Autor Thema: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe  (Gelesen 722 mal)

Kuddel

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Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« am: 20:23:50 Fr. 14.Februar 2020 »
Ich werd mich erst morgen mal ranmachen an die überstrapazierten Begriffe, die so gern benutzt werden, ohne mal nach dem wahren Inhalt zu fragen...

BGS

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #1 am: 00:07:57 Sa. 15.Februar 2020 »
Vermutlich sehen sich Etliche schon als "Mitte", wenn man Ihnen 2.000,- auszahlt im Monat, sie ein Fertighaus abbezahlen oder Kredit beim Autokauf bekommen... .

Stagnation, Denkfaulheit und Selbstgerechtigkeit + Mitlaufen = "Mitte"

Bürgerlich = nach unten treten, nach oben buckeln (s.a. Heinrich  Mann 1914: "Der Untertan")


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Sunlight

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #2 am: 00:34:10 Sa. 15.Februar 2020 »
Denke nicht, dass das gemeint ist, sondern eher um den Begriff an sich
und die Definition.

Zitat
Als politische Mitte bezeichnet man einen Standpunkt im politischen Spektrum, der zwischen „links“ und „rechts“ liegen soll. Wo genau sich diese „Mitte“ befindet und durch welche Positionen sie charakterisiert wird, ist jedoch umstritten; entsprechend diffus ist auch die Verwendung des Ausdrucks.

Im politischen Gesamtspektrum verstehen sich die demokratischen Parteien als Teil der Mitte zwischen extrem linken und extrem rechten Ideologien. Innerhalb des demokratischen Spektrums wiederum ist es naheliegend, einen zwischen den großen Hauptströmungen (in Deutschland Konservatismus und Sozialdemokratie, vertreten durch die Volksparteien CDU/CSU bzw. SPD) angesiedelten Standpunkt als politische Mitte zu betrachten.

Politische Mitte



Zitat
Bürgerliche Parteien sind im politischen Sprachgebrauch der deutschsprachigen und skandinavischen Länder die Parteien, die eine im Bürgertum fußende Ausrichtung der Politik vertreten. Dazu gehören namentlich konservative, christdemokratische und liberale Parteien. Diese werden oft in Abgrenzung zur politischen Linken als «bürgerliches Lager» zusammengefasst.

Merkmale

Wesentliche Merkmale bürgerlicher Parteien sind der Vorrang des einzelnen Staatsbürgers gegenüber dem Staat, die Betonung der Subsidiarität, der Schutz von Eigentum und eine zurückhaltende Steuer- und Defizitpolitik.

In der Bildungspolitik wird meist ein differenziertes Schulsystem vertreten, in weiteren Merkmalen ist das Parteienspektrum jedoch uneinheitlich. Einige Richtungen lehnen einen starken Sozialstaat bzw. eine höhere Besteuerung reicher Staatsbürger ab (Umverteilung von „oben“ nach „unten“), andere plädieren für eine Begrenzung der Zuwanderung. Auch in der Wirtschaftspolitik können die Sichtweisen verschieden sein (Groß- versus Kleinunternehmen, Grad der Mitbestimmung usw.). Eine Gemeinsamkeit ist jedoch, dass sich bürgerliche Parteien in der Regel zur Marktwirtschaft bekennen.

Bürgerliche Partei




Sich um Begriffe Gedanken zu machen ist manchmal hilfreich,
wenn real Begriffe durch Ereignisse überstrapaziert werden und
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Kuddel

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #3 am: 08:45:21 Sa. 15.Februar 2020 »
Ich wollte schon alle Aspekte betrachten, die Bedeutung der Begriffe, aber auch wie sei benutzt und verstanden werden.
Das wirkt sich darauf aus, wie wir die Welt sehen und uns in ihr verhalten.
BGS hat den Aspekt bereits treffend beschrieben.

Troll

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #4 am: 13:36:20 Sa. 15.Februar 2020 »
Ein Merkmal der schwindenden Mitte ist die wahnsinnige Selbstgerechtigkeit!
Wenn Parteien um diese "Mitte" buhlen ist das für mich ausreichend negativ für die Partei, diese umschwärmte Mitte gibt es genau so wenig wie diesen Wertemist, es ist eine theoretisch konstruierte Klasse von den Parteien, Politik daran auszurichten ist beliebig, es begünstigt ein theoretisches Konstrukt der Parteien.
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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #5 am: 15:15:02 Sa. 15.Februar 2020 »
Und wer sieht denn überhaupt, dass die "Mitte" am Lebensende vielleicht auch schwer enttäuscht und resigniert, wenn nicht gar depressiv ist.

Wenn sie sich angesichts ihres nahenden Ablebens dann doch noch der Tatsache stellen müssen, dass die ihnen "Ideale", "Grundsätze" oder "Haltungen" nichts waren, ausser ein schlechter Witz. Von Leuten aufgepfropft, die wissen, wie man manipuliert.

MfG

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #6 am: 20:23:31 Sa. 15.Februar 2020 »
Wir hatten beispielsweise HSF und Aloysius im Forum. Eigentlich nette Kerle, die, wie viele von uns, vom Leben ziemlich gebeutelt waren und schon bessere Tage gesehen haben. Sie waren ziemlich weit unten angekommen. Sie fanden es aber teilweise recht cool mit verrückten Revoluzzern abzuhängen und Bier zu trinken. Der eine erschien öfter zum Stammtisch, der andere war auch beim Bundes CD Treffen dabei. Es war jeweils lustig mit ihnen.

Aber manchmal, wenn ihnen der Boden unter den Füßen wegging, sie sich verloren in der Welt fühlten, fingen sie an sich als bürgerlich zu beschreiben, als "Mitte der Gesellschaft". Man trumpfte auf mit Dingen, die man mal gesellschaftlich vorzuweisen hatte. Irgendwann. Dann wurde auch gegen die Chefduzer rumgepöbelt, denen es ja nur so schlecht ginge, weil sie nich nicht anpassen könnten. Man sollte nur aufhören rumzurevoluzzen, dann würde einem es wieder besser gehen, weil die Gesellschaft das einem dankt, indem sie einen in ihre Mitte wieder aufnimmt. Gerade HSF legte Wert auf das Wort "bürgerlich" und beide quatschten diesen Scheiß, von dem sie meinten, daß die Mitte der Gesellschaft ihn quatscht.

Es war zum Haareraufen. Zum Weglaufen. Einfach nur tragisch.

Sie warten wahrscheinlich immer noch drauf, daß die Mitte der Gesellschaft sie wieder in ihre Arme schließt.

BGS

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #7 am: 23:32:10 Sa. 15.Februar 2020 »
OT:
[Falls HSF bzw. Aloysius hier noch mitlesen: herzliche Grüsse und die besten Wünsche vom Rand der Welt]

Vielleicht sehen sie die Dinge inzwischen anders?

MfG

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #8 am: 10:42:16 So. 16.Februar 2020 »
Ich habe mir nochmal die Begriffserklärungen von Wikipedia angesehen.
Konnte mit dem Wischiwaschi wenig anfangen.

Z.B.:
Zitat
...eine höhere Besteuerung reicher Staatsbürger... (Umverteilung von „oben“ nach „unten“)
https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerliche_Partei

Das ist doch Quatsch. Auch unter einer höheren Besteuerung geht die Umverteilung von "unten" nach "oben" weiter, nur abgeschwächt.

Hab das noch gefunden:
Zitat
Bürgertum

Im Rahmen der Politischen Ökonomie des Marxismus ist für die Klasse, die in der Gesellschaftsformation des Kapitalismus Verfügungsgewalt über die gesellschaftlichen Produktionsmittel ausübt, die Bezeichnung Bourgeoisie (d. h. Besitzbürgertum) üblich.

Als Wort geht Bürgertum (Bürger) als der Begriff für eine Bevölkerungsgruppe aus von dem mittellateinischen burgus, einer von Stadtmauern geschützten (geborgenen) und mit besonderen Privilegien, u. a. Marktrecht versehenen städtischen Ansiedlung...
https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgertum

Ansonsten kommt mir noch was in den Sinn:
Zitat
Das Bürgertum prägte in der Zeit des Frühkapitalismus die „bürgerliche Weltanschauung“ aus, die eng mit den „bürgerlichen Tugenden“ Leistung, Fleiß und Sparsamkeit verbunden ist.
https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgertum

Der Volksmund versteht unter "bürgerlich" bisweilen auch "durch und durch spießig".

Heutzutage herrscht sowieso eher politische Verwirrung. Die Welt und ihre Veränderungen versetzen die Menschen in Angst und sie suchen einen Raum, in dem man sich sicher(er) fühlt.

Komischerweise glaubt man, die Sicherheit in Begriffen wie "bürgerlich" oder "Mitte" zu finden.
Für mich ist das der absolute Horror!

Ich halte es eher mit der Geschichte von Brecht:

Zitat
In der Erwartung großer Stürme

In einem alten Buch über die Fischer der Lofoten lese ich: Wenn die ganz großen Stürme erwartet werden, geschieht es immer
wieder, daß einige der Fischer ihre Schaluppen am Strand vertäuen und sich an Land begeben, andere aber eilig in See stechen. Die Schaluppen, wenn überhaupt seetüchtig, sind auf hoher See sicherer als am Strand. Auch bei ganz großen Stürmen sind sie auf hoher See durch die Kunst der Navigation zu retten, selbst bei kleineren Stürmen werden sie am
Strand von den Wogen zerschmettert. Für ihre Besitzer beginnt dann ein hartes Leben.

Auch passend ist der Titel eines satirischen Films von 1974:

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod

Kuddel

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #9 am: 17:33:52 Mi. 01.Juli 2020 »

Troll

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #10 am: 18:09:15 Do. 02.Juli 2020 »
Aus dem politischen Aschermittwoch 2020
https://youtu.be/DRXnIr_V62c?t=2755
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #11 am: 21:37:29 Sa. 04.Juli 2020 »


Besten Dank fürs Einstellen.

MfG

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Re: Bürgerlich, die Mitte. Gedanken über Begriffe
« Antwort #12 am: 09:29:52 Do. 22.Oktober 2020 »
"Bürgerlich, die Mitte", ein bedrohlicher Sumpf:

Zitat
(...) Im Wochentakt fliegen rechtsextreme Polizei-Chatgruppen auf, aber Seehofer stemmte sich gegen eine unabhängige Durchleuchtung der Sicherheitsbehörden. (...)
Polizisten sind nicht irgendeine Berufsgruppe, sie werden an Waffen ausgebildet und vertreten das staatliche Gewaltmonopol.  (...)
Dieses Spektrum reicht vom „besorgten Bürger“ über Intellektuelle, die die Rechtsdrift im gesellschaftspolitischen Diskurs befeuern, von konservativen Politikern bis zur AfD. Und vom rechtsextremen Netzwerk bis zur Terrorzelle. Es ist dieses Zusammenspiel von Rechtsextremismus, verrohtem Bürgertum und autoritärem Nationalradikalismus...
Wer glaubt, die Radikalisierung hätte erst mit Frauke Petry begonnen, liegt falsch. Schon Bernd Lucke schwadronierte vom „Untergang“ Deutschlands und von „unkontrollierter Zuwanderung“. Zur Bundestagswahl 2013 sprach er über „Entartungen von Parlamentarismus und Demokratie“. (...)

Dass CDU und CSU auch nach der Ministerpräsidentenwahl von Thüringen eisern an der „Hufeisentheorie“ festhalten, weil sie nicht vom Mantra der „bürgerlichen Mitte“, die immun gegen Rechtsextremismus sei, lassen wollen, spricht nicht für Einsicht in den Ernst der Lage. Denn so eine Mitte gab es hierzulande nie.
https://www.freitag.de/autoren/martina-mescher/angreifer-von-rechts