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Migrantischer Widerstand

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admin:
Die schwedische Gewerkschaft SAC hat einen Versuch unternommen, eine internationale Vernetzung zum Thema Arbeitsmigration aufzubauen.

Es waren bei dem Onlineaustausch Teilnehmer aus Schweden, Polen, Bulgarien und Deutschland dabei. Es waren Leute aus Gewerkschaften und anderen Initiativen, die sich mit der Thematik befassen. Ich war als Vertreter von chefduzen eingeladen.

Was mir im Kopf geblieben ist: Es waren 2 Gewerkschafter von der FAU Bonn dabei, die erzählten, daß die FAU Bonn sich erst ein Jahr zuvor gegründet hat und dann überrascht wurde, daß die Rumänischen Erntearbeiter bei Spargel Ritter in Bornheim eigenständig in den Streik getreten sind und sie als Gewerkschaft hinzukamen, um die kämpfenden Arbeitsmigranten zu unterstützen. Sie erzählten begeistert, was sie im Laufe diese Auseinandersetzung gelernt hätten. Die juristische Auseinandersetzung sei noch am Laufen und sie sehen den Ausgang optimistisch.

Amazon hat bisher beim Vertrieb der Waren meist auf Zusteller wie DHL zurückgegriffen. Nun will Amazon eigene Vertriebsstrukturen aufbauen. Es ist geplant, Amazonfahrer grenzüberschreitend zu vernetzen.

Eine polnische Teilnehmerin sagte, viele Polen arbeiteten im westlichen Ausland und Polen sei voll mit Arbeitsmigraten, u.a. aus der Ukraine. Wir sollten also nicht mit einer Haltung loslegen, wir würden etwas für Arbeitsmigranten tun. Wir sollten uns selbst als Arbeitsmigranten sehen, die sich vernetzen müssen, um unsere Lebenssituation zu verbessern.

Es soll ein kontinuierlicher Austausch stattfinden und ein Infopool aufgebaut werden mit Adressen von Beratungs- und Anlaufstellen, mit mehrsprchigen Infos zur rechtlichen Situation im jeweiligen Land und mit Infos zu praktischen Erfahrungen mit kollektiver Gegenwehr.

Kuddel:
Ich schätze die britische Initiative "Angry Workers" sehr.
Sie gehen dorthin, wo die Ausbeutungsverhältnisse am krassesten sind. Sie sind neugierig. Sie knüpfen Kontakte. Sie beobachten, quatschen mit den Leuten und mischen sich ein.

Ein Auszug:


--- Zitat ---Wir arbeiteten auf einer Obstfarm in Kent und pflückten Erdbeeren. Es waren ungefähr 80 Hektar. Die Familie, die den Betrieb führte, hatte noch mehrere andere Farmen. Auf unserer Farm wurden die Erdbeeren draußen in Folientunneln angebaut, die in Brusthöhe aufgehängt waren. Die Arbeit, die wir verrichteten, war das Entblättern (also die Pflege der Pflanzen) und einige Pflückarbeiten. Wir kamen im Juni an und arbeiteten bis September.

Wir wohnten auf einem 1 oder 2 Hektar großen Wohnwagenplatz neben einem kleinen Industriegebiet. Um uns herum waren Felder mit den Polytunneln. Die Miete kostete etwa 69 Pfund pro Woche. Also etwa ein Tageslohn. Das beinhaltete ein Bett im Wohnwagen für bis zu 6 Personen, und es deckte Strom, Wasser, Gemeinschaftsduschen/-Toiletten und Kochmöglichkeiten ab. Der Lohn wurde direkt von unseren Gehaltsschecks abgezogen.

Die Wohnwagen waren sehr einfach. Wir haben Bilder von anderen Farmen gesehen und die können viel angenehmer sein. Die Kochgelegenheiten waren auch sehr funktionell. Die Toiletten waren immer verstopft. Wir kamen als Paar an und konnten so das Hauptschlafzimmer teilen. Es hatte eine Matratze und einen Kleiderschrank. Wir hatten Glück, denn dieses war besser als andere Zimmer. Man konnte in einem sehr kleinen Zimmer mit einem anderen Fremden zusammen sein und ein paar Zentimeter von dessen Gesicht entfernt schlafen. Und eine Steckdose pro Zimmer.
(...)
Es gab einen Engländer, mit dem wir zusammenarbeiteten, der Italienisch sprechen konnte, und so konnte er sich mit einem Rumänen verständigen, der Italienisch sprach, weil er jahrelang in Italien gearbeitet hatte. Dieser Rumäne zeigte dem Engländer, wie man die Erdbeeren wirklich schnell pflückt, indem man eine spezielle Technik mit den Fingern anwendet. Die Manager bringen einem das nicht bei, also muss man von anderen lernen. Die Arbeit wurde in Pflanzenreihen gemessen, und wir bekamen verschiedene Kontingente zugeteilt.

Die Vorgesetzten waren hauptsächlich Rumänen und Bulgaren, aber wir hatten einen englischen Vorgesetzten. Er hatte noch nie Obst gepflückt, aber er war ein Manager in einem Geschäft gewesen, also machten sie ihn zum Aufseher. Er arbeitete die Quoten aus (etwa 20 kg Obst pro Stunde). Der Grundlohn war der Mindestlohn, aber wenn man eine bestimmte Menge überschritt, kam man in den "Bonusbereich". Aber man musste wirklich verdammt schnell sein, um überhaupt in den Bereich des Mindestlohns zu kommen. Wenn man zu oft nicht schnell genug war, wurde man für den Tag nach Hause in seinen Wohnwagen geschickt. Man wurde zwar für seine Schicht bezahlt, aber dann wurde man nicht mehr zur Arbeit gebeten. Du würdest einfach weiter auf der Baustelle sein, ohne zu arbeiten. Man erfuhr erst am Vorabend, ob man am nächsten Tag zur Arbeit eingeteilt war. Dies wurde am schwarzen Brett in der Küche ausgehängt. Die Farm arbeitete 7 Tage die Woche und man musste jeden Abend den Dienstplan überprüfen. Wenn man also frei haben wollte, musste man ihnen sagen, dass man einen Tag frei hat, oder einfach nicht zur Arbeit gehen und sich darum kümmern. Normalerweise waren sie damit einverstanden, wenn man es ihnen im Voraus mitteilte.

Es waren hauptsächlich Arbeiter aus Rumänien, Bulgarien und der Ukraine, aber auch einige Polen, Slowaken und Tschechen. Möglicherweise gab es auch einige Roma-Arbeiter auf dem Hof. Die ukrainischen Arbeiter lebten auf einem separaten Wohnwagenplatz und wurden zur Aufstockung der Belegschaft geschickt, wenn die Nachfrage groß war. Der Campingplatz, auf dem wir waren, war hauptsächlich rumänisch, und es gab einen zweiten, der hauptsächlich bulgarisch war. Die Leute blieben hauptsächlich bei ihrer jeweiligen Sprachgemeinschaft. Die Arbeiter waren hauptsächlich männlich, viele waren Mitte 20, aber es gab auch viele in ihren 30ern, 40ern, 50ern. Einige der Arbeitsmigranten schienen recht erfahren zu sein, und viele der Neuen waren mit Erfahrenen gekommen, die ihnen die Grundlagen zeigten.

Unser Arbeitsteam bestand hauptsächlich aus Engländern. Anfang Juni waren wir 35 Leute, aber die Zahl sank auf etwa 16, die es eine Weile aushielten, und als wir Ende September abreisten, waren es noch 4. Die englischen Arbeiter hielten nicht lange durch. Viele Leute kamen aus dem Hippiemilieu - normalerweise arbeiteten sie auf Festivals. Einige waren gerade entlassen worden, andere waren gerade auf Weltreise, als die Pandemie ausbrach. Es gab auch ein paar zwielichtige Leute, die nur wegen der billigen Unterkunft und zum Stehlen da zu sein schienen. Stressig, wenn sie in deinem Wohnwagen leben. Sie blieben nicht lange und zogen weiter.
(...)
--- Ende Zitat ---
https://www.angryworkers.org/2021/01/06/lockdown-interviews-agricultural-worker/

Kuddel:
Ich war auf einer Anti-Tönnies-Veranstaltung und da wurde berichtet, daß vorerst Arbeitskämpfe innerhalb der Schlachtbetriebe unmöglich seien, da die osteuroäischen Beschäftigten unter ständiger Bebochtung und Repression ständen. Osteuropäische Vorgesetzte übernähmen Kapoaufgaben und würden in den gleichen Unterbringungen wohnen. Aufmüpfige Arbeiter werden zusammengeschlagen, teilweise auch abgeschoben.

Das Unmögliche ist nun doch passiert: Wilde Streiks an mehreren Vion Standorten!

--- Zitat ---An drei Standorten von Vion legten Mitarbeiter in der Schlachtung und Zerlegung unangekündigt ihre Arbeit nieder. Auslöser für die Streiks war Ärger über die Lohnabrechnung.
--- Ende Zitat ---
https://www.wochenblatt-dlv.de/regionen/ostbayern/streiks-bleiben-ohne-groessere-auswirkungen-564244

Nun hat auch die NGG nachgelegt:

--- Zitat ---Mitarbeiter des Landshuter Schlachthofs streiken



Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat in dieser Woche zu Streiks in der Fleischwirtschaft aufgerufen. In der Nacht auf Donnerstag haben sich auch die Mitarbeiter des Vion Schlachthofs in Landshut daran beteiligt.

Wie die NGG mitteilte, sei die komplette Schlachtung dem Aufruf gefolgt und habe ab 2 Uhr die Arbeit niedergelegt. Erst vier Stunden später um 6 Uhr seien die Mitarbeiter wieder angetreten. "Wir sind sehr zufrieden mit der breiten Beteiligung am Warnstreik.
--- Ende Zitat ---
https://www.idowa.de/inhalt.aktion-am-donnerstagmorgen-mitarbeiter-des-landshuter-schlachthofs-streiken.69e5a875-083f-4829-9a79-68d9487899a3.html

Kuddel:
Die Unsichtbaren

Hunderttausende migrantische Arbeiterinnen befinden sich in einer Art Leibeigenschaft: 24-Stunden-Pflegekräfte.

Eine hat den juristischen Kampf aufgenommen:


--- Zitat ---Etwa eine halbe Million Menschen halten sich in Deutschland Diener*innen, die das Haus fast nie verlassen und immer zur Verfügung stehen müssen. An solche massenhaften Feudalarbeitsverhältnisse glauben Sie nicht? Dann fragen Sie mal 24-Stunden-Pflegekräfte, wie ihre Arbeitsbedingungen sind!

Diese Pflegekräfte sind meistens weiblich, meistens aus Osteuropa, sie betreuen Pflegebedürftige rund um die Uhr in deren Häusern und bekommen diese Zeit nicht einmal annähernd vollständig entlohnt.

Einer von ihnen hat es jetzt gereicht. Frau Alekseva, der Name ist geändert, kommt aus Bulgarien. Sie hat dagegen geklagt, dass sie lediglich die in ihrem Arbeitsvertrag festgelegten 30 Arbeitsstunden, nicht aber die restliche Arbeits- und Bereitschaftszeit bezahlt bekommt. Zwei Gerichte in Berlin haben ihr bereits Recht gegeben; ein Arbeitsgericht gestand ihr zu, dass sie Lohn für 168 Arbeitsstunden hätte bekommen müssen. Das Landgericht Berlin erkannte 21 Arbeitsstunden täglich, also insgesamt 147 Arbeitsstunden an. Ihr tatsächlicher Lohn lag also so weit unter dem Mindestlohn, dass es sich hier nicht mehr auszurechnen lohnt. Als Nächstes wird vor dem Bundesarbeitsgericht verhandelt, weil Frau Aleksevas Arbeitgeber zum dritten Mal Berufung eingelegt hat. Der Arbeitgeber ist eine bulgarische Agentur, wie es sie zu Tausenden gibt und wie sie gut an den Vermittlungen verdienen.

Unterstützung bekommt Frau Alekseva vom Projekt „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Dessen Mitarbeiterinnen beraten ost- und mitteleuropäische Arbeitsmigrant*innen in Deutschland bei ihren Anliegen. „Wir hoffen, dass sich nach einem positiven Urteil mehr Betreuungskräfte trauen, sich gegen mangelnde Bezahlung und fehlende Freizeit zu wehren und ihre Ansprüche einklagen“, erklärt Justyna Oblacewicz von der im DGB organisierten Gewerkschaft Verdi. „Viele wissen nicht mal, dass sie ihre Rechte hier in Deutschland durchsetzen können, auch wenn sie keinen deutschen Vertrag haben.“ Neben der rechtlichen Beratung bemüht sie sich um die gewerkschaftliche Organisierung der 24-Stunden-Pflegekräfte, die leider noch ganz am Anfang steht: „Wir versuchen, die Frauen, die vereinzelt in ihren Haushalten sind, über Social Media zu vernetzen. Es gibt auch viele sprachliche Barrieren.“ Auch in der Schweiz wehren sich seit ein paar Jahren die 24-Stunden-Pflegekräfte auf ganz ähnliche Weise. Bleibt zu hoffen, dass Frau Oblacewicz recht behält, dass der Funke überspringt und Frau Alekseva das Vorbild für noch sehr viele betroffene Pflegekräfte mehr wird.
--- Ende Zitat ---
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/24-stunden-pflege-und-jetzt-vor-gericht

Kuddel:
Die Arbeit und die Kämpfe der Migranten sind für uns unsichtbar, teilweise deshalb, weil wir uns dafür zu wenig interessieren.

Es ist dabei unfaßbar, wie ruhig es in den Betrieben in Deutschland ist. Ich sehe das Problem darin, daß die Deutschen darauf warten, daß die Gewerkschaften die notwendigen Kämpfe organisieren. Die tun es aber nicht. Mit ihrer sozialparterschaftlichen Ausrichtung fürchten die Gewerkschaften, daß Arbeitskämpfe ja im internationalen Konkurrenzkampf von Nachteil für die Betriebe sein könnten.

Wir stehen also vor dem schwerwiegenden Problem, es mit unbrauchbaren Gewerkschaften zu tun zu haben, die sich eher für den Betriebsfrieden, als für die Interessen der Arbeiter:innen einsetzen.

Migrantische Arbeiter:innen sind nicht unbedingt die armen Ausgebeuteten, die nur auf unsere Hilfe warten. Oftmals sind es kämpferische Menschen, die nicht darauf hoffen, daß sie von Gewerkschaften oder sonstwem vertreten werden, sondern wissen, daß sie selbst für ihre Rechte kämpfen müssen.

Ich glaube, wir sollten uns mehr für die migrantischen Kämpfe interessieren, um selbst ie betriebliche Friedhofsruhe zu beenden.

Die Kämpfe des Bodenpersonals am Frankfurter Flughafen halte ich für ein gutes Beispiel:
https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21592.30.html

Das meist migrantische Personal fühlte sich von Verdi nicht vertreten und von der Kleingewerkschaft IGL nur halbherzig.
Sie erfuhren Unterstützung von kleineren linken Orgnisationen, von Trotzkisten und der MLPD, aber mein Eindruck ist, daß die Solidarität und das ungewöhnliche Durchhaltevermögen auf migrantischen Netzwerken und Strukturen basiert.

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