Autor Thema: Frauen im Streik  (Gelesen 580 mal)

Kuddel

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Frauen im Streik
« am: 16:37:02 Di. 12.September 2017 »
Zitat
Frauen im Streik
Weibliche Beschäftigte spielen in Arbeitskämpfen eine wachsende Rolle. Doch die Verhandlungen führen weiterhin Männer – zum Beispiel im Sozial- und Erziehungsdienst



Hohe Organisations-, geringe Produktionsmacht: Streikende Erzieherinnen, hier bei einem Ausstand 2009 in Köln

Welche Rolle spielen Geschlechterverhältnisse in Arbeitskämpfen? Die Soziologinnen Ingrid Artus und Jessica Pflüger haben sich dieser sonst wenig beachteten Frage in einem Beitrag für die Fachzeitschrift Industrielle Beziehungen angenommen. Sie widersprechen der These, Frauen seien »hard to organize«, also nur schwer für gewerkschaftliche Organisierung zu gewinnen. In bezug auf Deutschland ist vielmehr von einer »Feminisierung des Arbeitskampfs« die Rede, die sich aus der Verschiebung des Geschehens weg von den traditionellen Industrien hin zum Dienstleistungssektor ergebe.

Zwar haben in den Jahren 2009, 2013 und 2015 tatsächlich mehr Frauen als Männer an Streiks teilgenommen, ein eindeutiges Bild liefert die Statistik jedoch nicht. Dennoch sehen die Autorinnen Hinweise auf einen Trend zur »Verweiblichung« der Gewerkschaftsbewegung. So fanden zuletzt vermehrt Arbeitskämpfe in typischen »Frauenberufen« wie dem Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialwesen sowie dem Einzelhandel statt.

Besondere Bedeutung hatte in diesem Zusammenhang der wochenlange Streik im Sozial- und Erziehungsdienst der Kommunen im Jahr 2015, den die Wissenschaftlerinnen als »Kampf um Aufwertung und Anerkennung« interpretieren. Zu dieser Aufwertung habe der Ausstand (wie sein Vorgänger 2009) vor allem einen symbolischen Beitrag geleistet, das Ziel einer materiellen Gleichstellung mit »Männerberufen«, die eine ähnliche Qualifikation erfordern, sei aber noch lange nicht erreicht.

Warum war der Streik materiell gesehen nicht sonderlich erfolgreich, obwohl die Beteiligten eine bemerkenswerte Aktionsbereitschaft, Ausdauer und Kreativität zeigten? Es habe den Erzieherinnen weder an »Marktmacht« noch an »Organisationsmacht« gefehlt, betonen die Autorinnen, die auf die große Nachfrage nach Fachkräften und den teilweise recht hohen Organisationsgrad in den Kitas verweisen. »Die Crux, so unsere These, lag vielmehr in jenem Bereich, der bislang häufig als ›Produktionsmacht‹ bezeichnet wird, d. h. der ›Macht, die aus der strategischen Stellung einer bestimmten Arbeitergruppe innerhalb eines industriellen Schlüsselsektors entspringt‹.«

Während nämlich Arbeitsniederlegungen in der Industrie direkten ökonomischen Druck auf den Kontrahenten ausübten, bestehe »im stark feminisierten Sektor sozialer Dienstleistungen ein (mindestens) dreiseitiges Beziehungsverhältnis zwischen Beschäftigten, Arbeitgebern und Klienten«. Vor diesem Hintergrund habe ein Streik im Sozial- und Erziehungsdienst zwar »erhebliche Störungsmacht (vor allem gegenüber den Eltern, aber auch den Kindern), diese kann jedoch kaum wirksam gegenüber dem ökonomischen Interessengegner eingesetzt werden«. Die Folge war, dass die Kommunen – die durch den Streik sogar noch Geld sparten – den Ausstand lange aussitzen konnten. In den Worten eines Verdi-Funktionärs: »Der Streik war erfolgreich, aber er hatte keine Wirkung.«

Eindrücklich ist ihre Darstellung der Rollenverteilung von Frauen und Männern in diesem. Während Frauen über 90 Prozent der Streikenden stellten, lag die gewerkschaftlichen Streikleitung komplett in männlicher Hand. Auch in der Schlichtung saßen – auf allen Seiten – ausschließlich Männer. Selbst bei den Konferenzen der Streikdelegierten waren männliche Beschäftigte mit geschätzt 25 Prozent stärker vertreten als in den Belegschaften.

Zugleich erkennen die Wissenschaftlerinnen Hinweise darauf, dass sich das »kollektive Selbstbewusstsein« unter den streikenden Erzieherinnen im Verlauf des Arbeitskampfs deutlich erhöht hat. Ausdruck dessen sei, dass die Streikdelegiertenkonferenz und die Mitgliedschaft den ersten Schlichterspruch ablehnten und auch den zweiten nur mit knapper Mehrheit akzeptierten. Im Interview erklärte eine Hortleiterin: »Im Streik 2009 wurden wir noch geführt, den Streik 2015 haben wir selbst in die Hand genommen.« Das mag für weite Teile des Arbeitskampfs gelten. Es stimmt jedoch nicht für die entscheidenden Verhandlungs- und Schlichtungsrunden. Diese überließen die größtenteils weiblichen Streikenden dennoch ihren ausschließlich männlichen Vertretern.
https://www.jungewelt.de/artikel/317231.frauen-im-streik.html



Ein weiterer Gedanke zum Thema:

In einem Gespräch, das ich mit einem alten Gewerkschaftslinken hatte, ging es um aktuelle Kämpfe. Er schwärmte von den letzten Demos der Erzieherinnen und Krankenschwestern und meinte, sie hätten "mehr Power gehabt, als unsere Demos in den 70ern". Seine Schlußfolgerung lautete: Wir müssen diese Bewegung in die Gewerkschaft bringen, um ihr wieder Leben zu einzuhauchen.

Es ist bei diesen Leuten wohl im Hirn festgefressen und sie haben nichts daraus gelernt, daß die Idee seit 40 Jahren gescheitert ist. Die Gewerkschaften verstehen sich mit ihrer Sozialpartnernschaft als Co-Manager der Wirtschaft und auch der beste Wille aller linken Gewerkschafter konnte an dieser Gewerkschaftspolitik nichts ändern.

Die Power dieser Streikbewegungen sollte man weder in den Gewerkschaftsapparat lenken, noch ignorieren. Wie kann man Diskussionen und Entscheidungsprozesse solcher Bewegungen stärken und von dem Zugriff der Gewerkschaftsbürokratie befreien?