Wat Noch > Theoriebereich

Basisgewerkschaften

(1/2) > >>

Kuddel:
Es war phasenweise schon nervig, wie das Forum von Mitgliedern und Unterstützern der Basisgewerkschaften FAU und IWW heimgesucht wurde. Es schien die Lösung all unserer Probleme zu sein und die basisdemokratischen Gewerkschaftsmodelle wurden wie das Evangelium gepriesen. Irgendwann wurde es still um sie. Die optimistischen Postings ließen nach, bis sie ganz ausblieben. Noch nicht einmal das mitgliederstärkste Syndikat in Berlin hält es noch für nötig bei chefduzen seine Veranstaltungen zu veröffentlichen.

In dem Buch "Syndikalismus und neue Klassenpolitik" zieht Torsten Bewernitz nach 20 Jahren Aktivität in der FAU ein vernichtendes Resümee. Warum gibt es keinen Aufschrei der Empörung, keinen Widerspruch von den zuvor noch so Begeisterten? Wo sind sie? Haben sie aufgehört von einer besseren Gesellschaft zu träumen, haben sie aufgehört zu kämpfen? Sind sie heute in völlig anderen Kämpfen eingebunden? Ist das Interesse an den Ausgebeuteten und dem Arbeitsplatz als Ort der Auseinandersetzung verschwunden?

Wer will wie kämpfen? Die Basisgewerkschaften FAU und die in D noch kleinere IWW funktionierten als Durchlauferhitzer. Die Leute traten begeistert ein und die Organisationen konnte die Mitglieder nicht lange halten. Viele Tausend Leute sind da in wenigen Jahren durchmarschiert. Was denken sie heute? Was bedeuten ihre Erfahrungen und Enttäuschungen für sie? Was sollten die politschen Konsequenzen jenseits von Resignation oder "weiter so" sein?

Ferragus:
Das Buch von Bewernitz wurde FAU-intern von wenigen Mitgliedern diskutiert und zu recht kritisiert, gegenwärtig scheint das Bedürfnis nach theoretischer Analyse aber nicht im Zentrum zu stehen. Man versucht halt die Gewerkschaftsarbeit, die Aufrechterhaltung und den Ausbau der Organisation und die anfallende Bürokratie zu bewältigen, teilweise sich erst anzueignen und hat damit genug zu tun - es fehlt an Leuten, die sich sich reinknien. Diese trockenen und notwendig etwas langweiligen Tätigkeiten haben auch schon einige aktive Mitglieder verheizt. Andererseits kann man auch sagen, das politische Tätigkeit für die meisten Leute ein Durchgangsphänomen ist, und sie sich mit Anfang 30 und dem Beginn der aktiven Familienplanung eher zurückziehen. Also es ist nicht so einfach - die Stagnation bzw. langwierige Entwicklung der FAU und die Passivität der arbeitenden Klasse beeinflussen sich wechselseitig. Erschwerend: die gebundene, verwaltete Form des heutigen Klassenkampfes, der sich überwiegend vor Gericht und im Verhandlungs-zimmer abzuspielen scheint.
Bewernitz Ungeduld kann ich verstehen, aber sein Rezept von einem linken Flügel in den DGB-Gewerkschaften hat wenig Anziehungskraft und seine Analyse der Misere reicht nicht aus.
Insofern gibt es eben keinen Grund für Optimismus.

Kuddel:
Hallo Ferragus,
schön eine Reaktion aus dem FAU Umfeld zu kriegen. Es ist recht still um die FAU geworden. Im Lauf meines Arbeitslebens war ich aus symbolischen Gründen Mitglied in drei verschiedenen sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften, doch ich halte das Konzept der Basisgewerkschaften für das bessere. Ich habe versucht im Rahmen/in Zusammenarbeit von/mit sozialpartnerschaftlichen- und Basis-Gewerkschaften, Beratung zu bekommen oder Protest und Widerstand in der Arbeitswelt anzuschieben. Die Liste der Enttäuschungen ist lang, bei den Basisgewerkschaften noch länger als bei den DGB Gewerkschaften. Das liegt aber wohl daran, daß ich mich nach einer Weile bei den DGB Gewerkschaften weniger bemüht habe, weil ich gesehen hatte, wie wenig Interesse sie an klassenkämpferischen Aktivtäten haben. Umso schmerzlicher war die Erfahrung, daß es bei der sympathischeren Organisation in der Praxis hinten und vorn nicht klappt. Ich kann vielleicht später einige dieser Erfahrungen schildern.

Bei den Auszügen aus der Broschüre von Torsten Bewernitz, die ich zu lesen bekam, war ich von den Socken. Sein ernüchterter Blick auf die FAU entsprach meinen Erfahrungen. Ich habe mir die Broschüre dann bei der Buchhandlung meines Vertrauens bestellt, da wurde ich jedoch enttäuscht. Ich kann seine Schlüsse aus der Enttäuschung und aus der realen Schwäche der FAU nicht nachvollziehen. Den Vorschlag, "Workers Center" zu etablieren, finde ich gut. Aber da hört es schon auf. Auch wenn der bisherige Weg der FAU vielleicht gescheitert sein mag, halte ich das Konzept von Bassisgewerkschaften keineswegs für gescheitert. Das beweisen meiner Meinung nach die IP in Polen, die SUD Solidaires in Frankreich und SI Cobas in Norditalien.

Ich finde seinen Vorschlag zur "Professionalisierung" mit bezahlten Funktionären nicht gut. Ich halte durchaus eine Reformierung der FAU Strukturen für sinnvoll und da sollte man weniger dogmatisch und stattdessen lebensnäher sein. Ich denke schon, daß gewisse Aktivitäten honoriert und finanziell entschädigt werden sollten, denn sonst wäre es z.B. für alleinerziehen Mütter unmöglich auch noch Gewerkschaftsarbeit zu machen. Das ist sonst ein Privieg derjenigen, die ausreichend freie Zeit und eine gute ökonomische Absicherung haben. Ein Funktionärstum wäre keine Lösung, sondern eher der Versuch einen Fehler durch einen anderen zu ersetzen.

Torsten Bewernitz hat scheinbar die FAU ganz aufgegeben. Das halte ich für falsch. Ich denke schon, daß die eigenen Fehler und das Scheitern an vielen Fronten diskutiert werden müßten. Ich sehe durchaus das Potential für eine Erneuerung.

Seine Hoffnungen auf die DGB Gewerkschaften kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin auch hier für einen undogmatischen Umgang und halte es für wichtig, mit den Mitgliedern dieser Gewerkschaften nicht nur Kontakt zu halten, sondern auch zusammenzuarbeiten. Das gilt auch für einzelne Funktionäre, die in Ordnung sind. Man kann hier und da einiges ausrichten innerhalb der DGB Strukuren, doch dieser verkrustete Apparat ist nicht ernsthaft reformierbar, egal wie viele Leute sie aus der Antifa- und linksradikalen Szene als Jugendsekretäre und Organizer rekrutieren mögen. Das ist nur junge, moderne Tünche, weiter nichts.

Ferragus:
Hallo Kuddel,
was Bewernitz angeht: die Workers-center-Strategie hatte ich schon wieder vergessen und ich glaube, er ist noch in der FAU Mannheim, schreibt auch weiterhin für den Express.
Zur Reform der FAU: in Berlin steht sie im Fokus (auch Bezahlung wurde diskutiert, dafür ist Berlin quantitativ aber noch zu klein) und in zwei bis vier größeren Städten im Osten der Republik wird sie sich bald aufdrängen. Es gibt große regionale Unterschiede in der FAU und in einigen Städten kann man noch nicht zur gewerkschaftlichen Arbeit übergehen, muss man erst einmal den Polit-Gruppe-Charakter hinter sich lassen. Diese Reformen stoßen aber auf Schwierigkeiten (welchen Prinzipien soll man folgen?, ich plädiere da für Zweckgebundenheit d.h. Orientierung an den Bedingungen der Kämpfe, größtmögliche Übersichtlichkeit und Durchsichtigkeit, geringe Anstrengung für die Aktiven - es gibt aber eine andere Fraktion, die pedantisch alles mit Satzungen und Richtlinien abdecken will, Stichwort Kontrolle-Fetisch), weil eben nur ein kleiner Kern aktiv die Gestaltung der Strukturen beeinflusst, die Mitglieder einzeln in kleinen betrieben ohne Betriebsgruppen sind(wie die Atomisierung überwinden?), die allein-erziehende Mutter ist sicherlich kaum dabei. Viele Mitglieder bringen auch ihre Vorstellungen von einer Dienstleistungsgewerkschaft mit, bei der man nichts machen muss - ein weiteres Hindernis.
Die demokratische Praxis der Basisgewerkschaften ist der Tat um einiges besser als die starren Apparate, wenn man aber die alten syndikalistischen Vorbilder überflügeln möchte, muss noch einiges mehr dazu kommen als von der Bais gesteuerte Gewerkschaftstätigkeiten, nämlich der Angriff auf die Klassengesellschaft bzw wenigstens ihre Vorbereitung (das war ja ein wichtiger Impuls in Frankreich, keine Arbeitsteilung zwischen Partei und Gewerkschaft). Ein weiteres und damit zusammenhängendes Problem: Viele sehen die  FAU als ein Projekt von Anarchisten, obwohl der Syndikalismus in Deutschland zuerst mit der SPD verknüpft war. Die anarchistischen und syndikalistischen Theorien, die definitiv innerhalb der FAU im Umlauf sind, sind nicht sehr produktiv, haben enge Grenzen und drohen ein Hemmschuh zu werden.
Grüße Ferragus

Kuddel:

--- Zitat von: Ferragus am 13:31:40 Mi. 22.April 2020 ---Die anarchistischen und syndikalistischen Theorien, die definitiv innerhalb der FAU im Umlauf sind, sind nicht sehr produktiv, haben enge Grenzen und drohen ein Hemmschuh zu werden.
--- Ende Zitat ---

Die polnische Basisgewerkschaft IP (Inicjatywa Pracownicza) begann auf Basis dieser Theorien, doch in ihrer gewerkschaftlichen Praxis verließen die diesen dogmatischen Weg und bezeichnen heute ihre Arbeit als "von Anarchosysndikalistischen Ideen inspiriert".

Ich bin beeindruckt von dem Engagement der FAU im Arbeitskampf am Bornheimer Spargelhof Ritter. Es ist also bei der FAU noch nicht Hopfen und Malz verloren.

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln