Autor Thema: Zur Migrationsfrage  (Gelesen 197 mal)

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Zur Migrationsfrage
« am: 11:24:27 Mo. 25.Mai 2020 »
Natürlich schafft Migration Probleme. Diese haben ihre Grundlage in nationalen Eigenarten und kulturellen Gegensätzen wie Sprache, familiärer Strukturen und religiöser Gebräuche. Deutsche und ausländische Kollegen stehen auch in Konkurrenz um Arbeitsplätze und Wohnungen. Diese Probleme halte ich für grundsätzlich lösbar. Zum Beispiel durch sozialen Wohnungsbau und radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Desweiteren sind die meisten Migranten Partner im Kampf um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Betrieben. Daher sehe ich nicht die genannten Probleme als das Wesentliche an der Migration, sondern die Assimilation, die Verschmelzung der Nationalitäten.

Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass es innerhalb der Migranten -wie auch bei den Deutschen- fortschrittliche und rückschrittliche Menschen gibt. Die rückschrittlichen Menschen müssen wir für fortschrittliche Ideen gewinnen.

Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen, dass die imperialistische Politik der EU, die aus Ausplünderung und Unterdrückung der Herkunftsländer der Migranten besteht, die Hauptursache für die Migration darstellt. Es ist halt auch die Politik der Bundesregierung, die die konkreten Ursachen der Flucht, wie wirtschaftliche Zerrüttung, Umweltzerstörung, politische Verfolgung und Kriegswirren schafft.

Wir sollten einerseits in den Herkunftsländern die Kämpfe für die Abschaffung des Elends und die nationale und soziale Befreiung unterstützen, andererseits bei uns die Annäherung der Arbeiter verschiedener nationaler Herkunft durch die Mitgliedschaft in gmeinsamen kulturellen, gewerkschaftlichen und sonstigen Vereinen fördern.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

Kuddel

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Re: Zur Migrationsfrage
« Antwort #1 am: 16:31:41 Mi. 08.Juli 2020 »
Ein superwichtiges Thema. Ich gehe davon aus, daß die kommenden Kämpfe aus der Migrantenszene zu erwarten sind. Die Kontakte zu Migranten und deren internen Strukturen sind bei deutschen Linken kaum vorhanden. Es ist auch ein schwieriges Feld.

Der FAU (von der man sonst wenig hört) ist es immerhin in zwei spektakulären Fällen gelungen, einen Schulterschluß und gemeinsame Kämpfe mit Arbeitsmigranten zu organisieren.

Beim "Mall of Shame" in Berlin, wird seit 2015 gemeinsam gekämpft:
https://de.labournet.tv/mall-shame-stand-der-dinge-2015
https://de.labournet.tv/video/6737/mall-shame-aufruf-zur-demo-am-6122014
https://de.labournet.tv/mall-shame

Und vor wenigen Wochen was es der Spargelhof in Bornheim bei Bonn.
https://www.radiobonn.de/artikel/wieder-streiks-auf-spargelhof-596281.html
https://jungle.world/artikel/2020/22/wild-streiken-statt-spargel-ernten



Ansonsten halte ich nicht viel von linken Vorstellungen von Rassismus und Antirassismus. Die sind verkopft und verkorkst. Linke Theorien sind so weit entfernt von der Realität von Rassismus und Antirassismus in der Gesellschaft und in den Unterschichten.

Ich war in den 80er Jahren oft im Wendland bei Widerstandsaktionen gegen die Atomindustrie. Man fand die Wendländler ja so toll in ihrer Widerständigkeit. Es waren die Wendländer nicht nur gespalten in ihrer Haltung zur Atomindustrie, viele waren auch ansonsten reaktionär. Es haben sich gegen Ende des Krieges Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien in den Dörfern niedergelassen und denen gab man auch noch in den 80ern zu verstehen, daß sie nicht dazugehörten zur Dorfgemeinschaft.

Letzt hab ich Interviews gehört mit Kriegsflüchtlingen, die damals aus Ostpreußen und Schlesien gekommen sind, heute aber keine syrischen Kriegsflüchtlinge akzeptieren wollen.

Ich diskutiere auch online mit deutschen LKW Fahrern, die ausgewandert sind und einen Job in den USA, Kanada oder Südostasien gefunden haben. Alle haben erzählt, wie knallhart es ist, die Einwanderunghörden zu nehmen. Und dann sagen sie, die Hürden können nicht hoch genug sein, man sollte nicht so viele Ausländer ins Land lassen.  :o Und gestern bin ich im Taxi vom Fahrer in gebrochenem Deutsch vollgelabert worden über kriminelle Ausländer, die sich nicht an deutsche Regeln halten könnten, "diese Arschlöcher!".

Natürlich sind Migranten nicht automatisch gut drauf oder unsere Freunde. Es gibt türkische Faschisten und wohl auch Faschisten aus jedem anderen Land der Welt. Zum Teil haben sie die Feindschaften aus den Bürgerkriegen ihrer Heimatländer mitgebracht, zum Teil die Vorurteile, die in der ländlichen Bevölkerung (überall auf der Welt) gepflegt werden. Aber das ist nicht das Ende der Welt und es muß nicht alles so bleiben. Menschen können sich ändern und wenn es erst mit ihren Kindern in der nächsten Generation passiert.

Menschen sind crazy, bekloppt, komisch, haben Bedürfnisse, Witz, sind manchmal berechenbar und manchmal undurchschaubar. Wenn man diese faschstoiden, rassistischen oder frauenverachtenden Alltäglichkeiten, Ideologien und Traditionen durchbrechen will, kann man nicht einfach "gegen Faschisten kämpfen", sondern man muß sich ins Getümmel schmeißen und sich mit den anderen Verrückten auseinandersetzen und auch ihren Alltag teilen. Die Leute sind nicht zu bekämpfen, sondern falsche und menschenverachtende Vorstellungen und Ideologien. Man muß sich da durchaus streiten. Man muß dazu aber ernstgenommen werden. Man sollte sich schon ein wenig kennen und es hilft, wenn man gemeinsam gefeiert oder sich irgendwo im Alltag gegenseitig geholfen hat. Aber niemand kann Klugscheißer ab.

Die linke Szene wird sol lange völlig wirkungslos bleiben, so lange sie eine "Szene" bleibt, die nur den Zusammenhalt mit ihresgleichen sucht und sich deshalb diverse subkulturelle Mode- und Sprachcodes zugelegt, um einander zu erkennen. So lange sie vor den schmuddeligen und politisch unkorrektem Proletariat (egal ob migrantisch oder deutsch) Schiß haben und nur unter Gleichgesinnten klarkommen, stellen sie keinerlei Gefahr für das System dar. Der Staat hat sich darauf eingerichtet, der linken Subkultur ein wenig Hauerei mit den Bullen am Wochenende zu bieten, wodurch sich die Szene wichtig und voll ausgelastet fühlt.

Warum sollten sich Migranten einer solchen Szene anschließen wollen? Es sind die Parties und Konzerte der Linksradikalen denkbar unattraktiv für Migranten. Diese Szene ist verkrampft, unerotisch und hat nen Stock im Arsch. Man quatscht von Antirassismus, ist aber nicht in der Lage antirassistisch zu leben. Man labert und labert, ein besonders bescheuertes aktuelles Steckenpferd linker Laberrunden ist "Critical Whiteness", worauf ich nicht näher eingehen möchte.

Anfang der 70er entstanden in UK die Skinheads als Gegenbewegung von Kids der Arbeiterklasse gegen die Hippies, deren endloses Gelaber und die ebenso endlosen Getarrensoli ihrer Musik einfach nur als totlangweilig empfunden wurden. Sie schnitten sich die Haare radikal kurz und hatten Spaß daran, gemeinsam mit den afrokaribischen Einwandererkids gegen Bullen zu kämpfen und zu Skamusik zu tanzen. Leider gelang es den Rechten, diese vielversprechende proletatrische Jugendbewegung für sich zu kapern. Die Linken konnten das Phänomen nicht verstehen und überließen den Faschos das Feld.

Im Ernst: Ich halte die migrantischen Szenen für entscheident für die Kämpfe der näheren Zukunft.
Ob Linke darin eine Rolle spielen, hat damit zu tun, ob sie von den Migranten ernstgenommen werden, ob sie als Freunde und Mitstreiter erlebt wurden. Ich denke schon, daß wir uns überlegen müssen, wie wir gemeinsam feiern und gemeinsam kämpfen können.

Ich war auf einer Geflüchtetenveranstaltung, auf der sich einige Migranten massiv über die herablassende Haltung von "Helfern" beschwert haben, von kopftätschelnden Muttis bis hin zu Leuten, die ihre Altkleider abgeladen haben und Dankbarkeit dafür erwarteten. Sie erwarten, daß man ihnen zuhört und erst einmal fragt, was die Bedürfnisse und Probleme sind.

Wir haben da wohl noch einen weiten Weg vor uns.

Kuddel

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Re: Zur Migrationsfrage
« Antwort #2 am: 12:30:14 Sa. 11.Juli 2020 »
Nachtrag. Für viele Probleme im Zusammenhang mit Rassismus gibt es keine Patentrezepte und Antifaparolen greifen nicht.

Von den vielen Menschen, die faschistoiden Müll und rassistische Scheiße labern, sind nur die wenigsten überzeute Faschisten. Man plappert diesen Mist nur nach, weil er eine Möglichkeit bietet, seinen Frust abzureagieren und anderen die Schuld zu geben. Ich habe schon viele erlebt, die das über die Jahre wieder abgelegt haben.

Diejenigen, die nach dem Einzug der "Gastarbeiter" aus der Türkei, Italien oder Spanien sich rassistisch gegeben haben, haben es allmählich aufgegeben, als sie mit ihnen in den gleichen Betrieben arbeiteten, in den gleichen Wohnblocks lebten und irgendwann Kleingartenparzellen nebeneinder hatten und zusammen grillten.

Ich kenne auch Leute, die durch rassistische Sprüche glänzten, das aber abgelegt haben, als ihre Kinder sich auf Weltreisen verliebt und dann in Australien, Neuseeland, Asien oder sonstwo eingeheiratet haben. Manchmal liefert das wirkliche Leben die überzeugendsten Argumente.