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Protestbewegungen, Infiltrationen, feindliche Übernahmen

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Kuddel:
Protestbewegungen entstehen meist spontan.
Ihre Teilnehmer sind großteils politisch unerfahren. Sie unterschätzen ihre Bedeutung und Macht der Bewegungen.
Reaktionäre Kräfte, die zur herrschenden Ordnung gehören oder rechts davon zu verorten sind, sind nicht naiv und wenig zimperlich. Sie mischen sich in die Bewegungen ein, entweder um ihnen die Dynamik zu nehmen oder um sie auf einen vollständig neuen Kurs zu bringen.

Ist sowas in Zukunft zu verhindern?
Was kann man aus den bisherigen Erfahrungen lernen?

Man sollte erst einmal die bisherigen Einflußnahmen analysieren.

Folgende Beispiele fallen mir spontan ein:

* Bürgerrechtsbewegung DDR
* Maidan Proteste (Ukraine)
* Gelbwestenproteste (Frankreich)
* Gelbwestenproteste (Deutschland)
* Arabischer Frühling in Syrien
* Regenschirmproteste (Hongkong) 2014
* "Demokratiebewegung" (Hongkong) (20019- ...)
* Dieseldemos 2008
* Dieseldemos 2019
* Bauernproteste
* Fridays for Future
Diese Liste kann und sollte ergänzt werden.

Ich habe mir zu diesen Themen bereits ein paar Gedanken gemacht. Ich würde mich freuen, wenn sich hier verschiedene Leute äußern würden mit vielleicht unterschiedlichen Einschätzungen. Hier fehlt Rudi Rocker. Er hatte zu eingen dieser Themen treffende Einschätzungen, bei anderen hatten wir entgegengesetzte Meinungen.

Fritz Linow:

--- Zitat von: Kuddel am 10:45:34 Do. 16.Januar 2020 ---(...)

* Dieseldemos 2008
* Dieseldemos 2019 (...)

--- Ende Zitat ---

Zu den Dieseldemos 2019 gibt es eine Bilderstrecke:
Dieselprotest 2019 - Eine Bilder Collage: Stuttgart, Ludwigsburg, Reutlingen, Mannheim


Das ist eine Mischung aus verständlicher Wut und krankhafter Autoliebe. Das lässt mich ein wenig ratlos zurück.


--- Zitat ---Heute, am Samstag, den 19. Januar fand am Neckartor in Stuttgart zum zweiten Mal eine Kundgebung gegen das Diesel-Fahrverbot in der Innenstadt statt.
Das Diesel-Fahrverbot trifft tatsächlich zu großen teilen lohnabhängige PendlerInnen, die deshalb entweder auf den extrem teuren und schlecht ausgebauten Nahverkehr umsteigen müssen, oder sich mal eben ein neues Auto kaufen sollen. Die Folgen unsauberer Technik werden hier also einfach auf die ArbeiterInnen-Klasse abgewälzt, statt die Konzerne, die für Umweltzerstörung und -verschmutzung wirklich verantwortlich sind, auch bezahlen zu lassen.
Da schon beim ersten Mal einzelne AfDler und die Nazi-Betriebsorganisation "Zentrum Automobil" dort waren, haben wir heute Flyer verteilt, um gegen die Einflussnahme von Rechts aus vorzugehen.

Der Text ist hier nachzulesen:
(...)
--- Ende Zitat ---
https://de.indymedia.org/node/28367

Kuddel:
Die Dieseldemos 2019 erinnern durchaus an die Beginn der Gelbwestenbewegung in Frankreich.
Es entwickelt sich jedoch nicht ähnlich. Die deutschen Organisatoren grenzten sich zwar gegen rechte Einflußnahme ab, aber sie war massiv und nicht zu stoppen. Der Unterschied liegt vielleicht bereits in der unterschiedlichen Kultur. In Frankreich gibt es diesen (oftmals verlogenen) Bezug auf die Revolution und die Résistance. Naja, immerhin. In Deutschland scheint mir doch der Untertanengeist verbreiteter zu sein. Und diese Verbundenheit, bzw. die Liebe zum Auto scheint mir diesseits des Rheins weitaus ausgeprägter zu sein. Auf dieser Basis konnten sich die Faschos gut bewegen.

Das bei Indymedia zitierte Flugblatt der Antifa Stuttgart finde ich gut.


Die Dieseldemos 2008 wurden von der Linken kaum wahrgenommen, obwohl es sich um einen beachtlichen Sozialprotest handelte. Es war ein selbstorganisierter Protest von selbstfahrenden LKW Unternehmern, also Ausgebeuteten mit Unternehmerstatus. Bis zu 500 LKW beteiligten sich an den Protestkundgebungen. Es solidarisierten sich Taxifahrer und Bauern, die sich den Protesten anschlossen. Es begann als relativ basisdemokratische Angelegenheit im einem offenen Mikrophon. Einge der Redebeiträge hatten einen rassistischen Einschlag, aber das war nicht dominierend und spiegelt nur die herrschende Verwirrung der Beschäftigten in der Transportbranche wider. Es bedurfte da aber keiner Infiltration oder feindlichen Übernahme, das machten die Trucker schon selbst. Sie bekamen Angst vor ihrer Macht und hatten das Gefühl, sie wären die Aufgaben nicht gewachsen. Während des Protests hat sich einer sehr hervorgetan mit seinem Redetalent, einer guten Pressearbeit und guten organisatischen Fähigkeiten. Man legte die Leitung der Dieseldemos (es fanden mehrere statt) in die Hände des redegewandten pensionierten Autobahnbullen und Schluß war's mit der Basisdemokratie. Es wurden alle unliebsamen Beiträge aus dem Diskussionsforum der Protestierenden gelöscht. So mancher erhielt sogar Abmahnungen von einem Anwalt. Es war nicht nur das Ende der Basisdemokratie, es war auch das Ende der Bewegung.

counselor:
Bei den Bauernprotesten gestern in Nürnberg trat die AfD offen auf. Einige Trecker hatten Nazi-Sprüche. Söder und Aiwanger hielten die Hauptreden. Ein offenes Mikrofon gab es nicht. Linke haben sich nicht beteiligt (zumindest nicht offen). Trotzdem waren die Proteste beachtlich.

Kuddel:
Der Bauernprotest ist etwas, was uns noch länger beschäftigen sollte.

In Bremen war ich nicht auf der Kundgebung. Ich habe mir eine paar kurze Videoclips davon angeschaut und hatte den Eindruck, daß keine Politker auf dem Podium waren. Es wurde zur nächsten Demo in Brüssel aufgerufen. Es scheint ein naiver Glauben zu herrschen, daß man Politiker um irgendwas bitten kann, bzw. das es etwas bringt.

Infiltrationen sind eine wichtige Sache, wenn wir die Bewegung weiter beobachtet. Um selbst aus einer linken Position heraus einen Einfluß auf die Diskussion der Landwirte kriegen will, muß man mit ihnen reden und Kontakt halten. Wenn man sie praktisch unterstützt bei guten Aktionen mit vernünftigen Forderungen, wird man auch geschätzt und ernst genommen. Wenn man ein paar Faschobauern im Protest erspäht, ist es noch längst keine Faschobewegung. Wenn bekannte Faschos als Unterstüzer auftauchen, ist die Bewegung noch längst nicht unterwandert. Das wurde ja auch stets bei der Gelbwestenbewegung (F) behauptet und war grundfalsch.

Aber natürlich sind Bauern auch anfällig für rechten Scheiß. Die Rechten scheinen aktiver in das politische Vakuum zu preschen, als die Linken. In Nürnberg gab es wohl einige gruselige Dinge.





Laut Medien sind AfD-Transparente nach der Intervention der Veranstalter abgenommen worden.


Nochmal ein Blick in die Geschichte:
Der Roman Bauern, Bonzen und Bomben von Hans Fallada beschreibt die Protestaktionen im Jahr 1929 der Bauernschaft in Schleswig-Holstein, vom Widerstand gegen Zwangspfändungen über Demonstrationen bis hin zu Bomben-Attentaten. Das war eine wirklich vorbildliche militante Soziale Bewegung. Dann kamen die Nazis und sagten, wir finden gut, was ihr macht. Wir unterstützen euch. Wir übernehmen eure Forderungen in unser Programm. Darauf sind die kämpfenden Bauern hereingefallen. Die Nazis haben all ihre Versprechen gebrochen und nicht eine der Forderungen erfüllt.

So kann es laufen, wenn man politisch naiv ist und nicht aufpaßt.

 

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