Autor Thema: Mietpreis-Explosion und Wohnungsnotstand - Ursachen und Alternativen  (Gelesen 741 mal)

ManOfConstantSorrow

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Appelle an die Sozialpflichtigkeit des Wohnungseigentums sind nutzlos! Privater Wohnungsbau und Wohnungsvermietung verfolgen kein soziales Ziel. Der Zweck von Investitionen in den Wohnungssektor ist die Rendite. Ein anderes Interesse gibt es nicht. Eine soziale Wohnversorgung muss daher immer gegen private Gewinninteressen durchgesetzt werden.

https://www.heise.de/tp/features/Mietpreis-Explosion-und-Wohnungsnotstand-Ursachen-und-Alternativen-4411471.html
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Frauenpower

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Zitat
Man wolle noch eine Analyse machen, sagte Vorstandsmitglied Lars Wittan am Montagabend bei einer Diskussionsveranstaltung des rbb. Man werde die Daten aber als Grundlage für die künftige Höhe der Bestandsmieten nehmen, betonte Wittan. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) nannte den Mietspiegel ein Instrument, um Rechtsfrieden zwischen Mietern und Vermietern herzustellen. ...
Vergangene Woche hat die Deutsche Wohnen den Mietspiegel als zu niedrig kritisiert. Nach Auffassung des Unternehmens werde er nicht der tatsächlichen Preisentwicklung am Wohnungsmarkt gerecht. Das hatte auch der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) kritisiert. "Wir haben die Aussagen (...) mit Verwunderung zur Kenntnis genommen und können diese nicht nachvollziehen", erklärte BBU-Vorstand Maren Kern.
https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2019/05/deutsche-wohnen-erkennt-mietspiegel-vorerst-nicht-an.html
->
Zitat
Die Diskussion wird am Sonntag, 26. Mai um 11:05 Uhr im Inforadio vom rbb in der Reihe "Das Forum" gesendet.
(aber davor oder danach wählen gehen, gelle !??)

Wie sinnvoll ein Mietspiegel ist weiß ich allerdings nicht.

Kuddel

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Zitat
Grundgesetzänderung vorgeschlagen
Mieterbund verlangt Grundrecht auf bezahlbares Wohnen

In Großstädten zahlen Mieter oft sehr viel Geld für Wohnraum. Deshalb fordert der Mieterbund nun tiefgreifende rechtliche Einschnitte. Und auch der Bund nennt einen Ansatz gegen die Wohnungsnot.
https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/mieterbund-verlangt-grundrecht-auf-bezahlbares-wohnen-a-1270881.html

Es muß mal Klartext geredet werden.
Die Macht des Kapitals darf nicht hingenommen werden.
Unter dem Prinzip der Profitmaximierung leiden alle Aspekte des täglichen Lebens und diese Logik macht vor nichts halt. Auch nicht vor Grundrechten, wie dem Recht auf Wohnen.

Kuddel

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Die Mieterproteste haben Folgen.

Endlich werden sie auch für die Märkte und Aktionäre spürbar.

Zitat
Diversen Presseberichten zufolge will die Berliner Landesregierung die Wohnungsmieten ab 2020 für fünf Jahre einfrieren. Ein entsprechendes Eckpunktepapier der Linken-Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher soll Mitte Juni im Berliner Senat beschlossen werden, hieß es.

Lompscher: Wohnungsmieten ab 2020 für fünf Jahre einfrieren

Am Markt wurde das Vorhaben scharf kommentiert. "Mit freier Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun", so ein Börsianer.
https://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/vonovia-aktie-mit-kursrutsch-mietpreisbremse-berlin-laesst-wohnung-aaktien-einbrechen-a-1271272.html

Kuddel

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Zitat
Hausverwalter empfehlen Eigentümern, noch schnell die Preise anzuheben, bevor Berlins Senat den Mietendeckel beschließt.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/vor-dem-geplanten-mietendeckel-in-berlin-aufforderung-zu-mieterhoehungen-ist-skurril/24440846.html

Onkel Tom

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Boah, ätzend  >:(

Warum sowas wie Mietendeckel etc. nicht mit sofortiger Wirkung beschließen ?

Nu haben die Mietheie noch genügend Zeit, die Mieten "an zu passen", um die
kommende "Profitmaximierungs-Lücke" so gering wie möglich zu halten..
Das kommt genau so scheiße rüber wie man Mieter_innen subtiel dafür strafen
wolle, das sie überhaupt den Mund auf machen..

Halte ich für ein Dreh an der Büchse der Pandorra. Aber auch gleichzeitiger
Dreh für mehr solidarisierung unter Mieter_innen. Da könnten "altmodisch"
geglaubte Dinge wieder in Mode kommen..
Lass Dich nicht verhartzen !

Kuddel

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Zitat
PUSH: ein fesselnder neuer Film darüber, wie das globale Finanzsystem die Mietkrise befeuert und Städte unbewohnbar macht.
The Guardian

 PUSH - Für das Grundrecht auf Wohnen

Überall auf der Welt schnellen die Mietpreise in den Städten in die Höhe. Die Einkommen tun das nicht. Langzeitmieter werden aus ihren Wohnungen herausgedrängt. Selbst Krankenpflegende, Polizisten und Feuerwehrleute können es sich nicht mehr leisten in den Städten zu leben, für deren Grundversorgung sie notwendig sind. PUSH wirft ein Licht auf eine neue Art des anonymen Hausbesitzers, auf unsere immer weniger bewohnbaren Städte und eine eskalierende Krise, die uns alle betrifft. Das ist keine Gentrifizierung mehr: Wohnungen sind Kapital und Orte, um Geld anzulegen.

Der Film folgt Leilani Farha, der UN-Sonderberichterstatterin für das Menschenrecht auf Wohnen, wie sie die Welt bereist, um herauszufinden, wer aus der Stadt gepusht wird und warum. „Ich glaube es gibt einen riesen Unterschied zwischen Wohnen als Handelsware und Gold als Handelsware. Gold ist kein Menschenrecht, Wohnen schon“, sagt Leilani.




https://mindjazz-pictures.de/filme/push-fuer-das-grundrecht-auf-wohnen/

Kuddel

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Zitat
Die neue Wohnungsfrage

Gewinner und Verlierer des deutschen Immobilienbooms.


Deutschland steht vor einer neuen Wohnungsfrage. Der anhaltende Boom am Immobilienmarkt spaltet die Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Auf der einen Seite haben die Preissteigerungen seit 2011 deutsche Immobilienbesitzer um etwa 3 Billionen Euro reicher gemacht. Diese Vermögenzuwächse entsprechen in etwa dem deutschen Bruttoinlandsprodukt eines Jahres und übersteigen die gesamte deutsche Staatverschuldung um gut eine Billion Euro. Mehr als die Hälfte der Kapitalgewinne entfiel auf die reichsten 10% der Deutschen, aber auch Haushalte der oberen Mittelschicht (80stes Perzentil) haben stark profitiert. Ihr Vermögen ist durch den Boom um etwa 50% auf 380.000 Euro gestiegen. Städtische Mieterhaushalte mit geringem Einkommen sind die großen Verlierer des Booms. In den Städten sind die Mieten im letzten Jahrzehnt dort am stärksten gewachsen, wo einkommensschwache Haushalte leben („Gentrifizierung“). Obwohl steigende Mieten zeigen, dass das zu geringe Angebot von Wohnraum und nicht das niedrige Zinsumfeld den Boom am Immobilienmarkt treiben, versäumt es Deutschland weiterhin, die niedrigen Zinsen für zusätzliche Investitionen zu nutzen. Unsere Prognose des Wohnungsbedarfs bis 2030 lässt erwarten, dass das soziale Konfliktpotential der neuen Wohnungsfrage weiter zunehmen wird: Im Jahr 2030 werden knapp eine Million Wohnungen fehlen, davon allein 340.000 in den sieben größten Städten.
http://www.macrohistory.net/?sermons=die-neue-wohnungsfrage

Ein Kommentar in Auszügen:
Zitat
... dass in Deutschland über Jahre hinweg mangels hinreichender Statistiken dramatisch unterschätzt wurde, wie enorm reale Einkommen und Vermögen in jüngster Zeit auseinanderdriften. Und wie stark das mit dem Hochschnellen von Hauspreisen und Mieten zu tun hat - mehr als anderswo sogar.

Die Häuser sind heute über drei Billionen Euro mehr wert als damals.

Schon das wirkt komplett irre. Zumal so ein Haus ja seither nicht produktiver geworden ist. Und die Besitzer nicht mehr dafür tun als vorher. Außer zufrieden die Preisentwicklung zu verfolgen.

Würden die Häuslepreisgewinner zwei Drittel des Nominalgewinns an, sagen wir, den netten Herrn Bundesfinanzminister abgeben, hätte Deutschland auf einen Schlag keine Staatsschulden mehr.

...landete etwa die Hälfte des (allein) preisbedingten Vermögenszuwachses bei den (ohnehin schon) reichsten zehn Prozent der Deutschen. Die Top-20-Prozent konnten ihr Vermögen nur durch die wundersam-wunderbaren Wertsteigerungen um die Hälfte vergrößern.

Ein Drama wird daraus, wenn man auf die - vermögensmäßig - untere Hälfte der Bevölkerung blickt.

Die ärmsten 20 Prozent der deutschen Haushalte müssen wegen der immobiliensausebedingten Mietaufschläge mittlerweile 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben. Anfang der Neunzigerjahre waren es gerade einmal 25 Prozent des Einkommens.

Das Ergebnis ist atemberaubend: Kein Teil der Gesellschaft ist durch den Immobilienboom so unfassbar viel reicher geworden als die, die ohnehin schon zu den Reichsten zählten. Und keine Gruppe hat durch denselben Boom so viel an verfügbarem Einkommen verloren als die, die ohnehin schon am wenigsten Einkommen haben.

Noch Fragen?

Was hilft es, wenn die Gehälter wieder etwas mehr steigen - wenn wegen hochgeschnellter Mieten am Ende des Monats trotzdem weniger übrig bleibt als vorher? Während andere im Schlaf reicher werden - nur weil sie zufällig im richtigen Moment ein Haus gekauft haben.

Höchste Zeit, sich sehr viel grundlegender damit zu befassen, wie der Wahn zu stoppen ist.
https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/immobilien-in-deutschland-der-spaltpilz-der-gesellschaft-a-1273361.html

Frauenpower

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Re: Mietpreis-Explosion und Wohnungsnotstand - Ursachen und Alternativen
« Antwort #8 am: 16:25:37 Do. 15.August 2019 »
Ursache: Investoren kaufen Miethäuser und verdoppeln die Miete
Alternativen: wenn man Glück hat, helfen Proteste, wenn man Pech hat, dann nicht. Wenn man Glück hat, hat die Stadt ein Vorkaufsrecht und - sie nutzt es.

der Späti in Berlin-Kreuzberg musste schließen, er konnte die Miete nicht mehr zahlen, AnwohnerInnen protestierten
Zitat
Der Kreuzberger Spätverkauf "Ora 35" ist geschlossen. Am Mittwochmorgen forderte ein Gerichtsvollzieher von der Betreiberfamilie den Schlüssel ein, wie die Familie rbb|24 bestätigte. Anschließend wurde der Laden unter Buh-Rufen und Pfiffen von protestierenden Anwohnern abgeschlossen. Die Betreiberfamilie wolle nicht, dass die Räumung blockiert werde, teilte der Anwalt mit.
https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2019/08/spaeti-ora35-oranienstrasse-raeumung-protest-sperrung.html



Kuddel

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Re: Mietpreis-Explosion und Wohnungsnotstand - Ursachen und Alternativen
« Antwort #9 am: 13:25:51 Sa. 14.September 2019 »
Zitat
Stadt als Ramsch
Der „Neue Berliner Kunstverein“ erkundet den Ausverkauf des Lebensraums seit dem Mauerfall

(...)
Die Ausstellung räumt mit dem Mythos auf, dass diverse Entscheidungen aus der Not geborene Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung waren. Sie stünden vielmehr für eine aktive „Stadtpolitik“, die diesen Namen angesichts gegenwärtiger Verwerfungen wohl kaum verdiene. Der Möglichkeitsraum, der sich nach der Wende in Berlin eröffnete, wurde schnell verriegelt, man wollte Herr über die Geschichtsschreibung sein. Und während ein Teil der Berliner Anfang der 1990er Freiheit in Techno-Clubs suchte, machte sich die Politik daran, Zukunft mit Vergangenheit vollzustellen. Heute hat jeder zweite Berliner laut einer Forsa-Umfrage Angst vor steigenden Mieten, vor Verdrängung. Was man hier sieht, scheint exemplarisch für weltweite Entwicklungen. Wem gehören die Städte?, das ist die brennende Frage.
(...)
https://www.freitag.de/autoren/antonia-maerzhaeuser/stadt-als-ramsch

Kuddel

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Re: Mietpreis-Explosion und Wohnungsnotstand - Ursachen und Alternativen
« Antwort #10 am: 12:49:27 Do. 28.November 2019 »
Zitat
"Amerika ist ein Höllenvorbild"
In den USA rutschen wegen hoher Mieten auch immer mehr Berufstätige in die Wohnungslosigkeit. Die Soziologin Jutta Allmendinger fürchtet ähnliche Zustände in Deutschland.
https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/jutta-allmendinger-soziologin-wohnungsnot-verunsicherung-sozialpolitik

Kuddel

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Re: Mietpreis-Explosion und Wohnungsnotstand - Ursachen und Alternativen
« Antwort #11 am: 11:08:33 Mo. 23.Dezember 2019 »
Zitat
Die Entfesselten

Wohnungskonzerne kaufen billig, lassen Mieter für Sanierung zahlen, nutzen Steueroasen und alle nur denkbaren schmutzigen Tricks. Höchste Zeit für Widerstand


Werner Rügemer

Sucht man nach dem Ursprung – und den Schuldigen – für den derzeitig grassierenden Wohnungsnotstand, landet man früher oder später bei Helmut Kohl. Er war es, der im Jahr 1988 zusammen mit CDU, CSU und FDP die Gemeinnützigkeit der Genossenschafts- und Werkswohnungen abschaffte. Aber erst die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer setzte die Welle dann richtig in Gang. Nur ein Beispiel: 2004 verkaufte die Bundesregierung die 82.000 Wohnungen der Gagfah, der Wohnungsgesellschaft der Bundesanstalt für Angestellte, und 65.000 Eisenbahnerwohnungen. Die Berliner Landesregierung von SPD und PDS mit Finanzsenator Thilo Sarrazin verkaufte 65.000 Wohnungen. Die CDU-FDP-Landesregierung in Nordrhein-Westfalen verhökerte 91.000 Wohnungen aus öffentlichem Besitz, Thyssenkrupp verscherbelte 48.000 Werkswohnungen, der Energiekonzern Eon 138.000. Noch 2012 bot die Landesregierung aus Grünen und SPD in Baden-Württemberg 21.000 Wohnungen zum Verkauf an, noch 2013 die CSU in Bayern unter Ministerpräsident Seehofer und Finanzminister Söder 33.000 Wohnungen.

Whitehall, Terra Firma, Deutsche Annington, Fortress, Cerberus hießen die „Heuschrecken“ aus New York und London, die mit Steuervorteilen reihenweise große Wohnungsbestände aufkauften – für Schnäppchenpreise ab 30.000 Euro pro Wohnung. Nach ihnen und nach der Finanzkrise übernahmen die noch größeren Kapitalorganisatoren wie Blackrock, Lansdowne, Massachusetts Financial, Allianz und der norwegische Staatsfonds Norges Bank Investment Management die schon privatisierten Bestände und formten daraus die jetzigen Großkonzerne. In deren Kielwasser bilden weitere Spekulanten immer mehr kleinere, ständig wachsende, spezialisierte Wohnungskonzerne.

Das Problem dabei ist nicht, dass „ausländische“ Investoren Wohnungen aufkaufen. Das Problem ist ihr asoziales bis kriminelles Verhalten, potenziert durch ihre unregulierte Marktmacht. Womit aber machen sie eigentlich ihre Profite? Was sind ihre Gewinnstrategien?

Vorkaufsrecht, na und?

Erstens: Die Investoren kaufen, bauen, modernisieren gezielt in den Metropolregionen, genannt „Schwarmstädten“: Dort sind Wohnungen sowieso schon knapp und werden durch Zuzug noch knapper. Nach Erwerb wird „modernisiert“: Die Kosten dafür werden den Mietern aufgebürdet. Die müssen derzeit pro Jahr acht Prozent übernehmen, als Aufschlag auf die Miete. Nach Abzahlung dieser Kosten wird die Miete allerdings nicht wieder gesenkt.

Ein Teil der Mietwohnungen wird in Eigentumswohnungen verwandelt und verkauft. Eigentlich haben die Mieter hierbei ein Vorkaufsrecht, Investoren umgehen das aber auf vielfältige Weise: Sie kaufen Wohnungen in ärmeren Stadtteilen und kalkulieren damit, dass die Mieter hier sowieso kein Geld haben, um die Wohnung zu kaufen. Ansonsten verzögern Investoren die Angebote an die Mieter, sodass ein anderer Käufer den Zuschlag erhält. Wenn die Wohnungen unternehmensrechtlich zu einem „Share Deal“ gehören, wird das Vorkaufsrecht sowieso ausgehebelt. Eine weitere Gewinnquelle sind überhöhte Nebenkosten: So gründete Vonovia eigene Tochterfirmen für Hausmeisterdienste, Reparaturen und Instandhaltung und verlangte für deren Dienste überhöhte Gebühren. Überhöhte Nebenkosten – zudem mit falschen Abrechnungen – werden zu einem eigenen Geschäftsfeld.

Auch profitabel ist die durch den Gesetzgeber geförderte Steuerflucht wie bei den „Share Deals“. So sind etwa die 24.000 Berliner Wohnungen von Ado Properties auf 54 GmbHs aufgeteilt. Wenn Ado nur 94,90 Prozent einer GmbH kauft, der ein Wohnblock oder auch eine einzelne Immobilie gehört, fällt keine Grunderwerbsteuer, immerhin 6 Prozent des Kaufpreises, an. Dadurch gehen dem überschuldeten Berliner Haushalt jährlich viele Hundert Millionen Euro zusätzlich verloren.

Alle Investoren bedienen sich auch der in Deutschland und der EU geförderten internationalen Steuerflucht. Sie nutzen alle wichtigen Finanzoasen: Luxemburg, die Niederlande und Zypern innerhalb der EU, die britischen Cayman und Virgin Islands, den US-Bundesstaat Delaware und die Bermudas. Vielfach werden dabei mehrere Briefkastenfirmen in verschiedenen Finanzoasen in einer „Kaskaden-Konstruktion“ hintereinandergeschaltet.

Derartiges organisieren Investoren wie Blackrock und Ado auch für ihre individuellen Anleger. So hat etwa Blackrock als Hauptaktionär von Vonovia seine acht Prozent Aktienanteile auf über 100 Briefkastenfirmen in einem Dutzend Finanzoasen verteilt. Damit werden Staaten und Kommunen ausgehungert: Sie haben so noch weniger Geld, um selbst günstigen Wohnraum zu schaffen.

Gewinne werden auch dadurch erzielt, dass Wohnungskonzerne Betriebsräte und Tarifverträge unterlaufen. Die großen Investoren wie Vonovia gründen standardmäßig für ihre Wohnungen in Deutschland eine Aktiengesellschaft nach EU-Recht, eine Societas Europaea: Darin gibt es kein gerichtlich einklagbares Recht, einen Betriebsrat nach dem deutschen Betriebsverfassungsgesetz zu gründen. Für die Beschäftigten bestehen kaum Tarifverträge.

Um diese Praktiken abzusichern, setzen die Investoren Lobbyisten ein. Beispiel: Blackrock als Großaktionär der fünf größten Wohnungskonzerne engagierte den ehemaligen CDU-Politiker Friedrich Merz als Aufsichtsratsvorsitzenden. Merz begleitete Treffen von Blackrock-Chefs mit den Finanzministern Schäuble (CDU) und Scholz (SPD). Jürgen Fitschen, Ex-Chef der Deutschen Bank, wurde Vorsitzender des Vonovia-Aufsichtsrates, weil „in der Politik vernetzt“: Er soll aufpassen, dass die Mietpreisbremse nicht bremst. Hildegard Müller vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken wurde ebenfalls in den Aufsichtsrat geholt – die Kirche ist für das Absegnen von privaten Gewinnen immer nützlich.

Die Folgen der Geschäftspraktiken der Wohnungskonzerne für Mieter sind dramatisch: Mieten und Nebenkosten fressen teilweise bis zu 60 Prozent des Einkommens auf. Viele ALG-II-Empfänger müssen einen Teil ihres ohnehin dürftigen Lebensunterhalts von 416 Euro monatlich abknapsen und für die Miete drauflegen, weil nach Jobcenter-Obergrenze keine bezahlbaren Wohnungen gefunden werden. Gegenüber 2014 stieg bis 2018 die Zahl der Wohnungslosen um 150 Prozent auf über 800.000 an. 2017 wurden 53.600 Zwangsräumungen durchgezogen. Und auch wenn Millionen Mieter Wohnberechtigungsscheine oder Anspruch darauf haben, so stehen ihnen keine Wohnungen zur Verfügung.

Rückkauf für das Fünffache

Nennenswerter Widerstand gegen die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt kommt bisher vor allem aus Teilgruppen der Betroffenen. Die politisch wichtigste Initiative ist „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ in Berlin. Sie hat auch den fünfjährigen „Mietendeckel“ befördert, den der rot-rot-grüne Berliner Senat beschlossen hat. Das muss nun in anderen Bundesländern ebenfalls geschehen. Wenn Berlin allein bleibt, ist es wahrscheinlicher, dass der Mietendeckel durch Klagen der Spekulanten-Lobby rechtlich ausgehebelt oder abgeschwächt wird.

Zudem: Der Berliner Senat bietet keine Gewähr, den Mietendeckel in allen Einzelheiten durchzusetzen. Der Kontrollaufwand ist groß, aber es fehlt das Personal. Was können Kommunen sonst tun? Der Berliner Senat versucht sich derzeit an einer kontraproduktiven Maßnahme. Im September 2019 kaufte er 5.800 privatisierte Wohnungen zurück und zahlte 920 Millionen Euro an den Eigentümer Ado Properties. 2004 hatte der Senat aus SPD und PDS die 65.000 Wohnungen der Wohnungsgesellschaft GSW an die „Heuschrecken“ Whitehall und Cerberus verkauft, pro Wohnung für 30.700 Euro. Beim Rückkauf zahlte der Senat pro Wohnung das Fünffache: 160.000 Euro. Den Kaufpreis brachte die städtische Wohnungsgesellschaft Gewobag auf, mithilfe eines 700-Millionen-Schuldscheins.

Die Wohnungskonzerne besitzen über 250.000 Wohnungen in Berlin, da sind die 5.800 nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn das Land Berlin umgekehrt einen zinslosen staatlichen Kredit von 700 Millionen aufgenommen hätte: Wie viele gemeinnützige Wohnungen könnten damit gebaut werden?

Wenn die Wohnungsnot gestoppt und gewendet werden soll, müssen die Rahmenbedingungen geändert werden: Das aber heißt, dass Spekulanten keine Nullzins-Kredite mehr von der EZB erhalten, dass Steuerflucht bekämpft, Share Deals abgeschafft und direkte und indirekte Wohnungskartelle verboten werden.

Die Wohnungszweckentfremdung durch Plattform-Vermittler muss gestoppt werden, falsche Nebenkosten-Abrechnungen bestraft, Luxussanierungen ein Riegel vorgeschoben. Modernisierungskosten dürfen nicht länger auf die Mieter umgelegt werden. Zugleich müsste das Personal in den Bau- und Aufsichtsbehörden der Kommunen erheblich aufgestockt werden. Schließlich braucht es öffentliche Wohnungsgesellschaften, die eine öffentlich finanzierte Neubauoffensive angehen.

Häusle kaufe und vermiete

Wer sind die größten Wohnungskonzerne? Und wer besitzt die Besitzer?

1. Vonovia

Umlackiert Vonovias Vorgänger Terra Firma und Annington hatten durch Mieterquälerei ihr Image ruiniert, deshalb gaben die neuen Eigentümer Blackrock & Co dem Konzern 2015 den Kunstnamen Vonovia.

Hauptaktionäre: Blackrock, Norges, Lansdowne, AXA und BNP Paribas. Blackrock ist auch Aktionär bei AXA und BNP Paribas

486.000 Wohnungen

2. Deutsche Wohnen

Enteignen!
Die Deutsche Bank hatte 1998 den Konzern mit einigen Zehntausend Wohnungen im Rhein-Main-Gebiet gegründet. Durch Zukäufe wuchs er bis auf 163.000 Wohnungen, davon 111.000 in Berlin. Zusätzlich hat der Konzern 2.600 Gewerbeimmobilien.

Hauptaktionäre: MassachusettsFinancial, Blackrock und Norges

163.000 Wohnungen

3. Grand City Properties

Reibach
Seit der Gründung 2011 hat der Konzern vor allem in Berlin, Köln, Dortmund, Hamburg, Bremen, Dresden und Leipzig 85.000 Wohnungen zusammengekauft. Nettogewinn im 1. Halbjahr 2019: 140 Millionen.

Hauptaktionäre: Gründer Yakir Gabay, Blackrock, Fidelity, Allianz und Temasek aus Singapur

85.000 Wohnung

4. LEG

Schwarz-Gelb
2008 verkaufte die Landesregierung von NRW aus CDU und FDP 91.000 Wohnungen der Landesentwicklungs-Gesellschaft LEG an die US-Heuschrecke Whitehall. 2013 ging LEG an die Börse. Gewinn für die Investoren in fünf Jahren: rund eine Milliarde Euro.

Hauptaktionäre: Blackrock, Massachusetts Financial, Deutsche Bank, AXA

5. TAG

Treuhand
TAG hält vor allem Wohnungen in nord- und ostdeutschen Städten. Dazu gehören 11.350 Wohnungen aus dem Besitz der Treuhand-Liegenschafts-Gesellschaft TLG.

Hauptaktionäre:
Massachusetts Financial, Capital Group, Blackrock, die Bayerische Landesbank, die Versorgungsanstalt des Bundes und der Investor Flossbach von Storch

84.000 Wohnungen

6. Adler Real Estate

For Rea
l Das ehemalige Unternehmen für Fahrräder, Motorräder und Büromaschinen findet Immobilien nunmehr lukrativer. Seit 2013 kaufte Adler die Accentro und Westgrund, Brack Capital aus Holland und 2019 einen Großteil von Ado Properties.

Hauptaktionäre: Mezzanine IX Investors (Luxemburg) und der Investor Klaus Wecken aus Basel

7. Covivio

Hochpreisig
Covivios Geschäftsmodell besteht darin, in europäischen Großstädten wie Paris, Berlin, London und Mailand Hotelketten zu besitzen, Co-Working Spaces zu vermieten und hochpreisige Eigentumswohnungen zu bauen.

Hauptaktionäre:
Luxottica-Gründer Leonardo Del Vecchio, die Bank Crédit Agricole

41.600 Wohnungen

nixnick

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Re: Mietpreis-Explosion und Wohnungsnotstand - Ursachen und Alternativen
« Antwort #12 am: 15:34:48 So. 09.Februar 2020 »
Wieso wird die Politik eigentlich vollkommen ausgeblendet?
Immer wird von der Macht des bösen Kapitals geredet, dass ggf. die Altersvorsorge von Kleinsparern verwaltet und Gewinne zumindest zum Teil als Rendite bei bspw. Lebensversicherungen ausschüttet. Wieso wird nirgends die grottenschlechte Politik erwähnt, die einerseits solche Auswüchse ermöglicht, andererseits aber selbst Ursache für die Verschärfung des Problems ist.
Sozialer Wohnungsbau? Fehlanzeige! Die Sozialbindung vieler Wohnungen ist entweder ausgelaufen oder aber läuft aus. Immobilien wurden zu Spottpreisen an Konzerne verschachert und - wenn überhaupt - jetzt zu horrenden Summen zurückgekauft. Dazu die Flüchtlingskrise, die ebenfalls zu einer Verschärfung des Wohnungsmarktes geführt hat.
Hier hätte unsere Politik gegensteuern und in den (sozialen) Wohnungsbau investieren müssen. Stattdessen sind Prestigeobjekte wie S21, die Elbphilharmonie und BER zu Milliardengräbern geworden.

counselor

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Re: Mietpreis-Explosion und Wohnungsnotstand - Ursachen und Alternativen
« Antwort #13 am: 15:51:12 So. 09.Februar 2020 »
Natürlich muss man auch die Rolle der Politik als Dienstleister des Kapitals kritisieren. Sie sieht sich offensichtlich dafür zuständig, den Wohnungskonzernen beste Bedingungen für Investitionen zu bieten. Zu Reformen wie dem Mietendeckel muss man die Politik offensichtlich durch Kämpfe auf der Straße treiben; ebenso zum sozialen Wohnungsbau. Reformen fallen nicht vom Himmel, sondern müssen stets erkämpft werden.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!