Autor Thema: Bezahlte politische Arbeit? NGOs, linke Politik und Einflußnahme durch Kohle  (Gelesen 340 mal)

Kuddel

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Es dürfte ein wichtiges Thema sein.
Das Thema "Kohle", wer hat wieviel, ist nicht nur ein gesellschaftliches Thema, es betrifft die politische Arbeit selbst.
Die neoliberalen Verhältnisse durchdringen alle Lebensbereiche. "Freizeit" ist zu einem kostbaren Gut geworden und keine Selbstverständlichkeit. Viele haben schlichtweg keine Zeit mehr, sich politisch zu engagieren, Zeit und Kraft werden vom Überlebenskampf aufgefressen.

Ich hasse auch den Begriff "Zivilgesellschaft". Mit dem Begriif akzeptiert man den Zustand, in dem ein militärisch-industrieller Komplex  über allem steht, wohl auch über dem bürgerlichen Parlamentarismus, aber dann gibt es diese ominöse Zivilgesellschaft als Korrektiv.
Zitat
Zivilgesellschaft ist ein Bereich, in dem freiwillige Vereinigungen (Vereine), Stiftungen, Initiativen, Nichtregierungsorganisationen bzw. Non-gouvernemental Organizations (NGOs), Nonprofit-Organisationen (NPOs) tätig sind.
https://de.wikipedia.org/wiki/Zivilgesellschaft

counselor hat die NGOs als problematisch erwähnt, als Institutionen, die Einfluß auf politische Bewegungen nehmen.
Zitat
Eine Nichtregierungsorganisation (NRO bzw. aus dem Englischen Non-governmental organization, NGO) oder auch nichtstaatliche Organisation ist ein zivilgesellschaftlich zustande gekommener Interessenverband, der nicht durch ein öffentliches Mandat legitimiert ist. Die Weltbank definiert NROs als private Organisationen, die durch ihre Aktivitäten versuchen, Leid zu mindern, die Interessen der Armen in der Öffentlichkeit zu vertreten, die Umwelt zu schützen, grundlegende soziale Dienste zu leisten oder Aktionen für Entwicklungsvorhaben zu initiieren.

Auch private Großstiftungen können als Nichtregierungsorganisationen auftreten. So erlaubt etwa die hybride Natur der Bill & Melinda Gates Foundation eine flexible Auslegung ihrer Organisationsstruktur.
https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtregierungsorganisation

admin

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Bei unserem letzten Stammtisch war das Thema.

Die Einschätzung war niederschmetternd. Egal welches Beispiel wir uns angesehen haben, immer kam es zu dem gleichen Resultuat: Staatsknete zerstört gute politische Projekte.

Es war bei der radikalen Gesundheitsbewegung so, die Gesundheitsläden als Treff- und Veranstaltungsorte betrieb. Es ging in dieser Bewegung nicht nur darum, die Macht der Pharmaindustrie anzugreifen, sondern auch den Begriff der Gesundheit, der in diesem System nur die Wiederherstellung der Arbeitskraft und das Funktionieren in diesen System bedeutet, neu zu definieren. Als man jedoch an Förderungen herankam und man damit bezahlte Stellen bekommen konnte, war es aus mit den radikalen Fragen um die Gesundheit. Wichtiger wurde es, die bezahlten Stellen zu erhalten.

Es war bei der Frauenbewegung ebenso. Die einst radikale Bewegung verlor mit der Staatsknete und den bezahlten Stellen nicht nur ihren Biß, sondern auch jegliche politische Relevanz. Ich will ja nicht die sozialarbeiterische Rolle von Frauen-und Mädchenhäusern als Unsinn abtun, aber neben dieser sozialarbeiterischen Bedeutung ist die gesellschaftliche Relevanz völlig verschwunden. Es wurde wieder ein Kampfeld zum Erhalt der eigenen Jobs von Frauen mit eher akademischem Hintergrund in Zeiten knapper werdender öffentlicher Gelder. Fragen wie die der schlechteren Bezahlung von Frauen gegenüber Männern kam nicht aus dieser halbakademischen Szene, in der man herzlich wenig Ahnung davon hat, wie es Frauen an der Supermarktkasse, in der Reinigungsfirma oder in der Pflege geht. Solch simple Fragen sind von außen und nicht von dieser bezahlten Frauenbewegung gekommen.

Für die Kieler Erwerbslosenini war die selbstorganisierte Schaffung von Beraterjobs mit Staatsknete nicht nur ein Schuß ins eigene Knie, sondern ein Kopfschuß. Es war das Ende einer erfolgreichen und einst radikalen ELO Ini.

Aus anderen Städten gibt es diverse Geschichten von der Befriedung von Staddteil- und Mieterarbeit mit Staatsknete. Sie tragen jetzt mit ein wenig Kultur- und Sozialblabla zur Ruhe im Viertel bei. Das ist für den Staat billiger als Bulleneinsätze und die linken Hansel übernehmen diesen Job für ein paar Euro gern.

Wir hatten noch mehr Beispiele und es hatte stets einen deprimierenden Ausgang.

Wir sind heutzutage in einer Situation, in der viele Leute, die längere Zeit von Hartz IV gelebt haben, psychisch so stark angeschlagen sind, daß sie zu keiner politischen Arbeit mehr in der Lagen sind. Und diejenigen, die sich mit irgendwelchen (meist prekären und oft freiberuflichen) Jobs über Wasser halten, sind oftmals nur noch erschöpft und haben wenig Zeit, bzw. können über ihre Zeit nicht verfügen und nicht vorausplanen.

Ich bin nicht der Meinung, daß man für politische Arbeit unbedingt ein Honorar kriegen sollte (Diese ganzen komischen Jobs, die z.B. von der Rosa Luxemburg Stiftung bezahlt werden, sind nochmal ein Thema für sich.), aber ein Stadtteil-Laden kostet z.B. Miete, die Fahrtkosten für überregionale Treffen müssen irgendwo herkommen und auch chefduzen hat laufende Kosten, die irgendwo herkommen müssen. Das ist für Menschen, die sich am ökonomisch unteren Rand bewegen, ein echtes Problem. Wenn sie ihre Zeit und Kraft investieren, kann man von ihnen nicht auch noch ihre Kohle erwarten.

Wie gehen wir mit dieser Situation um? Wo kriegen wir die Kohle her, ohne unsere Seele an den Staat zu verkaufen?
Diese Frage ist keine rein akademische. Es ist eine Frage, bei der es auch um die Zukunft dieses Forums geht.

counselor

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Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Fritz Linow

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Unsere Montagsdemo finanzieren wir, indem wir bei unseren Zuhörern Spenden einsammeln. Auf diese Art und Weise sind wir seit 16 Jahren finanziell selbständig.

Spenden einsammeln ist immer gut. Wenn es aber darum geht, zum Beispiel einen unabhängigen Laden zu unterhalten, dann wird es schwierig, weil die Spenden nicht wirklich absehbar sind. An relativ unabhängigen Strukturen fallen mir jetzt nur die Rote Hilfe oder meinetwegen auch die FAU ein. Vielleicht muss man wieder mit Sparvereinen und dem guten alten Sparschrank anfangen.

(Die RLS lässt sich ja durchaus des Öfteren nicht lumpen, aber dabei kommen dann Veranstaltungen raus, wo immer dieselben Dullis rumlaufen. Dann klopft man sich auf die Schulter und macht seinen lustlosen Kram im Partei-, Gewerkschafts- und Szenesumpf weiter.)

Kuddel

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  • Fischkopp
Black Lives Matter ist so ein Fall, den man sich mal ansehen sollte.
Nach dem Mord an Trayvon Martin 2013 brachen in den USA spontane Proteste gegen Rassismus aus. Es entstand die Black Lives Matter Bewegung. Es formierte sich aber auch Black Lives Matter in institutionaliserter Form.

Aus der Selbstdarstellung:
Zitat
#BlackLivesMatter wurde 2013 als Reaktion auf den Freispruch des Mörders von Trayvon Martin gegründet. Die Black Lives Matter Foundation, Inc. ist eine globale Organisation in den USA, Großbritannien und Kanada, deren Aufgabe es ist, die Vorherrschaft der Weißen zu beseitigen und lokale Macht aufzubauen, um gegen die Gewalt einzuschreiten, die Schwarzen Gemeinden vom Staat und von Selbstjustizlern zugefügt wird.
https://blacklivesmatter.com/about/

Die Black Lives Matter Stiftung Incorporated. Soso.
Je professioneller sie wurde, desto zahnloser wurde es. Es ging am Ende nur noch um Wahlkampfhilfe für die demokratische Partei. Dieser Organisation liefen die Anhänger davon. Sie sprach nicht mehr für die kämpfenden Schwarzen und die Bewegung der Antirassisten. Selbst die Website verwaiste. Es kamen keine aktuellen Berichte. Durch den Mord an George Floyd erwachte Black Lives Matter wieder als Basisbewegung der Kämpfe auf der Straße.

Die BLM Stiftung Inc. brauchte etwas länger. Doch nun heißt es, sie würde 6,5 Millionen Dollar zur zur Unterstützung der Organizing-Arbeit zur Verfügung stellen. Huch, plötzlich kann man sechseinhalb Millionen lockermachen?

Mir kommt das wirklich verdächtig vor. Ich rieche Einflußnahme. Hier will man eine Bewegung in geregelte Bahnen bekommen. Es kommt mir vor, wie der von den deutschen Medien inszenierte Hype um Luisa Neubauer, die plötzlich mit fff gleichgesetzt wird, obwohl die nur eine grüne Nachwuchspolitkerin ist.

Oder die Gründung der Grünen. Damals ging es auch darum, eine immer breiter und wirkungsvoller werdende Umweltbewegung in geordnete Bahnen zu lenken. Dieser wiederliche Drecksladen namens "GRÜNE PARTEI" steckt heute im Arsch der Autoindustrie. Du Umweltbewegung mußte erst von einer neuen Generation neu gegründet werden.

Auch in Hongkong versucht man mit viel Geld und anderen Einflußnahmen den rechten Flügel der Protestbewegung zu stärken. Vielen ist nicht klar, wie wichtig lebendige Bewegungen sind und wie gefährlich Kohle und Einflaußnahme von außen.