Autor Thema: Wiedervereinigung  (Gelesen 34 mal)

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 16083
  • Fischkopp
Wiedervereinigung
« am: 13:42:00 Sa. 03.Oktober 2020 »
Wat'n Scheiß!
Es war seinerzeit ein Propagandagebrülle von wegen "Unrechtsstaat" und daß nun "zusammenkommt, was zusammengehört". Und auch heute, ich kann diesen Dreck nicht hören, der nun etwas kritischer und etwas vernünftiger daherkommt. Es ist alles weiterhin Propaganda und entfernt von der Anexion, die niemals eine "friedliche Revolution" war.

Es ist nicht einfach, brauchbare kritische Analysen zu finden.

Rainer Mausfeld ist nicht übel:
Zitat
Die Einheit - ein kapitalistisches Übernahmeprojekt

(...)
Für den Sieger war dies ein überwältigender Sieg, und da die Geschichte bekanntlich von den Siegern geschrieben wird, kann es keinen Zweifel geben, wer der Sieger des historischen Augenblicks ist. Es ist die kapitalistische Wirtschaftsordnung und mit ihr die Lebensformen und Annehmlichkeiten des Konsums, die sie ermöglicht.
(...)
Nach einem zunächst verheißungsvollen Aufbruch oppositioneller Gruppen in der DDR, die einen Demokratisierungsdruck aufzubauen suchten, der auch auf den Westen übergreifen sollte, wurde jedoch die friedliche Revolution, die keine war, regelrecht aufgekauft. Der Kapitalismus hat bekanntlich einen großen Magen. Wie die Geschichte ausging, ist bekannt. Die historische Chance auf eine gesamtdeutsche Verfassung, die, wie es in Paragraph 146 des Grundgesetzes heißt, "von dem deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen worden ist", also die Chance einer wirklichen Demokratisierung in beiden Teilen, wurde in rigoroser Siegermentalität blockiert.
(...)
https://www.heise.de/tp/features/Die-Einheit-ein-kapitalistisches-Uebernahmeprojekt-4914128.html

Ich kann auch nur Daniela Dahn empfehlen:
Zitat
Fakt ist, dass der sogenannte Mauerfall eine tektonische Erschütterung des ganzen Globusses war. Weil damit nichtnur die Teilung eines Landes aufgehoben wurde, sonderndie der Welt in zwei sich mehr oder weniger feindlich gegenüberstehende Systeme. Die Mauer trennte längst nicht nur Deutschland. Hier verlief sie nur oberirdisch, sichtbar, in ihrer ganzen Hässlichkeit und Hilflosigkeit. Unterirdisch durchquerte sie die Kontinente, die Köpfe und Herzen. Aber die deutsche war auch nicht die einzige, die zeitweilig oder bis heute quer durch ein Land gegraben war, eine Sprache und Kultur zerriss und mit Munition gleicher geschichtlicher Herkunft bestückte Kanonen gegenseitig in Stellung brachte.
(...)
Die Einheit war eine feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen. Für die Sieger war das  schönste  an der friedlichen Revolution, dass sie nichts revolutionierte. Das Neue bestand darin, den alten Spielregeln beizutreten. Kaufen und sich kaufen lassen. Dieser Mechanismus funktioniert zuverlässig und gibt keinen Anlass zur Klage. Wer Geld in die Hand bekommt, kann sich nach freier Wahl Wünsche erfüllen, je mehr Geld, je schöner die Erfüllung. Dieses Versprechen ist eingehalten worden. Es hat den meisten Ostdeutschen bis dahin unerreichbaren, wenn auch oft überschaubaren Wohlstand und Bewegungsraum ermöglicht. Man lässt sie allerdings spüren, dass es ein subventionierter  Wohlstand ist, kein selbsterarbeiteter. Wie auch, wenn  95 Prozent  des volkseigenen Wirtschaftsvermögensin westliche Hände übergingen. Damit war über den Grad der Abhängigkeit der Neubundesbürger entschieden. Denn nur Eigentum gewährleistet persönliche Sicherheit und geistige Unabhängigkeit – das aus dem antiken Rom stammende Fundament westlicher Funktionslogik erwies sich als  immer noch stabil. Auf diese Steine konnten sie nicht bauen. Die  Einheit hatte lange gefälligst als  Erfolgsgeschichte zu gelten. Nicht nur in den Großmedien, wohl auch bei der Mehrheit der Menschen in Ost und West und Nord und Süd. Doch die angeblich «nachholende Modernisierung» galt der Kopie eines Systems, das  damals längst veraltetwar. Und heute von allen Seiten erodiert. Diejenigen, die sich in der historischen Situation nach Öffnung der Mauer einen fortschrittlichen Schub für das ganze Land erhofften, hatten von Anfang an eine kritischere Sicht. Denn es war abzusehen,  wohin  das  Veruneinheitlichen  führen würde:

Ein Prozent hyperreiche Haushalte verfügen über ein Drittel des volkswirtschaftlichen Gesamtvermögens. Die Quit-tung für soziale Kälte und politisches Versagen ist die AfD. Heute lebt das  Prekariat landesweit, von der  Bildung der öffentlichen Meinung ist es ausgeschlossen. Auch deshalb konnte die Einheit lange als Erfolgsgeschichte verkauft werden. Inzwischen ist das Bild gekippt.
https://www.rowohlt.de/download/file2/row_upload/4686779/LP_978-3-499-00104-8.pdf

Sie hat nun gemeinsam mit Rainer Mausfeld ein Buch herausgebracht:
Zitat
Daniela Dahn untersucht, wie in atemberaubend kurzer Zeit die öffentliche Meinung mit großem Tamtam in eine Richtung gewendet wurde, die den Interessen des Westens entsprach. Mit ihrer stringenten Zusammenschau reichen Materials aus den Medien wird das offizielle Narrativ über die Wende erschüttert. Rainer Mausfelds Analyse zeigt die Realität hinter der Rhetorik in einer kapitalistischen Demokratie.
https://www.danieladahn.de/