Autor Thema: Klassenkampf - was ist das?  (Gelesen 9256 mal)

admin

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Re:Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #45 am: 10:09:09 Fr. 22.Juni 2018 »
Es war mir klar, daß bei meiner vereinfachenden Beschreibung klassenkämpferischer Strömungen, Widerspruch von allen Genannten kommen könnte. Alle haben sich "Revolution" (da nehmen wir den DGB und die meisten ELO-Inis mal aus) und das Erreichen der "Massen" auf ihre Fahnen geschrieben. Doch jede Organisation oder Bewegung hat ihre Schwerpunkte und Felder, in denen sie praktische Erfolge zu verzeichnen hat, doch unter dem Strich haben auch alle zusammen wenig Einfluß auf das Bewußtsein und Verhalten der Klasse, bzw. der "Massen". Die Klasse bleibt zersplittert und findet keine gemeinsamen Antworten auf die koordinierten Angriffe des Kapitals.

Ich halte es für notwendig, ALLE Organisationen und Strömungen und deren politische Praxis kritisch zu hinterfragen. Es ist erstrebenswert, die unterschiedlichen Positionen zu einem kritischen Austausch zu bewegen. Ich bin ein wenig stolz darauf, daß sich in der Community dieses Forums Leute mit politisch unterschiedlichstem Hintergrund befinden, die sich im politischen Alltag nicht riechen können und auch Leute ohne irgendwelche politischen Erfahrungen.

tleary

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Re:Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #46 am: 01:10:43 Sa. 23.Juni 2018 »
Die Linke allgemein ist in der BRD vollkommen marginalisiert. Sie hat auch keinen Einfluß mehr auf politische Diskussionen außerhalb ihres "Ghettos". Und in den Mainstream-Medien ist ihr politischer Standpunkt überhaupt nicht mehr vertreten. Da wird nur noch bis zum Erbrechen zwischen dem Scheinkonflikt Merkel/Seehofer in Sachen Flüchtlingspolitik berichtet. Eine genaue Analyse, welche Unterschiede es zwischen beiden Standpunkten überhaupt noch gibt, kann man dort auch nicht finden. - Wahrscheinlich weil diese bei genauer Betrachtung gar nicht allzu groß sind.
In den Worten des Admins steckt viel Wahrheit. Man sollte wirklich versuchen, Menschen durch gleiche Ziele versuchen zu organisieren, und nicht gleich zu Anfang nach deren politischer Gesinnung, und diese dann aufgrund dessen ausschließen.
»Wir wissen, so wie es ist, kann es nicht weiter gehen. Aber es geht weiter.«
(Autor unbekannt)

Kuddel

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Re:Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #47 am: 16:37:04 So. 11.November 2018 »
Die Linke allgemein ist in der BRD vollkommen marginalisiert. Sie hat auch keinen Einfluß mehr auf politische Diskussionen außerhalb ihres "Ghettos".

Bewegungen, die nicht in die Betriebe hineinreichen, werden nie ein echtes Druckmittel haben, um gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen.

Es geht nicht darum, Arbeitern zu sagen, was sie tun sollen. Überall brennt die Hütte. Überall ist die Situation kaum auszuhalten. Es gilt den Menschen zu helfen sich zu wehren bei den Dingen, die sie betreffen und sie am meisten belasten.

counselor

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Re:Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #48 am: 17:06:08 So. 11.November 2018 »
Bewegungen, die nicht in die Betriebe hineinreichen, werden nie ein echtes Druckmittel haben, um gesellschaftliche Veränderungen durchzusetzen.
Daran krankt zur Zeit die Bewegung gegen die Polizeigesetze und die Rechtsentwicklung der Bundesregierung.
Es geht nicht darum, Arbeitern zu sagen, was sie tun sollen. Überall brennt die Hütte. Überall ist die Situation kaum auszuhalten. Es gilt den Menschen zu helfen sich zu wehren bei den Dingen, die sie betreffen und sie am meisten belasten.
Nicht nur sich zu wehren, sondern den Menschen auch die gesellschaftlichen Ursachen für die Mißstände zu erläutern.

Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

admin

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Re:Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #49 am: 19:41:59 Do. 15.November 2018 »
«Wenn wir den Klassenkampf nicht verstehen, verstehen wir gar nichts»

Über die Bedeutung von Klassenbewusstsein


Gespräch mit Ken Loach

Der britische Filmregisseur Ken Loach ist einer der angesehensten Filmemacher unserer Zeit. Er ist ein sehr engagierter Künstler und einer der wenigen Regisseure, die zweimal die prestigeträchtige Goldene Palme von Cannes erhalten haben. In seinem Werk greift er oft soziale oder politische Themen auf. Sein Werk umspannt den spanischen Bürgerkrieg (Land and Freedom), den Streik der Hausmeister von Los Angeles (Bread and Roses), die Besetzung des Irak (Route Irish), den irischen Unabhängigkeitskrieg (The Wind that Shakes the Barley) und den Zwangsaspekt des Wohlfahrtsstaats (I, Daniel Blake). Ken Loach ist einer der wichtigsten Erzähler des Bewusstseins der Arbeiterklasse und dessen Veränderung in der Zeit des Neoliberalismus.

Im Gespräch mit dem italienischen Autor und Aktivisten ­Lorenzo Marsili spricht Loach über die Rolle der Kunst in Zeiten politischer Umwälzung, die Entwicklung der Arbeiterklasse, die Bedeutung des Klassenkampfs heute und das Versagen der Linken, eine radikale Veränderung anzustoßen.

http://www.sozonline.de/2018/10/wenn-wir-den-klassenkampf-nicht-verstehen-verstehen-wir-gar-nichts/

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #50 am: 10:22:57 So. 17.März 2019 »
"Klassenkampf" ist ein schwer angesagter Modebegriff, doch an der wenig wirkungvollen Herangehensweise der linken Szene hat sich nichts geändert. Man sieht sich weiter als Avantgarde, als Spitze des Kampfes für eine bessere Welt. Man will eine "bessere Welt" für die einfachen Menschen erkämpfen und entmündigt sie damit. Letztendlich blickt man nur herab auf diese Leute und kann sich nicht vorstellen, daß sie selbst kämpfen können oder den richtigen Weg finden. Mit dieser Arroganz ist man nur abschreckend.

Während die linke Szene mit dieser Haltung weiter im eigenen Saft schmort, haben Pegida, Trump, AfD und die Faschogewerkschaften es gelernt, die Sprache der einfachen Menschen zu sprechen und damit großen Erfolg.

Wir sollten nicht anbiedernd sein. Wir müssen uns auf Augenhöhe treffen. Wir sollten versuchen von den Menschen zu lernen, statt sie zu belehren. Die Klasse kann nicht befreit werden, sie kann sich nur selbst befreien. Wir sind keine Führer, wir können im besten Fall die Geburtshelfer von Kämpfen sein. Kämpfen müssen die Menschen schon selbst und niemand kann sie dabei vertreten.

counselor

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #51 am: 13:06:36 So. 17.März 2019 »
Man sieht sich weiter als Avantgarde, als Spitze des Kampfes für eine bessere Welt. Man will eine "bessere Welt" für die einfachen Menschen erkämpfen und entmündigt sie damit. Letztendlich blickt man nur herab auf diese Leute und kann sich nicht vorstellen, daß sie selbst kämpfen können oder den richtigen Weg finden. Mit dieser Arroganz ist man nur abschreckend.
Ich will Veränderungen zusammen mit den einfachen Menschen erkämpfen. Ich will, dass sich linke Ideen gegen die rechten Ideen durchsetzen. Die Menschen müssen von linken Ideen überzeugt werden.
Während die linke Szene mit dieser Haltung weiter im eigenen Saft schmort, haben Pegida, Trump, AfD und die Faschogewerkschaften es gelernt, die Sprache der einfachen Menschen zu sprechen und damit großen Erfolg.
Faschistische Ideen sind meiner Meinung nach da erfolgreich, wo sie auf ein niedriges Klassenbewußtsein und auf autoritäre Charaktere treffen.
Wir sollten nicht anbiedernd sein. Wir müssen uns auf Augenhöhe treffen. Wir sollten versuchen von den Menschen zu lernen, statt sie zu belehren. Die Klasse kann nicht befreit werden, sie kann sich nur selbst befreien. Wir sind keine Führer, wir können im besten Fall die Geburtshelfer von Kämpfen sein. Kämpfen müssen die Menschen schon selbst und niemand kann sie dabei vertreten.
Eine Stellvertreterpolitik lehne ich auch ab. Die Initiative muß von den Menschen an der Basis kommen. Das Bild vom Geburtshelfer trifft es gut.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #52 am: 13:46:09 So. 17.März 2019 »
Ich will Veränderungen zusammen mit den einfachen Menschen erkämpfen. Ich will, dass sich linke Ideen gegen die rechten Ideen durchsetzen. Die Menschen müssen von linken Ideen überzeugt werden.

Das ist auch nicht verkehrt.

Es geht bloß nicht mit einem reinen Dozieren. Das muß einen Bezug zum Leben und den eigenen, beziehungsweise gemeinsamen Problemen haben.

Man kann mit eigenen Worten erklären, daß es die kapitalistischen Verhältnisse sind, die dazu führen, daß einerseits Löhne, Sozialleistungen und Renten sinken, andererseits die Mieten steigen. Man muß klarstellen, daß die Parolen der Rechten keine funktionierenden Lösungen bieten, sondern die Probleme nur noch weiter verschärfen.

Man braucht linke Lösungen nicht mit besonders schönen Worten anzupreisen, man muß nur klarmachen, daß diese hilfreich sind bei der Bewältigung der eigenen Probleme. Wenn man sieht, daß diese linke Herangehensweise eine spürbare Verbesserung mit sich bringt, ist das 100x überzeugender, als die beste politische Rede.

Wenn wir in einem Betrieb helfen, Solidarität aufzubauen, um damit gegen eine anstehende Entlassung, nicht eingehaltene Arbeitssicherheit, oder den herablassenden Ton von Vorgesetzten vozugehen und man aus seiner linken Gesinnung keinen Hehl macht, ist das die beste Werbung für diese Ideen. Das gilt insbesondere dann, wenn die gemeinsamen Aktionen zum Erfolg geführt haben.

Das ist in Mieterfragen nichts anderes. Wenn es gelingt, gegen eine Kündigung, gegen eine falsche Nebenkostenabrechung oder Mieterhöhung gemeinsam vorzugehen, dann überzeugt man auch die Menschen. Es ist oftmals besser, seine politische Einstellung nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Man kann seine Gesinnung in seinem Verhalten klarstellen, eben indem man Migranten und Einheimische nicht unterschiedlich behandelt, indem man Solidarität zeigt, indem man sich einfach menschlich verhält und sein Verhalten nicht von Geldinteressen abhängig macht. Das spricht für sich und bedarf keiner zusätzlichen politischen Statements.

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #53 am: 21:05:36 Do. 11.Juli 2019 »
Ein Beitrag aus den USA:
Zitat
Seit dem Wahlsieg von Donald Trump wird in den USA wieder viel über ethnische Identitäten und Geschlechter diskutiert. Während Trumps Wähler überdurchschnittlich oft weiß und männlich sind, wählen Frauen und Minderheiten eher demokratisch. Der Literaturwissenschaftler Walter Benn Michaels gilt als profilierter Kritiker der sogenannten Identitätspolitik, bei der die Interessen von bestimmten ethnischen Gruppen oder Geschlechtern im Mittelpunkt stehen. Statt nur für mehr Repräsentanz von Schwarzen, Schwulen oder Frauen quer durch alle Schichten wirbt Michaels dafür, den Kapitalismus stärker zu bekämpfen.
(...)
Jeder Kampf gegen Diskriminierung muss klar eingebettet sein in einen Klassenkampf mit universellen Forderungen. Nehmen wir das Beispiel Krankenversicherung. Es wird derzeit viel über die Benachteiligung von Schwarzen im Gesundheitssektor diskutiert. Aber kann es wirklich unser Ziel sein, dass Afroamerikaner einfach genauso von dem renditegetriebenen System betrogen werden wie weiße Amerikaner?
(...)
Wir müssen universelle Forderungen erheben. Natürlich würden Schwarze von Medicare for all viel stärker profitieren als Weiße, aber eben auch alle anderen Armen. Das ist Klassenpolitik.
https://www.zeit.de/politik/2019-07/us-wahlkampf-demokraten-vielfalt-identitaetspolitik-klassenkampf-oktopus/komplettansicht

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #54 am: 16:44:03 Fr. 26.Juli 2019 »
Hier mal ein ganz persönlicher Blick auf den Klassenkampf...

Zitat
„Man muss die Angst akzeptieren, um wachsam zu bleiben, aber sie darf nicht die letzte Instanz sein.“

Karsten vom Bruch war 20 Jahre bei Bosch, zuletzt Vollzeit als Betriebsrat. Im Februar 2018 wurde ihm fristlos gekündigt. Ein Gespräch darüber, wie es ist, wenn man abhängig beschäftigt ist und zu unabhängige Gedanken hat.




Karsten vom Bruch, 50, arbeitete bis zu seiner Kündigung als Ingenieur beim Automobilzulieferer Bosch, darunter viele Jahre im Bereich Abgasnachbehandlung von Dieselmotoren in Stuttgart-Feuerbach. Seit mehr als zehn Jahren gehört er als IG Metall-Mitglied dem Betriebsrat des Unternehmens an – seit 2014 als freigestelltes Mitglied, also in Vollzeit.

Nach einer fristlosen Kündigung seitens des Arbeitgebers beträgt die von der Agentur für Arbeit verhängte Sperrfrist bis zu zwölf Wochen. Bei Karsten vom Bruch betrug sie die vollen drei Monate. Danach bezog er Arbeitslosengeld, anschließend bekam er für zwei Monate Arbeitslosengeld II.

Inzwischen arbeitet er als Rettungssanitäter, wie vor 30 Jahren im Zivildienst. Kurioserweise wurde er während seines Kündigungsverfahrens wieder in den Betriebsrat gewählt, weil er für dieses Ehrenamt passiv wählbar blieb. Falls er seine Kündigung in zweiter Instanz – die noch nicht terminiert ist – rückgängig machen kann, will er sein Amt in der darauffolgenden Betriebsratssitzung wieder wahrnehmen.

brand eins: Herr vom Bruch, nach Ihrer Sicht der Dinge wurde Ihnen gekündigt, weil Sie immer gesagt und getan haben, was Ihnen richtig vorkam. Hatten Sie nie Angst, dass das mal Ärger gibt?

Karsten vom Bruch: Ich bin nun mal einer, der den Mund aufmacht, wenn es sein muss. Klar habe ich finanzielle Ängste, schon wegen meiner vier Kinder. Als gekündigter Betriebsrat und Gewerkschafter im Alter von 50 Jahren noch einen neuen Job als Ingenieur zu finden ist sehr schwierig, wenn nicht unmöglich. Aber meine Aufgabe ist nicht nur, ein Einkommen für meine Kinder zu sichern, sondern auch die Gesellschaft voranzubringen, in der sie leben.

Dass Abhängigkeit Angst macht, ist menschlich. Arbeiter am Band, Ingenieure wie ich, aber auch Manager ganz oben – wir alle spüren Abhängigkeiten und Angst. Man muss die Angst als Berater akzeptieren, um wachsam zu bleiben, aber sie darf nicht die letzte Instanz sein.
(...)
https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2019/unabhaengigkeit/man-muss-die-angst-akzeptieren-um-wachsam-zu-bleiben?utm_source=pocket-newtab


Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #55 am: 15:35:08 Mi. 23.Oktober 2019 »
Neue Klassenpolitik muss praktisch werden! 
Vortrag Torsten Bewernitz


https://youtu.be/Z0g5X8DiZ_E

(eine Stunde)

Seit einigen Jahren diskutiert die radikale Linke eine „neue Klassenpolitik“. Oft bleibt diese allerdings in der Theorie und in akademischen Diskussionen stecken.

Das Thema „neue Klassenpolitik“ ist gleichzeitig Theorie-, Strategie- und Organisationsdebatte. Torsten Bewernitz hat in seiner Streitschrift „Syndikalismus und neue Klassenpolitik“ (Verlag Die Buchmacherei, Berlin 2019) einen konkreten Organisationsvorschlag gemacht, der bestehende Organisationsansätze zusammendenken und verbinden will.

Der Autor und Aktivist wird die Debatte um eine neue Klassenpolitik in Grundsätzen schildern und seinen eigenen Vorschlag zur Diskussion stellen.

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #56 am: 11:39:19 Mo. 02.Dezember 2019 »
Butterwegge zum Thema:

Zitat
Christoph Butterweege besteht in neuem Buch auf Klassengesellschaft

Christoph Butterwegges beschreibt in seinen neuen Buch „Die zerrissene Republik“ eine radikale Analyse der Ungleichheit in Deutschland.

Wo es langgeht, macht Christoph Butterwegge gleich im ersten Satz klar: „Seit geraumer Zeit ist die wachsende sozioökonomische Ungleichheit das Kardinalproblem unserer Gesellschaft.“ Eine solche Festlegung auf „das Kardinalproblem“ erscheint irritierend in Zeiten, da allenthalben der Klimawandel auf Platz eins der Problemskala gesetzt wird.
...
Wer mit dem Autor die Geschichte der Gesellschaftstheorie von Karl Marx bis heute verfolgt, kann das Beharren auf dem Begriff der Klassengesellschaft durchaus verstehen.
...
 Aber vielleicht muss eben etwas dicker auftragen, wer mit guten Gründen darauf beharrt, die gesellschaftliche Ungleichheit mit den Produktionsverhältnissen, also der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel, in Verbindung zu bringen. Das hat sich ja leider nicht erledigt, nur weil sich das „Proletariat“ heute aus unterschiedlichsten Gruppen zusammensetzt, vom Niedriglöhner im Dienstleistungsbereich bis zur „selbstständigen“, aber in Wahrheit höchst abhängigen Designerin in der Kreativwirtschaft.
...
...dass nämlich die Ungleichheitsverhältnisse kein Betriebsunfall des Kapitalismus sind, sondern dessen integraler Bestandteil; dass in diesem System der Reichtum der einen ohne die Armut der anderen nicht denkbar ist; dass also der Ungleichheit nicht wirklich abzuhelfen sei unter kapitalistischen Bedingungen.

Butterwegge findet die Politik armutsfördernd

Man muss wahrlich kein Dogmatiker sein, um diese Thesen wenigstens interessiert zur Kenntnis zu nehmen. Mit dem ganzen Wissensfundus des Armuts- und Reichtumsforschers führt Butterwegge vor, wie die Vermehrung der großen Vermögen durch eine durchaus armutsfördernde Politik abgesichert wurde und wird. Das reicht von den Steuersenkungen der vergangenen Jahrzehnte am oberen Ende (in den ganz frühen Jahren der Bundesrepublik lag der Grenzsteuersatz für die höchsten Einkommensbestandteile bei 95 Prozent, und zwar auf Anweisung der West-Alliierten!) über die Deregulierung des Arbeitsmarkts und die Schwächung der gesetzlichen Rentenversicherung bis zum Ende der Förderung für genossenschaftlichen und gemeinnützigen Wohnungsbau.
...
Aber es macht dieses Buch wertvoll, dass es die Entwicklung der Ungleichheit ohne Rücksicht auf gängige Erzählungen über den Segen der Niedriglohn-Arbeit, die notwendige Senkung von Standards wegen internationaler Konkurrenz oder den Nutzen der Schwarzen Null nachzeichnet. Wahrscheinlich geht das wirklich nur, wenn man auch die grundlegende Funktionsweise des modernen Kapitalismus kritisch im Auge hat. Und genau das mag der Grund dafür sein, dass Butterwegge so unbeirrbar auf dem Begriff der „Klasse“ beharrt.
...
So gehört zu den wenigen optimistischen Passagen in Butterwegges Buch das Lob für den Jungsozialisten Kevin Kühnert, der in einem Interview die Frage der Kollektivierung privaten Kapitals angesprochen hatte: „Dass ein bekannter Nachwuchspolitiker wie Kühnert solche Grundsatzfragen überhaupt anschnitt, war enorm wichtig für weitere Diskussionen über Möglichkeiten zur Beseitigung der sozioökonomischen Ungleichheit.“...
https://www.fr.de/kultur/literatur/literatur-klassenlagen-heutigen-kapitalismus-13256154.html