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Arbeit und linke Politik

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Kuddel:
Ich weiß nicht, ob es ein Folge der Alternativbewegung der 70er Jahre ist...
Arbeit ist scheinbar weniger ein Ort, an dem man seine Kohle macht, sondern man sucht nach einer "Arbeit, die zu mir paßt". Es geht wohl um Selbstverwirklichung. Ich könnte kotzen.

Das ist nahezu gesellschaftlicher Konsenz. In der linken Szene ist es noch schlimmer. Das sucht man auch was, was medial, kreativ, ökologisch oder sozial ist. Und am wichtigsten, man möchte unter seinesgleichen sein.

Wenn man den Kapitalismus bekämpfen möchte, dann muß man die Ausbeutung bekämpfen. Dann muß man da sein, wo sie stattfindet. Man muß im Betrieb sein und von den Kollegen ernst genommen werden. Dazu muß man bereit sein, sich auf einen anderen Lebensstil und auf andere Menschen einzulassen.

Ich habe letzte Woche eine Mail gekriegt von einem Altgenossen (Rentner), der seine Erfahrungen beschrieb, wie er als linker Student in einen Betrieb gegangen ist:
--- Zitat ---So war es dann meine eigene Entscheidung, 1970 bei Opel als Lagerarbeiter anzufangen und zu bleiben. Eine fremde Welt, mit über 20.000 Leuten, die allermeisten völlig anders drauf als ich. Zuerst hatte ich zu lernen, dass ich viel zu lernen hatte, besonders Geduld.  Wie konnte man eine Diskussion über eine andere Gesellschaft anfangen, an welchen Alltagserfahrungen anknüpfen?

Im Betrieb hatte ich bei den zahllosen Debatten über eine nicht-kapitalistische Produktionsweise immer wieder mit dem Argument zu tun "Das haben wir nicht gelernt, was du da so phantasierst, als große Mehrheit der Gesellschaft, ohne Privatbesitzer der Produktionsmittel, das Was und Wie der Produktion, die Verteilung der Produkte usw. in die eigene Regie zu nehmen...“
--- Ende Zitat ---

Heutzutage gibt es den Gedanken scheinbar nicht mehr, aus politischen Gründen in einen Betrieb zu gehen. Es könnte sogar politisch viel mehr Sinn machen, in einen Scheißbetrieb zu gehen, in die Auto- oder Rüstungsindustrie zum Beispiel. In den 80ern gab es eine Gruppe radikaler AKW Gegner, die hat auf einer AKW Baustelle angeheuert. Sie wollte die Arbeiter der Baustelle in einen Arbeitskampf führen. Es hat nicht geklappt. Ich halte aber diesen Ansatz für richtig, ja, für großartig!

Arbeitstechnisch sind Linke nicht klassenkämpferisch sonderlich engagiert, im Gegenteil, sie nehmen meist prekäre Bedingen hin, so lange sie ihre Miete zahlen können und mit ähnlich gestricken Menschen zusammenarbeiten. Politik ist etwas fürs Wochenende. Eine hoffentlich ordentlich militante Auseinandersetzung mit Bullen oder Nazis.

So hat der Kapitalismus keinerlei Ärger mit Linken. Sie bleiben auf den für sie vorgesehenen Spielwiesen.

Fritz Linow:

--- Zitat ---Ich weiß nicht, ob es ein Folge der Alternativbewegung der 70er Jahre ist...
--- Ende Zitat ---

Ich sach ma ja. Andererseits hängt die Entstehung der Alternativbewegungen vielleicht auch mit dem Frust des Betriebsaktivismus zusammen. Auf jeden Fall ist es bis heute erschreckend, wie gering das Interesse selbst an einfachster Betriebsgymnastik ist.


--- Zitat ---Heutzutage gibt es den Gedanken scheinbar nicht mehr, aus politischen Gründen in einen Betrieb zu gehen. Es könnte sogar politisch viel mehr Sinn machen, in einen Scheißbetrieb zu gehen, in die Auto- oder Rüstungsindustrie zum Beispiel.
--- Ende Zitat ---

Da wäre es mal interessant, ob es tatsächlich rein politische Gründe waren oder aber auch oekonomische Notwendigkeit. Anfang der 70er gab es eine Wirtschaftskrise und Berufsverbote. Vielleicht wurde aus der Not auch eine Tugend gemacht und wird heutzutage etwas verklärt. Gibt es Zahlen, wieviele in die Betriebe gegangen sind und dann ganz schnell wieder raus, sobald sie etwas Passenderes für sich gefunden hatten? Inwiefern konnten Betriebsratsposten einen vorzeitigen Abbruch verhindern, weil es halt doch angenehmer ist, als perspektivisch ewig am Band zu stehen?

--- Zitat ---Arbeitstechnisch sind Linke nicht klassenkämpferisch sonderlich engagiert...
--- Ende Zitat ---

Wenn es tatsächlich so sein sollte, dann sind sie auf jeden Fall die falschen Ansprechpartner.

Kuddel:
Das sind eine Menge Fragen, zu denen viel gesagt werden kann.
Ich will es in mehreren Parts versuchen.


--- Zitat ---Da wäre es mal interessant, ob es tatsächlich rein politische Gründe waren oder aber auch oekonomische Notwendigkeit.
--- Ende Zitat ---

Das läßt sich recht eindeutig für die 80er beantworten. Das war alles sehr überschaubar zu der Zeit. Unter Autonomen und Hausbesetzern galten Leute mit einem festen (nicht sozialen oder kunsthandwerklichen) Beruf als Zombies. Ich sah es nicht so. Ich war der erste in der Stadt, der aus dieser Szene einen Industrieberuf erlernte. Es war ein Problem, daß ich mit niemandem diese Erfahrungen diskutieren konnte, da niemand im Umfeld solche Erfahrungen kannte. Dann kamen einige wenige nach, einer der im Krankenhaus lernte, eine wurde Drucksetzerin, einer wurde Drucker und noch einer machte was, glaub ich, in der Logistik (oder Mechatroniker oder so).

Ich war politisch "geschult" und geprägt durch die Wildcat, was mich später sehr, sehr geärgert hat. Das hat mir das Leben schwer gemacht, sowohl in meinen politischen Abitionen, alsauch im Alltag. Dazu an anderer Stelle mehr.

Ja, ich habe es als im Nachhinein ein ernsthaftes Problem gesehen mit so einer verkopften Haltung in einen Betrieb zu gehen. Jahre später, als ich oft in England war, war es überraschend zu sehen, daß dort linksradikale und auch Punks es völlig normal fanden zur Arbeit zu gehen. Man hatte dort nie die "Soziale Hängematte", die uns den Luxus ermöglicht hat, auf die Arbeit und die Malocher herabzuschauen. Andererseits ist es in UK nicht so, daß sich Leute mit ihrem Job, ihrem Beruf und Arbeitgeber nur annähernd so identifizieren, wie in Deutschland. Ist halt nur 'n Job. Wenn man den verliert, sucht man ich nen neuen. So what!? Ich war neidisch und wünschte mir, ich wäre so ins Berufsleben eingestiegen. Die Parole der Wildcat "Kampf gegen die Arbeit" war für mich kontraproduktiv.

Meine Versuche im Betrieb etwas anzuleiern und Unruhe zu organisieren, sind krachend gescheitert. Mein Kumpel, der im Krankenhaus angefangen hat, hatte mehr Glück. Ich unterstützte ihn von außerhalb der Klinik und es lief wirklich gut an. Es war sogar irre erfolgreich. Ich zehre bis zum heutigen Tag davon. Der Drucker sah das eher als den angesagtesten Trend in der linksradikalen Szene und er genoß es, wenn irgendwelche Studenten ihn fragten, was denn die Arbeiter gerade denken. Ich glaube, der in der Logistik hatte auch ernste Versuche unternommen im betrieb etwas zu bewegen. Wir haben diese Dinge nie gemeinsam diskutiert, obwohl wir alle einander hin und wieder sahen. Ich hatte für den Logistiker und Drucker nur Verachtung übrig wegen ihrer Naivität dem DGB gegenüber. Der Drucker hatte einen ÖTV Aufkleber am Auto, der Logistiker gab damit an, den Gewerkschaftsausweis neben dem Führerschein in der Brieftasche zu haben, damit die Bullen den bei einer Kontrolle sehen würden. Die würden gnädiger sein, wg. des Gewerkschaftsausweises, denn Linksradikale hätte bekanntlicherweise keinen Beruf. Seine Ambition ging in Richtung Betriebsrat. Er wurde damit zum Troublemaker vom Management auserkoren und er wurde mit Methoden des Unionbustings mürbe gemacht. Obwohl er hochausgebildet war, setzte man ihn auf einen Gabelstapler und ließ ihn nur unterste Lagerarbeiten machen. Ein altlinker Vertrauensmann wollte mich in dem Großbetrieb auf die Liste zur Betriebsratswahl setzen. Ich wollte nicht. Ich wollte nur noch raus. Ich hab es in dem Betrieb nicht mehr ausgehalten.

In den 70ern gab es nicht nur eine handvoll Radikalinskis, die den Betriebsalltag aufmaischen wollten, es waren dutzende, nein hunderte, schätze ich. Die Zeite waren aber recht dogmatisch. Die aus den 70ern kamen aus den K-Gruppen und in den 80ern war man libertär und wollte mit den dogmatischen Kommunisten nicht zu tun haben. Man redete nicht miteinander, obwohl wir von deren Erfahren viel hätten lernen können. Ich habe eine Geschichte gehört, von einem Studenten, der in eine K-Gruppe eintreten wollte. Ihm wurde gesagt, "wir haben schon genug Studenten, wir brauchen Arbeiter". Er schmiß sein Studium und fing als Hilfsarbeiter in einem Traditionsunternehmen an. Dort wurde er Alkoholiker. Die K-Gruppe löste sich dann irgendwann auf. Er blieb in dem Laden bis zur Rente.

Ich habe später einige dieser Ex-K-Grüppler kennengelernt: Einige als meine neuen Chefs in einem Alternativbetrieb. "Alternativ" war er deshalb, weil wir der Firmennamen lustig, der Firmenwagen ein heruntergekommener Kleinbus mit Politaufklebern war und die Belegschaft aus der autonomen Szene angeheuert wurde. Da kriegt man uns dazu an Feiertagen zu arbeiten (Termindruck!) und als der Auftraggeber sich ohne Bezahlung verdrückt hat, wurden wir um einen Großteil unseres Lohnes betrogen.

Ich will nicht einfach über die 70er Jahre Aktivisten herziehen, denn unsere handvoll "Arbeiteraktivisten" der 80er hat sich auch nicht mit Ruhm bekleckert. Der Drucker wurde Unternehmer, Verleger für eine Veranstaltungszeitung und ekelhafte Lifstylemagazine. Er lebte ein Spießerleben mit Familie, großen Eigenheim und fettem Mittelklassewagen, Grillen mit sozialdemokratischen Nachbarn. Die Drucksetzerin ist hauptberuflich Erbin, braucht sich nie wieder im Leben Geldsorgen zu machen und arbeitet manchmal selbständig zum eigenen Seelenheil und spendet ihre Einnahmen für einem guten Zweck. Der Logistiker ist inzwischen Professor. Der Krankempfelger hat die Seiten gewechselt. Er hat seinen politischen aktivismus an den Nagel gehängt. Hat eine innerbetriebliche Weiterbildung gemacht und ist jetzt in der Verwaltung. Er überprüft, ob auf den Stationen die Fallpauschalen eingehalten werden. Ich hab es nie geschafft mir ein ökonomisch halbwegs abgesichertes Leben zu organisieren. Es sieht bei mir oft recht prekär aus. Das ist im fortgeschrittenem Alter nicht mehr so leicht hinzunehmen, wie ich es oft als junger Hüpfer noch konnte.

ManOfConstantSorrow:
Job suchen, Stress machen

Die Angry Workers haben sich im industriellen West-London als Arbeiter*innen organisiert. Wie lief das?


Hier sieht man Leute auf dem Weg von der Arbeit in West-London. (Szene aus dem labournet.tv-Film »Wer sind die AngryWorkers?«)

Wir haben uns zu viert Jobs in verschiedenen Warenlagern gesucht, bevorzugt in größeren Betrieben.

https://www.akweb.de/bewegung/angry-workers-berichten-vom-klassenkampf-in-london/

Kuddel:

--- Zitat von: Fritz Linow am 21:06:09 Mo. 28.September 2020 ---Inwiefern konnten Betriebsratsposten einen vorzeitigen Abbruch verhindern, weil es halt doch angenehmer ist, als perspektivisch ewig am Band zu stehen?
--- Ende Zitat ---

Das mit Betriebsratsposten war eher was für diejenigen, die in den 60er und 70er Jahren aus politischen Motivation in den Betrieb gegangen sind. Die nächste Generation, die mit linksradikalen Flausen im Kopf  es in den 80ern im Betrieb versuchen wollte, hatte kein Interesse an solchen Posten. Das Widersprach der libertären Einstellung, die zu der Zeit angesagt war. Diejenigen aus der vorangangenen Generation gaben auch kein sonderlich gutes Bild ab. Ich fand sie meist schlichtweg langweilig. Ich hatte vor, die Welt aus den Angeln zu heben und dieses Dreckssystem zu stürzen. Sie hatten sich damit abgefunden, kleine Brötchen zu backen und sich an die vorgegebenen Regel zu halten. Dafür sollte man jede Woche 40 Stunden seines Lebens verschenken? Es gab eine große Kluft zwischen uns und wir haben uns nicht über unsere Erfahrungen (unser Scheitern) ausgetauscht.

Naja, in einem Betrieb habe ich noch ein paar der alten K-Gruppen-Haudegen kennengelernt, die teilweise als Vertrauensleute oder BR unterwegs waren. Da gab es eine ziemliche Bandbreite. Einige waren ganz ok (obwohl sie gewerkschaftlich nicht gerade viel bewegt haben), andere waren abschreckende Beispiele. Ich erinnere insbesondere einen, der damals in einer Maoistischen Gruppe war, der noch durch die Rabatten gerobbt ist, um sich (recht bundeswehrmäßig) auf die bewaffnete Auseinanderstzung mit der herrschenden Klasse vorzubereiten. Als es mit der revolutionären Bewegung nicht gerade voranging, machte er die Erfahrung, wie angenehm das Leben im Betriebratsratsbüro sein kann, im Vergleich zum Tag in der lärmenden, stinkenden und giftigen Produktion, da wollte er nicht mehr zurück in die Halle. Er wollte den Blaumann nie wieder anziehen. Die IGM machte ihm Angebote. Er brauchte nie wieder den Blaumann anzuziehen. Er wurde ein gekauftes Arschloch, das sich sogar noch ein SPD Parteibuch geholt hat.

Diejenigen der alten Garde, die vielleicht politisch etwas planlos waren und definitiv recht frustriert hielten aber auch noch Kontakt zu mir, als ich nicht mehr in dem Laden arbeitete. Wir haben dann gemeinsam eine alte Betriebszeitung reanimiert, mit dem alten Header aus den 70ern. Da stand als Unterüberschrift "Proletarier aller Länder vereinigt euch!" drauf. Nunja. Ich glaube, wir haben noch 3 Ausgaben davon herausgebracht. Ich war dann selbst zu frustriert und planlos, da ist das alles wieder auseinandergelaufen.

Heute ist es hauptsächlich die DKP, die noch einen Betriebsbezug hat. Die haben noch bei einigen Krankenhäusern einen Fuß in der Tür. Aber ein Betriebsratsposten ist bei denen das höchste der Gefühle. Die MLPD hat auch noch Betriebskontakte. Ich glaub, die sind auch scharf auf BR-Posten.


Ich halte den Austausch über die Erfahrungen gestern und heute für wichtig. Ich würde mich freuen, hier auch andere Stimmen zu hören.

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