Autor Thema: Klassenkampf - was ist das?  (Gelesen 14271 mal)

counselor

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #60 am: 01:53:15 Di. 19.Mai 2020 »
Gedanken zum Zustand der Linken und zum Klassenkampf
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #61 am: 12:01:30 Fr. 22.Mai 2020 »
In diesen tristen Zeiten wird Geschichte geschrieben.

Viel zu wenig Beachtung findet der Voith Streik.
Noch in Zeiten, als das Demonstrationrecht quasi außer Kraft gesetzt war und der DGB eine "stay home" Politik verfolgte, ignorierten die Arbeiterinnen das gesellschaftliche Klima und legten die Arbeit nieder und gingen massiv auf die Straße.




In Deutschland kaum vorstellbar: Es wurden Zufahren blockiert und Sabotage gehört zu den Kampfformen, auch wenn die IGM das bestreitet.


In Bornheim ist es ähnlich. Einer überschaubaren Zahl migrantischer ArbeiterInnen platz der Kragen und sie erheben sich, um für ihre Rechte und Würde zu kämpfen und werden dabei von einigen externen Unterstüzern aktiv begleitet.

Welch Schock, daß die unsichtbaren Billigarbeiter nicht bemitleidendenswerte Geschöpfe sind, sondern als kollektiv handelnde Menschen zu einer politischen Kraft geworden sind. Bullen werden auf die Felder geschickt, um für Ruhe zu sorgen und aufgeschreckte Anwälte versuchen die ArbeiterInnen einzuschüchtern.

Jetzt ist das Geschrei groß, jetzt wird international über die Auseinandersetzung berichtet. Jetzt findet auf einem Spargelacker eine Pressekonferenz statt. Ja, hier schreiben die Unsichtbaren ein Stück Geschichte.

Sie zeigen, wie müßig es ist, ständig über die Macht der Bonzen, der Medien, des Staates und der Überwachung zu lamentieren. Wenn man kollektiv aufhört mitzuspielen, sieht man, wie die Drohkulisse der Herrschenden zerbröselt. Wenn die arbeitenden Menschen ihre Arbeit niederlegen, ist auch ein Polizei- und Überwachungsstaat hilflos.

Panait Musoiu

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #62 am: 12:39:59 Fr. 22.Mai 2020 »

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #63 am: 18:10:47 Fr. 07.August 2020 »
Diese Frage ist unter Linken nicht wirklich ausdiskutiert.

Es geht um einen Kampf zwischen denjenigen, die über Produktionsmittel und Reichtum verfügen und die Mehrheit der Menschen, die wenig bis nichts haben. Ein Kampf zwischen unten und oben.

Da ist die Frage, warum die Ausgebeuteten sich nur im Ausnahmefall kollektiv wehren und warum Linke so gut wie keinen Einfluß auf das haben, was die einfachen Leute diskutieren und tun.

Ich fand den Bericht über die Berliner Coronademo im Freitag nicht schlecht:
Zitat
Ich komme Unter den Linden an. Der Demonstrationszug formiert sich. Es ist fast alles dabei: klassische Familien mit Kindern, der jugendliche Hippie, den man früher auch auf einer Goa-Party hätte treffen können, einer trägt ein Minor-Threat-T-Shirt, musikalische Helden meiner Jugend. Ansonsten alles sehr bürgerlich, allerdings ästhetisch ärmlich. Mittvierziger mit Sandalen und komischen Hosen, Pegida-Style. Mit dem Soziologen Pierre Bourdieu könnte man sagen, dass hier ein Milieu mit geringem kulturellen und besonders wenig ästhetischem Kapital unterwegs ist. Es hat wenig Möglichkeiten, sich den Anschein von Hipness oder modischer Coolheit zu geben. Vieles erinnert an die Gelbwestenbewegung in Frankreich. Auffällig ist die rein weiße, hier sehr deutsch-kartofflige Zusammensetzung der „Corona-Rebellen“.
(...)
Eine Beobachtung auf dieser Demo belastet mich, sie ist schwer kommunizierbar. Viele Menschen, die sich hier zusammenfinden, wirken psychisch tangiert. Abgesehen von den wenigen, die wohl tatsächlich im klinischen Sinn ver-rückt sind, meine ich, bei vielen Demo-Besucher*innen ein sichtbares Leiden erkennen zu können. Ich weiß, dass das anmaßend klingt. Aber es gab im Zuge von 1968 ein Wissen aufseiten der Linken, dass der Kapitalismus die Zwischenmenschlichkeit zerstört.
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/hipster-sind-es-wohl-nicht

Hier sehe ich das große Problem. Die Linken sind desinteressiert und herablassend den einfachen Menschen gegenüber. Sie halten sich für schlauer, für moralischer, stilsicherer und besser aussehend, als der Pöbel. Man beschimpft die Aufbegehrenden, die Wütenden, die Verirrten und Verwirrten als dumm und rechts.

Die rechte Propaganda ist im Grunde sehr stumpf, aber sie profitiert davon, daß die politische Praxis der Linken noch stumpfer ist. Übernommen von der amerikanischen Altright-Bewegung hat man den politischen Kompaß einfach umgepolt. Man stellt die herrschenden Verhältnisse und ihre Vertreter als "links" dar. Angeführt von dem kommunistischen U-Boot Mutti Merkel (FDJ) sind die Medien Links bis linksradikal unterwandert, Universitäten und das gesamte Bildungssystem ist in der Hand von Linken. Die herrschenden Medien bedeuten Zensur und Maipulation, die Rechten kämpften für Meinungsfreiheit und Wahrheit. Die Linken sind die wahren Faschisten, die Antifa ist die neue SA und wird von der Bundesregierung finanziert. Die bürgerlichen Parteien sind immer weiter nach links gerückt, daß man, wenn man einfach nur konservativ wählen möchte, die AfD wählen muß. Die Rechten stehen für den Kampf gegen Unterdrückung und Diktatur. Mit einem solchen und ähnlichen ideologischen Überbau konnten selbst Typen wie Macron und Trump antreten als "Kämpfer gegen das Establishment". Blöder geht's kaum. Aber es funzt.

Ostdeutschland ist vom westdeutschen Kapital anektiert worden. Die Ostdeutschen sind verarscht und gedemütigt worden, sie wurden nicht nur ausgeraubt, entmündigt, man beschimpfte sie als Produkte einer Diktatur und unfähig zur Demokratie. Gleichzeitig hielt man sie fern von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Man ließ sie weiter verarmen, für die Westgewerkschaften war es auch nie ein Problem, daß der Ossi für die gleiche Arbeit weniger kriegt als der Wessi und die Infrastruktur wurde weiter runtergewirtschaftet, Büchereien wurden geschlossen und die Bus- und Bahnverbindungen ausgedünnt.

Es waren keine Linken vor Ort, als sich die Verzweiflung und die blinde Wut Bahn brachen. Die Vorarbeit haben schon Faschisten, der Verfassungsschutz, Polizeibehörden und andere Strategen geleistet. Immer kamen die Linken erst hinterher, um den (oftmals real ekligen) Mob als dumm und faschistisch zu beschimpfen. Es hat sich nicht aus den vorher genannten Gründen eine Gelbwestenbewegung gebildet, weil Pegida diese Stimmung erkannt und für sich genutzt hat. Die Linken waren immer nur danach da, um den Pöbel zu beschimpfen und den moralischen Zeigefinger zu erheben.

Da griffen dann die Stumpfen rechten Denkmodelle. Die Pegida Mitläufer beklagten ihre miesen Zukunftschancen, ihre niedrigen Renten und gaben auch "denen da oben" (im Westen) die Schuld. Sie wurden dann von den Medien, den Politikern und der Antifa angepöbelt.

Ähnlich im Coronazusammenhang, als Lockdown, widersprüchliche Maßnahmen, ökonomischer Niedergang und wachsende Probleme im Alltag, Zweifel an der gesamten Coraonapolitik aufkommen ließen, stießen die Zweifelnden auf eine Phalanx aus Medien, Politikern und Linken, die sie als dumm und verantwortungslos beschimpften.

Es gab keine Angebote von links, den sozialen und kulturellen Niedergang (der letzten Jahrzehnte) gemeinsam zu bekämpfen. Es gab keine (nennenswerte) Kritik an der staatlichen Coronapolitik, man war da eher staatstragend. Man machte in Zeiten extremer sozialer Konflikte den sozial Abgehängten kein Angebot zu sozialen Kämpfen. Mit den moralischen Vorwürfen trieb man die Menschen immer weiter in die Arme der Rechten.

Und die Rechten konnten sich tatsächlich als letzte Vertretung der Abgehängten inszenieren. Sie haben sich eine Art Klassenstandpunkt erarbeitet. Sie sind ein Bollwerk gegen die demütigenden Parolen der Linken.

Es bedarf jetzt nur noch ein paar Sprüche über die Merkelregierung, Lügenpresse und Coronadiktatur und schon ist es da, das Gemeinschaftsgefühl, nach dem sich die vom Neoliberalismus vereinzelten Menschen so sehnen. Den Rechten ist das gelungen, was unsere Aufgabe gewesen wäre.

Fritz Linow

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #64 am: 18:38:26 Fr. 07.August 2020 »
Heute wurde unter anderem in Bremen der Eingang zum Daimler-Werk im Rahmen einer Klimakampagne blockiert:

Statement von der Blockade am Mercedeswerk in Bremen: Unser Protest richtet sich nicht gegen die LKW Fahrenden oder die Arbeiter*innen von Mercedes!  Klimakampf heißt für uns Klassenkampf!
https://twitter.com/ILBremen/status/1291752065857916928

Bleibt zu hoffen, dass die wartenden LKW-Fahrer und der Schichtverkehr eine gute Kühlung haben und das ebenfalls so sehen.

ManOfConstantSorrow

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #65 am: 19:01:46 Di. 06.Oktober 2020 »
Haha, selbst im Spiegel tauchen Worte wie "Klassenbewußtsein" auf.

Zitat
Olaf Scholz verdient 16.000 Euro im Monat. Er findet sich nicht reich, laut Statistik ist er es doch. Kann man von jemandem ohne Klassenbewusstsein erwarten, dass er sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt?
https://www.spiegel.de/kultur/olaf-scholz-und-reichtum-darf-man-reich-sein-kolumne-a-6a971b8f-0f6d-4081-8dca-d8a1ed045df6

Wer sagt denn, daß Scholzi kein Klassenbewußtsein hat? Er ist Teil, bzw. einer der führenden Handlanger der Herrschenden Klasse. So wird er auch honoriert (diverse weitere Einkommen sind hierbei nicht einmal erwähnt). So verhält er sich auch.

Wer erwartet ausgerechnet von ihm "soziale Gerechtigkeit"?
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #66 am: 12:10:02 Fr. 16.Oktober 2020 »
Wenn der DGB sich nur noch um den Wirtschaftsstandort Deutschland kümmert und die Linke die Situation in den Betrieben ignoriert, füllen die Faschos das Vakuum.


Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #67 am: 11:35:15 Mo. 05.Juli 2021 »
Mich nervte dieser Modebegriff "neue Klassenpolitik" ungemein.

Ich habe den Eindruck, daß ein wenig Bewegung in die Sache kommt.
Es gab den Wilden Streik beim Spargelhof Ritter (bei Bonn) und es gibt immer wieder Wilde Streiks bei den Goriillas Kurierfahrern.

Das Interesse an Arbeitskämpfen ist in der Linken Szene gewachsen und man redet nicht nur drüber, man geht gelegentlich auch hin, wenn im Krankenhaus oder bei Amazon gestreikt wird.

Die Grundlagen, die Organisationen im Hintergrund, die Diskussions- und Kampfstrukturen wurden bisher wenig diskutiert.

Immer wieder staune ich über eine Haltung von Linksradikalen, die bei den militanten Auseinandersetzungen mit Bullen oder Nazis bereit sind, Verletzungen oder Strafverfahren zu riskieren, am Arbeitsplatz sind sie jedoch Duckmäuser.

Die Rolle des DGB, die Möglichkeiten vergleichbar winziger Organisationen wie den Wobblies und der FAU werden meist gefühlsmäßig beurteilt, statt sie mal anhand der Praxis zu bewerten. Es sind ein wenig die Berührungsängste verschwunden. Bei Amazon sind die Streikenden den Weg gegangen, mit einer verdikritischen Haltung die Strukturen von Verdi zu nutzen. Und wenn Verdi nicht mitspielt, macht man es halt ohne sie. Bei den Riders werden NGG und FAU gleichwertig als Möglichkeiten gesehen und bei den Gorillas spielt wohl eine (gewerkschaftsunabhängige?) Betriebsguppe eine führende Rolle.

All das wäre vor einigen Jahren kaum möglich gewesen. Die Diskussion hat erst begonnen und sollte anhand der Praxis geführt werden.

counselor

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #68 am: 16:38:10 Mi. 14.Juli 2021 »
Zitat
Alles fällt vom Himmel

, kein Bild aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart der Warenproduktion abseits des Glanzes der Konsumzentren. Vor gut einem Jahr veröffentlichte eines unserer Mitglieder einen Artikel im Autonomie Magazin, der sich mit dem Zustand der radikalen Linken und ihrem Verhältnis zum Proletariat und zur Produktionssphäre befasst. Da der Text seitdem leider noch aktueller geworden ist, veröffentlichen wir ihn jetzt hier.

Eine Linke, die nur noch Verteilungsfragen kennt und den Bezug zur Produktionssphäre verloren hat, hat den Bezug zur ArbeiterInnenklasse und zur Realität verloren.

Vor langer, langer Zeit kamen zahlreiche Delegierte etlicher linker “Zusammenhänge” zusammen, um – wieder einmal – die Gründung einer bundesweiten Organisation in die Wege zu leiten. Ein Teilnehmer klärte die Anwesenden darüber auf, dass der Bezug auf irgendeine ArbeiterInnenklasse nicht zweckmäßig sei, zumal es z.B. Produktionsarbeiter fast gar nicht mehr gäbe, höchstens vielleicht noch in irgendeiner Klitsche hinter Spandau. Er sagte dies, während so gut wie alles um ihn herum (abgesehen von der Luft, den Organismen usw.) von ArbeiterInnen geschaffen worden war: Der Stuhl, auf dem er saß, die Kleidung an seinem Leib, sein Laptop und das Gebäude um ihn herum, das Fahrzeug, mit dem er angereist war, die Verfügbarkeit der Energie, mit der der Saal beleuchtet wurde, die Kanalisation und die Trinkwasserversorgung, das Telekommunikationsnetz…


Es wurde sehr deutlich, dass manche Linke in einer Phantasiewelt leben, die weniger mit der Wirklichkeit zu tun hat als Mittelerde oder Entenhausen.

Sicherlich: Waren sind geronnene menschliche Arbeit – in ihnen manifestiert sich aber auch menschliches Leiden und Sterben. Im kapitalistischen Herrschaftsverhältnis ist nicht nur die Arbeit, sondern auch der Tod der einen für den Reichtum der anderen keine Nebenerscheinung, sondern fester Bestandteil des Systems. Weltweit sterben jährlich über zwei Milllionen Angehörige jener Klasse, die es einer wahnhaften linken Denkrichtung zufolge eigentlich gar nicht mehr gibt, an den direkten Folgen ihrer Lohnarbeit. Sie sterben durch tödliche Arbeitsunfälle oder an Krankheiten, die sie sich infolge ihrer Erwerbstätigkeit zuzogen.

Zwei Jahrzehnte lang stand das systematische Ausblenden der Produktionssphäre und eine entschlossene Abkehr vom Proletariat hoch im Kurs bei weiten Teilen einer akademisch orientierten Metropolenlinken. Die aggressiven Versuche, mit der “Arbeiterbewegungslinken” aufzuräumen, gingen von der idealistischen Konstruktion einer “Multitude”, welche das bisherige revolutionäre Subjekt ersetzen sollte, bis hin zur völlig hirnverbrannten Aufforderung an die ArbeiterInnen, doch endlich den Arbeitsfetisch aufzugeben und einfach Schluss zu machen mit der Arbeit. Dass all dies und auch der Aufstieg einer postmodernen Identitätspolitik mit dem Siegeszug des Neoliberalismus einherging, ist kein Zufall.

Für einige linke “PhilosophInnen” aber, die so gewitzt gegen “die Arbeit” anschrieben und für die klar war, dass die ArbeiterInnen für linke Politik verzichtbar waren, kam der Strom eben einfach aus der Steckdose und das Essen vom Lieblingsitaliener im Kiez. Diesen Intellektuellen wäre es zu wünschen gewesen, dass das Proletariat seine Tätigkeit für einige Wochen aussetzt. Eine solche Probe ihrer Thesen wäre freilich schmerzhaft oder tödlich für sie verlaufen.1

Viele der Theorien und Diskussionen (oft akademischen Ursprungs) der letzten Jahrzehnte führten zu einer “Linken”, die sich nicht nur von der ArbeiterInnenklasse verabschiedet hat, sondern sogar von der Realität. Allerdings ist es auch nicht viel realitätsnäher, sich auf eine frei erfundene ArbeiterInnenklasse positiv zu beziehen – etwa eine, die aussieht wie in Deutschland 1930 oder eine, die den Weisheiten von autonomen Kleingruppen im Wesentlichen zustimmt.

“Schließlich und endlich macht man eine Revolution mit dem, was man zur Hand hat. Wenn ihr etwas Besseres wisst, gebt mir bitte Bescheid.”

Jesús Ibáñez

Mit dem Realitätsverlust der Linken und der zersetzenden Wirkung postmoderner Ideologie einher geht oft eine unerträgliche kulturelle Überheblichkeit. Etliche Linke verachten proletarischen Geschmack und proletarische Lebensweise. Sie glauben, dem Patchwork-Bewußtsein vieler ArbeiterInnen weit voraus zu sein, denn auch wenn sie vielleicht keinen Schimmer von der Welt haben, besitzen sie doch wenigstens ein völlig geschlossenes Weltbild. Etliche Linke teilen die Perspektive (klein-)bürgerlicher Kultur, in der ArbeiterInnen als pittoreske Opfer oder als verachtenswerte Clowns vorkommen. Schon lange salonfähig (bzw. VoKüfähig) ist die genüssliche Schmähung der älteren Generation des Proletariats. Ein Großteil der Linken ist stolz auf den eigenen “Kosmopolitismus” und ignoriert nicht nur, was weltweit tatsächlich geschieht, sondern auch was vor der eigenen Nase geschieht. Bei all dem gibt es kaum einen Unterschied zwischen “radikalen” Linken und dem neoliberalen Mainstream. Man verträgt sich entsprechend gut und für einige springt eine Karriere in der neoliberalen Propagandamaschinerie heraus. Die Verachtung für das Proletariat eint eben nicht nur, sie beweist auch tatsächliche Gemeinsamkeiten.

Über ArbeiterInnen reden – nicht mit ihnen

Im politischen Diskurs sollten Argumente zählen, nicht Klassenherkunft oder “Identität”. So kann es durchaus wertvoll sein, was AkademikerInnen zu sagen haben. Dieser Artikel ist kein Plädoyer für eine exklusiv proletarische Diskussion oder eine Privilegierung der Beiträge von ArbeiterInnen. Marx war kein Bergarbeiter, Engels kein Weber und Kropotkin kein Schlosser. Es ist jedoch zu konstatieren, dass ein Großteil der “radikalen” Linken bereits einen exklusiven Diskurs führt, nämlich einen unter Ausschluss der ArbeiterInnenklasse. Ob im Stadtteil oder sogar im Betrieb: Die Linke ist oft eine, die schlicht nicht bereit ist, zuzuhören. Sie hat allerdings ein extrem hohes Mitteilungsbedürfnis. Man bekommt leicht den Eindruck, dass hier gescheiterte RevoluzzerInnen vor allem dringend Eines wollen: Aufmerksamkeit.

Zugegeben: Unsere Klasse, das Proletariat, ist insgesamt reichlich unappetitlich und gibt wenig Anlass zu Zuversicht und Hoffnung. Doch auch wenn die ArbeiterInnenklasse (zumal hierzulande) in einem so desolaten Zustand ist: So widerlich wie Kleinbürgertum oder Bourgeoisie ist sie bei weitem nicht. Unsere Klasse ist unter anderem geschwächt durch Nationalismus und Rassismus, aber im betrieblichen Miteinander wird dieses Gift oft effizienter abgeschwächt als durch (trotzdem verdienstvolle) antirassistische und antinationalistische Flugblätter.

Wenn man die Arbeiterklasse nicht kennt, kann man umso leichter fantasieren, pauschalisieren und projizieren. Der naiven Vorstellung etwa, bei Trumps proletarischen WählerInnen würde es sich einfach um vom Populismus fehlgeleitete gute Menschen handeln, die mit ein paar netten Argumenten auf die “richtige Seite” zurückgeholt werden können, steht als noch idiotischerer Zwilling die Auffassung zur Seite, proletarische Trump-WählerInnen seien einfach bösartige unverbesserliche RassistInnen. Eine kindische Linke mag Komplexität und Ambiguität nicht aushalten können, aber das Proletariat besteht aus echten Menschen mit Interessen – und mit richtigen oder falschen Antworten.

Der Papa wird´s schon richten

Bei aller verbalen Staatsferne versprechen sich – wenn man genauer hinsieht – Teile der radikalen Linken das Heil einstweilen vom ideellen Gesamtpatriarchen: Von “Vater Staat”. Wie kleine Kinder in einer Wohlstandsgesellschaft begreifen sie nicht, dass die Ressourcen von Mama und Papa endlich sind. Da sie nicht Teil des Proletariats sind und sich auch nicht für Ökonomie interessieren, übersehen sie sehr bereitwillig: Alles, was verteilt werden soll, muss erst geschaffen werden. Eine reine Umverteilungs- und Versorgungslinke setzt vielleicht noch eine hohle Phrase mit Bezug auf irgendeine “soziale Revolution” unter ihre lustigen Pamphlete, ihre Ausführungen können aber oft übersetzt werden mit: Gebt uns Geld und im Übrigen sind wir für das Gute und gegen das Schlechte!. Sie überschätzt dabei maßlos die Blödheit der ProletarierInnen. Wieviel des vom Proletariat geschaffenen Wertes den KapitalistInnen anheimfällt und wieviel bei den ProletarierInnen bleibt, ist für ArbeiterInnen eine äußerst wichtige Frage, insofern geht es bei proletarischen Kämpfen eben sehr handfest und pragmatisch um Fragen der Umverteilung, der Rechte und um Reformen. Es geht aber eher nicht um leere Versprechungen oder alberne Sprüche und es geht schon gar nicht um ein “Gesehenwerden” oder mehr “Respekt” und weniger Klassismus.2

Es geht um eine tatsächliche Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage und schließlich um die Kontrolle über die Produktionsmittel.

Unterm Strich bleibt als trauriges Fazit festzuhalten:

Eine Linke, die auf die ArbeiterInnenklasse scheißt, ist eine Linke, auf die die ArbeiterInnenklasse scheißt.

1 Wie sich während der Coronakrise 2020 sehr leicht zeigen lässt, ist systemrelevant nicht unbedingt in jeder Gesellschaftsformation systemrelevant. Im “Reich der Freiheit” wird es immer noch notwendige Tätigkeiten geben, welche die Freiheit tatsächlich deutlich einschränken. Z.B. Produktion (inkl. Landwirtschaft), Logistik, Abfallwirtschaft, Bau, Versorgungswesen, Naturwissenschaften, Pflege, Medizin (Marx und Engels haben sich für den zukünftigen Kommunismus übrigens durchaus vorgestellt, dass ein Individuum sich nicht nur auf die Tätigkeit in nur einem Bereich festlegt: “In einer kommunistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter Anderm auch malen.” In : Die deutsche Ideologie). Um die kapitalistische Gesellschaft aufrechtzuerhalten braucht es natürlich noch ganz andere Berufe, z.B. Bänker, Hedgefond-Manager, Berufspolitikier, Soldaten und ein Heer von JournalistInnen, Kulturschaffenden und KulturvermittlerInnen, welche die herrschende Ideologie fortwährend reproduzieren.

2 Auch dies zeigt sich in der Zurückweisung der symbolischen Gesten, mit denen sich mache während der Corona-Pandemie beim Pflegepersonal z.B. durch Applaus bedanken wollen.

Quelle: https://www.redside.tk/2021/07/10/alles-faellt-vom-himmel/#more-21614
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Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #69 am: 19:16:55 Mi. 18.August 2021 »
Zitat
Klassenkampf wurde durch Respekt ersetzt. Das rächt sich nun.

(...) Spätestens als die Bundestagsabgeordneten im Plenum klatschten, verkehrte sich die anfangs noch gut gemeinte Geste in Hohn. Fast zeitgleich lockerte die Regierung das Arbeitszeitgesetz, das Mindestruhen und Höchstarbeitszeiten regelt – Pausen, die einst hart erkämpft wurden.

Die menschennahen Tätigkeiten, die Berufe der Grundversorgung und der Dienstleistung rückten plötzlich ins Zentrum – doch alles, was sie bekamen, war Symbolpolitik. Angela Merkel konnte den Menschen, die »den Laden am Laufen halten«, von Herzen danken, ohne aber Prämien oder ausreichend Arbeitsschutz zu gewähren. Die SPD verspricht im Wahlkampf eine »Gesellschaft des Respekts« und Olaf Scholz spricht bedeutungsschwanger von der Würde der Arbeit«, als hätte er mit dem von seiner Partei geschaffenen Niedriglohnsektor nichts zu tun.
(...)
Diese Form von Politik, die sich darauf beschränkt, die richtige Haltung zu verkörpern oder die überlegene moralische Sicht auf die Dinge zu vertreten, ist schon seit einiger Zeit im Kommen.
(...)
Doch wenn ein Pfleger in einer Talkshow auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie sagen muss, dass Klatschen einfach nicht ausreicht, dann verschafft sich die Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen wieder Gehör. Nimmt man ihre Forderungen ernst, merkt man schnell, dass bloße Anerkennung ohne Umverteilung von Macht, Zeit, Geld und Ressourcen eigentlich gar keine ist.
https://jacobin.de/artikel/die-politik-der-anerkennung-ist-gescheitert-ines-schwerdtner-anerkennungspolitik-symbolpolitik-olaf-scholz-spd-juergen-habermas-axel-honneth/

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #70 am: 16:33:34 Di. 24.August 2021 »
"Respekt" ist die billigste Möglichkeit ohne krassen Gesichtsverlust aus etwas raus zu kommen oder wenn Respekt eingefordert wird möchte man eigentlich Angst bzw. als mögliche Bedrohung gesehen werden.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #71 am: 17:14:46 Di. 24.August 2021 »
Die SPD plakatiert doch auch landauf landab irgendwelchen Mist vom "Respekt" (ich muss jeden Morgen an der Hackfresse von Olaf Scholz vorbei).
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #72 am: 17:40:44 Di. 24.August 2021 »
"Fair" ist auch so ein schwer angesagter Nullbegriff.

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #73 am: 17:48:19 Di. 11.Januar 2022 »
Édouard Louis ist bekannt für seine Romane, in denen er die täglichen Erniedrigungen des Arbeiterlebens schildert.

»Die Leute sind der Meinung, wir müssten die Arbeiterklasse als schön und sauber darstellen, um sie verteidigen und für sie kämpfen zu können. Sie müssten es verdient haben, dass wir sie unterstützen. Aber das ist eine rechte Sichtweise.«

https://jacobin.de/artikel/edouard-louis-interview-eigenverantwortung-nur-fur-arme-das-ende-von-eddy-arbeiterklasse-gelbwesten-literatur-frankreich-klasse/

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #74 am: 12:11:29 Sa. 26.Februar 2022 »
Klassenkampf ist etwas sehr praktisches, das mit unserem Alltag zu tun hat.
Es geht um Löhne, Preise oder Mieten.

Bin über das Bild eines Transparents für eine Veranstaltung über Soziales Arbeiten gestolpert.



Doch, doch, sehr gut. Ein Hinweis, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse zunehmend psychologisiert und verkleistert werden.

Dabei sind die Verhältnisse einfach, es geht um einen Kampf von unten gegen die da oben.
Wir brauchen keine Psychlogen und Vermittler, wir brauchen Zusammenhalt und Gegenwehr von unten.