Autor Thema: Klassenkampf - was ist das?  (Gelesen 10694 mal)

counselor

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #60 am: 01:53:15 Di. 19.Mai 2020 »
Gedanken zum Zustand der Linken und zum Klassenkampf
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #61 am: 12:01:30 Fr. 22.Mai 2020 »
In diesen tristen Zeiten wird Geschichte geschrieben.

Viel zu wenig Beachtung findet der Voith Streik.
Noch in Zeiten, als das Demonstrationrecht quasi außer Kraft gesetzt war und der DGB eine "stay home" Politik verfolgte, ignorierten die Arbeiterinnen das gesellschaftliche Klima und legten die Arbeit nieder und gingen massiv auf die Straße.




In Deutschland kaum vorstellbar: Es wurden Zufahren blockiert und Sabotage gehört zu den Kampfformen, auch wenn die IGM das bestreitet.


In Bornheim ist es ähnlich. Einer überschaubaren Zahl migrantischer ArbeiterInnen platz der Kragen und sie erheben sich, um für ihre Rechte und Würde zu kämpfen und werden dabei von einigen externen Unterstüzern aktiv begleitet.

Welch Schock, daß die unsichtbaren Billigarbeiter nicht bemitleidendenswerte Geschöpfe sind, sondern als kollektiv handelnde Menschen zu einer politischen Kraft geworden sind. Bullen werden auf die Felder geschickt, um für Ruhe zu sorgen und aufgeschreckte Anwälte versuchen die ArbeiterInnen einzuschüchtern.

Jetzt ist das Geschrei groß, jetzt wird international über die Auseinandersetzung berichtet. Jetzt findet auf einem Spargelacker eine Pressekonferenz statt. Ja, hier schreiben die Unsichtbaren ein Stück Geschichte.

Sie zeigen, wie müßig es ist, ständig über die Macht der Bonzen, der Medien, des Staates und der Überwachung zu lamentieren. Wenn man kollektiv aufhört mitzuspielen, sieht man, wie die Drohkulisse der Herrschenden zerbröselt. Wenn die arbeitenden Menschen ihre Arbeit niederlegen, ist auch ein Polizei- und Überwachungsstaat hilflos.

Panait Musoiu

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #62 am: 12:39:59 Fr. 22.Mai 2020 »

Kuddel

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #63 am: 18:10:47 Fr. 07.August 2020 »
Diese Frage ist unter Linken nicht wirklich ausdiskutiert.

Es geht um einen Kampf zwischen denjenigen, die über Produktionsmittel und Reichtum verfügen und die Mehrheit der Menschen, die wenig bis nichts haben. Ein Kampf zwischen unten und oben.

Da ist die Frage, warum die Ausgebeuteten sich nur im Ausnahmefall kollektiv wehren und warum Linke so gut wie keinen Einfluß auf das haben, was die einfachen Leute diskutieren und tun.

Ich fand den Bericht über die Berliner Coronademo im Freitag nicht schlecht:
Zitat
Ich komme Unter den Linden an. Der Demonstrationszug formiert sich. Es ist fast alles dabei: klassische Familien mit Kindern, der jugendliche Hippie, den man früher auch auf einer Goa-Party hätte treffen können, einer trägt ein Minor-Threat-T-Shirt, musikalische Helden meiner Jugend. Ansonsten alles sehr bürgerlich, allerdings ästhetisch ärmlich. Mittvierziger mit Sandalen und komischen Hosen, Pegida-Style. Mit dem Soziologen Pierre Bourdieu könnte man sagen, dass hier ein Milieu mit geringem kulturellen und besonders wenig ästhetischem Kapital unterwegs ist. Es hat wenig Möglichkeiten, sich den Anschein von Hipness oder modischer Coolheit zu geben. Vieles erinnert an die Gelbwestenbewegung in Frankreich. Auffällig ist die rein weiße, hier sehr deutsch-kartofflige Zusammensetzung der „Corona-Rebellen“.
(...)
Eine Beobachtung auf dieser Demo belastet mich, sie ist schwer kommunizierbar. Viele Menschen, die sich hier zusammenfinden, wirken psychisch tangiert. Abgesehen von den wenigen, die wohl tatsächlich im klinischen Sinn ver-rückt sind, meine ich, bei vielen Demo-Besucher*innen ein sichtbares Leiden erkennen zu können. Ich weiß, dass das anmaßend klingt. Aber es gab im Zuge von 1968 ein Wissen aufseiten der Linken, dass der Kapitalismus die Zwischenmenschlichkeit zerstört.
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/hipster-sind-es-wohl-nicht

Hier sehe ich das große Problem. Die Linken sind desinteressiert und herablassend den einfachen Menschen gegenüber. Sie halten sich für schlauer, für moralischer, stilsicherer und besser aussehend, als der Pöbel. Man beschimpft die Aufbegehrenden, die Wütenden, die Verirrten und Verwirrten als dumm und rechts.

Die rechte Propaganda ist im Grunde sehr stumpf, aber sie profitiert davon, daß die politische Praxis der Linken noch stumpfer ist. Übernommen von der amerikanischen Altright-Bewegung hat man den politischen Kompaß einfach umgepolt. Man stellt die herrschenden Verhältnisse und ihre Vertreter als "links" dar. Angeführt von dem kommunistischen U-Boot Mutti Merkel (FDJ) sind die Medien Links bis linksradikal unterwandert, Universitäten und das gesamte Bildungssystem ist in der Hand von Linken. Die herrschenden Medien bedeuten Zensur und Maipulation, die Rechten kämpften für Meinungsfreiheit und Wahrheit. Die Linken sind die wahren Faschisten, die Antifa ist die neue SA und wird von der Bundesregierung finanziert. Die bürgerlichen Parteien sind immer weiter nach links gerückt, daß man, wenn man einfach nur konservativ wählen möchte, die AfD wählen muß. Die Rechten stehen für den Kampf gegen Unterdrückung und Diktatur. Mit einem solchen und ähnlichen ideologischen Überbau konnten selbst Typen wie Macron und Trump antreten als "Kämpfer gegen das Establishment". Blöder geht's kaum. Aber es funzt.

Ostdeutschland ist vom westdeutschen Kapital anektiert worden. Die Ostdeutschen sind verarscht und gedemütigt worden, sie wurden nicht nur ausgeraubt, entmündigt, man beschimpfte sie als Produkte einer Diktatur und unfähig zur Demokratie. Gleichzeitig hielt man sie fern von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Man ließ sie weiter verarmen, für die Westgewerkschaften war es auch nie ein Problem, daß der Ossi für die gleiche Arbeit weniger kriegt als der Wessi und die Infrastruktur wurde weiter runtergewirtschaftet, Büchereien wurden geschlossen und die Bus- und Bahnverbindungen ausgedünnt.

Es waren keine Linken vor Ort, als sich die Verzweiflung und die blinde Wut Bahn brachen. Die Vorarbeit haben schon Faschisten, der Verfassungsschutz, Polizeibehörden und andere Strategen geleistet. Immer kamen die Linken erst hinterher, um den (oftmals real ekligen) Mob als dumm und faschistisch zu beschimpfen. Es hat sich nicht aus den vorher genannten Gründen eine Gelbwestenbewegung gebildet, weil Pegida diese Stimmung erkannt und für sich genutzt hat. Die Linken waren immer nur danach da, um den Pöbel zu beschimpfen und den moralischen Zeigefinger zu erheben.

Da griffen dann die Stumpfen rechten Denkmodelle. Die Pegida Mitläufer beklagten ihre miesen Zukunftschancen, ihre niedrigen Renten und gaben auch "denen da oben" (im Westen) die Schuld. Sie wurden dann von den Medien, den Politikern und der Antifa angepöbelt.

Ähnlich im Coronazusammenhang, als Lockdown, widersprüchliche Maßnahmen, ökonomischer Niedergang und wachsende Probleme im Alltag, Zweifel an der gesamten Coraonapolitik aufkommen ließen, stießen die Zweifelnden auf eine Phalanx aus Medien, Politikern und Linken, die sie als dumm und verantwortungslos beschimpften.

Es gab keine Angebote von links, den sozialen und kulturellen Niedergang (der letzten Jahrzehnte) gemeinsam zu bekämpfen. Es gab keine (nennenswerte) Kritik an der staatlichen Coronapolitik, man war da eher staatstragend. Man machte in Zeiten extremer sozialer Konflikte den sozial Abgehängten kein Angebot zu sozialen Kämpfen. Mit den moralischen Vorwürfen trieb man die Menschen immer weiter in die Arme der Rechten.

Und die Rechten konnten sich tatsächlich als letzte Vertretung der Abgehängten inszenieren. Sie haben sich eine Art Klassenstandpunkt erarbeitet. Sie sind ein Bollwerk gegen die demütigenden Parolen der Linken.

Es bedarf jetzt nur noch ein paar Sprüche über die Merkelregierung, Lügenpresse und Coronadiktatur und schon ist es da, das Gemeinschaftsgefühl, nach dem sich die vom Neoliberalismus vereinzelten Menschen so sehnen. Den Rechten ist das gelungen, was unsere Aufgabe gewesen wäre.

Fritz Linow

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Re: Klassenkampf - was ist das?
« Antwort #64 am: 18:38:26 Fr. 07.August 2020 »
Heute wurde unter anderem in Bremen der Eingang zum Daimler-Werk im Rahmen einer Klimakampagne blockiert:

Statement von der Blockade am Mercedeswerk in Bremen: Unser Protest richtet sich nicht gegen die LKW Fahrenden oder die Arbeiter*innen von Mercedes!  Klimakampf heißt für uns Klassenkampf!
https://twitter.com/ILBremen/status/1291752065857916928

Bleibt zu hoffen, dass die wartenden LKW-Fahrer und der Schichtverkehr eine gute Kühlung haben und das ebenfalls so sehen.