Wat Noch > Theoriebereich

Arbeit und linke Politik

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Fritz Linow:

--- Zitat ---14.4.20
Alles fällt vom Himmel

Eine Linke, die nur noch Verteilungsfragen kennt und den Bezug zur Produktionssphäre verloren hat, hat den Bezug zur ArbeiterInnenklasse und zur Realität verloren.
(...)
Es geht um eine tatsächliche Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage und schließlich um die Kontrolle über die Produktionsmittel.

Unterm Strich bleibt als trauriges Fazit festzuhalten:

Eine Linke, die auf die ArbeiterInnenklasse scheißt, ist eine Linke, auf die die ArbeiterInnenklasse scheißt.
--- Ende Zitat ---
https://www.autonomie-magazin.org/2020/04/14/alles-faellt-vom-himmel/

Kuddel:
Es ist in der gesamten linken Szene so und auch nicht anders hier bei chefduzen:
Wenn ein Unternehmen oder eine Branche einen besonders schlechten Ruf besitzt, dann hält man es für selbstverständlich, daß man einen großen Bogen um einen Job da macht. 

Es ist egal, ob Rüstungsindustrie oder Chemiebranche, ob Amazon oder Hermes, da zu arbeiten gilt als indiskutabel.

Warum eigentlich?

Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden von den Ausbeutungsverhältnissen und der Macht der Wirtschaft geprägt. Man wird diese Verhältnisse nur von innen angreifen können. Bei der deutschen Linken ist Politik eine Freizeitbeschäftigung. Man begibt sich dafür auf die Spielwiesen, die einem dafür gelassen werden. Das sind meist Demos. Die "Radikalen" halten da Auseinandersetzungen mit der Polizei für besonders politisch.

Man sucht sich einen Job, der einem irgendwie entgegenkommt. Vielleicht etwas soziales. Oder etwas mit Medien, mit Kultur, mit besonderen IT Kenntnissen... Viele landen in einem Start-up, in der Freiberuflichkeit, Soloselbständigkeit. Oder man studiert und hangelt sich anschließend von einem bezahltem Einzelprojekt zum nächsten. Gern sind es auch "politisch relevante" bezahlte Projekte und dann hängen auch FAU Leute am Tropf der RSL, ggf. auch Böckler- oder gar Friedrich-Ebert-Stiftung.

In dieser Art Jobs ist es nur schwer möglich, den Job zum politischen Kampffeld zu machen. Und in meiner Erfahrung waren in  "normalen" Jobs Leute aus der linksradikalen Szene eher schlechte Kollegen. Zusammenhalt mit Leuten, die sie für nicht politisch halten, ist ihnen fremd.

Kuddel:
Nun die Fortsetzung.

Selbsternannte Linksradikale sind bereit in den Auseinandersetzungen mit Bullen und Nazis Repression, selbst Knast in Kauf zu nehmen. Daß man eventuell eine Kröte schlucken muß, wenn man einen Job bewußt da antritt, wo man es politisch für sinnvoll hält, kommt im Denken einfach nicht vor.

Wenn man vorhat, den Betrieb als politisches Kampffeld zu nutzen, wird man es allein nicht weit bringen. Man braucht den Austausch mit anderen. Am besten mit Leuten aus dem Betrieb. Es hilft aber auch schon, seine Erlebnisse, Versuche und das Scheitern, mit Leuten von außerhalb zu diskutieren. Sonst hat man keine Chance.

Die meisten Leute hier im Forum haben mit solchen Gedanken warscheinlich wenig am Hut. Man arbeitet einfach der Scheißkohle wegen. Nach einer Zeit entwickelt jeder seine Strategien, wie man sich gegen den schlimmsten Mist im Arbeitsalltag wehrt, wie man fiese Vorgesetzte ins Leere laufen läßt, wie man sich Freiräume erhält, um den Arbeitsalltag auszuhalten.

Diese Erfahrungen sind die Basis für jede größere Auseinandersetzung.

Es ist nicht eine komische Marotte von mir, das Hauptinteresse auf den Kampf am Arbeitsplatz zu legen. Dort liegt die eigentliche Macht, das ist das Herz der kapitalistischen Verhätnisse. Wenn man von einer Revolution träumt, wenn man die herrschenden Machtverhältnisse aus den Angeln heben will, kommt man um den Kampf in den Betrieben nicht herum.

Eine handvoll Automobilararbeiter, die sich im Betrieb engagieren und gegen die PKW Produktion kämpfen (es gibt tatsächlich solche Betriebsaktivisten), haben mehr Wirkmacht als 5000 streikende Schüler, die mit fff für eine andere Verkehrspolitik demonstrieren.

Ferragus:
Große Hindernisse für  Kämpfe am Arbeitsplatz sind Konformismus und Druck bzw. Kontrolle von oben, die nichts dem Zufall überlässt und nur Arbeiter in die Fabrik hinein lässt, die auch hineinpassen. Und schaut euch die High-Tech-Fabriken von Daimler und Co an, glaubt ihr dort wird sich der aufs Ganze gehende Klassenkampf entzünden? Mir erscheinen sie wie nahezu perfekte Gefängnisse, die gar nicht als solche wahrgenommen werden können. Ich kenne Leute, für die Ausbeutung erst bei einer gewissen niedrigen Lohnhöhe anfängt und  die es "geil" finden für die Auto-Industrie, z.B. bei Bosch, zu arbeiten, weil sie da fürstlich entlohnt und auch anderweitig eingespannt werden. Diese werden sicherlich über Arbeitgeber mit schlechter Publicity empören und auch den einen oder anderen Lohnkampf unterstützen. Aber wie will man mit diesen angepassten Arbeitern, die sich von ihrer Ohnmacht und Maschinen-Ähnlichkeit nicht beunruhigen lassen, die Fabrik aus den Angeln heben?

Kuddel:
Hier möchte ich dir widersprechen.

Erstens: Der aufs Ganze gehende Klassenkampf wird sich nirgendwo entzünden, er wird sich erst aus einer Vielzahl von Einzelkämpfen entwickeln können und nach und nach übergeordnete Forderungen und Ziele entwickeln. Die Forderungen diverser lokaler Kämpfe sind eher sekundär. Hier wird jedoch das kollektive Kämpfen gelernt.

Zweitens: Es gibt keine perfekten Gefängnisse. Die H-Blocks des Hochsicherheitsknastes Long Kesh wurden zum Demütigen und Brechen der IRA Gefangenen konstruiert, doch die knallharten Kämpfe der Gefangenen und der Unterstützer außerhalb des Knastes waren nicht zu unterbinden.
--- Zitat ---In der Folgezeit wurden praktisch alle Forderungen der Gefangenen erfüllt
--- Ende Zitat ---
https://de.wikipedia.org/wiki/Maze_Prison
Auch in Ausschwitz konnte sich kollektiver Widerstand entwickeln und es gelang die Vernichtungsmaschinerie zu verlangsamen durch die Sprengung von Verbrennungsöfen.

Ich halte es für problematisch, daß die Linke sich gern auf ein Modeziel einschießt. Da erhofft man sich den Zündfunken zur Revolution. "Amazon", "die Logistikbranche", "die prekäre Arbeit". Schön und gut, das sind zwar lohnende Ziele, ich halte es aber für schädlich, alle anderen Branchen und Bereiche aus dem Fokus zu verlieren, weil man meint, da sei alles maximal befriedet und Kämpfe wären undenkbar.

Gerade dort, wo es für undenkbar gehalten wird, macht das Kämpfen Sinn. Die Autoindustrie ist die mächtigste Kapitalfraktion im Land. Die sollte nicht in sich nicht in Sicherheit wiegen und sich für unangreifbar halten. Auch dort sind kämpfe möglich.



Es sind in diesem Bereich Betriebsgruppen nötig. Es gibt noch welche, die meist ihre Wurzeln in der unseligen Zeit der K-Gruppen liegt. Die meisten Gruppen sind zerfallen, die wenigen Überlebenden sind oftmals relativ zahnlos geworden. Die heutige sogenannte "radikale Linke" hat so gut wie keine Erfahrung mit Betriebsgruppen und ein Engegament in Bereichen wie der Automobilindustrie ist jenseits der Vorstellungswelt. Das halte ich für ein ernstes Problem.

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