Autor Thema: Arbeit und linke Politik  (Gelesen 1027 mal)

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Arbeit und linke Politik
« am: 12:33:57 Di. 09.Oktober 2018 »
Dieses Forum wurde gegründet als Gegenentwurf zur herrschenden linken Politik.
Die Auseinandersetzungen, die von der linken Szene/Bewegung geführt werden, dienen der Selbstbestätigung und haben nahezu keine Auswirkungen auf die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse.

chefduzen gibt es, damit Menschen zusammenfinden entlang sozialer Probleme und Konflikte, auf einer antifaschistischen Grundlage. Ansonsten muß man weder "politisch" noch "links" sein, um hier über Probleme mit Ämtern, Job oder Vermietern zu reden. Nur wer hier neoliberal oder sozialdarwinistisch auftritt, fliegt hier ebenso schnell raus, wie ein Fascho.

Der wichtigste Ort für gesellschaftlich relevante Auseinandersetzungen sind weder Demonstrationen und Kundgebungen, noch Veranstaltungen oder Internetplattformen. Es ist der Arbeitsplatz. Dort ist es weitgehend ruhig und so ist auch der politische Stillstand zu erklären. Arbeit wird heute anders organisiert, als vor 100 Jahren: Homeoffice, Leiharbeit, Werkverträge, Freiberuflichkeit und Scheinselbstständigkeit und Clickwork. Auf all das haben wir noch keine Antworten. Wir diskutieren die heutigen Methoden der Ausbeutungsmaschinerie kaum.

Bei chefduzen treten wir seit 16 Jahren weitgehend auf der Stelle. Kaum jemand hat die Grundidee, die hinter diesem Forum steht, auch nur im Ansatz verstanden. Ich bin schon froh, daß es zumindest nachgelassen hat, daß Leiharbeiter hier beschimpft und beleidigt werden, weil sie in der Leiharbeit schuften. Ihnen gab man die Schuld an der Existenz der Sklavenhändlerbranche, ja am ganzen Ausbeutersystems selbst. Immer wird nur Rückzug propagiert. Man soll nicht einen Job in der Leiharbeit, im Callcenter oder in der Logistik arbeiten. Dabei wären das die idealen Orte schlechthin, wenn man Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" angreifen möchte. Ich kenne Leute, die extra in solchen Ausbeuterbuden anheutern, um den Kampf aufzunehmen. Diese Leute bewundere ich und ich hoffe, ihr Herangehen macht Schule. Viel wichtiger sind diejenigen, die nicht aus "politischen" Gründen arbeiten gehen, sondern einfach arbeiten, um ihre Miete zu zahlen. Die sollten ihre Arbeit nicht nur erleiden und einen Notausgang suchen, sondern sie sollten überlegen, wie man sich wehrt und seine Würde bewahrt. Wir müssen erst wieder lernen, wie das geht. Es geht hier nicht um irgendwelche Fernziele wie "Streik", sondern um einfache Dinge, wie Widerspruch Vorgesetzten gegenüber, Einfordern an zustehenden Rechten, Absprachen mit Kollegen, langsam Arbeiten, Einsatz des "Gelben Scheins" und jede Menge mehr.

Selbst diese Schritte sind nicht immer einfach, doch sehr wichtig. So etwas sollten wir hier bequatschen. Man sollte einfach mal die Situation beschreiben, so daß auch Außenstehende sich ein Bild machen können. Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus? Worüber streitet man sich mit Kollegen und Vorgesetzten? Was nervt einen bei der Arbeit?

Diese Diskussionen wurden hier bisher nicht geführt. Jeglicher Ansatz ist immer kaputtgelabert worden, von irgendwelchen Schlaumeiern, die verkünden, daß man da auf keinen Fall arbeiten darf.

BGS

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Re:Arbeit und linke Politik
« Antwort #1 am: 13:30:08 Di. 09.Oktober 2018 »
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Der wichtigste Ort für gesellschaftlich relevante Auseinandersetzungen sind weder Demonstrationen und Kundgebungen, noch Veranstaltungen oder Internetplattformen. Es ist der Arbeitsplatz. Dort ist es weitgehend ruhig und so ist auch der politische Stillstand zu erklären. Arbeit wird heute anders organisiert, als vor 100 Jahren: Homeoffice, Leiharbeit, Werkverträge, Freiberuflichkeit und Scheinselbstständigkeit und Clickwork. Auf all das haben wir noch keine Antworten. Wir diskutieren die heutigen Methoden der Ausbeutungsmaschinerie kaum.

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Bei chefduzen treten wir seit 16 Jahren weitgehend auf der Stelle. Kaum jemand hat die Grundidee, die hinter diesem Forum steht, auch nur im Ansatz verstanden. Ich bin schon froh, daß es zumindest nachgelassen hat, daß Leiharbeiter hier beschimpft und beleidigt werden, weil sie in der Leiharbeit schuften. Ihnen gab man die Schuld an der Existenz der Sklavenhänderbranche, ja am ganzen Ausbeutersystems selbst. Immer wird nur Rückzug propagiert. Man soll nicht einen Job in der Leiharbeit, im Callcenter oder in der Logistik arbeiten.

Dabei wären das die idealen Orte schlechthin, wenn man Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" angreifen möchte. Ich kenne Leute, die extra in solchen Ausbeuterbuden anheutern, um den Kampf aufzunehmen. Diese Leute bewundere ich und ich hoffe, ihr Herangehen macht Schule. Viel wichtiger sind diejenigen, die nicht aus "politischen" Gründen arbeiten gehen, sondern einfach arbeiten, um ihre Miete zu zahlen. Dejenigen sollten ihre Arbeit nicht nur erleiden und einen Notausgang suchen, sondern sie sollten überlegen, wie man sich wehrt und sich seine Würde bewahrt. Wir müssen erst wieder lernen, wie das geht. Es geht hier nicht um irgendwelche Fernziele wie "Streik", sondern um einfache Dinge, wie Widerspruch Vorgesetzten gegenüber, Einfordern an zustehenden Rechten, Absprachen mit Kollegen, langsam Arbeiten, Einsatz des "Gelben Scheins" und jede Menge mehr.

Selbst diese Schritte sind nicht immer einfach, doch sehr wichtig. So etwas sollten wir hier bequatschen. Man sollte einfach mal die Situation beschreiben, so daß auch Außenstehende sich ein Bild machen können. Wie sieht ein normaler Arbeitstag aus? Worüber streitet man sich mit Kollegen und Vorgesetzten? Was nervt einen bei der Arbeit?
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Vielen Dank für die Verdeutlichungen.

Ist zwar geographisch weit weg von den Meisten, doch auch am Polarkreis gibt es langwierige prekäre Arbeitsverhältnisse (wie meines):

Der "Chef" hatte zuvor mir meine Arbeitszeit im Verhältnis zum Lohn Juni/Juli genau vorgerechnet und festgestellt, ich sei zwei Tage zuviel bezahlt worden an meinem Job im Hafen. So weit, so gut bzw. schlecht. Dann hiess es scheinbar grosszügig, ich könne die fehlenden beiden Tage nacharbeiten, indem ich einfach käme, wenn es mir passte. Ich arbeite nur auf Abruf direkt bei der Firma. Schon mehr als fünf Jahre inzwischen. Seit diesem Jahr lasse ich mir für die geleisteten Stunden monatlich Bescheinigungen ausstellen, damit mir die Arbeitsamtbürokratie vom Hals bleibt und um hoffentlich so meine Rechte als Arbeitnehmer in eventuellen zukünftigen Gerichtserfahren gegen den Arbeitgeber zu stärken. Denn Monat für Monat  heisst es in den Papieren "BGS
ist vorübergehend angestellt bei der Firma ... . " Immer "vorübergehend", dabei auf Abruf. 2018 war ich z.B. tätig im Januar, Februar, März, April, Mai, Juni, Juli, August und September . Mindestens 130 Arbeitstage (Mo.-Fr:) bis jetzt.

Heute früh kam ich somit zur Arbeit, da es mir passend schien und plötzlich hiess es, so ginge das nicht. Man würde mich anrufen, falls ich gebraucht würde. Ich hätte kotzen können, nach dem frühen Aufstehen und dem vorher Gesagtem!

Doch was blieb mir denn anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel  zu machen? Sogenannter Kollege stand neben dem Chef und tat so, als sei ich gar nicht da. Dabei sind sie auf meine kurzfristigen Einsätze angewiesen, jedes Mal.

Das ist eine der heutigen Methoden den Ausbeutungsmaschinerie. Werde vermutlich noch diese Woche wieder angerufen für eintägige, kurzfristige Arbeit.

Ein Arbeitstag ist min 9-stündig. Dabei wird mir täglich eine Stunde abgezogen für Pausen, für die die Zeit zumindest vier Monate im Sommer absolut nicht reicht.

Die Arbeiter, sollten sie in das Büro wollen, dürfen nur den Nebeneingang, der auch für LKW-Fahrer vorgesehen, benutzen. Natürlich ist man dennoch stets freundlich, wir sind schliesslich in Skandinavien... .

Ungefähr seit vier Jahren bin ich in der hiesigen Gewerkschaft, damit im eventuellen Konfliktfall mit dem Arbeitgeber ich nicht völlig alleine bin, denn die wenigen "Kollegen" kann man hinsichtlich Widerstand völlig vergessen.

Es setzt mir zu, wie ein Sklave arbeiten zu müssen, auf Abruf. Dass die Arbeit oft dreckicg, gefährlich und körperlich fordernd ist, liegt in ihrer Natur (Hafen).

Persönlich sehe ich keinen Weg, die hiesige Ungerechtigkeit oder "das kapitalistische System" anzugreifen. Dann bin ich den Job sofort los und werde wohl aus Mangel an Arbeitsplätzen und Altersgründen nur noch on Wasser und Brot leben.

Ich beklage mich nicht, schildere nur eine Form der Ausbeutung. Immer noch besser, als ARGE und dergleichen, leider.

Der Arbeitsplatz.ist isoliert, vereinzelt Allerorten.Keiner sieht den Kollegen.
]
MfG

BGS

"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

counselor

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Re:Arbeit und linke Politik
« Antwort #2 am: 17:57:32 Di. 09.Oktober 2018 »
Auch ich halte den Arbeitsplatz für entscheidend im Kampf für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung.

Ich arbeite 25 Stunden in einer Großküche mit angeschlossener Wäscherei. Der Lohn ist niedrig und reicht zum Leben nicht. Das Verhältnis zu den KollegInnen ist gut. Wir respektieren uns und begegnen uns auf Augenhöhe und es gibt einen gewissen Zusammenhalt. Die Führungsmethoden der Abteilungsleitung ist ehr liberal (von gelegentlichen Ausrutschern abgesehen). Die Arbeit ist körperlich hauptsächlich im Stehen (typische Küchenarbeiten bis hin zur Reinigung des Hauses).

Zusammen mit einem Kollegen versuche ich, etwas Klassenbewußtsein in den Laden zu bringen. Von Kämpfen sind wir aber meilenweit entfernt. Viele Kollegen meinen, man könnte nichts ändern oder sind einfach heilfroh, überhaupt Arbeit zu haben. So war es ein Erfolg, einige Kollegen für die Wahlkampfkundgebung der Linken mit Gregor Gysi zu mobilisieren.

Das größte Ärgernis für mich ist der mickrige Lohn, der zum Leben nicht reicht.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

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Re:Arbeit und linke Politik
« Antwort #3 am: 12:45:18 Mi. 10.Oktober 2018 »
Ich arbeite nur auf Abruf direkt bei der Firma.
Immer "vorübergehend", dabei auf Abruf.
Werde vermutlich noch diese Woche wieder angerufen für eintägige, kurzfristige Arbeit.

Ich kenne das gut. Ich habe über längere Phasen auch so gelebt.
Ich hatte subjektiv die Tagelöhnerei als persönliche Freiheit wahrgenommen, denn sie war mir lieber als das Gefühl, mein gesamtes Leben dem Rythmus der Stechuhr und dem betrieblichen Alltag zu unterwerfen. Ich verzichtete auf größere ökonomische Ansprüche und wurde entschädigt mit einem Haufen Zeit, die ich für mich hatte und die nicht mit Geld aufzuwiegen ist.
Das funktionierte aber nur so lange, wie die Tagelöhnerei halbwegs vernünftig entlohnt wurde und man von der Maloche noch Geld zurücklegen konnte. Wenn nichteinmal diese Jobs angeboten wurden, wurde das Gefühl der Freiheit von dem der Panik abgelöst.
Wenn man älter wird und die Gesundheit immer weniger robust ist, funktioniert dieses Lebenskonzept sowieso immer weniger.
Ich war immer davon überzeugt, ich könnte mir irgendwelche individuellen Nischen erhalten im ökonomischen Klarkommen.
Die Ausbeutungsverhältnisse änderns sich von Tag zu Tag, doch nicht zum besseren. Die Realität hat mich gelehrt, daß ich mir war vorgemacht habe.
Es gibt keine individuellen Auswege aus diesen Verhältnissen (wenn wir nicht mit dem goldenen Löffel im Mund auf die Welt gekommen sind).
Ich sehe keine Alternative dazu, sich kollektiv mit den Verhältnissen auseinanderzusetzen, alles andere bedeutet, wir werden von ihnen zerrieben, jeder für sich allein.

Kuddel

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #4 am: 19:30:48 Sa. 14.Dezember 2019 »
Ich bin gerade zurück von einem Treffen von ehemaligen Opelarbeitern und Daimlerarbeitern. Einige hatten ihre Wurzeln in der 68er Bewegung, einer berichtete, wie er damals als Student in die Fabrik gegangen ist, um die Revolution voranzutreiben, die er vor der Tür zu stehen glaubte.

Es ist da auch eine Agitpropgruppe aufgetreten mit ein paar Kampfliedern mit selbstgeschriebenem Text. Sie treten manchmal am Daimlerwerkstor auf, während andere Flugblätter verteilen. Es war schon beeindruckend, auch bewegegend, aber auch ein wenig aus der Zeit gefallen. Es war alles im Stil der 20er Jahre gehalten. Aber Hut ab, es werden eh viel zu wenig Flugblätter vor Werkstoren verteilt, aber musikalische Propaganda in der heutigen Zeit, das war mir neu. Man sollte sich battlen, andere Musikprojekte mit einem zeitgemäßerem Sound gegen Retrokultur. Das wär mal was. Mir gefällt der Gedanke.

Aber auch die alten Recken sind sich nicht so einig, wie man mit den gemachten Erfahrungen umgehen soll. Einig war man sich darin, daß man die Kollegen mit betrieblichen Themen und Problemen erreichen kann, man aber über den betrieblichen Tellerrand ninausblicken muß und eine andere Gesellschaft im Fokus behalten sollte. Die Selbstermächtigung der Arbeiter*innen und der Wilde Streik sollten angestrebt werden und daß die IGM ein korrupter Drecksverein ist, der neben Eigeninteressen nur die Konkurrenzfrähigkeit der deutschen Wirtschaft im Auge hat, da war man sich noch einig. Aber in wieweit man den Gewerkschaftsapparat und gewerkschaftliche Strukturen für den Kampf nutzen sollte oder kann, darüber gingen die Meinungen auseinander. Die Diskutanten wurden nicht nur immer lauter, sondern auch unflätiger und ich dachte, gleich hauen sich noch die Kollegen im fortgeschrittenen Rentenalter gegenseitig auf die Fresse. Es war wirklich sehr unterhaltsam

Fritz Linow

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #5 am: 15:40:12 Mi. 15.April 2020 »
Zitat
14.4.20
Alles fällt vom Himmel

Eine Linke, die nur noch Verteilungsfragen kennt und den Bezug zur Produktionssphäre verloren hat, hat den Bezug zur ArbeiterInnenklasse und zur Realität verloren.
(...)
Es geht um eine tatsächliche Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage und schließlich um die Kontrolle über die Produktionsmittel.

Unterm Strich bleibt als trauriges Fazit festzuhalten:

Eine Linke, die auf die ArbeiterInnenklasse scheißt, ist eine Linke, auf die die ArbeiterInnenklasse scheißt.
https://www.autonomie-magazin.org/2020/04/14/alles-faellt-vom-himmel/


Kuddel

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #6 am: 09:56:30 Sa. 13.Juni 2020 »
Es ist in der gesamten linken Szene so und auch nicht anders hier bei chefduzen:
Wenn ein Unternehmen oder eine Branche einen besonders schlechten Ruf besitzt, dann hält man es für selbstverständlich, daß man einen großen Bogen um einen Job da macht. 

Es ist egal, ob Rüstungsindustrie oder Chemiebranche, ob Amazon oder Hermes, da zu arbeiten gilt als indiskutabel.

Warum eigentlich?

Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden von den Ausbeutungsverhältnissen und der Macht der Wirtschaft geprägt. Man wird diese Verhältnisse nur von innen angreifen können. Bei der deutschen Linken ist Politik eine Freizeitbeschäftigung. Man begibt sich dafür auf die Spielwiesen, die einem dafür gelassen werden. Das sind meist Demos. Die "Radikalen" halten da Auseinandersetzungen mit der Polizei für besonders politisch.

Man sucht sich einen Job, der einem irgendwie entgegenkommt. Vielleicht etwas soziales. Oder etwas mit Medien, mit Kultur, mit besonderen IT Kenntnissen... Viele landen in einem Start-up, in der Freiberuflichkeit, Soloselbständigkeit. Oder man studiert und hangelt sich anschließend von einem bezahltem Einzelprojekt zum nächsten. Gern sind es auch "politisch relevante" bezahlte Projekte und dann hängen auch FAU Leute am Tropf der RSL, ggf. auch Böckler- oder gar Friedrich-Ebert-Stiftung.

In dieser Art Jobs ist es nur schwer möglich, den Job zum politischen Kampffeld zu machen. Und in meiner Erfahrung waren in  "normalen" Jobs Leute aus der linksradikalen Szene eher schlechte Kollegen. Zusammenhalt mit Leuten, die sie für nicht politisch halten, ist ihnen fremd.

Kuddel

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #7 am: 12:54:38 Sa. 13.Juni 2020 »
Nun die Fortsetzung.

Selbsternannte Linksradikale sind bereit in den Auseinandersetzungen mit Bullen und Nazis Repression, selbst Knast in Kauf zu nehmen. Daß man eventuell eine Kröte schlucken muß, wenn man einen Job bewußt da antritt, wo man es politisch für sinnvoll hält, kommt im Denken einfach nicht vor.

Wenn man vorhat, den Betrieb als politisches Kampffeld zu nutzen, wird man es allein nicht weit bringen. Man braucht den Austausch mit anderen. Am besten mit Leuten aus dem Betrieb. Es hilft aber auch schon, seine Erlebnisse, Versuche und das Scheitern, mit Leuten von außerhalb zu diskutieren. Sonst hat man keine Chance.

Die meisten Leute hier im Forum haben mit solchen Gedanken warscheinlich wenig am Hut. Man arbeitet einfach der Scheißkohle wegen. Nach einer Zeit entwickelt jeder seine Strategien, wie man sich gegen den schlimmsten Mist im Arbeitsalltag wehrt, wie man fiese Vorgesetzte ins Leere laufen läßt, wie man sich Freiräume erhält, um den Arbeitsalltag auszuhalten.

Diese Erfahrungen sind die Basis für jede größere Auseinandersetzung.

Es ist nicht eine komische Marotte von mir, das Hauptinteresse auf den Kampf am Arbeitsplatz zu legen. Dort liegt die eigentliche Macht, das ist das Herz der kapitalistischen Verhätnisse. Wenn man von einer Revolution träumt, wenn man die herrschenden Machtverhältnisse aus den Angeln heben will, kommt man um den Kampf in den Betrieben nicht herum.

Eine handvoll Automobilararbeiter, die sich im Betrieb engagieren und gegen die PKW Produktion kämpfen (es gibt tatsächlich solche Betriebsaktivisten), haben mehr Wirkmacht als 5000 streikende Schüler, die mit fff für eine andere Verkehrspolitik demonstrieren.

Ferragus

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #8 am: 09:24:38 Di. 16.Juni 2020 »
Große Hindernisse für  Kämpfe am Arbeitsplatz sind Konformismus und Druck bzw. Kontrolle von oben, die nichts dem Zufall überlässt und nur Arbeiter in die Fabrik hinein lässt, die auch hineinpassen. Und schaut euch die High-Tech-Fabriken von Daimler und Co an, glaubt ihr dort wird sich der aufs Ganze gehende Klassenkampf entzünden? Mir erscheinen sie wie nahezu perfekte Gefängnisse, die gar nicht als solche wahrgenommen werden können. Ich kenne Leute, für die Ausbeutung erst bei einer gewissen niedrigen Lohnhöhe anfängt und  die es "geil" finden für die Auto-Industrie, z.B. bei Bosch, zu arbeiten, weil sie da fürstlich entlohnt und auch anderweitig eingespannt werden. Diese werden sicherlich über Arbeitgeber mit schlechter Publicity empören und auch den einen oder anderen Lohnkampf unterstützen. Aber wie will man mit diesen angepassten Arbeitern, die sich von ihrer Ohnmacht und Maschinen-Ähnlichkeit nicht beunruhigen lassen, die Fabrik aus den Angeln heben?

Kuddel

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #9 am: 12:43:09 Di. 16.Juni 2020 »
Hier möchte ich dir widersprechen.

Erstens: Der aufs Ganze gehende Klassenkampf wird sich nirgendwo entzünden, er wird sich erst aus einer Vielzahl von Einzelkämpfen entwickeln können und nach und nach übergeordnete Forderungen und Ziele entwickeln. Die Forderungen diverser lokaler Kämpfe sind eher sekundär. Hier wird jedoch das kollektive Kämpfen gelernt.

Zweitens: Es gibt keine perfekten Gefängnisse. Die H-Blocks des Hochsicherheitsknastes Long Kesh wurden zum Demütigen und Brechen der IRA Gefangenen konstruiert, doch die knallharten Kämpfe der Gefangenen und der Unterstützer außerhalb des Knastes waren nicht zu unterbinden.
Zitat
In der Folgezeit wurden praktisch alle Forderungen der Gefangenen erfüllt
https://de.wikipedia.org/wiki/Maze_Prison
Auch in Ausschwitz konnte sich kollektiver Widerstand entwickeln und es gelang die Vernichtungsmaschinerie zu verlangsamen durch die Sprengung von Verbrennungsöfen.

Ich halte es für problematisch, daß die Linke sich gern auf ein Modeziel einschießt. Da erhofft man sich den Zündfunken zur Revolution. "Amazon", "die Logistikbranche", "die prekäre Arbeit". Schön und gut, das sind zwar lohnende Ziele, ich halte es aber für schädlich, alle anderen Branchen und Bereiche aus dem Fokus zu verlieren, weil man meint, da sei alles maximal befriedet und Kämpfe wären undenkbar.

Gerade dort, wo es für undenkbar gehalten wird, macht das Kämpfen Sinn. Die Autoindustrie ist die mächtigste Kapitalfraktion im Land. Die sollte nicht in sich nicht in Sicherheit wiegen und sich für unangreifbar halten. Auch dort sind kämpfe möglich.



Es sind in diesem Bereich Betriebsgruppen nötig. Es gibt noch welche, die meist ihre Wurzeln in der unseligen Zeit der K-Gruppen liegt. Die meisten Gruppen sind zerfallen, die wenigen Überlebenden sind oftmals relativ zahnlos geworden. Die heutige sogenannte "radikale Linke" hat so gut wie keine Erfahrung mit Betriebsgruppen und ein Engegament in Bereichen wie der Automobilindustrie ist jenseits der Vorstellungswelt. Das halte ich für ein ernstes Problem.

Kuddel

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #10 am: 10:03:49 Mo. 28.September 2020 »
Ich weiß nicht, ob es ein Folge der Alternativbewegung der 70er Jahre ist...
Arbeit ist scheinbar weniger ein Ort, an dem man seine Kohle macht, sondern man sucht nach einer "Arbeit, die zu mir paßt". Es geht wohl um Selbstverwirklichung. Ich könnte kotzen.

Das ist nahezu gesellschaftlicher Konsenz. In der linken Szene ist es noch schlimmer. Das sucht man auch was, was medial, kreativ, ökologisch oder sozial ist. Und am wichtigsten, man möchte unter seinesgleichen sein.

Wenn man den Kapitalismus bekämpfen möchte, dann muß man die Ausbeutung bekämpfen. Dann muß man da sein, wo sie stattfindet. Man muß im Betrieb sein und von den Kollegen ernst genommen werden. Dazu muß man bereit sein, sich auf einen anderen Lebensstil und auf andere Menschen einzulassen.

Ich habe letzte Woche eine Mail gekriegt von einem Altgenossen (Rentner), der seine Erfahrungen beschrieb, wie er als linker Student in einen Betrieb gegangen ist:
Zitat
So war es dann meine eigene Entscheidung, 1970 bei Opel als Lagerarbeiter anzufangen und zu bleiben. Eine fremde Welt, mit über 20.000 Leuten, die allermeisten völlig anders drauf als ich. Zuerst hatte ich zu lernen, dass ich viel zu lernen hatte, besonders Geduld.  Wie konnte man eine Diskussion über eine andere Gesellschaft anfangen, an welchen Alltagserfahrungen anknüpfen?

Im Betrieb hatte ich bei den zahllosen Debatten über eine nicht-kapitalistische Produktionsweise immer wieder mit dem Argument zu tun "Das haben wir nicht gelernt, was du da so phantasierst, als große Mehrheit der Gesellschaft, ohne Privatbesitzer der Produktionsmittel, das Was und Wie der Produktion, die Verteilung der Produkte usw. in die eigene Regie zu nehmen...“

Heutzutage gibt es den Gedanken scheinbar nicht mehr, aus politischen Gründen in einen Betrieb zu gehen. Es könnte sogar politisch viel mehr Sinn machen, in einen Scheißbetrieb zu gehen, in die Auto- oder Rüstungsindustrie zum Beispiel. In den 80ern gab es eine Gruppe radikaler AKW Gegner, die hat auf einer AKW Baustelle angeheuert. Sie wollte die Arbeiter der Baustelle in einen Arbeitskampf führen. Es hat nicht geklappt. Ich halte aber diesen Ansatz für richtig, ja, für großartig!

Arbeitstechnisch sind Linke nicht klassenkämpferisch sonderlich engagiert, im Gegenteil, sie nehmen meist prekäre Bedingen hin, so lange sie ihre Miete zahlen können und mit ähnlich gestricken Menschen zusammenarbeiten. Politik ist etwas fürs Wochenende. Eine hoffentlich ordentlich militante Auseinandersetzung mit Bullen oder Nazis.

So hat der Kapitalismus keinerlei Ärger mit Linken. Sie bleiben auf den für sie vorgesehenen Spielwiesen.

Fritz Linow

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #11 am: 21:06:09 Mo. 28.September 2020 »
Zitat
Ich weiß nicht, ob es ein Folge der Alternativbewegung der 70er Jahre ist...

Ich sach ma ja. Andererseits hängt die Entstehung der Alternativbewegungen vielleicht auch mit dem Frust des Betriebsaktivismus zusammen. Auf jeden Fall ist es bis heute erschreckend, wie gering das Interesse selbst an einfachster Betriebsgymnastik ist.

Zitat
Heutzutage gibt es den Gedanken scheinbar nicht mehr, aus politischen Gründen in einen Betrieb zu gehen. Es könnte sogar politisch viel mehr Sinn machen, in einen Scheißbetrieb zu gehen, in die Auto- oder Rüstungsindustrie zum Beispiel.

Da wäre es mal interessant, ob es tatsächlich rein politische Gründe waren oder aber auch oekonomische Notwendigkeit. Anfang der 70er gab es eine Wirtschaftskrise und Berufsverbote. Vielleicht wurde aus der Not auch eine Tugend gemacht und wird heutzutage etwas verklärt. Gibt es Zahlen, wieviele in die Betriebe gegangen sind und dann ganz schnell wieder raus, sobald sie etwas Passenderes für sich gefunden hatten? Inwiefern konnten Betriebsratsposten einen vorzeitigen Abbruch verhindern, weil es halt doch angenehmer ist, als perspektivisch ewig am Band zu stehen?
Zitat
Arbeitstechnisch sind Linke nicht klassenkämpferisch sonderlich engagiert...

Wenn es tatsächlich so sein sollte, dann sind sie auf jeden Fall die falschen Ansprechpartner.

Kuddel

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #12 am: 18:24:27 Mi. 30.September 2020 »
Das sind eine Menge Fragen, zu denen viel gesagt werden kann.
Ich will es in mehreren Parts versuchen.

Zitat
Da wäre es mal interessant, ob es tatsächlich rein politische Gründe waren oder aber auch oekonomische Notwendigkeit.

Das läßt sich recht eindeutig für die 80er beantworten. Das war alles sehr überschaubar zu der Zeit. Unter Autonomen und Hausbesetzern galten Leute mit einem festen (nicht sozialen oder kunsthandwerklichen) Beruf als Zombies. Ich sah es nicht so. Ich war der erste in der Stadt, der aus dieser Szene einen Industrieberuf erlernte. Es war ein Problem, daß ich mit niemandem diese Erfahrungen diskutieren konnte, da niemand im Umfeld solche Erfahrungen kannte. Dann kamen einige wenige nach, einer der im Krankenhaus lernte, eine wurde Drucksetzerin, einer wurde Drucker und noch einer machte was, glaub ich, in der Logistik (oder Mechatroniker oder so).

Ich war politisch "geschult" und geprägt durch die Wildcat, was mich später sehr, sehr geärgert hat. Das hat mir das Leben schwer gemacht, sowohl in meinen politischen Abitionen, alsauch im Alltag. Dazu an anderer Stelle mehr.

Ja, ich habe es als im Nachhinein ein ernsthaftes Problem gesehen mit so einer verkopften Haltung in einen Betrieb zu gehen. Jahre später, als ich oft in England war, war es überraschend zu sehen, daß dort linksradikale und auch Punks es völlig normal fanden zur Arbeit zu gehen. Man hatte dort nie die "Soziale Hängematte", die uns den Luxus ermöglicht hat, auf die Arbeit und die Malocher herabzuschauen. Andererseits ist es in UK nicht so, daß sich Leute mit ihrem Job, ihrem Beruf und Arbeitgeber nur annähernd so identifizieren, wie in Deutschland. Ist halt nur 'n Job. Wenn man den verliert, sucht man ich nen neuen. So what!? Ich war neidisch und wünschte mir, ich wäre so ins Berufsleben eingestiegen. Die Parole der Wildcat "Kampf gegen die Arbeit" war für mich kontraproduktiv.

Meine Versuche im Betrieb etwas anzuleiern und Unruhe zu organisieren, sind krachend gescheitert. Mein Kumpel, der im Krankenhaus angefangen hat, hatte mehr Glück. Ich unterstützte ihn von außerhalb der Klinik und es lief wirklich gut an. Es war sogar irre erfolgreich. Ich zehre bis zum heutigen Tag davon. Der Drucker sah das eher als den angesagtesten Trend in der linksradikalen Szene und er genoß es, wenn irgendwelche Studenten ihn fragten, was denn die Arbeiter gerade denken. Ich glaube, der in der Logistik hatte auch ernste Versuche unternommen im betrieb etwas zu bewegen. Wir haben diese Dinge nie gemeinsam diskutiert, obwohl wir alle einander hin und wieder sahen. Ich hatte für den Logistiker und Drucker nur Verachtung übrig wegen ihrer Naivität dem DGB gegenüber. Der Drucker hatte einen ÖTV Aufkleber am Auto, der Logistiker gab damit an, den Gewerkschaftsausweis neben dem Führerschein in der Brieftasche zu haben, damit die Bullen den bei einer Kontrolle sehen würden. Die würden gnädiger sein, wg. des Gewerkschaftsausweises, denn Linksradikale hätte bekanntlicherweise keinen Beruf. Seine Ambition ging in Richtung Betriebsrat. Er wurde damit zum Troublemaker vom Management auserkoren und er wurde mit Methoden des Unionbustings mürbe gemacht. Obwohl er hochausgebildet war, setzte man ihn auf einen Gabelstapler und ließ ihn nur unterste Lagerarbeiten machen. Ein altlinker Vertrauensmann wollte mich in dem Großbetrieb auf die Liste zur Betriebsratswahl setzen. Ich wollte nicht. Ich wollte nur noch raus. Ich hab es in dem Betrieb nicht mehr ausgehalten.

In den 70ern gab es nicht nur eine handvoll Radikalinskis, die den Betriebsalltag aufmaischen wollten, es waren dutzende, nein hunderte, schätze ich. Die Zeite waren aber recht dogmatisch. Die aus den 70ern kamen aus den K-Gruppen und in den 80ern war man libertär und wollte mit den dogmatischen Kommunisten nicht zu tun haben. Man redete nicht miteinander, obwohl wir von deren Erfahren viel hätten lernen können. Ich habe eine Geschichte gehört, von einem Studenten, der in eine K-Gruppe eintreten wollte. Ihm wurde gesagt, "wir haben schon genug Studenten, wir brauchen Arbeiter". Er schmiß sein Studium und fing als Hilfsarbeiter in einem Traditionsunternehmen an. Dort wurde er Alkoholiker. Die K-Gruppe löste sich dann irgendwann auf. Er blieb in dem Laden bis zur Rente.

Ich habe später einige dieser Ex-K-Grüppler kennengelernt: Einige als meine neuen Chefs in einem Alternativbetrieb. "Alternativ" war er deshalb, weil wir der Firmennamen lustig, der Firmenwagen ein heruntergekommener Kleinbus mit Politaufklebern war und die Belegschaft aus der autonomen Szene angeheuert wurde. Da kriegt man uns dazu an Feiertagen zu arbeiten (Termindruck!) und als der Auftraggeber sich ohne Bezahlung verdrückt hat, wurden wir um einen Großteil unseres Lohnes betrogen.

Ich will nicht einfach über die 70er Jahre Aktivisten herziehen, denn unsere handvoll "Arbeiteraktivisten" der 80er hat sich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Der Drucker wurde Unternehmer, Verleger für eine Veranstaltungszeitung und ekelhafte Lifstylemagazine. Er lebte ein Spießerleben mit Familie, großen Eigenheim und fettem Mittelklassewagen, Grillen mit sozialdemokratischen Nachbarn. Die Drucksetzerin ist hauptberuflich Erbin, braucht sich nie wieder im Leben Geldsorgen zu machen und arbeitet manchmal selbständig zum eigenen Seelenheil und spendet ihre Einnahmen für einem guten Zweck. Der Logistiker ist inzwischen Professor. Der Krankempfelger hat die Seiten gewechselt. Er hat seinen politischen aktivismus an den Nagel gehängt. Hat eine innerbetriebliche Weiterbildung gemacht und ist jetzt in der Verwaltung. Er überprüft, ob auf den Stationen die Fallpauschalen eingehalten werden. Ich hab es nie geschafft mir ein ökonomisch halbwegs abgesichertes Leben zu organisieren. Es sieht bei mir oft recht prekär aus. Das ist im fortgeschrittenem Alter nicht mehr so leicht hinzunehmen, wie ich es oft als junger Hüpfer noch konnte.

ManOfConstantSorrow

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #13 am: 18:48:51 Di. 06.Oktober 2020 »
Job suchen, Stress machen

Die Angry Workers haben sich im industriellen West-London als Arbeiter*innen organisiert. Wie lief das?



Hier sieht man Leute auf dem Weg von der Arbeit in West-London. (Szene aus dem labournet.tv-Film »Wer sind die AngryWorkers?«)

Wir haben uns zu viert Jobs in verschiedenen Warenlagern gesucht, bevorzugt in größeren Betrieben.

https://www.akweb.de/bewegung/angry-workers-berichten-vom-klassenkampf-in-london/
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re: Arbeit und linke Politik
« Antwort #14 am: 18:46:10 So. 11.Oktober 2020 »
Inwiefern konnten Betriebsratsposten einen vorzeitigen Abbruch verhindern, weil es halt doch angenehmer ist, als perspektivisch ewig am Band zu stehen?

Das mit Betriebsratsposten war eher was für diejenigen, die in den 60er und 70er Jahren aus politischen Motivation in den Betrieb gegangen sind. Die nächste Generation, die mit linksradikalen Flausen im Kopf  es in den 80ern im Betrieb versuchen wollte, hatte kein Interesse an solchen Posten. Das Widersprach der libertären Einstellung, die zu der Zeit angesagt war. Diejenigen aus der vorangangenen Generation gaben auch kein sonderlich gutes Bild ab. Ich fand sie meist schlichtweg langweilig. Ich hatte vor, die Welt aus den Angeln zu heben und dieses Dreckssystem zu stürzen. Sie hatten sich damit abgefunden, kleine Brötchen zu backen und sich an die vorgegebenen Regel zu halten. Dafür sollte man jede Woche 40 Stunden seines Lebens verschenken? Es gab eine große Kluft zwischen uns und wir haben uns nicht über unsere Erfahrungen (unser Scheitern) ausgetauscht.

Naja, in einem Betrieb habe ich noch ein paar der alten K-Gruppen-Haudegen kennengelernt, die teilweise als Vertrauensleute oder BR unterwegs waren. Da gab es eine ziemliche Bandbreite. Einige waren ganz ok (obwohl sie gewerkschaftlich nicht gerade viel bewegt haben), andere waren abschreckende Beispiele. Ich erinnere insbesondere einen, der damals in einer Maoistischen Gruppe war, der noch durch die Rabatten gerobbt ist, um sich (recht bundeswehrmäßig) auf die bewaffnete Auseinanderstzung mit der herrschenden Klasse vorzubereiten. Als es mit der revolutionären Bewegung nicht gerade voranging, machte er die Erfahrung, wie angenehm das Leben im Betriebratsratsbüro sein kann, im Vergleich zum Tag in der lärmenden, stinkenden und giftigen Produktion, da wollte er nicht mehr zurück in die Halle. Er wollte den Blaumann nie wieder anziehen. Die IGM machte ihm Angebote. Er brauchte nie wieder den Blaumann anzuziehen. Er wurde ein gekauftes Arschloch, das sich sogar noch ein SPD Parteibuch geholt hat.

Diejenigen der alten Garde, die vielleicht politisch etwas planlos waren und definitiv recht frustriert hielten aber auch noch Kontakt zu mir, als ich nicht mehr in dem Laden arbeitete. Wir haben dann gemeinsam eine alte Betriebszeitung reanimiert, mit dem alten Header aus den 70ern. Da stand als Unterüberschrift "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" drauf. Nunja. Ich glaube, wir haben noch 3 Ausgaben davon herausgebracht. Ich war dann selbst zu frustriert und planlos, da ist das alles wieder auseinandergelaufen.

Heute ist es hauptsächlich die DKP, die noch einen Betriebsbezug hat. Die haben noch bei einigen Krankenhäusern einen Fuß in der Tür. Aber ein Betriebsratsposten ist bei denen das höchste der Gefühle. Die MLPD hat auch noch Betriebskontakte. Ich glaub, die sind auch scharf auf BR-Posten.


Ich halte den Austausch über die Erfahrungen gestern und heute für wichtig. Ich würde mich freuen, hier auch andere Stimmen zu hören.