Autor Thema: Soziale und politische Unruhe in Afrika  (Gelesen 1493 mal)

Kuddel

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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #15 am: 16:36:38 Mi. 10.April 2019 »


Kuddel

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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #16 am: 04:20:59 Do. 11.April 2019 »
Zitat
Mehrere Tote bei Protesten im Sudan

Der Informationsminister des Landes, Hassan Ismail, berichtete von mindestens elf Menschen, die bei den Zusammenstößen am Mittwoch ums Leben kamen, darunter sechs Sicherheitskräfte. Aktivisten sprachen von bis zu 14 Toten.
https://www.tagesschau.de/ausland/sudan-proteste-105.html

ManOfConstantSorrow

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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #17 am: 18:51:39 Fr. 12.April 2019 »
Diese politischen Wechsel werden uns gern als Machtkämpfe unter irgendwelchen Führern/Eliten verkauft. Es war auch bei der Berichterstattung über Ägypten so. Nachdem Mubarak vom arabischen Frühling zum Teufel gejagt worden ist, war zuerst ein Militärrat aus hochrangigen Offizieren am Drücker. Der Militärrat reagierte auf große Demonstrationen mehrmals mit der Umbildung der von ihm zuvor eingesetzten Regierung, wobei 2012 as-Sisi nachrückte. Mursi wurde im selben Jahr als Nachfolger gewählt, 2013 putschte das Militär. Die westliche Presse lobte das Militärregime, das den "Islamisten" Mursi abgelöst hat und mit Repression wieder für "Ordnung" sorgt.

Diese Betrachtungen blenden weitgehend die Rolle der Bevölkerung aus.

Das sollten wir auch bei dem Konflikt im Sudan vermeiden. Es ist zu einfach zu behaupten, daß das Militär den diktarischen Herrscher Omar al-Bashir abgesetzt hat. Das Militär hat nur auf den Druck der Bevölkerung reagiert und mußte es tun, das es sonst selbst die Autorität und Macht verloren hätten. Die Protestbewegung wirkte in die Armee hinein und die Soldaten ihre Loyalität zur Führung in Frage stellten. Die Protestbewegung führt sich inspiriert durch die Proteste in Algerien. Die Menschen im Sudan sehen sich aber nicht durch eine Militärregierung vertreten. Sie protestieren weiter:

Zitat
Proteste nach Putsch im Sudan
"Wir werden die Straße nicht verlassen"

Auch nach dem Militärputsch gehen die Proteste im Sudan weiter. Die Demonstranten fordern eine zivile Regierung - und wollen nicht aufhören, bis es einen echten Politikwechsel gibt.
https://www.tagesschau.de/ausland/sudan-181.html

Auch in Algerien kehrt keine Ruhe ein:
Zitat
Algerien
Wunsch nach echtem Wandel

Der Protest im Land setzt sich fort. Viele Algerier fordern, dass auch Interimspräsident Abdelkader Bensalah, ein alter Weggefährte Bouteflikas, abtritt. Sie befürchten, dass sich das alte Regime so weiter erhält.


Doch die Demonstranten sind nicht in Feierlaune. Seit Tagen fordern viele Algerier landesweit den Rücktritt von Interimspräsident Bensalah. Die Polizei antwortet in der Hauptstadt Algier mit Tränengas und Wasserwerfern. Obwohl die Demonstranten in den vergangenen Wochen viel erreicht haben, weichen sie keinen Zentimeter von ihren Forderungen ab. Sie wollen kein Puppentheater, in dem die Handpuppen nur ihre Kleidung wechseln, im Hintergrund aber die alten Strippenzieher weiter das Skript bestimmen. Sie wollen, dass die Bühne abgerissen wird und der Vorhang gelüftet wird.
https://www.sueddeutsche.de/politik/algerien-wunsch-nach-echtem-wandel-1.4405870

Das Bild, das man hier zeichnet, von dem aufgeklärten und demokratischen Deutschland/Mitteleuropa, das einem rechten Osteuropa und islamistischen Nordafrika gegenübesteht, läßt sich nicht länger aufrecht erhalten. Mitteleuropa befindet sich auf einem Rechtskurs, während die Menschen in Osteuropa und Nordafrika für mehr Freiheiten und eine bessere soziale Situation kämpfen.

Wir sollten den politischen Kompaß, den man uns mitgegeben hat, schleunigst über Bord werfen.
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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #18 am: 18:32:33 Sa. 13.April 2019 »
Zitat
Sudan:
Opposition kündigt weitere Proteste an
Die Demonstranten im Sudan beharren auf einer zivilen Regierung. Der Wechsel an der Spitze des Militärrats reicht ihnen nicht, sie wollen ihre Sitzblockade fortsetzen.


https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-04/sudan-opposition-proteste-ruecktritt-awad-ibn-auf

Zitat
Mehr als 100 Festnahmen nach neuen Protesten in Algier
Auch nach dem Rücktritt von Abdelaziz Bouteflika gehen die Massenproteste in Algerien weiter. Polizei und Demonstranten lieferten sich gewaltsame Auseinandersetzungen.




In Algerien haben am achten Freitag in Folge Hunderttausende Menschen für politische Veränderungen demonstriert – dem Rücktritt des langjährigen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika zum Trotz. Viele Protestler fordern, dass auch der Kreis um das ehemalige Staatsoberhaupt entmachtet wird. In Onlinenetzwerken war zu Kundgebungen unter dem Motto "Sie werden alle gehen" aufgerufen worden.

Der Protest blieb großteils friedlich. In der Hauptstadt Algier kam es allerdings zu Zusammenstößen, als die Polizei versuchte, den zentralen Audin-Platz zu räumen. Einige Demonstranten sollen Steine und Flaschen auf Polizisten geworfen haben, die wiederum Tränengas und Gummigeschosse einsetzten. 27 Beamte wurden verletzt. Mehr als 100 Personen wurden nach Polizeiangaben festgenommen.

Das Parlament hatte mit dem 77-jährigen Abdelkader Bensalah einen Weggefährten Bouteflikas zum Übergangspräsidenten ernannt. Bensalah kündigte "transparente" Präsidentenwahlen für den 4. Juli an. Demonstranten bemängeln aber, Wahlen könnten innerhalb des Systems, zu dem bislang auch Bouteflika gehört habe, weder frei noch fair sein.

Der prominente Oppositionelle Mustapha Bouchachi betonte auf einer Kundgebung, dass die Forderungen der Demonstranten noch nicht erfüllt seien. "Das Volk ist eindeutig: Die aktuelle Übergangsphase muss von Männern und Frauen geleitet werden, die vom algerischen Volk akzeptiert werden." Armeechef Ahmed Gaïd Salah wies dagegen die "unrealistischen Slogans" der Protestbewegung zurück.
https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-04/algerien-proteste-abdelaziz-bouteflika-reform-demokratie
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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #19 am: 20:00:04 Mo. 15.April 2019 »
Zitat
Sudan - Der Kampf für Freiheit und Demokratie breitet sich in Afrika aus

Breite Massenproteste haben im Sudan den verhassten Diktator Omar al-Bashir hinweggefegt und binnen 24 Stunden auch den eilends vom Militär eingesetzten bisherigen Verteidigungsminister Awad Ibn Auf.

Quelle: https://www.rf-news.de/2019/kw16/der-sudan-bebt-wir-stehen-an-einem-wendepunkt
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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #20 am: 11:24:04 Fr. 19.April 2019 »
Zitat
Erneut Massenproteste vor Armeehauptquartier im Sudan

Demonstranten fordern zivile Regierung




Khartum – Eine Woche nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Omar al-Bashir im Sudan haben in der Hauptstadt Khartum erneut große Menschenmengen vor dem Armeehauptquartier protestiert. "Die Macht den Zivilisten" und "Freiheit, Frieden Gerechtigkeit", riefen die Demonstranten, wie ein AFP-Fotograf am Donnerstag berichtete.

Die Straßen um den Militärkomplex waren voller Menschen, die sich Augenzeugen zufolge aus mehreren Stadtteilen auf den Weg gemacht hatten.

"Es ist extrem schwierig näher an den Ort des Protests zu kommen, weil hunderte und hunderte Menschen auf den Straßen sind", sagte ein Augenzeuge.

Aufruf in sozialen Medien


Das Protestcamp vor dem Armeehauptgebäude ist seit beinahe zwei Wochen das Epizentrum der Demonstrationen. Die Zahl der Teilnehmer war in den vergangenen Tagen zurückgegangen. Zu den jüngsten Demonstrationen hatten nicht die Protestanführer der vergangenen Wochen aufgerufen. Vielmehr sind sie ein Ergebnis von Aufrufen einzelner Aktivisten und Demonstranten in den sozialen Medien.

Der seit drei Jahrzehnten autoritär herrschende Staatschef Bashir war vor einer Woche nach monatelangen Massenprotesten vom Militär gestürzt und am Mittwoch in ein Gefängnis gebracht worden. Für eine Übergangszeit von zwei Jahren wurde ein Militärrat eingesetzt. Die Demonstranten fordern die rasche Einsetzung einer Zivilregierung und eine Strafverfolgung Bashirs.
https://derstandard.at/2000101711824/Erneut-Massenproteste-vor-Armee-Hauptquartier-im-Sudan
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Kuddel

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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #21 am: 18:59:48 So. 21.April 2019 »
Zitat
Militärrat im Sudan erklärte Bereitschaft zur Machtübergabe

Reaktion auf Forderungen der Demonstranten bis Ende kommender Woche angekündigt


21. April 2019

Khartum – Der Militärrat im Sudan hat sich bereit erklärt, die Macht an eine Zivilregierung abzugeben. "Bis Ende der Woche" werde der Militärrat auf die Forderungen der Demonstranten reagieren, sagte General Abdel Fattah al-Burhan, Chef des regierenden Militärrats, in einem Interview mit dem staatlichen Fernsehen am Sonntag.

Die Anführer der Massenproteste im Sudan fordern die Einsetzung einer Zivilregierung. Am Freitag hatten sie angekündigt, einen sogenannten Zivilrat zu bilden, der den Militärrat ersetzen soll. Daraufhin einigten sich beide Seiten am Samstagabend auf eine Fortführung der Gespräche über die Machtübergabe.
https://www.derstandard.de/story/2000101826331/militaerrat-im-sudan-erklaerte-bereitschaft-zur-machtuebergabe

Kuddel

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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #22 am: 09:20:21 Mi. 24.April 2019 »
Zitat
Exilaktivist über Umsturz im Sudan
„Die Entwicklung ist dramatisch“

Das Militär versuche in Sudan einfach, die Macht in die Hand zu nehmen, sagt Aktivist Adam Baher aus Darfur. Das Land brauche aber Demokratie.



Khartum, 13. April: Die Demonstrationen dauern an

taz: Herr Baher, Sudans langjähriger Machthaber Bashir ist zurückgetreten, das Militär hat die Macht übernommen. 2008 waren Sie selbst in einer politischen Gruppe aktiv, die Bashirs Sturz plante. Was sagen Sie zu den aktuellen Geschehnissen?

Adam Baher: Die Entwicklung im Sudan ist dramatisch. Das Militär versucht einfach, die Macht in die Hand zu nehmen. Aber es sind viele junge Leute auf der Straße, die sagen: Wir wollen das nicht. Der Sudan braucht keine Militärregierung, er braucht Demokratie. Diejenigen, die seit vier Monaten den ganzen Widerstand geleistet haben, wollen keine Armee an der Macht. Dafür muss weiter gekämpft werden. Trotzdem ist es eine große Sache, dass Bashir zurückgetreten ist.

Sie selbst waren schon früh als Oppsitioneller aktiv. Was war Ihr Beweggrund?


Ich komme aus Darfur. Die Regierung hat einfach einen Krieg gegen die Menschen in Darfur gestartet, 2003. Da sind mehr als 300.000 Leute gestorben, auch ein Onkel von mir. Zu dieser Zeit war ich an der Uni und studierte Wirtschaft. Uns Studenten war klar: Wir müssen etwas machen, wir sind in Khartum, der Hauptstadt. Wir haben uns zusammengetan, ich war im politischen Teil der Gruppe „Justice and Equality Movement“ aktiv, nicht im bewaffneten Teil. Einige haben versucht, die Armee zu unterwandern und so das Regime von innen zu stürzen. Aber es gab eine Niederlage. Daraufhin hat die Regierung viele Leute festgenommen und sie für Jahre ins Gefängnis gesteckt. Deswegen habe ich Sudan 2008 verlassen.

Und heute? Welche Probleme gibt es noch im Sudan?

Erstmal ist die Bashir-Regierung eine Regierung der Muslimbrüder. Das wollen wir nicht. Im Sudan haben besonders Frauen viele Probleme damit. Seit 2002 gibt es zum Beispiel ein Gesetz mit dem Namen „public order“, das besagt, dass Frauen keine Hosen tragen dürfen, und anderes mehr. Die Regierung ist eine Diktatur: Zwischen 2002 und heute haben im Sudan viermal Wahlen stattgefunden. Aber die Regierung gewinnt immer mit 99,9 Prozent.

Als die Proteste im Dezember begannen, ging es noch um das zu teure Brot.

Zitat
im Interview:
Adam Baher


Adam Baher, 36, wurde in der Stadt El-Geneina in Sudans westlicher Region Darfur geboren. Er studierte Wirtschaft und Bankwesen in Kharthum und war in der Studentenbewegung und im politischen Flügel der Darfur-Rebellenbewegung „Justice and Equality Movement“ (JEM) aktiv, weshalb er das Land verlassen musste. Seit 2008 lebt er in Deutschland, wo er politisches Asyl erhalten hat. Baher arbeitet als Trainer in politischer Bildungsarbeit.

Natürlich ist die ökonomische Situation ein Teil der Kritik. Das Brot kostete plötzlich dreimal so viel wie vorher. Die Leute hatten nichts mehr zu essen und gingen auf die Straße. Aber in den Forderungen geht es jetzt nicht mehr um Brot. Die Leute brauchen mehr Freiheit, mehr Demokratie, mehr Menschenrechte. Die Regierung hat die Rassismus-Karte gespielt und gesagt, dass die Leute aus Darfur das Land spalten wollten. Aber das hat nicht funktioniert. Die Leute gingen auf die Straße und sangen, an Bashir adressiert: „Du bist Rassist, und wir sind alle aus Darfur“. Diese Entwicklung ist nicht selbstverständlich. Seit 2003 und bis heute wurden immer Menschen im Sudan getötet, aber niemanden hat das auf die Straße gebracht. Dass die Leute das Unrecht jetzt wahrnehmen, ist eine riesige Entwicklung.

Kann man sagen, dass die Protestbewegung säkulär orientiert ist?

Ich denke, keine oppositionelle Strömung kann im Sudan jetzt mit Religion kommen. Die Leute haben 30 Jahre lang gesehen, was die Muslimbruderschaft mit dem Sudan gemacht hat. Niemand will das – deshalb sind die Leute ja auf der Straße. Klar gibt es in verschiedenen oppositionellen Gruppen Muslime, denn die Mehrheit der Menschen im Sudan sind nun mal Muslime. Der Islam spielt also eine Rolle. Aber es sind viele junge Leute auf der Straße, und die sagen immer: Wir brauchen keine religiöse Regierung. Sie fordern eine klare Trennung zwischen Religion und Politik. Verschiedene Themen werden jetzt zum Thema im Sudan, Feminismus aber auch LGTBI-Themen, das ist neu im Sudan. Das wäre ohne diesen Protest nicht zustande gekommen.

Frauen spielen eine sehr starke Rolle in den Protesten.


Aus politischen Gründen möchte ich nicht für Frauen sprechen, denn ich bin ein Mann und kann mir ihren Kampf nicht aneignen. Aber ich kann bestätigen, dass Frauen eine große Rolle einnehmen in diesem Protest. Das kann man in den Videos sehen: Frauen sind immer in der ersten Reihe. Sie sind besser organisiert, weil sie sich seit langem zusammengetan haben um Widerstand gegen die Regierung zu leisten, besonders seit im Jahr 2002 das „public order“ Gesetz ihre Rechte eingeschränkt hat. Und in vielen Fällen haben sie es damals geschafft, dieses Gesetz abzumildern. Sie haben daher ihre eigene, autonome Struktur. In Europa gibt es diese Idee, dass Frauen überall in muslimischen oder arabischen Ländern unterdrückt sind. Aber das entspricht nicht der Realität.

Jetzt regiert ein Militärrat, aber der Protest geht weiter. Wird dieser Protest nun niedergeschlagen oder gibt es Hoffnung, oder droht gar ein Bürgerkrieg?

Angst habe ich immer. Aber die Leute im Sudan wollen keine Gewalt, die geht nur von der Regierung aus. Seit vier Monaten ist der Protest überall im Sudan friedlich. Es gab genug Gewalt: der Krieg zwischen Nord und Süd, der Krieg in Darfur, der Krieg gegen die Nubier. Die Leute wollen keine Gewalt mehr, es gibt nur friedliche Proteste. Aber die Regierung versucht immer, das in eine gewalttätige Richtung zu bringen, sie haben ja die Macht und können die Leute umbringen. Die Leute haben aber auch aus der Entwicklung von Syrien gelernt: Sie wollen nicht in diese Richtung gehen. Während der jetzigen Proteste wurden mehr als sechzig Leute getötet, aber die Proteste blieben friedlich. Das ist krass! Aber die Angst vor der weiteren Entwicklung ist da. Es könnte ja umschlagen, wenn die Leute sich nicht mehr anders halten können, und zu Gewalt übergehen. Ich hoffe, so weit kommt es nicht.

Wie reagieren die Menschen auf die Repression und die Gewalt?


Ich kann natürlich nicht alles sagen. Aber zum Beispiel war von Anfang an allein das Filmen mit dem Handy schon verboten. Also versteckten sich Leute in Gebäuden und filmten von oben den Protest auf der Straße. Sie schickten das Material dann direkt an Leute außerhalb vom Sudan, die das dann hochladen konnten. Dann gibt es die Tränengasgranaten: Es gibt Leute, die mit Wasserkanistern herumlaufen; wenn die Polizei Tränengas schießt, stecken sie die Granate in den Wasserkanister, damit sie nicht explodieren kann. Manche Frauen nutzen ihre Kopftücher, um das Tränengasgranaten zu fangen und zurück zur Polizei zu werfen. Viele Menschen sind aktuell im Gefängnis, 3000 Leute sicherlich. Aber das hindert den Protest nicht, es kommen immer neue Leute und die Organisationsstruktur ist flexibel und der Regierung nicht bekannt.

Welche Rolle spielen Deutschland und die EU ?

Manche Deutsche wollen das vielleicht nicht hören. Aber die EU hat der sudanesischen Regierung vor allem viel Geld gegeben, damit die Polizei die Grenzen besser schützt. Dafür wurde die sudanesische Polizei von Deutschland ausgebildet. Sie nennen das „Migrationsmanagement“ und „Bekämpfung von Fluchtursachen“. Diese Polizei tötet heute die Menschen auf der Straße. Und wenn es im Sudan nochmal so ein Problem wie in Syrien gibt, dann wird das ein Problem für die ganze Welt. Die Menschen werden nach Europa kommen, nicht, weil sie wollen, sondern weil es keinen anderen Weg gibt. Man kann nicht über Fluchtursachen reden, ohne jetzt etwas zu machen. Es macht mich traurig, in Deutschland zu sein, und es gibt keine Solidarität. Ich gehe ja auch zu deren Demos für Mieten, Klimaschutz und so weiter. Aber für den Sudan interessiert sich niemand.
https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5588321&s=Sudan/

Ich möchte ganz besonders auf den letzten Absatz hinweisen: "Welche Rolle spielen Deutschland und die EU ?" Lesenswert!

ManOfConstantSorrow

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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #23 am: 20:11:21 Mi. 01.Mai 2019 »
Zitat
Der Diktator ist weg, aber das System im Sudan eigentlich noch dasselbe: Besuch bei den Demonstranten in Khartum, die beim Kampf gegen die korrupte Staats-Hydra nicht aufgeben.

"Wir haben zu Hause gesessen und haben darauf gewartet, dass die Männer den Wechsel hinbekommen", sagt Islam Yousef. Sie sitzt jetzt nicht mehr zu Hause, sondern auf dem Gleis einer Bahnstrecke, die mitten durch die sudanesische Hauptstadt Khartum führt. Die Gleise sind noch warm von der Hitze des Tages, ein paar Meter unter dem Bahndamm ziehen seit Stunden Hunderttausende Demonstranten vorbei, die für einen neuen Sudan protestieren. Viele Frauen sind dabei, manche mit einem weißen Kopftuch, manche mit einer Baseballkappe auf dem Kopf. Sie tragen Transparente gegen die Militärdiktatur oder rezitieren laut revolutionäre Gedichte und Lieder - an denen es nicht mangelt im Sudan, das Land hat eine reiche Tradition der Revolutionen und Aufstände. Nur haben sie die Gesellschaft bisher nicht wirklich vorangebracht.

"Die Männer haben den Wechsel nicht geschafft. Also haben wir uns entschieden, ein Teil des Protests zu sein, einen Teil des Risikos einzugehen, einen Teil der Prügel abzubekommen", sagt Yousef, eine der Mitorganisatorinnen der Demonstrationen. Seit Dezember gehen die Menschen im Sudan zu Hunderttausenden auf die Straße, erst demonstrierten sie gegen die steigenden Brotpreise, aber ziemlich schnell dann gegen das Regime des Diktators Omar al-Baschir. Der hatte in den 30 Jahren an der Macht große Routine darin entwickelt, seine Gegner ins Gefängnis zu werfen oder mit Geld und Posten zu korrumpieren. Nur gegen den Protest der Frauen hat er kein Mittel gefunden.
weiter: https://www.sueddeutsche.de/politik/sudan-die-revolution-sucht-ihre-richtung-1.4426028
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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #24 am: 18:43:37 So. 05.Mai 2019 »
Zitat
EU-Imperialismus - Bundeskanzlerin Merkels verlogenes "Herz für Afrika"

Fünf Jahre lang setzte Bundeskanzlerin Angela Merkel keinen Fuß auf afrikanischen Boden. Aber in den letzten zweieinhalb Jahren, als die Flüchtlingsströme anschwollen, besuchte sie zwölf afrikanische Länder, teils mehrfach.

Quelle: https://www.rf-news.de/2019/kw18/bundeskanzlerin-merkel-ein-herz-fuer-afrika
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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #25 am: 21:00:30 Do. 09.Mai 2019 »
Ja, das "Herz für Afrika" gilt den Rohstoffen und dem Heer preisgünstiger Arbeitskräfte.
Gerade in Bezug auf die tolle Elektromobilität wird der Kampf um Rohstoffe immer brutaler.

Deshalb sind die Gegenbewegungen der Bevölkerung so wichtig. Mit den Autoritären Herrschern weiß die Bundesregierung/deutsche Wirtschaft gute Geschäfte zu machen. Demokratische Strukturen und eine selbstbewußte Bevölkerung sind da eher hinderlich.

Beeindruckend:
Zitat
Proteste im Sudan ungebrochen
Die Wut auf den Straßen von Khartum

Die Demos in Sudans Hauptstadt gehen weiter, hinter den Kulissen liefert sich die Opposition einen Machtkampf mit dem Militär...


(...)Die Massen auf den Straßen - und die internationale Aufmerksamkeit - sind die wichtigsten Druckmittel der Opposition. Unter Baschir war der Sudan abgeriegelt, aber jetzt sieht die Welt zu, wenn jeden Abend Tausende Menschen ins Zentrum Khartums strömen. Das Viertel um das Verteidigungsministerium hat sich zu einem riesigen Protestlager entwickelt, und das inzwischen einen Monat alte Camp ist gut organisiert. Sie stellen sich hier auf einen langen Kampf ein.

Hunderte Helfer wie Mariam sorgen für Ordnung, es gibt Küchen und Kliniken. Die sudanesische Gewerkschaft SPA, die als Initiatorin der Proteste gilt, organisiert Konzerte, Theateraufführungen und Diskussionen. Und es gibt nur ein Thema: Was für eine Vision vom Sudan haben wir? Niemand will, dass die Scharia Leitlinie der Gesetzgebung wird, so wie Teile des Militärs es fordern.(...)
https://www.spiegel.de/politik/ausland/sudan-die-wut-auf-den-strassen-von-karthoum-a-1266346.html
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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #26 am: 21:19:55 Sa. 11.Mai 2019 »
Zitat
Volksfest hinter Barrikaden

Bis zur Ernennung einer Zivilregierung sollen die Proteste weitergehen. Die Demonstranten zeigen ihre Unzufriedenheit zum Beispiel mit einem Massen-Sit-in. Es findet sieben Tage die Woche statt, 24 Stunden lang - mit mal mehr mal weniger Zulauf. Während des derzeitigen Ramadans, wenn alle religiösen Muslime tagsüber fasten, kommen die Menschen vor allem nach Einbruch der Dunkelheit zusammen und unterstützen die Dauer-Demonstranten.

Allabendlich mehrere Konzerte

Das Zentrum des Protests befindet sich in Khartum in der Nähe des Hauptquartiers der sudanesischen Streitkräfte. Demonstranten haben das Areal mit Barrikaden gegen mögliche Angreifer gesichert. Hinter den Absperrungen entfaltet sich eine volksfestartige Stimmung. Allabendlich finden mehrere Konzerte statt.

Immer wieder starten Menschengruppen kleinere Protestmärsche. Die Demonstranten wenden sich lauthals gegen den militärischen Übergangsrat unter General Abdel Fattah al-Burhan, der den Sudan seit dem Sturz al-Bashirs regiert.

Konflikt zwischen Militärrat und Opposition

Burhan beteuert immer wieder, dass nach einer Übergangsphase von vier Jahren freie Wahlen abgehalten werden sollen. Danach werde die Macht an eine Zivilregierung übergehen. Bis dahin aber solle nach Willen der Militärs einer aus ihren Reihen das Staatsoberhaupt stellen.

Die Opposition will das auf gar keinen Fall. Amjad Fared, ein Sprecher des Gewerkschaftsbündnisses SPA, der stärksten der verschiedenen Oppositionsgruppen, sagt: "Die Armee ist dazu da, das Land zu schützen und zu verteidigen. Nicht um es zu beherrschen oder zu regieren."
https://www.tagesschau.de/ausland/proteste-sudan-115.html

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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #27 am: 10:21:40 Mo. 13.Mai 2019 »
Zitat
Sudan:
 Ärztekomitee: 90 Demonstranten seit Beginn der Proteste im Sudan getötet
https://www.zeit.de/news/2019-05/06/aerztekomitee-90-demonstranten-seit-beginn-der-proteste-im-sudan-getoetet-20190506-doc-1g77py
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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #28 am: 10:52:29 Di. 14.Mai 2019 »
Zitat
Ausschreitungen nach Einigung in Sudan

Militär und Opposition haben sich darauf verständigt, Sudan bis zu den Neuwahlen gemeinsam zu führen. Dennoch kommt es zu Gewalt, mindestens ein Mensch wird getötet.


Nach der Einigung des Militärs und der Opposition im Sudan auf eine Teilung der Macht bis zu den nächsten Wahlen ist die Gewalt in dem afrikanischen Land wieder aufgeflammt. Bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten in der Hauptstadt Khartum kam am Montag nach Angaben der Militärführung ein Militärpolizist ums Leben. Zahlreiche Protest-Teilnehmer seien verletzt worden. Ärzten zufolge war der Zustand bei einigen ernst. Schüsse waren bis spät in den Abend hinein zu hören.

Der Militärrat beschuldigte bewaffnete Gruppen, das Feuer eröffnet zu haben, weil sie mit den Forschritten bei den Bemühungen um eine politische Einigung unzufrieden seien. Demonstranten erklärten, Konter-Revolutionäre mit Verbindungen zu dem Regime des im April von der Armee gestürzten Präsidenten Omar al-Baschir hätten die Gewalt angestiftet. Bereits während des Tages war es zu Ausschreitungen gekommen.

Der Militärrat und die Protestbewegung einigten sich im Grundsatz darauf, das Land während einer Übergangsphase bis zu Neuwahlen gemeinsam zu führen. Details wollen sie diesen Dienstag diskutieren. Knackpunkte sind vor allem, wie genau die Machtbalance zwischen Militär und Zivilisten gestaltet wird und wie lange die Übergangsphase dauern soll.
https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/proteste-ausschreitungen-trotz-einigung-16186103.html

Es hieß "Der Militärrat und die Protestbewegung einigten sich", doch für mich klingt es, als hätten sich die Vermittler und der Militärrat geeinigt, doch die Vermittler haben wohl nicht die ganze Protestbewegung vertreten...

Kuddel

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Re: Soziale und politische Unruhe in Afrika
« Antwort #29 am: 11:56:58 Mo. 03.Juni 2019 »
Zitat
Sudan:
Militär geht gewaltsam gegen Sitzblockade von Demonstranten vor

Seit Wochen campen Tausende vor dem Hauptquartier der sudanesischen Armee. Nun wird das Protestlager gewaltsam geräumt. Mehrere Menschen sollen getötet worden sein.
https://www.zeit.de/politik/2019-06/sudan-militaer-demonstration-gewalt-opposition