fernsehen sehen. Nach ihren Standards ist es bereits "extremistisch", die Existenz verschiedener Probleme in der Gesellschaft anzuerkennen, und es ist zweifellos noch mehr, darüber "wie man die Probleme löst" zu diskutieren. Aber jedes Land in der Welt hat seine eigenen sozialen Probleme. Ist es wirklich ein Verbrechen, seine Meinung darüber zu äußern, wie man sie lösen kann? Das ist unser Recht! In der Verfassung heißt es ambitioniert: "Bürger der Volksrepublik China haben Redefreiheit, Freiheit der Veröffentlichung, Versammlung, Vereinigung, Kundgebung und Demonstration." Wenn ein Äußerung als "extremistisch" beurteilt werden kann, dann bedeutet "Freiheit" nichts!

Ich würde jedoch meinen, dass ich zumindest mit dem nötigen Respekt und Ernst behandelt würde, wenn die Entschuldigung für meine Festnahme tatsächlich "soziale Themen diskutieren" betreffen würde. Als ich am 15. November eingesperrt wurde, stellte die Polizei fest, dass ich in der Schule arbeitete und beschuldigt wurde wegen "offenkundiger Dummheit". Als ich offiziell festgenommen wurde, änderte sich meine angebliche Übertretung vielleicht zu dem Vergehen, "Menschenmengen zu versammeln, um die soziale Ordnung zu stören". War ich, ein 24-jährige  junge Person, die stark genug ist, um die "Arbeit, Produktion, Wirtschaft, Lehre, Forschung und medizinische Dienstleistungen" eines Universitätscampus zu stören, der hunderte Hektar umfasst? Ist es nicht offensichtlich, dass dies nur ein erfundener Vorwurf ist, der mich zum Schweigen bringen soll?

Ich wurde gebeten, zu gestehen, dass es eine Verschwörung gab. Gab es wirklich eine Verschwörung? Welche Art von Verschwörung braucht eine Lesegruppe? Sind Menschen Verschwörer, wenn sie auf Plätzen tanzen? Gilt die für eine Lesegruppe notwendige einfache Arbeitsteilung als "Verschwörung"?

Ich wurde auch gebeten zuzugeben, dass ich "extremistische Ideen" habe, um zu versprechen, in Zukunft keine Lesegruppen mehr zu besuchen und ihnen mehr Namen von Menschen mit solchen  Ideen zu geben. Der kalte Fußboden der Haftanstalt, acht Stunden Verhör, die absolute Einsamkeit unter Hausarrest, die überwältigende geistige Folter - all das ist schwer in Worte zu fassen. Als mir gesagt wurde, dass mehr Menschen verhaftet würden und meine Eltern wegen meiner Entscheidungen da mit hineingezogen würden, muss ich zugeben, dass ich die enorme mentale Belastung nicht ertragen konnte. Alles, was ich tun wollte, war, es so schnell wie möglich zu beenden und meine Familie und Freunde in ihr normales Leben zurückkehren zu lassen, selbst wenn das bedeutete, dass ich ins Gefängnis gehen würde. Also habe ich Kompromisse gemacht. Zu meiner Überraschung wurde ich schließlich gegen Kaution freigelassen. Die Tage unter Hausarrest - die Tage der absoluten Einsamkeit - machten mich sprach- und kraftlos. Nach einem Dutzend Tagen der Genesung kehrte ich endlich zu meinem früheren Selbst zurück. Was ich nicht erwartet hatte, war, dass meine Kompromisse völlig nutzlos sein würden!

Mehrere junge Leute, die an der Lesegruppe beteiligt waren - Sun Tingting, Zheng Yongming, Ye Jianke - wurden zusammen mit mir auf Kaution freigelassen. Aber die jungen Linken Xu Zhongliang, Huang Ping, Han Peng und meine Freundin Gu Jiayue werden immer noch als kriminelle Verdächtige gesucht. Unsere Anklage wurde nicht fallen gelassen und sie wurden gezwungen, Flüchtlinge zu werden!

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es den Vieren  jetzt geht. Wenn ich meine Augen schließe, ist es, als wären wir zurück in den guotongqu [die Teile Chinas, die während des Bürgerkrieges von der Kuomintang regiert wurden]: die jaulenden Polizeiautos, das schrille Heulen von Sirenen, die Agenten mit Haftbefehlen, die progressive junge Männer jagen, Männer und Frauen, die sich nirgends verstecken konnten.

Und ich soll schweigen. Der Polizei zufolge sollte ich "vorsichtig" sein, zu einem "normalen" Leben zurückkehren, friedlich am Schreibtisch sitzen und fortan als "verfeinerter Egoist" leben. Aber sie wollen auch, dass ich die Last eines imaginären Verbrechensein Leben lang ertrage und von den Lesegruppen und den arbeitenden Massen, die ich so sehr liebe, fernbleibe.

Außerdem soll ich beobachten, wie andere junge Linke gejagt und verhaftet werden!

Sie sind nicht von renommierten Schulen. Sie werden nicht so viel Glück haben wie ich, wegen der öffentlichen Drucks entlassen zu werden. Sie können nicht einmal aus Guangzhou herauskommen. Und sie haben keinen Yan'an, an den sie sich wenden können. [3] Das einzige, was auf sie wartet, ist eine unbestimmte Zeit im Gefängnis!

Ich bin aus dem Gefängnis heraus, aber mein Gewissen ist in Handschellen. Ich wurde nicht vor Gericht gestellt, aber ich werde immer einem moralischen Urteil gegenüberstehen.

Vielleicht waren wir schon immer unbedeutend. Aber von nun an kann jeder junge Idealist verhaftet werden, jede Lesergruppe kann verurteilt werden, jede gemeinnützige Tätigkeit kann kontrolliert werden, Ideen und Idealismus sind Tabu, Redefreiheit ist keinen Pfifferling wert, und Marx und Mao sind nur Witze!

Wie herzlos muss man sein, um sich in diesem Moment einfach zu beugen?

Ich habe viele von "dem goldenen Mittelweg" sprechen hören und gesagt "mach einen Schritt zurück, um eine breitere Perspektive zu bekommen".

Natürlich kann ich verstehen, dass sie sich um mich kümmern und in gutem Glauben beraten. Aber wie kann ich meine Kameraden verlassen und ein "verfeinerter Egoist" werden? Darüber hinaus ist "Meinungsfreiheit" durch die Verfassung geschützt, so dass keine Mäßigung erforderlich ist. Mao Zedong Thought nimmt eine klare Position ein, nicht "das goldene Mittel". Wenn ich "einen Schritt zurück mache", würde sich vielleicht meine eigene Situation verbessern, aber meine Kameraden würden in einen Abgrund fallen! Und wenn sie fallen, würde die Würde aller jungen Idealisten mit ihnen fallen. Es ist besser zu revoltieren, als in Schande zu leben! Ich kann nur die Wahrheit sagen - ich werde keinen Kompromiss mehr eingehen. Ich wäre lieber im Gefängnis, als mich mit diesem erbärmlichen Zustand abzufinden.

Gute Leute, ich fordere euch auf zu sehen: Die Person, die ihr verteidigt habt, ist hier. Er wird euch nicht enttäuschen. Er wird seinen Kopf hoch halten und dem kommenden Sturm entgegentreten. Er ist vorbereitet!

Zhang Yunfan

15. Januar 2018




Erläuterungen

  • [ 0 ] "Linker Maoist" (毛 左) ist eine politische Kategorie, die seit etwa 2012 in den Vordergrund rückt, um sich von jenen Maoisten zu unterscheiden (bekannt als "Rechter Maoist" von einigen ihrer linken Kritiker, aber einfach als "Maoisten"). 毛派] selbst) mit mehr nationalistischen und / oder reformistischen Orientierungen. (Diese Kategorien werden in der zweiten Ausgabe unserer Zeitschrift besprochen, die später im Jahr 2018 erscheint.)
  • [1] Aus dem Gedicht "Ich schluckte einen Mond aus Eisen" von Xu Lizhi.

    [2] die Massenbewegung von 1989, die mit dem Vorfall vom 4. Juni auf dem Tian'anmen-Platz endete.

    [3] Nachdem Zhang die Flüchtigen gegenüber Mitgliedern der Kommunistischen Partei, die sich während des Bürgerkriegs versteckt hatten, verglich, bemerkt Zhang nun den Unterschied, dass zumindest diese eine Basis in Yan'an hatten, in die sie fliehen konnten, während die heutigen Kommunisten keinen solchen Zufluchtsort haben China oder anderswo.[/size]

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #2 am: 19:46:36 Mi. 24.Januar 2018 »
Zitat
"Ich bin Sun Tingting, ich möchte sprechen"

Von Sun Tingting



Ich bin die Sun Tingting, die von Zhang Yunfan erwähnt wurde in „Mein Bekenntnis zu den Menschen" und eine der Gefangenen im Zusammenhang mit Zhang und dem  GDUT Lesegruppen-Vorfall. Ich wurde am 8. Dezember 2017 von der Polizei festgenommen und am 4. Januar 2018 gegen Kaution freigelassen. Ursprünglich hatte ich nicht den Mut, etwas zu sagen, aber ich sah Lu Qianqian und andere über sexuelle Belästigung berichten und sah den mutigen Zhang Yunfan für die Freiheit kämpfen Ausdruck. Als jemand, dessen Rechte und Würde ebenfalls verletzt wurden, kann ich nicht tatenlos zusehen, und ich werde nicht schweigen.

Ich bin Sun Tingting und ich möchte sprechen!

In den ersten 11 Monaten des Jahres 2017 war mein Leben und meine Arbeit wie gewohnt, wir organisierten tagsüber Wohltätigkeitsveranstaltungen für Wanderarbeiter und schlossen uns  Campus-Arbeitern an, um nachts auf öffentlichen Plätzen zu tanzen. Ich hätte nie gedacht, dass in der Nacht des 8. Dezember eine Gruppe von Polizisten meine Wohnung überfallen würde und den letzten Monat des Jahres 2017 in einen Albtraum verwandeln würde.

Ich habe 2016 an der Nanjing University of Chinese Medicine meinen Abschluss gemacht. An der Universität stieß ich auf progressive junge Leute und nahm an Aktivitäten im Zusammenhang mit Sozialdiensten und einem öffentlichen Interesse teil. Ihre Leidenschaft, ihr Geist, ihre Aufrichtigkeit und Lebensnähe haben mich tief berührt. Indem ich den Unterprivilegierten diente, wurde mir klar, dass Arbeit im öffentlichen Interesse der beste Weg ist, benachteiligten Arbeitern und Bauern am unteren Ende der Gesellschaft zu helfen, in Würde zu leben. Seitdem habe ich eine starkes Interesse  an einer Karriere im öffentlichen Interesse entwickelt. Ich arbeitete zuerst in einer sozialen Arbeitsorganisation in Guangzhou im Tianhe Distrikt und später in einer anderen sozialen Arbeitsorganisation in Guangzhous Universitätsviertel in Panyu. Bevor ich anfing dort zu arbeiten, arbeitete die Organisation bereits mit einer Lesegruppe bei GDUT zusammen. Eine meiner Aufgaben war es, Freiwillige für Veranstaltungen von öffentlichem Interesse zu rekrutieren, also blieb ich natürlich in Kontakt und arbeitete mit freiwilligen Studenten dieser Lesegruppe, und ich half Campus-Mitarbeitern bei der Organisation von kulturellen Veranstaltungen wie Tänzen auf öffentlichen Plätzen.

Niemals in einer Million Jahren hätte ich damit gerechnet, verhaftet zu werden.

In der Nacht zum 15. November 2017 hatten sich die Schüler wie gewöhnlich in einem Klassenraum für die Lesegruppe zusammengefunden. Plötzlich stürmte Sicherheitspersonal in den Klassenraum, angeblich weil jemand der Sicherheitsabteilung der Universität gemeldet hatte, dass die Gruppe sensible Themen diskutiere. Daraufhin verhaftete  die Polizei vier Studenten [an der Universität] und zwei jüngere Absolventen [von PKU], die an der Lesegruppe beteiligt waren und brachte alle zur Polizeiwache. Am nächsten Tag wurden die vier Studenten freigelassen, aber die beiden anderen Personen (Zhang Yunfan und Ye Jianke) wurden im Panyu Haftzentrum inhaftiert. Ich erfuhr bald vom Direktor meiner Sozialarbeiterorganisation, dass die Gruppe als "parteifeindliche und anti-gesellschaftliche" Organisation bezeichnet wurde. Einige Zeit später wurden die Schüler der Lesegruppe von den Behörden und der Polizei regelmäßig besucht und gewarnt, und einer der Studenten verlor sein Stipendium. Die Lesergruppe löste sich bald auf. Ich fand das sehr bedauerlich, denn sie waren einige der mitfühlendsten und fähigsten Freiwilligen, die ich kennen gelernt hatte, im Gegensatz zu vielen anderen Collegestudenten, die eher ehrenamtliche Aktivitäten sammeln, als versuchen, eine Basis-Perspektive zu entwickeln.

Ich hätte nie gedacht, dass es mich beeinflussen würde, weil ich nur mit ihnen zusammenarbeitet habe, um Veranstaltungen für Arbeiter zu organisieren. Ich arbeitete wie gewohnt weiter, aber ohne die Hilfe von Freiwilligen war es schwierig, die Tanz Aktivitäten öffentlichen Plätzen aufrecht zu erhalten.

In diesem Moment ereilte mich die schreckliche Katastrophe.

Am 8. Dezember gegen 22 Uhr klopfte mein Vermieter an meine Tür, und als ich ihn öffnete, drängten sich ein Zivilpolizist und vier Polizisten in Uniform in meine Wohnung und baten mich um meinen Ausweis und um mit mir zusammenzuarbeiten. Als junge Frau, die allein lebt, war ich sprachlos und wusste nicht, was ich machen sollte. Ein kurzer Moment der Panik wurde von überwältigender Wut gefolgt. Ich bat sie wiederholt, mir ihren Polizeiausweis und Durchsuchungsbefehl zu zeigen, aber sie weigerten sich. Sie begannen, mein Zimmer zu durchsuchen, durch all meine Sachen zu blättern, Bücher, Notizbücher und Tagebücher durchzublättern, sie zu einem Haufen zu stapeln und mich zur Seite zu schieben, während sie Fotos machten.

Dann wurde ich mit meinem Handy und Computer zur Xiaoguowei Polizeistation gebracht. Sie begannen mich nach Mitgliedern der Lesegruppe zu befragen, und ich sagte, ich wüsste es nicht. Der Chef der Polizeistation drohte mir: "Sie wollen nicht reden? Du kannst sterben (und dies wiederholt gesagt)! Dann kriegt sie eine wahllose Ladung, sperren sie zuerst ein und kümmern uns später darum! "

Als sie das sagten, dachte ich, ich würde Dinge hören. Was ist "eine wahllose Anschuldigung  zuweisen"? Also kann die Polizei einem unschuldigen Bürger ohne Beweise einfach eine " wahllose Anschuldigung " zuweisen? Kann das Gesetz so beiläufig von ihnen verwendet werden? Kann die persönliche Freiheit des Einzelnen in ihren Augen so berührt werden? Ich kannte nicht nur die Situation der Mitglieder der Lesegruppe, ich hatte zumindest das Recht, bei der Befragung zu schweigen. Kann mir eine wahllose Anschuldigung  zugewiesen werden, um mich unter Druck zu setzen, weil ich nichts weiß oder still bin?

Um 17 Uhr am nächsten Tag brachte mich die Polizei zurück in meine Wohnung und bat mich, einen Durchsuchungsbefehl zu unterschreiben und sie fingen an, die Bücher und Notizbücher zu nehmen, einschließlich meiner privaten Tagebücher und dem Kindle Reader. Ich war sehr wütend und ich habe es nicht verstanden. Ist ein Durchsuchungsbefehl ein Haftbefehl, um meine Wohnung zu plündern? Können sie persönliche Gegenstände mitnehmen, darunter das privateste persönliche Tagebuch, das von der Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl untersucht werden soll? Berücksichtigt die Polizei nicht die Privatsphäre der Bürger und die Unannehmlichkeiten für die Menschen, wenn ihnen ihre persönlichen Sachen weggenommen werden? Um es klarzustellen: Zu dieser Zeit war ich nicht einmal einer Straftat verdächtig, geschweige denn eines Verbrechens, sondern war lediglich zur Befragung vorgeladen.

Zurück auf der Polizeiwache zog die Polizei einen weiteren Durchsuchungsbefehl heraus, der am 9. Dezember 2017 um 12:00 Uhr ausgestellt wurde, und ließ mich unterschreiben. Das war eindeutig ein Trick! Wenn die Suche um 17 Uhr war, wie wird es dann um 12 Uhr? Und warum gab es einen zweiten Durchsuchungsbefehl? Sind sie um 12 Uhr wieder auf Suche gewesen? Als ich die Polizei gefragt habe, haben sie nicht geantwortet und ich habe mich geweigert zu unterschreiben. Dann erstellten sie eine Vorladung, die für den Vortag, den 8. Dezember, datiert war, und baten mich, zu unterschreiben. Ich fragte sie, warum sie es mir letzte Nacht nicht gezeigt hatten, und sie sagten, unter besonderen Umständen könnten die Leute zuerst weggebracht werden und später die Vorladung zeigen. Ich war absolut sprachlos! Welchen besonderen Umstand gab es? Ich, eine schmale,  1,6 Meter kleine College-Absolventin - dachten sie, ich würde flüchten oder etwas machen? Ich habe mich auch geweigert, dieses Dokument zu unterzeichnen.

Noch mehr Absurdität folgte.

Am Abend teilte mir die Polizei mit, dass sie sowohl meine Verwaltungs- als auch ihre Strafhaft beantragten und darauf warteten, dass ihre Vorgesetzten über die Form der Inhaftierung entscheiden würden. Wegen eines Problems mit dem System konnten sie nur eine Form der Inhaftierung beantragen und entschieden "vor Ort", eine Strafhaft zu beantragen. Während des gesamten Prozesses legten sie keine Beweise vor, um zu beweisen, dass ich gegen ein Gesetz verstoßen hatte, und sie entschieden sich trotzdem so beiläufig für eine Strafhaft. In diesem Moment fühlte ich wieder die gelassene Haltung, mit der die Polizei von Panyu das Gesetz und die Freiheit und Rechte der Bürger behandelt.

Und so wurde ich "auf der Stelle" in die Haftanstalt gebracht, aber das war erst der Anfang meines wahren Albtraums.

Der Raum, in dem ich eingesperrt war, hatte 25 Gefangene, darunter Drogenhändler, Diebe und weitere Kriminelle aller Art. Als junge Frau, die im öffentlichen Interesse für die Arbeit von Wanderarbeitern arbeitet, fühlte es sich absurd und traurig und traurig an. Das Zimmer hatte nur 15 Betonbetten, also musste ich auf kaltem Boden schlafen. Ich konnte die ganze Nacht in der ersten Nacht unter dem hellen Licht nicht schlafen. Mein Körper konnte nicht mit der Kälte umgehen und ich spürte starken Schmerz in meinem Inneren. Ich wachte mitten in jeder Nacht auf. In unserem Zellenblock gab es einen festen Badeplan und ich wurde immer als letzter platziert und jedes Mal, wenn ich an der Reihe war, war die Zeit schon vorbei.

Wenn es dringend notwendig war, das Badezimmer außerhalb der Badezimmerzeit zu benutzen, würde ich bestraft werden, indem ich gezwungen würde zu stehen und nicht schlafen zu dürfen. Als Ergebnis wechselte ich zwischen einer halben Stunde Schlaf und einer halben Stunde im Stehen und endete mit weniger als 4 Stunden Schlaf pro Nacht. Wegen Schlafmangel und eingeschränkter Benutzung des Badezimmers war mein Körper geschwächt und ich fühlte mich innerlich schlecht. Ich habe bei zwei Gelegenheiten Blut gepinkelt und zwei ernsthafte Fälle von Verstopfung erlebt, die so viel Schmerz verursacht haben, dass ich nicht sitzen, stehen oder gehen konnte. Wenn ich nicht am 4. Januar auf Kaution freigelassen worden wäre, könnte ich an den Schmerzen in meiner Zelle gestorben sein. Meine Bitte um eine Einzelzelle oder eine ärztliche Behandlung wurde abgelehnt und lächerlich gemacht. Als ich absolut darauf bestand, gab mir der Arzt im Internierungslager nur eine Flasche ohne Medizin!

Abgesehen davon, gab es keine Privatsphäre, von der man sprechen könnte. Überall gab es Überwachungskameras, auch wenn man sich umzog oder das Badezimmer benutzte. Warum sollte ich solche Demütigung erleiden!

Ich wurde für 26 Tage inhaftiert und am 4. Januar 2018 gegen Kaution freigelassen. Die Anklage bleibt jedoch bestehen.

Während des gesamten Prozesses fühlte ich mich verwirrt und selbst jetzt wusste ich nicht, was ich tat oder welches Gesetz ich verletzte. Die Polizei hat verlangt, dass ich ein Geständnis schreibe, und dass ich es gemäß ihren Instruktionen schreibe. Aber ich habe mich geweigert, Tatsachen zu verzerren. Die Polizei hat damit gedroht, dass ich, wenn ich es nicht nach ihren Wünschen schreibe, für 6 Monate unter Hausarrest gestellt werde. Aber wie kann ich ein Verbrechen gestehen, das ich nicht begangen habe?

Ich habe viel zu viele Fragen und deshalb möchte ich meine Erfahrungen aufschreiben und hoffe, dass andere meine Fragen beantworten können.

Ich bin keine Kriminelle, und es gibt keine Beweise, dass ich ein Hauptverdächtiger eines Verbrechens bin. Warum sollte ich strafrechtlich verfolgt werden?

Kann die Polizei absolut jemanden festhalten und dann nach Beweisen suchen, um die Schuld dieser Person zu beweisen, und wenn keine Beweise gefunden werden, lassen Sie die Person einfach frei, aber die Polizei wird sich keiner Disziplin aussetzen?

Kann die Polizei die Wohnung eines Bürgers willkürlich durchsuchen und ihre persönlichen Sachen für unbestimmte Zeit mitnehmen?

Wenn jemand während der Befragung nicht nach Polizeizufriedenheit antwortet, können sie dann "eine Anklage erheben und es später herausfinden?"

Kann die Polizei "vor Ort" willkürlich über Untersuchungs- oder Strafhaft entscheiden?

Muß ich in der Haft gemobbt und als "unkooperativ" angesehen werden, nur weil ich auf meine Rechte gegenüber der Polizei bestehe?

Sollte ich nicht behandelt werden, wenn ich in der Haft krank werde?

Erfüllt die 4-stündige Nachtruhe der gesetzliche Vorgabe, dass die Verdächtigen genügend Zeit zum Schlafen haben?

Kann ich nur auf Kaution freigelassen werden, nachdem ich einem Geständnis gemäß den Polizeianweisungen zugestimmt habe?

Als die Polizei eine unschuldige Person für mehr als 20 Tage inhaftiert hat und meine Bücher, Computer, Handy, Kindle und andere Sachen konfiszierte, sind das Beweise für mein Verbrechen? Wann können sie mir zurückgegeben werden? Ich habe kein Geld mehr, um diese Dinge zu kaufen.

Schließlich möchte ich, dass die Polizei anerkennt, dass ich ohne Grund mehr als 20 Tage inhaftiert war, was dazu führte, meinen Job zu verlieren, ich körperlich angeschlagen bin und meine Familie sich für Anwaltskosten in Höhe von Zehntausenden von Yuan verschulden und ich mit dem Ruf eine Kriminellen leben muß. In Zukunft kann es für mich sehr schwierig sein, einen Job zu finden. Dieser Vorfall hat meiner ohnehin schon armen Familie eine weitere schwere wirtschaftliche Last auferlegt!

Warum passiert dies? Diese Fragen haben mich verwirrt, sehr vorsichtig und sehr unsicher gemacht. Ich weiß nicht, ob ich oder die Leute um mich herum diese Misshandlungen in Zukunft noch einmal erleiden werden. Ich hoffe, dass Freunde, die die oben beschriebenen Erfahrungen gelesen haben, mir alles erklären, und ich hoffe auch, dass die Menschen den anderen Freunden helfen können, die ebenfalls unter dieser Tortur leiden. Egal ob ich eine schwere Strafe bekomme oder für unschuldig erklärt werde, ich werde zumindest ein klares Verständnis von all dem und einige Genugtuung bekommen!

16. Januar 2018
http://chuangcn.org/2018/01/november-15th/

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #3 am: 21:50:02 Mi. 24.Januar 2018 »
Zitat
"The Mastermind": Ein dritter junger Linker spricht am Vorfall vom 15. November



von Chuang | 20. Januar 2018 | Blog |


Am 15. November 2017 stürmte die Polizei eine Studentenlesegruppe an der Guangdong University of Technology und verhaftete sechs junge Teilnehmer. Zwei von ihnen, Zhang Yunfan und Ye Jianke, wurden einen Monat lang im Panyu Internierungslager als Verdächtige für das Vergehen der "Versammlung zur Störung der sozialen Ordnung" festgehalten, zusammen mit zwei anderen Jugendlichen, die in der Lesegruppe waren und später festgenommen wurden in ihren Wohnungen: Sun Tingting und Zheng Yongming. Nachdem prominente Intellektuelle eine Petition für Zhangs Freilassung in Umlauf gebracht hatten, wurden alle vier Gefangenen gegen Kaution freigelassen, warten aber immer noch auf ihren Prozess. Vier weitere junge Linke, die mit der Lesegruppe verbunden sind, sind auf der Fahndungsliste und verstecken sich noch.

In einem früheren Beitrag haben wir Übersetzungen der offenen Briefe von Zhang und Sun vorgestellt, in denen sie ihre Motivation für die Teilnahme an der Lesegruppe und damit verbundenen Aktivitäten sowie ihre alptraumhaften Erfahrungen mit staatlichen Behörden darlegten. Hier präsentieren wir einen dritten Brief des mutmaßlichen "Masterminds" hinter der Lesegruppe Zheng Yongming, der am 17. Januar veröffentlicht wurde. Die Übersetzung ist noch ein bisschen grob, weil wir sie so schnell wie möglich zur Verfügung stellen wollen.


Von links nach rechts: Zhang, Sun and Zheng.

Zitat
"Ich werde immer ein Sohn der Arbeiter und Bauern sein"

Von Zheng Yongming



Ich bin Zheng Yongming, der Organisator der Lesegruppe an der Guangdong University of Technology

Nachdem Zhang Yunfan und Sun Tingting gesprochen haben, bin ich, das sogenannte "Mastermind" hinter der Lesegruppe, entschlossen, mit ihnen durch dick und dünn zu gehen.

1994 wurde ich in einem abgelegenen Dorf - einem der ärmsten der Nation - in der Ganzhou-Präfektur in der Provinz Jiangxi geboren. Ich besuchte die Kreisstadt zum ersten Mal erst nach meiner Aufnahme in ein Gymnasium dort. Das erste Mal fuhr ich mit dem Zug, als ich in die Universität aufgenommen wurde.

Meine Eltern sind verarmte Bauern. Meine ältere Schwester brach die Schule ab, um in einem Sweatshop [Ausbeuterklitsche] zu arbeiten.

Als das Ackerland dekollektiviert wurde, erhielt mein Haushalt nur zwei oder drei Mu Land [weniger als einen halben Morgen]. Um ihre drei Kinder großzuziehen, pflanzten meine Eltern Obstbäume am Hang. Wenn die Bäume krank werden und sterben würden, wäre unser Lebensunterhalt für das ganze nächste Jahr in Gefahr.

Im ganzen südlichen Jiangxi sind die Stadtmauern mit Plakaten verziert, die die Bauern warnen, sich vor der Zitrusdüngung zu hüten. Obwohl die Krankheit Menschen nicht direkt tötet, wenn sie Bäume infiziert, sind ganze Dörfer zerstört.

Meine Eltern haben mir immer gesagt, dass die Schule die Zukunft nicht nur für mich selbst, sondern für unsere ganze Familie verändern könnte, deren Lebensunterhalt von den Launen der Natur bestimmt wird. Obwohl ich sie damals nicht vollständig verstand, wollte ich etwas für meine fleißigen Eltern tun.

In meinem täglichen Leben ging es darum, zu Hause zu studieren und zu helfen. Ich erinnere mich lebhaft, wie meine Hände schmerzten, als ich nach dem Schneiden des Brennholzes schreiben musste.

Als ich in die weiterführende Schule kam, wusste ich nicht, wie Mathematik geht. Mein Grundschullehrer entschuldigte sich bei mir dafür, dass er es nicht richtig erklären konnte.

Ich ging schließlich zur Nanjing Agricultural University, um Tierwissenschaften zu studieren - speziell die Reproduktion und Zucht von Schweinen. Bitte lacht nicht. Nur dieses Hauptfach  hat Studenten mit etwas Flexibilität zugelassen.

Da ich von zu Hause weg war, konnte ich nicht mit der Hausarbeit helfen, als ich in der Universität war, was mich innerlich leer fühlen ließ.

Ich nahm an vielen ehrenamtlichen Aktivitäten teil, einschließlich des Unterrichtens von armen Kindern. Als ich als freiwilliger Lehrer arbeitete, traf ich ein Mädchen, das nach dem ersten Jahr in der Mittelschule die Schule abbrach. Ich versuchte ihre Eltern davon zu überzeugen, dass sie ihre Ausbildung fortsetzte. Ihr Vater sagte, sie seien arm und könnten sich mit zwei jüngeren Söhnen nicht leisten, für alle drei die Ausbildung zu bezahlen. War das nicht genau das, was meiner Schwester und mir passiert ist? Unser gemeinsames Schicksal und unser Kreislauf des Leidens motivierten mich, etwas zu unternehmen.

Ich suchte weiter nach einer Antwort in Büchern. Ich las „Wird das Boot das Wasser versenken? Das Leben der Bauern in China“ und erinnerte mich an meine gebeugten und erschöpften Eltern. Als ich las, dass ich eine treibende Blume bin, wurde ich daran erinnert, dass meine Schwester ihre Jugend am Fließband verbrachte. Erst durch meine Begegnung mit den Romanen „Dort und Fragen an die Uferlosen“ [von Cao Zhenglu] lernte ich Mao Zedong kennen.

Ich würde eher dem Mao folgen, der die Arbeiter und Bauern zur Selbstbefreiung führte, statt dem Mao, der auf Banknoten gedruckt wurde.

Theorie und Praxis haben mich zu überzeugten Marxisten gemacht. Die Lesegruppen und ehrenamtliche Aktivitäten haben mein Leben von der Monotonie durch Armut verschont.

Als der Abschluss näher rückte, machten sich meine Klassenkameraden Sorgen um ihre Zukunft. Aber ich war ziemlich ruhig. Es gab nichts, warum man sentimental sein sollte. Für mich bestand ein gutes Leben darin, dass ich mich selbst versorgen konnte, meinen Eltern gut tat und weiterhin Arbeitern und Bauern wie ihnen half.

Nach dem Universitätsabschluss wurde ich von einer Firma in Guangzhou eingestellt.

Ich beschloss, einige Mitstreiter an diesem neuen Ort zu finden. Ich habe nachgeahmt, was der junge Mao Zedong getan hat, ich habe Botschaften mit  "suche Freunde" in der Guangdong Industrial University gepostet: Theorie und Praxis integrieren, Benachteiligte stärken, unserer Jugend Sinn geben!

Ich habe mehrere junge Idealisten kennengelernt. Gemeinsam studierten wir klassische Texte, diskutierten soziale Themen und dienten den Unterdrückten. Bevor Tingting in Panyu zur Arbeit kam, führte ich die Tanten [Frauen mittleren Alters aus der Nachbarschaft] [2], um auf öffentlichen Plätzen zu tanzen. Ich tanzte so schlecht, aber das war alles, was die Tanten tun wollten!

"Ah-Ming! Komm schon, Ah-Ming! "Jetzt kann ich nicht mehr hören, wie sie mich riefen.

Am Abend des 15. November haben wir über soziale Probleme und Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten diskutiert. Wie Yunfan sagte, haben wir den Vorfall erwähnt, der vor 29 Jahren stattfand. [3] Zu unserer Überraschung stürmten Sicherheitskräfte des Campus den Raum und forderten, dass alle ihre Studentenausweise und Personalausweise vorzeigen sollten. Ich wurde entlassen, nachdem eine Wache ein Foto von meinem Ausweis gemacht hatte, aber Yunfan und Ye Jianke hatten die Dokumente nicht dabei und mussten daher bleiben. [4]

Erst später erfuhr ich, dass sowohl Yunfan als auch Ye Jianke als Verdächtige inhaftiert wurden, weil sie "Versammlungen machten, um die soziale Ordnung zu stören". Kurz nachdem ich das erfahren hatte, wurde ich ebenfalls verhaftet.

Am 5. Dezember traten sechs oder sieben Polizisten die Tür meiner Wohnung ein und stießen mich sofort gegen das Bett, als wäre ich ein gefährlicher Gangster in einem Gangsterfilm.

Ich wurde acht Stunden hintereinander in der Xiaoguwei Polizeiwache verhört. Sie schienen zu glauben, dass hinter unserer Lesegruppe eine starke Kraft (势力) steckte.

Aber welche Art von Kraft könnte da sein? Zuerst war es nur das mittellose Ich und ein Freunde suchendes Posting im Internet. Mit dem Eifer und den Anstrengungen einiger Leute schlossen sich schließlich ein Dutzend begeisterter junger Leute einer Gruppe liebenswerter Tanten an, die bei der Logistik halfen.

Beamte der Xiaoguwei Polizeiwache sagten, ich sei der Schuldige - der "Drahtzieher" hinter irgendeiner Verschwörung!

Und tatsächlich war ich – um den Maoismus zu fördern und für die Unterdrückten zu arbeiten, war natürlich das, was ich "vorsätzlich" oder sogar "über einen längeren Zeitraum geplant" hatte. Ich wurde geboren, um diesen "radikalen" Weg zu gehen und ich würde lieber sterben als bereuen.

Diese Anklagen und Vorwürfe öffnen einem die Augen: Die Existenz einer Lesegruppe ist gleichbedeutend mit "Versammeln, um die soziale Ordnung zu stören". Das Lesen in Gruppentreffen erfordert Arbeitsteilung, die als "Verschwörung" gilt. Da ich der erste war, der  das Freunde suchenden Posting veröffentlichte, war ich natürlich das "Mastermind" hinter der Operation. Zhang Yunfan ist Absolvent der Universität Peking, er muss also "hauptsächlich verantwortlich" für die Handlung sein. Sun Tingting ist ein Mädchen und sieht verwundbar aus, so dass sie "einfach" ins Gefängnis geworfen werden kann!

Sun Tingting beschrieb präzise die schwierigen Tage in Haft. Ich kann in den Taten der Xiaoguwei Polizeiwache keine Spur vom Geist "der Volkspolizei, die den Menschen dient" erkennen - oder vielleicht sind wir wegen des unverzeihlichen Verbrechens, das wir begangen haben, nicht länger als Mitglieder des Volkes qualifiziert!

Die Vorwürfe waren so lächerlich, daß ich in den folgenden Verhören es vorzog zu schweigen, deshalb haben sie mich als "unbarmherzig" bezeichnet. Sie versuchten, mich auszutricksen, indem sie behaupteten, diese "Unerbittlichkeit" habe zur Verhasftung meiner Freunde geführt. (Später erfuhr ich, dass das nicht stimmte.) Da ich der Übeltäter war, sagten sie, ich sollte andere Leute nicht dazu drängen, sie hatten ihre Jobs und Leben, únd müssten sich darum kümmern. Also dachte ich, vielleicht sollte ich nur die Last für alle tragen. Schließlich kapitulierte ich und schrieb mein "Geständnis", indem ich dem Beispieltext folgte, den sie mir gaben.

Erst nach meiner Freilassung erfuhr ich, dass sie die anderen nicht verschonten. Vier junge Linke - Gu Jiayue, Xu Zhongliang, Huang Liping und Han Peng - werden immer noch verfolgt!

Ich war sehr berührt von den offenen Briefen von Zhang Yunfan und Sun Tingting sowie von der Petition der guten Leute, die uns verteidigten. Ich war froh zu sehen, dass Tingting so viel Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit auf Weibo [chinesischer Mikroblogging-Dienst] erhalten hat.

Aber letzte Nacht habe ich bemerkt, dass sich die Haltung der Besucher auf Tingtings Weibo geändert hat. Mehrere Weibo-Accounts, die eine ähnliche Stimmung hatten, tauchten plötzlich zur selben Zeit auf und besetzten die oberen Plätze ihrer Kommentarteile. Bedeutet es Tingting, dass "die Strafe verdient"?

Wenn es wirklich "ausländische Kräfte" und "ausländische Gewerkschaften" gäbe, die uns unterstützen würden, hätte die Polizei von Xiaoguwei dies bereits allen erzählt und sie hätten mich nie freigelassen. In der Tat stellte mir die Polizei immer wieder Fragen über Geld, aber sie stellten schnell fest, dass die Ausgaben der Lesegruppe nur ein paar hundert Dollar betrugen. Ich bin ziemlich arm und konnte keine Beweise finden, um die Behauptung zu untermauern, dass ich von irgendjemandem finanziell unterstützt werde.

Was wir besprochen haben, hat Yunfan bereits deutlich gemacht, dass wir Bücher lesen, die aus der Bibliothek ausgeliehen werden können. Die Polizei hat alles konfisziert, was mit der Lesegruppe zu tun hat, also wie kann man der Öffentlichkeit zeigen, was wir lesen?

Es gibt eine weitere lächerliche Argumentation in diesen Kommentaren: Wir sollten "verantwortlich" für Kommentare sein, die "zu radikal" sind, also sollten wir acht aufeinanderfolgende Stunden verhört werden, gezwungen werden, auf dem Boden zu schlafen, unsere Jobs zu verlieren und eine schreckliche Behandlung sollte Tingting zugefügt werden.

Solche oberflächlich "rationale und objektive" Argumentation ist tatsächlich so mies wie Dreck und so verdreht wie Maden.

Für diese Menschen ist jeder, der für Ideale eintritt, jemand, der es nur für das Geld macht, und jeder, der im Interesse der Gerechtigkeit eine Meinung vertritt, muss manipuliert worden sein.

Sicherlich sind die Leute, die solche Kommentare hinterlassen, nur bezahlte Trolle.

Aber wer bezahlt sie? Wer hat bis zu diesem Zeitpunkt die Fragen der Massen nicht beantwortet und was Yunfan und Tingting aufgedeckt haben? Wenn das Gesetz auf der Seite der Menschen ist und wir "unsere Strafe verdienen", warum löschen Sie dann unsere Beiträge, um uns zu zwingen, mit dem Reden aufzuhören?

Gute Leute, wir bitten euch nicht um bedingungsloses Vertrauen, wir hoffen nur, dass ihr der Stimme eures eigenen Gewissens folgt. Wir hoffen, ihr öffnet nun die  Augen und seht.

Zusammen mit Yunfan werde ich den kommenden Sturm bekämpfen. Ich werde auch Tingting helfen, ihre Würde zurückzugewinnen! Ich werde nicht still sein, bis sie vor Gu Jiayue, Xu Zhongliang, Huang Liping und Han Peng sicher ist!

Seit ich als Sohn von Arbeitern und Bauern geboren wurde, werde ich immer der Sohn der Arbeiter und Bauern sein! Mein ideales Leben besteht darin, weiterhin die Arbeiter und Bauern zu unterstützen, die genau wie meine Eltern sind.

17. Januar 2018
http://chuangcn.org/2018/01/the-mastermind/

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #4 am: 18:55:01 Mo. 29.Januar 2018 »
Staatliche Propaganda und Einblicke in die Streikkultur Chinas:

! No longer available

Rappelkistenrebell

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Re:Repression in China
« Antwort #5 am: 22:08:25 Mo. 12.Februar 2018 »
CHINA
„Über die Herausbildung der neuimperialistischen Länder“ - Analyse auch in China
Studenten aus China haben die von Stefan Engel verfasste und von der MLPD publizierte Broschüre ins Chinesische übersetzt und im Internet verbreitet.



Screenshot der in China übersetzten Broschüre

Die Broschüre befasst sich mit der Herausbildung einer ganzen Reihe von neuimperialistischen Ländern, zu denen auch China gehört. Unter revolutionären und fortschrittlichen Menschen auf der ganzen Welt ist diese Analyse weitreichender Veränderungen im imperialistischen Weltsystem auf großes Interesse gestoßen.

Quelle

https://www.rf-news.de/2018/kw02/ueber-die-herausbildung-der-neuimperialistischen-laender-analyse-auch-in-china

Über die Herausbildung der neuimperialistischen Länder

Für die Diskussion zum 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution stellt die MLPD der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung ihre neu erschienene Blaue Beilage „Über die Herausbildung der neuimperialistischen Länder“ vor. Sie erscheint demnächst als „Blaue Beilage“ in der Roten Fahne (Magazin der MLPD) und danach als Broschüre und wird momentan übersetzt.
 Über die Herausbildung der neuimperialistischen Länder


Vorwort

Die Analyse der Herausbildung und Entwicklung einer Reihe neuimperialistischer Länder wurde notwendig, weil diese neue Erscheinung das bisherige Gefüge des imperialistischen Weltsystems dramatisch infrage stellt.

 Auf dem festen Fundament der Analyse des Imperialismus, ausgehend von Lenin, hat die MLPD seit 1969 neue Erscheinungen und wesentliche Veränderungen mit der dialektisch-materialistischen Methode grundsätzlich und konkret untersucht: den staatsmonopolistischen Kapitalismus in der BRD, die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion und in China, die Entstehung des Neokolonialismus, die Neuorganisation der internationalen Produktion und die Entwicklung der Umweltkrise. Die vorliegende Blaue Beilage baut auf diese in programmatischen Dokumenten und dem System ihres theoretischen Organs REVOLUTIONÄRER WEG erarbeitete ideologisch-politische Linie auf und entwickelt diese weiter.

 Das Buch „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ stellte 2011 erstmals die These von der Herausbildung und Entwicklung neuimperialistischer Länder auf. Die vorliegende Analyse bringt für diese wohlbegründete These den wissenschaftlichen Nachweis.

 Diese Analyse ist ein Beitrag zur bewusstseinsbildenden Diskussion unter der Masse der Arbeiter, Frauen und Jugendlichen. Sie ist darüber hinaus eine Positionierung der MLPD gegenüber der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung für die Diskussion am 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution.

Juli 2017, Stefan Engel




Einleitung



Die Welt ist erfasst von großer Unruhe, dramatischen Konflikten, erbitterten Massenkämpfen und unerwarteten Wendungen. Viele Menschen sind in größter Sorge um die Zukunft: Sorge über den US-Präsidenten Donald Trump, die Errichtung einer faschistischen Diktatur in der Türkei, den nicht endenden Krieg in Syrien, den kriegerischen Konflikt in der Ukraine, die Provokationen der USA und Chinas im Südchinesischen Meer oder die dramatische Zuspitzung der Widersprüche um die koreanische Halbinsel. Hierbei drohen die USA und Nordkorea offen mit einem Atomkrieg. Und Sorge, weil die internationalen Monopole mutwillig und verantwortungslos die Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur vorantreiben, um ihre Maximalprofite zu steigern.

 Unter dem Druck der Krise ihrer bürgerlichen Flüchtlingspolitik seit 2015 vollzogen und vollziehen immer mehr Regierungen in Europa einen deutlichen Rechtsruck. Auch die Merkel/Gabriel-Regierung in Deutschland. Sie rechtfertigen das mit einem vermeintlichen »Kampf gegen den Terrorismus«. Auf diesem Boden erstark(t)en überall offen reaktionäre, rassistische, nationalistische bis faschistoide Bewegungen und Parteien – wie nie seit dem II. Weltkrieg.

 Zugleich erleben wir den Beginn eines fortschrittlichen Stimmungsumschwungs unter der Arbeiterklasse und den breiten Massen. Diese Bewegung übertrifft in ihrem Umfang, ihrer Vielfalt und ihrem Gehalt schon jetzt bei Weitem die weltweiten Anti-Vietnamkrieg-Proteste der 1970er-Jahre. Eine neue, länderübergreifende, gesellschaftskritische Jugendbewegung umfasst Hunderttausende. Sie kündigt einen neuen Aufschwung der internationalen revolutionären und Arbeiterbewegung an. Woher kommt das alles? Und wie ist das zu beurteilen?

 Die hauptsächlichen Ursachen gesellschaftlicher Veränderungen und Umbrüche sind nicht in den Köpfen oder Programmen der herrschenden Politiker zu suchen oder im Aufkommen neuer Ideen oder Philosophien, so belegt es der dialektische und historische Materialismus. Sie haben ihre materielle Grundlage vielmehr in der ökonomischen Basis der Gesellschaft, in der widersprüchlichen Entwicklung der Produktionsweise. Die Entstehung einer Reihe neuimperialistischer Länder ist dabei heute eine Kernfrage. Diese Tatsache sowie ihre tieferen Ursachen und Auswirkungen gilt es zu begreifen. Andernfalls ist es unmöglich, die gegenwärtigen Veränderungen der Weltlage zu verstehen und daraus die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen für den Klassenkampf und die Zukunft der Menschheit.

 Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) kennzeichnet in ihrer Analyse hauptsächlich eine Gruppe von 14 Ländern als neuimperialistisch; sie sind unterschiedlich groß, auf unterschiedlicher Entwicklungsstufe und haben eine unterschiedliche sozialökonomische Struktur und Geschichte: die BRICS-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika; die MIST-Staaten Mexiko, Indonesien, Südkorea und die Türkei sowie Argentinien, Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Iran. Ihren neuimperialistischen Charakter entwickelten diese Länder in einem bestimmten Zeitraum und Zusammenhang mit den jüngsten gesellschaftlichen Entwicklungen. 3,7 Milliarden Menschen leben in diesen 14 Ländern, mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Der Prozess der Herausbildung neuimperialistischer Länder zeichnet sich bereits in einer Reihe weiterer Länder ab. Das ist für diese Analyse jedoch unerheblich.

HIER ERHÄLTLICH

http://www.neuerweg.de/bucher/ueber-die-herausbildung-der-neuimperialistischen-laender

DER GANZE TEXT IST HIER ONLINE ZU LESEN

https://www.rf-news.de/rote-fahne/2017/nr16/ueber-die-herausbildung-der-neuimperialistischen-laender

Gegen System und Kapital!


www.mlpd.de

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #6 am: 12:25:01 Mo. 23.April 2018 »
In China ist es nicht ausdrücklich verboten zu streiken. Die Gewerkschaften organisieren jedoch keine (!) Streiks.
Die Arbeiter fühlen sich von diesen Gewerkschaften nicht vertreten und sie nehmen die Durchsetzung ihrer Interessen selbst in die Hand. Alle Streiks in China werden von der Arbeitern selbst organisiert, es sind zu 100% "Wilde Streiks".

Die Regierung versucht mit wachsender Repression die hohe Zahl an Arbeitskämpfen einzudämmen, doch mit bisher geringem Erfolg. Da es kaum möglich und sinnvoll ist, zehntaustende Arbeiter zu inhaftieren, konzentrieren sich die Sicherheitsorgane darauf, die Kommunikationsmöglichkeiten zu behindern und Streikführern und -Organisatoren habhaft zu werden.

Die Auseinandersetzung der VW Leiharbeiter in Changchun hat eine zentrale Bedeutung.

Die Proteste waren friedlich und mit keinen Arbeitsniederlegungen verbunden. Doch die Regierung nahm es den Arbeitern übel, daß sie mit über hundert Leuten zum Verwaltungsgebäude marschierten, Verhandlungen forderten und "Kommt raus! Kommt raus!" skandierten. Das ganze wurde live im Internet gestreamt. Auf öffentliche Verbreitung solcher Aktionen können die Behörden gar nicht. Man steckte drei gewählte Vertreter der Leiharbeiter in den Knast und Fu Tianbo sitzt nun seit nahezu einem Jahr.

Die besondere Bedeutung des Kampfes der VW Leiharbeiter liegt darin, daß ein Sieg dieser Leihabeiter dazu führen könnte, daß die Leiharbeiter in ganz China anfangen könnten zu kämpfen. Deshalb hält man Fu Tianbo in Haft. Zur allgemeinen Abschreckung läßt man ihn nicht heraus.

Es geht um viel. Die Leiharbeiter forderten eine Nachzahlung des ihnen vorenthaltenen Lohns für die Arbeit der letzten 10 Jahre (sie erhielten für die gleiche Arbeit nur etwa 50% des Lohns der Stammbeschäftigten), was sich zu einem Betrag von ca. 130.000 € pro Arbeiter addiert, eine für chinesische Verhältnisse enorme Summe. Um eine Nachzahlung zu vermeiden, ging man auf einen Teil ihrer Forderungen ein, "kaufte" sie, indem man ihnen eine Festanstellung zum doppelten Lohn anbot, unter der Bedingung, daß man eine Verzichtserkärung auf alle rückwirkenden Forderungen unterschreibt.

Die Arbeiter unterschrieben, denn einen Vertrag für Arbeit zum doppelten Lohn bekommt man nicht so schnell wieder angeboten. Fu Tianbo sitzt weiterhin, denn auch es könnte für Leiharbeiter an anderen Orten erstrebenswert sein, einen solchen "Teilsieg" zu erringen.

Wir sollten Fu Tianbo nicht vergessen und internationale Solidarität organisieren, denn für uns bedeutet es kein wirkliches Risiko. Solidaritätsaktionen in Deutschland werden in China gehört.

Fritz Linow

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Re:Repression in China
« Antwort #7 am: 23:48:40 Mo. 23.April 2018 »
Zitat
Die besondere Bedeutung des Kampfes der VW Leiharbeiter liegt darin, daß ein Sieg dieser Leihabeiter dazu führen könnte, daß die Leiharbeiter in ganz China anfangen könnten zu kämpfen. Deshalb hält man Fu Tianbo in Haft. Zur allgemeinen Abschreckung läßt man ihn nicht heraus.

Als Modell für die Zukunft ist das überall anwendbar, auch hier. Nicht umsonst wird China nun im Rahmen der Umstrukturierung durch VW-Diess als Sonderbereich geführt, nicht umsonst hat sich die IGM Wolfsburg bisher mehr oder weniger freiwillig dieser Abschreckung untergeordnet. Wobei…umsonst ist es ja nicht so ganz. Wer als Co-Manager diesen Kurs mitträgt, profitiert zum einen davon, zum anderen sollte man es aber auch nicht allzu ernstnehmen, wenn er dann von Solidarität faselt.
Sollte hierzulande tatsächlich jemand mal als „Anstifter“ eines Streiks wegen Leihsklaverei, der nicht von der Gewerkschaft genehmigt wurde, für längere Zeit in den Bau kommen, dann wird er wohl mehr Solidaritätsbekundungen aus China als von der hiesigen IGM-Wolfsburg bekommen, dem mächtigen Sozialpartner und Co-Manager von Volkswagen. 

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #8 am: 10:49:14 Do. 24.Mai 2018 »
Die Repression des Chinesischen Staates richtet sich zu einem großen Teil gegen Menschen, die in sozialen Protesten eine Rolle spielen. Es geht dabei um Zwangsräumungen aus Häusern, die Investorenprojekten weichen sollen, um Landenteignungen von Bauern und um Arbeitskämpfe.

Die breite Solidarität aus dem Westen gilt ihnen nur selten, man kümmert sich eher um Künstler und Menschenrechtsaktivisten.

Zitat
Die schwierige internationale Lage und die Handelsbeziehungen sind beim Besuch von Kanzlerin Angela Merkel in China als Themen gesetzt. Menschenrechtler hatten im Vorfeld des Besuchs auch an sie appelliert, Probleme im humanitären Bereich zur Sprache zu bringen - offenbar hat sie das gemacht.

Im Menschenrechtsdialog versuchten beide Seiten in gegenseitigem Respekt auch Problemfelder aufzuzeigen und "mit gegenseitigem Verständnis zu angemessenen Lösungen zu kommen", sagte Chinas Regierungschef Li Keqiang nach Gesprächen mit der Kanzlerin in Peking. Befragt zu Forderungen nach einer Ausreise von Liu Xia, der Witwe des chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, reagierte er ausweichend.
http://www.sueddeutsche.de/politik/merkel-china-li-keqiang-1.3991043

Eine deutlich vernehmbare Solidarität für den inhaftierten Leiharbeiteraktivisten Fu Tianbo steht noch aus.

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #9 am: 16:05:46 Fr. 25.Mai 2018 »
Zitat
Eigentlich wollten Staublungen-Kranke nur eine Petition in Shenzhen einreichen: Dann marschierte die chinesische Polizei auf



 Über 70 Menschen sind bereits daran gestorben, es gab aber auch Selbstmorde, wenn die Atemnot nicht mehr auszuhalten war. Und es gab regelmäßige Reisen nach Shenzen aus diesen Dörfern – Entschädigung und Behandlung sollten eingefordert werden. Diese Delegationen waren es gewohnt, mit bürokratischen Argumenten hingehalten zu werden. Anfang Mai 2018 aber wurden sie von einem enormen Aufgebot der Polizei im Petitionsbüro empfangen, die Kranken und ihre Begleitung geschlagen und einige festgenommen. Was sie nicht eingeschüchtert hat, sondern motiviert, ihren Protest zu organisieren.

http://www.labournet.de/?p=132534

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #10 am: 14:03:15 Di. 03.Juli 2018 »
Vor 10 Jahren:

Zitat
Linke will Kooperation mit Chinas Kommunisten ausbauen

...Die europäischen Linken waren in Peking hochrangig vom Mitglied im Ständigen Ausschuss des Politbüros, Li Changchun, sowie Vizeminister Zhang Zhijun von der internationalen Abteilung des Zentralkomitees empfangen worden. Wie Bisky berichtete, bereitet die Rosa-Luxemburg- Stiftung, die den deutschen Linken nahesteht, den Aufbau einer Repräsentanz in China vor. Dafür muss aber noch ein chinesischer Partner gefunden werden, da deutsche politische Stiftungen in China nur in Kooperation mit chinesischen Organen tätig werden dürfen.
derstandard.at/1220458004950/Linke-will-Kooperation-mit-Chinas-Kommunisten-ausbauen.

Das hat für die chinesische Regierung gut funktioniert. Die Rosa Luxemburg Stiftung wurde längere Zeit im Unklaren darüber gehalten, ob sie ihr Büro in Peking behalten dürften oder ob es geschlossen wird. Rosalux reagierte mit vorauseilendem Gehorsam und unterstützt keine chinakritischen Veranstaltungen in Deutschland.

Es wurde sogar noch schlimmer.

Die Junge Welt fand das Gesetz, mit dem man auch Rosalux drohte, ganz prima:
Zitat
Warum sollte China denn auch Wühltätigkeit tolerieren? Unter den »Partnern« der BRD findet sich schließlich das Who is Who an Separatisten, Fanatikern und Retortenoppositionellen; von uigurischen Terrorgruppen bis zu tibetischen Freischärlern ist alles dabei, was in China Ärger macht.
http://www.jungewelt.de/2016/04-29/035.php

Die Zeitschrift "Sozialismus" ("für die politische Debatte der gewerkschaftlichen und politischen Linken in der Bundesrepublik Deutschland" und "Einige Herausgeber und Redaktionsmitglieder waren und sind in der Partei Die Linke engagiert. ") hat ein ähnlich verklärendes Chinabild. Die "Neue Seidenstraße" und Plünderung Afrikas beschreibt sie als humanitäre Hilfe für den Kontinent.

Und jetzt ist auch die DKP dabei, sich den neoliberalen Turbokapitalismus Chinas schönzulügen:
https://www.unsere-zeit.de/de/5026/hintergrund/8792/Profitieren-unter-Hammer-und-Sichel.htm

Kostprobe:
Zitat
In Shenzhen bekam ich eine Tragetasche, die vom Äußeren bei uns eher in Modeboutiquen in besseren Stadtteilen verortet würde (aber Öko, kein Plastik) – modernes Design mit Hammer und Sichel und der Losung: „Folge unserer Partei – Beginne deine Geschäfte“.

Fritz Linow

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Re:Repression in China
« Antwort #11 am: 14:21:12 Di. 03.Juli 2018 »
(...)
Und jetzt ist auch die DKP dabei, sich den neoliberalen Turbokapitalismus Chinas schönzulügen:
https://www.unsere-zeit.de/de/5026/hintergrund/8792/Profitieren-unter-Hammer-und-Sichel.htm
Kostprobe:
Zitat
In Shenzhen bekam ich eine Tragetasche, die vom Äußeren bei uns eher in Modeboutiquen in besseren Stadtteilen verortet würde (aber Öko, kein Plastik) – modernes Design mit Hammer und Sichel und der Losung: „Folge unserer Partei – Beginne deine Geschäfte“.


Auch eine schöne Kostprobe:
Zitat
Ein dritter Eindruck ist, dass im Vergleich zu meinem Aufenthalt in der 90ern ein größerer Wert auf die Vermittlung der marxistischen Weltanschauung gelegt wird und das dafür neue Medien und Techniken in interessanter Art und Weise eingesetzt werden.

Nur das Lesen von marxistischen Texten ist anscheinend verboten:
Zitat
In these incidents, students and other young people have been treated as criminals simply for reading Marxist texts, and their reading groups have been labeled “anti-party, anti-social organizations.” This is being done by police agents of a state supposedly guided by communist principals. Clearly they still remember what happened when “comrade” Mao, apaprently influenced by Marxism, “gathered crowds to distrupt social order”.
https://freedomnews.org.uk/chinese-state-persecutes-marxists/


counselor

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Re:Repression in China
« Antwort #12 am: 16:30:16 Di. 03.Juli 2018 »
Die UZ singt schon immer das hohe Lied auf China.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #13 am: 22:41:04 Di. 31.Juli 2018 »
Zitat
Über 30 Verhaftungen in Shenzen: Weil sie das Verbrechen begangen haben, eine wirkliche Gewerkschaft haben zu wollen!

Solidaritätsplakat mit Jasi an der Uni Shenzen am 31.7.2018„Eine Gruppe von Arbeiter_innen bei einem Schweißgerätehersteller in Shenzhen hat eine eigene Gewerkschaftsgruppe gegründet. Das Unternehmen hat in Zusammenarbeit mit den örtlichen Behörden mit Repression reagiert, mittlerweile sind über 20 Arbeiter_innen in Haft. Heute wurden über ein Dutzend Unterstützer, meist Arbeiter_innen von anderen Betrieben, ebenfalls in Polizeigewahrsam genommen. Das Brisante unter anderem auch,  daß in der Firmenspitze zwei Abgeordnete des Volkskongresses sitzen. Jasic ist u.a. vom TüV Rheinland zertifiziert. In Deutschland werden unter dem Namen Jasic und über das Tocherunternehmen Elkraft Schweißgeräte vertrieben“
http://www.labournet.de/?p=135437

Video auf facebook: https://www.facebook.com/HKSACOM/videos/2192080450820624/

Nao

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Re:Repression in China
« Antwort #14 am: 19:41:28 Mi. 01.August 2018 »
Es handelt sich um eine Initiative von Belegschaftsangehörigen – ganz ohne „Zutun“ einer Labour-NGO, demnach auch schwerer, ihr mit einer Hetzkampagne zu begegnen, wie es inzwischen üblich geworden ist, und eben mit Unterstützung aus anderen Betrieben… Jasic-Geräte werden in der BRD übrigens vertrieben über ELKRAFT Technik GmbH http://www.elkraft.com/ueber_elkraft.html 


Dazu ein weiteres Video bei Sacom über eine Solidaritätsaktion an der örtlichen Universität:

Zitat
“Students in Solidarity with Jasic workers” am 30. Juli 2018 bei Sacom https://www.facebook.com/cablechinadesk/videos/1814525648691913/?hc_ref=ART55fe66iYA8k4uYFH8mR24SATtGrRZPmtNVzR8xFh8YV46zuUJAn6L-Yp3blgadfQ ist ein Videobericht über eine Solidaritätsaktion an der örtlichen Universität (leider nur auf chinesisch) – verbunden mit einem Aufruf zu weiteren Solidaritäts-Aktionen am 01. August 2018 (auf der Facebook-Seite von Sacom).