Autor Thema: Widerstand in prekären Arbeitsverhältnissen  (Gelesen 588 mal)

Kuddel

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Widerstand in prekären Arbeitsverhältnissen
« am: 14:39:44 Sa. 07.April 2018 »
Wir erleben eine massive Ausweitung des prekären Arbeitsmarktes unter Ausbeutungsbedingungen, die an frühkapitalische Verhältnisse erinnern. Am radikalsten sind osteuropäische Arbeitsmigranten betroffen. Wir haben es da mit Tagelöhnerei zu tun, es gibt keinerlei soziale Absicherungen (keine Krankenversicherung, keine Arbeitslosenkohle), oftmals werden Löhne nicht ausgezahlt. Es bestehen oft keine schriftlichen Arbeitsverträge, manchmal sind die "Arbeitgeber" gleichzeitig Vermieter (Etagenbetten in Bruchbuden oder Containern), bei einem Konflikt mit dem Boß riskiert man nicht nur den Job zu verlieren, sondern auch obdachlos zu werden.

Die Grenzen sind fließend. Prekäre Arbeit gibt es an den Unis, die Arbeitsverträge von Professoren, Dozenten und Wissenschaftliche Mitarbeiter werden immer gruseliger, Studentenjobs sind mies und werden mieser. Die Bedingungen in der Pflege und der Logistik sind inakzeptabel, doch das ist längst nicht das Ende der Fahnenstange und in den Bereichen unterscheiden sich die Konditionen zwischen schlecht und total übel. Gerade Migranten sind von den fiesesten Bedingungen betroffen.

Dies ist nur möglich durch den staatlichen Rassismus (für viele Migranten keine Grundsicherung, Drohung mit Deportation) und wird verschärft durch den rassistischen Terror der rechten Szene.

Es gibt bisher wenig Ansätze zur Organisierung von Widerstand in dem Bereich. Vereinzelt gibt es Versuche von der FAU. Die wohl erfolgreichste Organisierung stellt wohl die MALL OF SHAME Kampagne in Berlin dar. Im Bereich der universitären Ausbeutung hat das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) http://mittelbau.net/ in meinen Augen gute Arbeit geleistet und einiges Potential. Auch bei den Fahrradkurieren von Deliveroo und Foodora gibt es ein paar vielversprechende Ansätze zur Organisierung der prekären Arbeitskräfte (auch in den Niederlanden und UK).

Im Bereich der Leiharbeit gibt es ein sich deutlich änderndes Klima. Die Hoffnung auf Übernahme in einen guten Betrieb ist gesunken, z.T. geschwunden. Es geht Leiharbeitsjobs wie Sand am Meer. Kommt einem der Chef blöd, haut man in den Sack und heuert woanders an. Die Drohung einer Kündigung hat ihre Wirkung verloren. Die gleichen Scheißbedingungen findet man auch woanders. Da wenig Aussicht besteht in den 1. Arbeitsmarkt aufzusteigen, guckt man jetzt, wie man sich innerhalb dieser Drecksbranche irgendwie wehrt. Das Klima ist gereizt. Es gibt einen wachsenden individuellen Widerstand, Widerworte, Brüllereien, auch zunhehmend Sabotage und wenn es nichts nützt, meldet man sich krank oder bleibt sogar ohne Krankmeldung weg. Viele sind dauergereizt, auf 180, krank, kaputt. Sie reagieren spontan ohne Rücksicht auf Verlust. Krankmeldungen als Kampfmittel werden immer bedeutender. Und hier gibt es sogar kollektive Kämpfe, gemeinsame Krankmeldungen, die einen wirkungsvollen Druck erzeugen.

Wir haben uns bisher kaum beschäftigt mit dem, was sich in der Migrantenszene tut.
Von außen gibt es kaum Versuche, sie zu organisieren. Vor Jahren gab es in der Baubranche die Forderung der IG Bau nach mehr Razzien "gegen Schwarzarbeit". Die dann folgenden Razzien ware de facto keine Maßnahmen gegen die Ausbeutung, sondern gegen die osteuropäischen Arbeitsmigranten, die dann deportiert wurden.

Unterstützung von osteuropäischen Arbeitsmigranten durch Beratung und Vermittlung von Anwälten kommt vereinzelt von DGB Gewerkschaften und von Kirchen. Im Transportsektor engagiert sich in dieser Richtung sogar ein Verband der Kleinspediteure. Weitere spürbare Hilfe kommt von engagierten Journalisten.

Mit Ausnahme der löblichen Ansätze aus Reihen der FAU, gibt es weder von Gewerkschaften, noch von Linken, Versuche, die Arbeiter zu unterstützen, eine gemeinsame Gegenwehr zu entwickeln.

Unter Migranten gibt es meist einen Austausch und Netzwerke innerhalb der Community der eigenen Nationalität. Gerade auf dem Bau kommt es gelegentlich zu harten Auseinandersetzungen in denen Fäuste fliegen, manchmal auch Messer gezückt werden. Häufiger wird teures technisches Gerät "beschlagnahmt" bei ausstehender Lohnzahlung, ggf. wird das Zeug selbst verkauft.

Spektakulär war eine Kranbesetzung und die Drohung sich bei einem Polizeieinsatz in den Tod zu stürzen. Im Rahmen der Mall of Shame Kampagen wurde gemeinsam demonstriert. Es wächst das Interesse daran, die Auseinandersetzung nicht allein mit dem Arbeitgeber auszufechten, sondern in der Öffenlichkeit, in der Gesellschaft, Unterstützung zu suchen. Es werden nun auch Pressekontakte von den betroffenen Migranten selbst gesucht.

Ein Aufbau von Kontakten und Netzwerken für den Austausch von Informationen und der Vermittung von Unterstützung, sollte angestrebt werden.
Die neu entstandenen Gruppen für Stadtteilarbeit könnten einen Schritt in diese Richtung bedeuten. Auch der Versuch in einer Amazonniederlassung mit der afrikanischen Community in der Belegeschaft enger zusammenzuarbeiten, ist vielversprechend.

Kuddel

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Re:Widerstand in prekären Arbeitsverhältnissen
« Antwort #1 am: 15:13:09 Fr. 19.Oktober 2018 »
Zitat
Rebellion der Niedriglöhner

Für mehr Geld und mehr Rechte: In Großbritannien streiken die Uber-Fahrer. Sie sind Teil einer wachsenden Bewegung aus prekär Beschäftigten, die sich nun organisieren.

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Der bunte Auflauf ist keine Feier, sondern ein Protest. Die Demonstranten sind Uber-Fahrer und gerade eben haben sie ihren ersten Streik in Großbritannien begonnen. Einen Tag lang wollen sie die Arbeit ruhen lassen. Uber-Kunden sind aufgerufen, keine Fahrten zu bestellen.
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Der Streik der Uber-Fahrer ist Teil einer ganzen Menge von Disputen, die derzeit auf den unteren Sprossen der britischen Einkommensleiter ausgetragen werden – dort, wo es kaum Arbeitsschutz und Krankengeld gibt, wo die Anstellungsverhältnisse unbeständig sind und die Arbeitszeiten lang. Das ist kein vernachlässigbarer Teil der Wirtschaft: Wie der Gewerkschaftsdachverband TUC im vergangenen Jahr errechnet hat, verdienen über drei Millionen Menschen in Großbritannien ihren Lebensunterhalt in prekären Arbeitsverhältnissen. Das sind 27 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Teilweise sind digitale Plattformen wie Uber und der Essensbringdienst Deliveroo dafür verantwortlich. Aber auch Kellner, Krankenpflegerinnen und Aushilfslehrerinnen sind betroffen.

In den vergangenen Jahren machten die sogenannten zero-hour contracts immer wieder Schlagzeilen: Verträge für Aushilfen auf Abruf. Sie verpflichten die Angestellten, auf der Matte zu stehen, wenn der Arbeitgeber sie braucht – braucht er sie nicht, haben sie eben Pech gehabt. In den meisten EU-Ländern sind solche Verträge entweder stark reguliert oder gar nicht erlaubt. In Großbritannien hingegen arbeiten derzeit 1,8 Millionen Angestellte in zero-hour contracts.

Großbritanniens flexibler Arbeitsmarkt wird von seinen Anhängern immer wieder als Erfolgsmodell angepriesen
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Es ist beispielsweise das einzige OSZE-Land, in dem von 2007 bis 2015 die Löhne sanken, während die Wirtschaft wuchs. Vor allem ärmere Haushalte konnten ihre Realeinkommen seit Anfang der 2000er-Jahre kaum erhöhen, Millionen stehen heute sogar schlechter da als vor 15 Jahren. Die Schulden der Privathaushalte sind auf insgesamt 200 Milliarden Pfund gewachsen. Dem nationalen Rechnungshof zufolge geben die ärmsten Haushalte ein Viertel ihres Monatseinkommens für den Schuldendienst aus.
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Dass die Arbeitnehmer angesichts solcher Zustände nicht ständig auf den Barrikaden stehen, hat auch mit dem Niedergang der Gewerkschaftsbewegung seit den 1980er-Jahren zu tun. In den vergangenen 40 Jahren hat sich die Zahl der Mitglieder auf rund sechs Millionen halbiert. Der öffentliche Sektor hat viele Dienstleistungen an private Unternehmen ausgelagert, was es ebenfalls erschwert, sich am Arbeitsplatz zu organisieren. Und in der Gig Economy, wo jeder auf sich allein gestellt ist, ist der Kontakt mit Kollegen sowieso praktisch ausgeschlossen.

Seit ein paar Monaten aber fordern immer mehr prekär Beschäftigte eine angemessene Bezahlung und umfassende Rechte am Arbeitsplatz. Vergangene Woche beispielsweise beteiligten sich Angestellte in der britischen Gastronomie an einem international koordinierten Arbeitsausstand: Kuriere von Uber Eats, die Mahlzeiten per Fahrrad von Restaurants zu ihren Kunden transportieren, Kellner der Pubkette JD Weatherspoon sowie Angestellte der Fastfoodketten McDonald’s und TGI Fridays legten die Arbeit nieder, um gegen ihre miserablen Löhne zu protestieren.   
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https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-10/grossbritannien-armut-niedriglohn-ausbeutung-protest

CubanNecktie

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Re:Widerstand in prekären Arbeitsverhältnissen
« Antwort #2 am: 19:09:51 Fr. 19.Oktober 2018 »
Löbliche Beispiele aus Grossbritanien - was wir auch brauchen, auch in Deutschland - politisch motivierte Generalstreiks, auch wenn verboten - egal - wie soll es denn endlich sonst besser werden? Einzelkampf wie ganz oben beschrieben auch gut. Ich denke da an den Zeitarbeits-Sklaven, der eine Industriebohrmaschine absichtlich mit einem Gabelstapler fallen ließ. :D :D :D Coole Aktion, leider wurde er aber dann bestraft. Doch das könnte man abfedern - so etwas wie eine "ROTE HILFE" für Saboteure, Wildstreikende - Arbeitsverweigerer ;)  u.ä.

Link zur Aktion "Industriebohrmaschine" / bzw. Sargnägel für die Zeitarbeit - Thread:
http://www.chefduzen.de/index.php?topic=119.msg336185#msg336185

Als ich aus nem miesen ArvatoCallcenterJob gekickt wurde, hatte ich auch einen 'Traum' zur Rache gehabt und wünschte, dass ich viele viele Headsetkabel durchtrennt hätte*. Wäre spaßig geworden, für die nächste Schicht u.ä. ...

Headsets wurden in der ersten Frühschicht immer aus einer großen Box verteilt. Zugang zur Box in der Nacht, Zange und knipps, knipps, knipps ... knipps
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