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Basisgewerkschaften

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Kuddel:
IWW, die Wobblies, waren Anfang des 20. Jahrhunderts eine mächtige Basisgewerkschaft in den USA









Joe Hill war ein bekannter Sänger der Wobblies. Er wurde 1915 hingerichtet. U.a. Joan Baez hat ihm ein Lied gewidmet. https://de.wikipedia.org/wiki/Joe_Hill

Der Deutschlandfunk hat nun ein sehr schönes Feature zu Joe Hill gemacht.


--- Zitat ---Die Auferstehung einer Legende
Die Asche von Joe Hill

1988 macht eine Studentin im Nationalarchiv in Washington eine kuriose Entdeckung: ein Päckchen mit menschlicher Asche. Die Asche ist von Joe Hill, einem legendären Folk-Musiker und Mitglied der Industrial Workers of the World (IWW), der radikalsten Gewerkschaft in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts.
--- Ende Zitat ---
https://www.hoerspielundfeature.de/die-auferstehung-einer-legende-die-asche-von-joe-hill-100.html

54 sehr unterhalsame Minuten.

Das Hörspielfeature kann hier nachgehört werden: https://www.hoerspielundfeature.de/die-auferstehung-einer-legende-die-asche-von-joe-hill-100.html

counselor:

--- Zitat ---IWW, die Wobblies, waren Anfang des 20. Jahrhunderts eine mächtige Basisgewerkschaft
--- Ende Zitat ---

Der Satz brachte mich zum Nachdenken darüber, ob Gewerkschaften in einem Betrieb überhaupt "mächtig" sein können. "Mächtig" in einem Betrieb ist doch eigentlich nur der Investor, der darüber bestimmt, was wo wann produziert und zu welchem Preis verkauft wird. Die Beschäftigten bestimmen darüber nicht, sind also nicht "mächtig". Ebensowenig ihre Koalition, die Gewerkschaft. Deren Kämpfe drehen sich um Arbeitsbedingungen, nicht darum, was wo wann produziert und zu welchem Preis verkauft wird. Daher bezweifle ich, dass Gewerkschaften "mächtig" sind.

Kuddel:
counselor, du sagst es.
Du machst dir die entscheidenden Gedanken in der Sache. Solche Überlegungen habe ich noch nie aus dem Gewerkschaftsapparat vernommen. Im Gegenteil. Als es mit Corona losging, war die erste Forderung von Verdi, "Miete zahlen!" Die haben sich nicht als erstes Gedanken gemacht um die Sorgen und Nöte der Arbeiter, sondern um die der Hausbesitzer und Spekulanten.

Die Rolle der Gewerkschaften in Deutschland ist schlimm.
--- Zitat ---Deren Kämpfe drehen sich um Arbeitsbedingungen
--- Ende Zitat ---
Selbst das ist nicht mehr automatisch so. Es gibt da jedenfalls kein automatisches Vorwärtskommen mehr. Gerade hat Verdi einen Abschluß unterzeichnet, der unter den Preissteigerungen liegt, also einen Reallohnverlust bedeutet. Das passierte nicht aus einer Positition der Schwäche heraus, denn die Basis war streikbereit und kampfeslustig wie seit Jahren nicht. Die Chinesische Regierung blickt voller Neid nach Deutschland und hat hohe Funktionäre hierher geschickt, um zu untersuchen, wie mit es so einem großen Gewerkschaftsapparat (die IGM gilt als die größte Einzelgewerkschaft der Welt, die DGB Gewerkschaften stellen oftmals den Vorsitz der Weltdachverbände) möglich ist, eine derart befriedete Arbeiterschaft zu haben. In der Chinesischen Regierung wird diskutiert, ob man sich von dem deutschen Gewerkschaftssystem eine Scheibe abschneiden kann.

Es gibt noch ein paar winzige Initiativen und Einzelmitglieder, die sich dieser DGB Politik nicht unterwerfen wollen und sich Gedanken über den betrieblichen Tellerrand hinaus machen. Die Leute, die ich mit einer solchen Haltung kenne, sind alle aus der Autoindustrie. Sie stellen durchaus die Fragen, wo, wann, was, wie produziert wird. Es sind Automobilarbeiter, die sich auch fragen, ob es überhaupt Sinn macht, Autos zu produzieren.

Ich glaube nicht, daß diese Initiativen, selbst wenn sie groß wären und viel Rückhalt hätten, in der Lage wären, den Gewerkschaftsapparat zu verändern. Der ist absolut nicht reformierbar.

Es gab tolle Entwicklungen in der Krankenhausbewegung und auch bei den "Riders", den Fahrradkurieren. Es gab da wechselseitige Solidarität und Zusammenarbeit mit Sozialen Bewegungen. Riders und Mieteraktivisten haben sich an den Protesten der Krankenhausbeschäftigten beteiligt und Gorillas Radkuriere waren bei den Aktionen der Mieter- und Krankenhausbewegung dabei.

Das sind durchaus gewaltige Schritte nach vorn, auf die man in den letzten Jahrzehnten vergeblich gewartet hat. Ich beobachte mit Sympathie die Entwicklungen in den Basisgewerkschaften, was aber auch mit viel Frust verbunden ist. Es ist nicht das einzige Problem, daß diese Gewerkschaften noch sehr klein sind. Ich versuche mich damit zu trösten, daß deren Planlosigkeit und Schwäche Kinderkrankeiten sein könnten. Immerhin gibt es auch positive Entwicklungen.

Die Verhältnisse in den Betrieben und in der Gesellschaft sind nicht voneinander zu trennen. So lange die Kämpfe in Betrieben nicht Bezug auf die gesellschaftlichen Verhältnisse nehmen und die Sozialen Bewegung sicht nicht für die Zustände im Betrieb interessieren, wird es keine gesellschaftlichen Veränderungen in unserem Sinne geben.

Kuddel:
Nachtrag:

Daß allein der Investor "mächtig" ist und nie die Arbeiter und ihre Organisationen, teile ich nicht.
Als die Arbeiter bei Opel Bochum in einen Wilden Streik traten, das Werk besetzten und verbarrikadierten, stoppten die Bänder selbst in Groß Britannien und hohe Deutsche Politiker sahen sich gezwungen, in die USA zu fliegen, um die Investoren zu beschwichtigen.

Eine überschaubare Anzahl an Arbeitern hat es geschafft, die Bundesregierung zwar nicht in die Knie zu zwingen, aber in Bedrängnis zu bringen.

Den Autonomen und Linksradikalen, die sich hauptsächlich für Auseinandersetzungen mit Bullen interessieren,  sei hiermit gesagt, daß bei der Opelbesetzung von der Polizeiführung diskutiert worden ist, das Werk zu stürmen. Man ist zu der Einschätzung gekommen, daß es nicht klug wäre, denn die Sympathie der Bevölkerung war so stark auf Seiten der Streikenden, daß ein Polizeiangriff zu Unruhen führen könnte, die man nicht mehr in den Griff kriegen könnte.

Wenn Arbeiter einscheidenden Punkten der Produktion oder der Lieferketten nur zusammenhalten, haben sie gewaltige Macht. Es waren nur rund 1000 Trucker die mit einem Wilden Streik im kanadischen Vancouver den wichtigsten Exporthafen des Landes lahmlegten. Mit einem vierwöchigen Streik ist es ihnen gelungen, die kandadische Regierung in die Knie zu zwingen. Sie haben nicht nur eine dreißigprozentige Lohnfoderung durchzusetzen, sondern auch einen Amnestie für die kriminalisierten Streikenden und eine Rücknahme der Antistreikgesetze durchzusetzen. Sie erhielten auch ein Mitspracherecht, wer das Hafentor passieren darf, um einen Dumpingwettbewerb durch zu viele Transportanbieter zu verhindern.

Der Logistiksektor ist spannend. Es haben sich dort Kämpfe oftmals jenseits der traditonellen Gewerkschaften entwickelt. Man organisierte sich über Soziale Medien. Die daraus entstandenen Organisationen der Trucker im kanadischen Vanouver und in Rußland organisierten sowohl angestellte Fahrer, alsauch selbstfahrende Unternehmer und Kleinspediteure. (So etwas wäre in den traditionellen Gewekschaften nicht möglich.) Die betrachten sich eher als Arbeiter, denn als Scheinselbständige oder Kleinunternehmer haben sie ähnliche Bedingungen, über die sie keinerlei "unternehmerische Freiheit" haben, sondern ihnen von den Auftraggebern diktiert werden. Die Scheinselbständigkeit ist auch bei den Radkurieren ein großes Thema.

counselor:
Zum Opel-Streik von 2004 gibt es einen netten Bildband

--- Zitat ---Was bleibt ... 10 erkämpfte Jahre Opel-Bochum 2004 bis 2014

"Dieses Buch dokumentiert die hart erkämpften letzten zehn Jahre des Bochumer Opel Werk 1 von 2004 bis 2014. Dabei ist es kein Buch über Autos, kein Buch über Manager und kein Buch über Betriebsratsfunktionäre. Es ist ein Buch über Arbeiter.

Ein Buch über eine unbeugsame Belegschaft, die 10 Jahre die Schließung ihres Werks verhindert hat und damit über Ländergrenzen hinweg ein Symbol und Vorbild wurde. Eine Belegschaft, die für ihren Kampf die Sympathie und Solidarität der ganzen Arbeiterbewegung erhalten, aber auch den ganzen Hass der Herrschenden und ihrer Intimfreunde auf sich gezogen hat.

Um sich dieses Beispiels zu entledigen, mussten General Motors und die Regierung dieses Werk um jeden Preis und aus rein politischen Gründen schließen – und haben es Ende 2014 getan. Brechen oder gar für die Werksschließung gewinnen, konnten sie die Belegschaft nie. Wir sind erhobenen Hauptes aus dem Werk gegangen und tragen unsere Lehren wie eine Fackel in alle Welt. Dazu soll auch dieses Buch beitragen.

Die Belegschaft von Opel Bochum hatte von Beginn an eine kämpferische Tradition. Über 50 Streiks und Kämpfe gingen von dieser Belegschaft aus. Der Höhepunkt war der siebentägige selbständige Streik im Oktober 2004, der mit Werksbesetzung und Blockade verbunden war. Mit diesem Streik und dem internationalen Aktionstag leitete die Belegschaft einen Übergang zur Arbeiteroffensive auf breiter Front ein. Allein durch diesen Streik blieb das Werk weitere zehn Jahre erhalten. ...

Dieses Buch dokumentiert den Kampf, die harte Arbeit, den Zusammenhalt und die Auseinandersetzungen der Opel Belegschaft. Dieses Buch ist dementsprechend nicht neutral, es ergreift Partei für die Arbeiterinteressen und gewerkschaftlichen Grundsätze.

Es beschreibt eine Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit, die den Arbeiter nicht auf seine Rolle als Produzent von Waren und maximalem Profit reduziert, sondern ihn als Mensch sieht. Als Mensch mit all seinen Fähigkeiten, Erfahrungen, seinem ganzen Leben, der Familie und der Umwelt, in der er lebt. Eine Arbeit, die damit auch wagt, über den Kapitalismus hinaus zu denken. ... Das Buch soll die Stärken, aber auch die Schwächen im Kampf der Belegschaft dokumentieren, so dass die ganze Arbeiterbewegung davon lernen kann.

Wir haben dieses Buch nicht geschrieben. Wir geben nur das heraus, was zig Kolleginnen und Kollegen über die Jahre erarbeitet und gesammelt haben. Das Buch dokumentiert Flugblätter, Reden, viele Bilder und bisher unveröffentlichte Originaldokumente. Es lädt zum Blättern und Nachdenken, Erinnern und in die Zukunft Schauen ein. Viel Spaß dabei."

 

Inhaltsverzeichnis
1. Kapitel: 2004 Der siebentägige Streik im Oktober
2. Kapitel: 2005-2007 Die Belegschaft organsiert sich
3. Kapitel: 2007 bis 2011 Die Arbeit wird auf viele neuer Felder erweitert
4. Kapitel: 2013 bis 2014 Der Kampf gegen die Werkschließung
5. Kapitel: Was bleibt … Auswertung und Schlußfolgerungen
--- Ende Zitat ---
https://www.people-to-people.de/detail/index/sArticle/1130/sCategory/86

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