Autor Thema: Religion & Politik  (Gelesen 778 mal)

ManOfConstantSorrow

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Religion & Politik
« am: 10:43:52 Do. 26.Juli 2018 »
Fritz Linow hat den Palästinakonflikt-Diskussionsstrang ein wenig mit-zerschossen mit dem Gedankenausflug in die Rolle der Religion.
Doch die Gedanken waren durchaus inspirierend.

Diese Wunsch nach Trennung von Politik und Religion ist meiner Meinung ein Fehler und geboren aus dem verständlichen Willen in der Zeit der Aufklärung, die Fesseln der Macht zu sprengen. Dabei ging man aber damals davon aus, dass sich der Mensch entsprechend entlang eines Idealtypus entwickelt und er irgendwann einmal schon alleine aufgrund seiner Vernunftbegabung Religion als Mumpitz betrachtet. Seitdem sind 300 Jahre vergangen und die Aufklärung ist für’n Arsch.

Das Bedürfnis nach Religion/Glauben hat sich immer in den bestehenden Machstrukturen eingenistet und wurde dementsprechend missbraucht, egal ob es jetzt als Staatsreligion, als geduldete Religion oder ausdrücklich als entscheidungsferne und somit absolut private Religion behandelt wurde. Selbst bei größtem Widerstand ist Religion auf einmal integrierender Bestandteil der Herrschaftsstrukturen geworden. Gerade beim Christentum gibt es da die dollsten Geschichten. Und ansonsten enstehen halt Strukturen, die trotz aller Religionsferne auch nicht unbedingt geil sind.

Eine bloße Trennung von Politik und Religion hilft da also nicht weiter, weil damit lediglich eine Politik, die nichts anderes als Gier im Sinn hat, die Entscheidungen trifft, gegebenenfalls unter Zuhilfenahme der Religion. Da aber Religion trotz aller strikten Trennungswünsche immer auch Einfluss auf die Politik hat, macht es Sinn, die Leute mit ihrem Religionsbedürfnis ernstzunehmen. Zumindest in Bezug auf das Christentum wurde da irgendwie ziemlich viel Potential gleich zu Anfang und immer wieder zwischendurch bis hin zu einem marxistisch-leninistischen Vulgäratheismus vergeudet.

Im Forum wurde oft die negative Rolle von Religionen in der Gesellschaft erwähnt. Fritz regt an, auch über das positive Potential von Religionen zu diskutieren. Dafür habe ich nun diesen Thread eröffnet. Passend zum Thema lief dieser Tage ein Radiobeitrag im DLF, aus dem ich hier zitieren möchte:
Zitat
Don Andrea Gallo nahm nie ein Blatt vor dem Mund. Er starb 2013 im Alter von 84 Jahren. Er war katholischer Geistlicher und überzeugter Kommunist. Ein Mann, der unbequem war:

"Das ist doch ein Geschenk Gottes, die Homosexualität! Es ist doch Gottes Wille, wenn wir unsere eigene Sexualität ausleben. Dass Homosexuelle ausgegrenzt werden - wieso? Jesus spricht nie über Homosexualität."

Don Andrea Gallo bezeichnete sich auch als anarcho-christlich und als Radikalpazifist. Don Gallo war ständig Gast im Fernsehen und im Rundfunk. Seine Kirche versuchte immer wieder, ihn auf den ihrer Meinung nach rechten Weg zu bringen und sich nicht mehr für Homosexuelle, illegale Einwanderer, für Prostituierte, Transsexuelle und Streikende in Fabriken einzusetzen. Ohne Erfolg. Er ließ sich nicht bändigen.

Don Gallo war so berühmt in Italien, dass der ehemalige Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, nach Genua fuhr, um die Predigt zu halten bei der Trauerzeremonie für den verstorben Quergeist. Bagnasco als Repräsentant einer Kirche, die Don Gallo Zeit seines Lebens Steine in den Weg legte, wurde ausgepfiffen.

Der Kardinal musste seine Predigt abbrechen. Die Anhänger Don Gallos sangen in der Kirche lautstark das italienische Partisanenlied "Bella Ciao".

Der Bericht erwähnte weitere Freigeister in der Kirche:
Zitat
Don Antonio Belli etwa, dem 1993 verstorbenen radikal-kommunistischen Arbeiterpriester im apulischen Alessano. Oder Don Puglisi, der in Palermo gegen die Mafia kämpfte und dafür sein Leben ließ. Oder auch Don Oreste Benzi, der bis zu seinem Tod 2007 in offenem Widerspruch zu seinen kirchlichen Vorgesetzten nachts jene Straßen in Rimini aufsuchte, auf denen illegale Einwanderinnen, von Menschenschmugglern dazu gezwungen wurden, als Prostituierte zu arbeiten.
oder
Zitat
Italiens unbestritten radikalster Gottesnarr heißt Biagio Conte, Bruder Biagio genannt, und ist kein geweihter Priester und auch kein Ordensmann. Er ist ein selbsternannter Straßengeistlicher in Palermo, der sich wie ein mittelalterlicher Franziskaner kleidet. Mit seinen medial perfekt in Szene gesetzten Hungerstreiks gelingt es dem 54jährigen immer wieder, dass Stadt und Diözese Palermo ihm und seiner Gemeinschaft Wohnungen und ganze Gebäude gratis zur Verfügung stellen. Dort kümmert sich der auf Sizilien bereits wie ein Heiliger verehrte Pseudo-Mönch um Obdachlose, Arme, Prostituierte und andere sozial Ausgegrenzte. Seit kurzem auch mit dem Segen des Erzbischofs von Palermo und – wie es aus der Diözese heißt, auch inoffiziell mit dem Segen von Papst Franziskus.
https://www.deutschlandfunk.de/papst-wertet-kirchliche-quergeister-auf-franziskus-und-die.886.de.html?dram:article_id=423614
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Kuddel

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Re:Religion & Politik
« Antwort #1 am: 18:53:56 Fr. 12.Oktober 2018 »
Zitat
Sozialpfarrer:
Kirche schweigt zu Ausbeutung
Hat die Kirche Angst?


Welche Rolle hat die Kirche im Arbeitsleben der Gläubigen? Sozialpfarrer Peter Kossen meint, sie halte sich zu sehr raus und setze sich nicht ausreichend gegen menschenunwürdige Arbeitsverhältnisse ein. Für ihn ist das eine Frage der Glaubwürdigkeit.

weiter: https://www.domradio.de/themen/bist%C3%BCmer/2018-10-11/sozialpfarrer-kirche-schweigt-zu-ausbeutung

Kuddel

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Re:Religion & Politik
« Antwort #2 am: 08:50:35 Do. 18.Oktober 2018 »
Zitat
Kirchen halfen Kriegsverbrechern
Barmherzigkeit für Massenmörder

Sie trugen Schuld an Massakern und Deportationen - und fanden Beistand bei Bischöfen. Irritierend energisch verlangten christliche Würdenträger die Freilassung von Nazitätern.
http://www.spiegel.de/einestages/ns-verbrecher-die-barmherzige-hilfe-der-kirchen-a-1233489.html

Kuddel

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Re:Religion & Politik
« Antwort #3 am: 09:27:08 Sa. 27.Oktober 2018 »
Zitat
Argentinien
Öffentliche Kirchenaustritte als Protestaktion

Im Heimatland des Papstes werben Laizisten für den kollektiven Kirchenaustritt: Sie werfen der Institution eine unzulässige Einmischung in die politische Debatte vor. Mehrere Tausend Katholiken sind dem Aufruf schon gefolgt – auch aus Protest gegen die Vertuschung von Missbrauch durch die Kirche.
https://www.deutschlandfunk.de/argentinien-oeffentliche-kirchenaustritte-als-protestaktion.886.de.html?dram:article_id=429078

Fritz Linow

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Re:Religion & Politik
« Antwort #4 am: 15:01:49 Do. 01.November 2018 »
Zitat
Religiöse Linke in den USA

Mit Marx und Bibel gegen Trump

Die 70-jährige Maxine Phillips gehört den religiösen Sozialisten an. Seit Trumps Präsidentschaft haben auch sie deutlichen Zulauf.
(...)
http://taz.de/Religioese-Linke-in-den-USA/!5543961/

ManOfConstantSorrow

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Re:Religion & Politik
« Antwort #5 am: 09:40:06 So. 02.Dezember 2018 »
Wie sich christliche FundamentalistInnen, radikale AbtreibungsgegnerInnen und rechte Parteien verbünden, um an die Macht in Europa zu gelangen

taz
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ManOfConstantSorrow

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Re: Religion & Politik
« Antwort #6 am: 17:53:47 Sa. 12.Januar 2019 »
Gegen die Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter in der Deutschen Pampa (fern der Großstädte) engieren sich eher Kirchenleute, als die Gewerkschaften.

Zitat
Am Ende der Kräfte
Prälat Peter Kossen klagt Ausbeutung von Arbeitsmigranten an

Sie erhalten Mini-Löhne, leben in schlimmen Unterkünften. Kinder erleben Alkohol- und Drogenmissbrauch. Frauen werden zur Prostitution gezwungen. Prälat Peter Kossen klagt das Schicksal von Arbeitsmigranten an. Auch die Verhältnisse in Lengerich.



Prälat Peter Kossen kennt die Schicksale von Leiharbeitern aus osteuropäischen Ländern. Wenn er von ihnen spricht, wird der sonst stille katholische Geistliche zum engagierten Kämpfer.

Peter Kossen (50) ist seit zwei Jahren leitender Pfarrer in der katholischen Pfarrgemeinde Seliger Niels Stensen in Lengerich. Er setzt sich für eine gerechte Behandlung von Leiharbeitern aus dem ehemaligen Ostblock ein, die vor allem in der Fleischindustrie beschäftigt werden. Unser Redaktionsmitglied Günter Benning sprach mit ihm am Rand einer Veranstaltung des katholischen Bundes ND in Cloppenburg. In dieser Woche gründet er in Lengerich die „Aktion Würde und Gerechtigkeit”, die Arbeitsmigranten zu Rechtsschutz verhelfen will.

 Peter Kossen:
Ich war und bin konfrontiert mit Menschen und ihren Biografien, die ich im Erstkontakt nicht für möglich gehalten habe in unserem Rechtsstaat und unserer sozialen Marktwirtschaft. Nehmen wir als Beispiel: Das Schlafen im Drei-Schicht-System im gleichen Bett. Ich dachte, so etwas gibt es in unserer Zeit nicht mehr. Oder dass Menschen ständig über die Grenzen ihre körperlichen und psychischen Kräfte arbeiten müssen. Das hat mich aufgebracht und ich habe die Systemfrage gestellt.

Sie haben das erlebt in der Fleischindustrie. Sie kommen aus einer ländlichen Gegend, ihr Bruder ist Arzt im Landkreis Vechta. Wie sieht das konkret aus?

Peter Kossen:
Es ist so, dass in vielen Betrieben ein Großteil der Stammbelegschaft seit den 90er Jahren ersetzt wurde durch irreguläre Beschäftigung. Oft heißt das: prekäre Beschäftigung in Werks- oder Leiharbeitsverträgen. Da ist Unternehmerverantwortung verloren gegangen. Diese Leute sind ihren Arbeitgebern, die als Subunternehmer auftreten, völlig ausgeliefert. Das sieht dann so aus, dass die Leute jenseits unserer Bestimmungen arbeiten. Deutlich über die erlaubte Arbeitszeit hinaus. Wenn sie einen rumänischen Subunternehmer haben, dann stehen ihnen nicht mehr als fünf Tage Lohnfortzahlung im Krankheitsfall zu. Und sie haben keinen einzigen Tag regulären Urlaub im Jahr. Dadurch wird unser System ausgehöhlt. Dazu kommt häufig eine äußerst problematische Unterbringung, wo die Leute dann noch mal mit Wuchermieten für Rattenlöcher abgezockt werden.

Sie sprechen über die fleischverarbeitende Industrie. Aber auch als Pfarrer in Lengerich haben Sie mit dem Los von rumänischen und bulgarischen Leiharbeitern zu tun?

Peter Kossen:
Sogar in großer Zahl. Es gibt eine ganze Reihe von ihnen, die nicht nur in Lengerich arbeiten, sondern auch zu Schlachthöfen im Münsterland transportiert werden, aber auch zu anderen Unternehmen. Es gibt Kindergartenkinder aus problematischen Wohnverhältnissen. Da leben Eltern mit ihren Kindern in Verhältnissen, wo es Alkohol- und Drogenmissbrauch gibt, aber auch Prostitution. Ich weiß, dass eine Reihe von EU-Bürgern in diese Falle geraten: Ohne eine Arbeit erhalten sie dauerhaft kein Aufenthaltsrecht bei uns. Deshalb sind sie bereit, auch in der Logistik oder anderen Bereichen äußerst problematische Arbeitsverhältnisse in Kauf zu nehmen, um einen Fuß in der Tür zu behalten.

Wir glauben ja, in Deutschland gebe es klare Regeln für Arbeits- und Urlaubszeiten und Mindestlöhne. Wird das ausgehebelt?

Peter Kossen:
Das deutsche Arbeitsrecht unterstellt, dass der Arbeitnehmer sein Recht selbst geltend macht. Mit der Hilfe von Betriebsräten, Gewerkschaften oder auf dem Klageweg. Alles drei scheidet faktisch bei diesen Arbeitsmigranten aus. Sie sprechen die Sprache nicht, sie finden keinen Zugang zu einem Anwalt oder einer Rechtsberatung. Die Betriebsräte sind für sie nicht zuständig. So entsteht ein Vakuum, das von anderer Seite brutal ausgenutzt wird. Da ist Kriminalität im Spiel, das hat was mit Menschenhandel, mit konkreter Ausbeutung zu tun, auch mit Frauenhandel. Es gibt da fließende Grenzen zur Zwangsprostitution.

Auch in Lengerich?

Peter Kossen:
Ja. Mir berichten Erzieherinnen: Kindergartenmütter vertrauen ihnen an, dass sie, obwohl sie Kinder haben und es sicher nicht freiwillig tun, auf den Strich gehen müssen, um ihre Familie durchzubringen.

Was kann man als Konsument eigentlich tun?

Peter Kossen:
Die Gewerkschaft NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten) hat ausgerechnet, dass das Kilo Fleisch im Handel etwa sechs Cent teurer würde, wenn jeder in der Produktionskette zumindest den Mindestlohn bekommen würde. Das ist verschwindend gering. Mir scheint wichtig, durch unser Einkaufsverhalten deutlich zu machen: Der Konsument nimmt nicht einfach alles, nur, weil es billig ist. Letztlich hat alles seinen Preis. Wenn wir sie nicht bezahlen, zahlt ein anderer die Rechnung. Wollen wir das billige Fleisch um jeden Preis, dann lassen wir Menschen leiden, die mit ihrer Gesundheit zahlen.

Sie sprechen von der Fleischindustrie. Viele kennen den privaten Fall von Pflegekräften aus dem Osten, die für wenig Geld 24-Stunden-Betreuung ermöglichen. Das wird selten thematisiert. Gibt es eine Schamgrenze, die uns hindert, darüber offen zu sprechen?

Peter Kossen: Sicher auch, weil man nicht weiß, wie es alternativ aussehen kann. Aber es kann kein Grund dafür sein, zu sagen, ich nehme die billigste, nämlich die Polin, weil ich es sonst nicht bezahlen kann. Wir müssen die Probleme benennen, damit die Gesellschaft klärt, was uns zum Beispiel eine gute Altenpflege wert ist. Es darf nicht nur darum gehen: Das Billigste ist das beste.

Sie gründen demnächst in Lengerich einen Verein. Was soll der tun?

Peter Kossen:
Der Verein heißt „Aktion Würde und Gerechtigkeit”. Wir wollen zum Beispiel Menschen aus Rumänien und Bulgarien helfen, dass sie trotz ihrer Sprachschwierigkeiten ihre Rechte als Arbeitnehmer kennenlernen und auch geltend machen können. Da kann es um Unterstützung bei der Beantragung von Prozesskostenhilfe oder einen niederschwelligen Zugang zu Juristen gehen. Wir realisieren das mit der Hilfe von Rechtsanwälten, Ehrenamtlichen und auch mit öffentlichen Mitteln.

Kann man da eintreten, egal wo man wohnt?

Peter Kossen: Wir werden dazu einladen, den Verein ideell und finanziell zu unterstützen. Man kann etwas verändern!

Sind Sie zuversichtlich, dass unsere Gesellschaft den Vorteil aufgibt, den sie durch die Leiharbeiter genießt?

Peter Kossen: Es geht nicht ohne Verzicht. Verzicht ist ein Privileg der Habenden. Man kann aber aus guten Gründen verzichten oder sich etwas zurücknehmen, wenn man weiß, dass man etwas Größeres dadurch gewinnt. Das Größere, das wir gewinnen, ist die Solidarität, der Zusammenhalt der Gesellschaft. So wie es jetzt läuft, wird die Gesellschaft entsolidarisiert, sie driftet auseinander.
https://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Steinfurt/Lengerich/3602846-Am-Ende-der-Kraefte-Praelat-Peter-Kossen-klagt-Ausbeutung-von-Arbeitsmigranten-an


Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!