Autor Thema: Die Stadt der Zukunft  (Gelesen 246 mal)

Ferragus

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Die Stadt der Zukunft
« am: 22:15:49 So. 07.Juni 2020 »
Die Wohnungsnot hat dazu geführt, dass man sich wieder Gedanken macht über Enteignungen, nachbarschaftlichen Zusammenhalt und Einstellungen von Mietzahlungen - wie gewöhnlich hoffen nicht Wenige auf den Staat, der es richten soll, obwohl er Teil des Problems ist.

Aber etwas fehlt bei diesen drängenden Problemen:  die Empörung über und die überlegte Ablehnung der Gestalt und Struktur der heutigen Großstädte und ihrer Einzelteile. In meinen Augen ist da Einiges reif für die Abrissbirne und ich frage mich, ob ich den Tag noch erleben werde, an dem die Lohnabhängigen über Architekten, Bauingenieure, Bauleiter und Städteplaner Gericht halten werden.
Im Gegenteil gibt es, auch hier in Berlin, immer wieder Stimmen, die an einen Lokalpatriotismus erinnern und "ihre"  Viertel gegen das Kapital und seinen Anhang verteidigen wollen - sie sehen nicht, dass da nichts ist, dass verteidigt werden müsste bzw. könnte.

Um 1848 schrieb Engels ein Ziel  in die Grundsätze des Kommunismus: "Zerstörung aller ungesunden und schlecht gebauten Wohnungen und Stadtviertel. "
Der Gedanke ist wieder aufzunehmen und dem gegenwärtigen Stand von Stadt und Bautechnik anzumessen.

Ferragus

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Re: Die Stadt der Zukunft
« Antwort #1 am: 10:28:58 Mi. 17.Juni 2020 »
Es soll also nicht nur der Preis der Ware Wohnraum problematisiert werden, sondern auch ihre Qualität. Man kann mal darüber nachdenken, wie die Wohnung und die Stadt, in der man leben muss, aussehen würde, wenn man bei ihrem Bau, auch am Reißbrett, demokratisch beteiligt gewesen wäre. Es dürfte sich dann ein Lücke zeigen zwischen Bedürfnissen und Wirklichkeit. Die heutigen Städte wuchern planlos in alle Richtungen, wenn geplant wird dann in winzigen Dimensionen und unter destruktiven und die Fantasie hemmenden Beschränkungen - der Finanzierbarkeit und den Eigentumsverhältnissen.
Diese Städte sind aber Prägestöcke für ihre Bewohner. Was sehen und durchfahren wir da tagtäglich - und welche Spuren hinterlässt das? Freude macht der Anblick nicht.
Ein gewaltiges Problem: die gegenwärtige Stadt ist eine riesige. verstopfte Transportanlage - man sieht ja fast nichts als Automobile und Bahnanlagen - dazwischen ein bisschen Grün - welche die Kerne und Arbeitsplätze mit den Schlaf-Stadtteilen verbinden.

Frauenpower

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Re: Die Stadt der Zukunft
« Antwort #2 am: 20:23:06 Fr. 19.Juni 2020 »
Die Broschüre "smart City" von der RLS könnte dann gut hier noch hinein passen.

Und ich habe noch was entdeckt:
https://www.kritischeaktionaere.de/
Muss ich aber selbst Mal noch lesen

Kuddel

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Re: Die Stadt der Zukunft
« Antwort #3 am: 20:13:17 So. 19.Juli 2020 »
Um 1848 schrieb Engels ein Ziel  in die Grundsätze des Kommunismus: "Zerstörung aller ungesunden und schlecht gebauten Wohnungen und Stadtviertel. "
Der Gedanke ist wieder aufzunehmen und dem gegenwärtigen Stand von Stadt und Bautechnik anzumessen.

Diese Gedanken sind wahrlich inspirierend.
Das Nachdenken über größere Zusammenhänge ist gerade nicht sonderlich populär.
Und sicherlich kann man gern mit der Abrißbirne durch heruntergekommende Gebäude mit schimmelnden Wänden gehen. Aber die sind, glaube ich, gar nicht mehr so häufig, jedenfalls nicht häuftig genug, um einen ganzen Stadtteil zu plätten. Neben dem reinen Wohnwert, schätze ich auch das Gesicht von Gebäuden als Träger von Geschichte und Erinnerung an den Wandel der Zeiten. Heute läßt sich die Wohnqualität von Altbauten relativ unaufwändig verbessern, durch neue Toiletten und Bäder, gute Heizungssysteme und seit einigen Jahren sind sogar gut isolierte neue Fenster den historischen sehr ähnlich.

Da stellt sich natürlich die Frage, wer in den Gebäuden wohnen darf oder muß. Ich sehe, daß die Rebellen und Revoluzzer von gestern, die Trendsetter für die Besserverdienenden von heute sind. Es waren Hausbesetzer auf die Idee gekommen in leerstehende Fabriketagen zu ziehen und als Wohnraum zu nutzen auf den Dächern zu frühstücken und Parties zu feiern. Das ist der Lifstyle der Yuppies von heute. Das sieht man inzwischen selbst auf den Hochglanzbroschüren für Bausparvertrage.

Die Gegenden, die einst von der Politszene, von Freaks, Punks und anderen geprägt waren, gelten heute als total angesagt im Bürgertum. Altbau, sowas muß man sich schon leisten können.

Und keine Angst, ich weine den Szeneghettos nicht nach. Ich war angewidert, als in den 80er Jahren aus der linksradikalen Bewegung die Luft langsam raus war, man von "unserem Viertel" machmal auch "UV" geschwärmt hat. Wenn man die Welt schon nicht verändern kann, dann möchte man es sich nett machen und nur mit seinesgleichen umgeben. Die Vinyl- und T-Shirtläden, die Punk-Utensilien-Shops, Räuchertee- und Schnickschnackläden an jeder Ecke.

Nicht nur, daß ich es nicht sonderlich attraktiv finde, mich in eine geschlossene Szene zurückzuziehen, es funktioniert auch nicht. Die ehemaligen Szeneviertel wurden von einer zahlungskräftigen Klientel übernommen. Die ehemalen Bewohner, zu denen eben nicht nur subkulturelle Menschen gehören, sondern auch Alte und Migranten, wurden verdrängt, aus dem Stadtteil, aus der Stadt.

Wenn ich am Städtebau und an Wohnformen etwas hassenswert finde, dann sind es nicht Alt- oder Neubauten, sondern die Stadtränder und Speckgürtel mit ihren Reihenhäusern und Einfamilienbutzen. Die Zersiedelung, die Autos, Carports, die zu Stein gewordene Eigentums- und Spießerideologie. Die Häuser (sind sie nicht geerbt) gehören meist den Banken, der Druck der Abtragszahlungen ist gnadenlos, dann all die plötzlich und unerwarteten Zusatzkosten, wie Reparaturen der Forderungen der Kommune, halten die Menschen an der kurzen Leine. Paare, die einander nicht mehr ertragen, bleiben miteinander eingeknastet in ihrem tollen Wohneigentum. Flächen-, Natur- und Geldverschwendung, ein kulturelle Albtraum, ein stadtplanerischer Unsinn.

Da würd ich gern mit dem Bulldozer durch, um es zu renaturieren.

Troll

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Re: Die Stadt der Zukunft
« Antwort #4 am: 10:02:03 Do. 23.Juli 2020 »
Hier spielen sie derzeit auch mit Betonbauklötzen, Inhalt sollen Eigentumswohnungen werden, erhältlich zwischen etwa 300000 und 600000€, nur falls jemand der Gedanken kommt es würde dringend benötigter bezahlbarer Wohnraum geschaffen. Tja, Pech gehabt all ihr beklatschten Systemverlierer, Obdachlose sind flexibler Einsetzbar, ihr seid doch Experten in flexibel?
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Ferragus

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Re: Die Stadt der Zukunft
« Antwort #5 am: 17:44:08 Sa. 01.August 2020 »
"In den alten Vierteln sind die Straßen zu Autobahnen geworden, während die Freizeitbeschäftigungen durch den Tourismus kommerzialisiert und entstellt werden. Dort werden soziale Beziehungen unmöglich. In den neugebauten Vierteln beherrschen zwei Themen alles: der Autoverkehr und der Komfort zuhause. Sie sind die erbärmlichen Ausdrucksweisen des bürgerlichen Glücks und jedes Interesse am Spiel fehlt ihnen. Angesichts der Notwendigkeit, ganze Städte schnell zu bauen, ist man dabei, Friedhöfe aus Stahlbeton aufzustellen, in denen sich sie die Bevölkerungsmassen zu Tode langweilen müssen."

 entnommen aus: Eine andere Stadt für ein ein anderes Leben , ein Text der Situationischen Internationale.