Wat Noch > Praxisbereich

Chefduzer und Betriebspolitik

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counselor:
"Betriebspolitik" hört sich irgendwie nach 70er Jahre oder DGB an. Aber jeder von uns, der irgendwo arbeitet, kann unverhofft damit konfrontiert werden. Plötzlich kann sich die Situation am Arbeitsplatz ändern und man ist gezwungen, irgendwie damit umzugehen. Man muß sich positionieren, man kann versuchen die Kollegen zu einem gemeinsamen Verhalten zu bewegen, man muß sich entscheiden. Wir sollten uns nicht nur rein theoretisch mit dem Kapitalismus auseinandersetzen, denn wir leben mitten drin. Wir müssen uns zunehmend darüber austauschen, wie wir mit unserem Alltag umgehen, ob wir nur Spielfiguren in einem bitteren Spiel sind, oder Menschen, die bereit sind, sich gemeinsam zu wehren. Ich fand dieses praktische Beispiel so interessant, daß ich die entsprechenden Beiträge aus dem Thread zur Weltwirtschaftskrise herausgetrennt und in den Praxisbereich verschoben habe.

admin



So, die Überproduktionskrise ist jetzt auch bei mir angekommen. Heute morgen im Betrieb kam die Betriebsleitung in die Abteilung. Die Umsätze sind eingebrochen. Ab November werden die Löhne gesenkt, entlassen wird aber niemand. Wer nicht genug zum Leben hat, soll zum Amt. Wer die Lohnsenkung ablehnt, kann kündigen. Außerdem werden Kantinenpreise erhöht und die Betriebsausflüge fallen weg. Die neue Lohnhöhe wird morgen im Einzelgespräch in der Personalabteilung offen gelegt. Mit der nächsten Lohnabrechnung am 15.10.19 erfolgt dann das Schriftliche.

Eine Kollegin brach in Tränen aus. Ihre Miete würde kürzlich erhöht. Sie weiß nicht, wovon sie ihre Rechnungen zahlen soll und meint, sich gleich den Strick nehmen zu können. Andere meinen, sie müssten den Gürtel enger schnallen. Manche finden es ungerecht, dass Flüchtlinge alles bezahlt kriegen oder H4-Empfänger acht Euro mehr kriegen ab Januar. Ein Kollege sagt, er kann kein H4 beantragen, weil seine Wohnung zu groß ist. Er würde dann vom Amt gezwungen auszuziehen und die Katastrophe am Wohnungsmarkt wäre ja bekannt.

tleary:

--- Zitat von: counselor am 16:04:33 Mi. 09.Oktober 2019 ---Wer die Lohnsenkung ablehnt, kann kündigen.

--- Ende Zitat ---
Kündigen muß schon noch der Arbeitgeber. Denn du hast ja (hoffentlich) einen Arbeitsvertrag, in dem dein Lohn in irgendeiner Form fixiert ist. Und der kann bestenfalls nur gesenkt werden, wenn beide Parteien damit einverstanden sind.


--- Zitat ---Die neue Lohnhöhe wird morgen im Einzelgespräch in der Personalabteilung offen gelegt. Mit der nächsten Lohnabrechnung am 15.10.19 erfolgt dann das Schriftliche.

--- Ende Zitat ---
In solche "Einzelgespräche" solltet ihr euch gar nicht verwickeln lassen. Denn da gehen alle dann als Verlierer raus. Da sitzen dann 3 oder 4 Leute von der Arbeitgeberseite vor dir, und du wirst als das "arme Würstchen" behandelt, dem der "Sachzwang" der Lohnsenkung verklickert wird.

Wie wär's wenn ihr euch dazu weigert, und nur als Gruppe bereit seid, mit den Arbeitgebern zu verhandeln? Bzw. die Lohnsenkung gleich ganz ablehnt. - Wo ist überhaupt euer Betriebsrat? Hat der seine Stimme verloren? Oder gibt's den bei euch gar nicht?


--- Zitat ---Die neue Lohnhöhe wird morgen im Einzelgespräch

--- Ende Zitat ---
Dazu wird noch die Überrumpelungstaktik angewandt. Damit niemand Zeit hat, nachzudenken - und ihr nicht, euch abzusprechen und dagegen zu organisieren.


--- Zitat von: counselor am 16:04:33 Mi. 09.Oktober 2019 ---Manche finden es ungerecht, dass Flüchtlinge alles bezahlt kriegen oder H4-Empfänger acht Euro mehr kriegen ab Januar.

--- Ende Zitat ---
Die Debilität ist schon weit fortgeschritten unter Teilen der Arbeiterschaft. Naja, "nach oben buckeln, nach unten treten". Ist wohl die grundsätzliche Lebenseinstellung vieler Malocher. Nur NIE nach oben treten, denn derjenige weiß, daß ihm das nicht bekommt.

counselor:
War heute zum Einzelgespräch. Die Firma hat ihre zwei lukrativsten Aufträge verloren. Mein Lohn soll um etwa 10 Prozent gekürzt werden. Man wolle weiterhin alle Arbeitsplätze anbieten und wolle sich nicht wegen der Löhne Verschulden. Daher sei die Kürzung unausweichlich. Der Betriebsrat ist auf Tauchstation. Unterschrieben habe ich nichts, aber das Schriftliche soll noch kommen. Bin gerade am Überlegen, nächste Woche zur Verdi-Gewerkschaft zu gehen.

Die Kollegen sind halt wütend darauf, dass die Merkel-Regierung Milliarden für Flüchtlingsdeals mit der Türkei und afrikanischen Staaten ausgibt, aber für uns nie Geld da ist. Manche meinen auch, H4-Empfänger könnten dreimal im Jahr auf Staatskosten Urlaub machen und die Flüchtlinge würden alles kriegen, ohne dass sie dafür einen Finger krumm machen müssen. Teilweise widerspiegelt sich in den Aussagen die jahrelange Medienhetze.

tleary:

--- Zitat von: counselor am 19:21:22 Do. 10.Oktober 2019 ---War heute zum Einzelgespräch. Die Firma hat ihre zwei lukrativsten Aufträge verloren. Mein Lohn soll um etwa 10 Prozent gekürzt werden.

--- Ende Zitat ---
Ich hoffe, daß du dann wenigstens auch deine Arbeitszeit um 10 % reduzieren "darfst". - Denn wenn nach Aussage der Geschäftsleitung 10 % weniger Aufträge da sind, kannst du ja auch 10 % weniger anwesend sein. Ansonsten (wenn nicht kürzer Arbeiten) wäre die Aussage "keine Aufträge mehr" von der Geschäftsleitung ja eine glatte Lüge, und nur der Versuch, die Löhne der Arbeiter zu senken.


--- Zitat ---Man wolle weiterhin alle Arbeitsplätze anbieten und wolle sich nicht wegen der Löhne Verschulden. Daher sei die Kürzung unausweichlich.

--- Ende Zitat ---
"Unausweichlich".... der berühmte "Sachzwang" kommt da wieder in Form von Lohnkürzungen daher. Muß ich an die Merkel denken mit ihrem "alternativlos"-Gerede.


--- Zitat ---...wolle sich nicht wegen der Löhne Verschulden.

--- Ende Zitat ---
Außerdem: Kredit gehört zum Geschäft. Das sind schlechte Geschäftsleute, die nicht mit Krediten ihr Geschäft befeuern.


--- Zitat ---Der Betriebsrat ist auf Tauchstation.

--- Ende Zitat ---
Dem Betriebsrat gehört in den Arsch getreten. UND: Sofort abesetzt und/oder bei der nächsten Wahl abgewählt.


--- Zitat ---Unterschrieben habe ich nichts, aber das Schriftliche soll noch kommen. Bin gerade am Überlegen, nächste Woche zur Verdi-Gewerkschaft zu gehen.

--- Ende Zitat ---
Aber du wirst das noch tun, oder? ;)


--- Zitat ---Die Kollegen sind halt wütend darauf, dass die Merkel-Regierung Milliarden für Flüchtlingsdeals mit der Türkei und afrikanischen Staaten ausgibt, aber für uns nie Geld da ist.

--- Ende Zitat ---
Was haben betriebliche Kürzungen mit den Staatsausgaben zu tun? - Richtig: Gar nichts! Aber ich höre das auch immer wieder, daß argumentativ "Haken geschlagen" werden. Das Unrecht, das einem zugefügt wird, wird richtig benannt, nur der Schuldige (in dem Fall deine Geschäftsleitung) wird von den Arbeitern nicht bekämpft, sondern der Haß umgeleitet auf irgendwelche Unbeteiligte (Flüchtlinge und Hartz IV-Empfänger). - Welche Schuld haben denn Hartz-IV-Bezieher und Flüchtlinge an den sozialen Sauereien, die die Unternehmer in euerem Betrieb veranstalten?

Ich hoffe nur, du unterschreibst nichts. Bin mir aber zugleich sicher, daß ALLE dieser Erpressung der Geschäftsleitung nachgeben werden.

counselor:
Ja, ich bin mir auch sicher, dass es keinen Widerstand gegen die Lohnkürzung geben wird. Die Denkweise, die das vereitelt, habe ich ja dargestellt. Ich denke, das Ganze ist ein Testballon. Man wollte testen, inwieweit die Belegschaft Widerstand leistet. Es werden weitere Angriffe folgen.

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