Autor Thema: Chemische Keule im Pflegeheim  (Gelesen 496 mal)

Kuddel

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Chemische Keule im Pflegeheim
« am: 08:46:16 Sa. 29.September 2018 »
Zitat
Polypharmazie im Pflegeheim
Chemische Zwangsjacke für Heimbewohner?


Autor:
    Dr. med. Horst Gross


Heimpatienten erhalten viel zu viele Medikamente. Eine rechtsmedizinische Studie zeigt Besorgniserregendes: Selbst bei Hochbetagten dominieren Psychopharmaka und Opioide die Hitliste.

Dass man bei alten Menschen vorsichtig im Umgang mit Medikamenten sein muss, ist zumindest theoretisch klar. Die Praxis dagegen sieht anders aus. Besonders gefährdet durch eine Polypharmazie sind hochbetagte Menschen im Heim.

Wie hier mit Medikamenten umgegangen wird, ist auch eine rechtsmedizinische Fragestellung. Der missbräuchliche Einsatz von Psychopharmaka (chemische Zwangsjacke) ist juristisch relevant. Und auch eine potenzielle Schädigung durch nicht altersgerechte Medikation kann durchaus den Sachverhalt der Körperverletzung darstellen.

Medikamententest im Asservat


Zu diesem Thema stellt das rechtsmedizinische Institut der Universität München in Halle eine Studie vor: Die Forscher hatten alle von der Staatsanwaltschaft angeordneten Sektionen von Heimpatienten zwischen 2013 und 2015 erneut ausgewertet. Von knapp 100 dieser Fälle lagen verwertbare Asservate (z. B. Urin) vor.

In einer aufwendigen Analyse prüften die Rechtsmediziner, welche Medikation die Patienten vor ihrem Tod erhalten hatten. Das Hauptaugenmerk galt dabei zwei Aspekten: Wie oft waren für alte Menschen ungeeignete Medikamente entsprechend der PRISCUS-Liste eingesetzt worden? Zum anderen wollten die Autoren wissen: Deutet der Einsatz von Psychopharmaka auf einen systematischen Missbrauch dieser Mittel hin?

Psychopharmaka-Mix

Das Medianalter der Patienten lag bei 84 Jahren. Die Heimbewohner nahmen im Durchschnitt mindestens fünf Medikamente zu sich. Damit lag schon per Definition bei etwa der Hälfte eine Polypharmazie vor. Erschreckend häufig handelte es sich um Psychopharmaka. Ebenfalls fast die Hälfte der Patienten erhielt antipsychotisch wirkende Mittel. Bei einem Drittel gelang der Nachweis von Antidepressiva und bei einem Viertel wurden Sedativa nachgewiesen.

Überschneidungen waren nicht untypisch. So fanden sich bei jedem zehnten Heimbewohner gleich mehrere Medikamente mit zentralnervöser Wirkung (z. B. Sedativa und Antipsychotika). Doch damit nicht genug: Ein Viertel erhielt, zum Teil in Kombination mit Psychopharmaka, auch Opioide. Einige Patienten sogar gleich zwei Medikamente aus dieser Pharmagruppe. Erschreckend hoch war der Anteil von Tilidin, das bekanntermaßen wegen Suchtgefahr außer Verkehr gezogen wurde.

Medikamente ohne Verordnung


Die Münchner Studie ist die erste ihrer Art. Sie verlässt sich bei der Erfassung der Medikation im Heim nicht auf unsichere Eintragungen in der Krankenakte, sondern objektiviert die tatsächliche Medikamentengabe durch biologische Messungen. In einer weiteren Analyse wollen die Rechtsmediziner nun prüfen, inwieweit die Ergebnisse überhaupt mit den Anordnungen in der Krankenakte übereinstimmen. Das könnte der Studie zusätzliche Brisanz verleiten.

Brisante Untersuchung


Auch wenn die Münchner Rechtsmediziner das Fazit ihrer Studie vorsichtig formuliert haben, so wird doch deutlich, dass hier erheblicher Handlungsbedarf besteht. In unseren Heimen geschehen Dinge, die so nicht passieren sollten. Obwohl es verboten ist, kommt in Altersheimen offenbar auch die »pharmakologische Zwangsjacke« zum Einsatz.

basierend auf: 97. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin (Halle/Saale, 2018). Veranstaltung: Medikamentennachweise bei Altenheimbewohnern – eine rechtsmedizinische Analyse. Institut für Rechtsmedizin, Universität München​​​​​​​
https://www.springermedizin.de/dgrm-jahrestagung-2018/internistische-arzneimitteltherapie/chemische-zwangsjacke-fuer-heimbewohner-/16149700